Adventskalender, 18. Türchen
Dec. 18th, 2015 12:01 amFandom: Tumbling, Dystopie AU
Challenges:
1. Rentierpullover
2. Schlittschuh laufen
3. „Kann ich hierbleiben?“
Wörter: ~ 1.800
Personen: Wataru, Yûta, Ryôsuke, Mizusawa mit Yûtaru und Mizumori und irgendwie auch Yûta/Ryôsuke.
Anmerkung: Diesmal nur fluff und ein bisschen Angst. Es ist immerhin fast Weihnachten.
Womöglich ergibt es auch keinen Sinn; ich habe dies todesmüde und von Rückenschmerzen geplagt geschrieben. Ich hoffe, es gefällt trotzdem irgendwie.
Have fun!
Die Angst vor der Kälte kommt im Dezember.
Noch scheint die Sonne viel und erwärmt das alte, klapprige Haus, so dass man tagsüber gut und viel Licht durch die offenen Fenster hineinlassen kann.
Nachts aber strömt es eisig durch die Ritzen und morschen Dielen, durch die Sprünge, die das Erdbeben hinterlassen hat.
Früher hat Wataru sich keine Sorgen um den Winter gemacht. Er hat warmen Kakao aus dem Automaten getrunken und sich eine Jacke übergeworfen und die Füße unter den kuschligen Kotatsu gesteckt, die Klimaanlage angemacht, auf 30 Grad hochgedreht und sich anwehen lassen bis seine Mutter schimpfte.
Jetzt gibt es keinen Strom mehr.
Man kann ein kleines Lagerfeuer im Hof machen, dort, wo sie vor einigen Wochen den Rettich geerntet haben.
Aber schlafen kann man daneben auch nicht.
Mitte Dezember erschlägt kalter Wind aus dem Norden die Gegend.
Morgens beim Aufstehen glitzern Eisblumen am Fenster. Auf den Pflanzen und dem Boden liegt Reif.
Wenn es richtig, richtig kalt werden würde, könnte man auf dem Teich in der Nähe Schlittschuh laufen gehen. Wataru mag das.
Aber der Wunsch vergeht ihm in den Nächten, in denen Yûta vor Schmerzen weint und in denen er morgens um drei aufsteht, um den Gasherd anzuwerfen und Wasser für eine heiße Wärmflasche aufzukochen. Kälte bekommt Yûtas Bein nicht. Wataru stößt seufzend Atemwolken in die Küche, während er auf den Kessel wartet, dann sprintet er zurück, zieht sich bis auf die Unterhose aus und wickelt sich so gut er kann, um Yûta, flüstert beruhigend gegen tränennasse Wangen und versucht, Todeswünsche wegzuküssen.
Yûta schläft im Morgengrauen wieder ein; mit geschwollenen Augenlidern und unregelmäßigen Atemzügen, die noch zu sehr in Schluchzern gefangen sind.
Wataru hält ihn.
–
Er macht seine Rundgänge nun öfters.
Yûta ist nicht der einzige, der unter der Kälte leidet.
Kaneko hüllt sich fröstelnd in drei Lagen Decken. Hino verlässt den ganzen Tag das Lagerfeuer nicht.
Ryôsuke ist leichenblass.
Eines Morgens am Frühstückstisch zuckt er zusammen, als Nipporis kleinster Bruder in die Küche gerannt kommt und heult, als würde er abgestochen werden.
„Der Weihnachtsmann ist tot!“, kreischt das Kind untröstlich.
„Weihnachten gibt es nicht mehr!“
„Nicht doch!“, geht Wataru dazwischen so schnell er kann.
Im Augenwinkel sieht er, wie Mizusawa eine Hand auf Ryôsukes legt.
„Wer hat denn sowas gesagt?“
„Meine große Schwester!“, weint Manato. Ihm läuft der Rotz aus der Nase.
„Der Weihnachtsmann ist im großen Erdbeben verschüttet worden und jetzt ist er tot!“
„Das stimmt doch überhaupt nicht“, sagt Wataru und tätschelt das Kind beruhigend.
„Sie wollte dich bestimmt nur erschrecken.“
Er berichtet von Santa Claus, einer Gestalt, die entfernter und fremder nicht sein könnte und über die er zuletzt nachgedacht hat, als er zehn Jahre alt war, von Rentieren und roten Zipfelmützen und Geschenken.
Es hilft zumindest, dass der Kleine aufhört zu weinen und das wiederum bringt Ryôsuke dazu, nicht mehr auszusehen, als würde er jeden Moment die Flucht ergreifen und sich wie ein junges Reh versuchen, hinter dem Schuppen zu verstecken.
–
Wataru kann ihn und Mizusawa nachts reden hören, wenn er leise zum Klo tapst.
Der Gang ist eine Qual derzeit – quer über den eiskalten Flur mit nackten Füßen.
„Du wirst nicht erfrieren“, flüstert Mizusawa.
„Ich bin doch da.“
Der Mond scheint durch das Dachfenster auf sie herab und sie sind beide ein Häufchen aus Elend und Decken und sichtbarem Atem und Sternenstaub.
„In meinem Kopf weiß ich das“, entgegnet Ryôsuke.
„Aber ich kann nicht...ich kann nicht....“
„Schon gut. Komm her.“
Dann raschelt Bettzeug und da ist das Geräusch eines Kusses.
Wataru wendet sich verlegen ab.
–
Tage später bringt Kiyama Ryôsuke einen Rentierpullover mit.
Es ist eine Scheußlichkeit aus dichten, engen Maschen, die irgendjemandes Großmutter gestrickt haben muss. In Teppichmustern laufen Rentiere in Rot und Grün über die Brust, sehen aus wie Pixeltierchen.
Kiyama blickt nervös auf den Boden, dann hoch zu Ryôsuke, dann aus dem Fenster.
Es ist, als würde er einem ungezähmten, verletzten Tier Futter hinhalten.
„Dir ist kalt“, sagt er leise.
„Ich seh's dir doch an. Nun nimm schon!“
Ryôsukes Finger zittern und Wataru weiß nicht, ob vor Kälte oder aus Angst oder vor Rührung.
Er verbeugt sich schnell und tief, drückt den Pullover gegen seine Brust bis es aussieht, als würde er ihn in sein Innerstes pressen wollen.
–
Am Abend des vierundzwanzigsten kommen Kiyama und Wataru spät heim.
Im Schlepptau haben sie rote Zipfelmützen, dunkle Stiefel und sogar einen falschen Bart. Am Ende der Welt, so stellt sich heraus, werden Geschäfte für Scherzartikel und Kostüme als letzte ausgeräumt.
„Ich versteh nicht ganz, wieso du morgen vor dem Kleinen unbedingt einen auf Weihnachtsmann machen willst“, brummt Kiyama, als sie die Tür schließen und verriegeln.
„Du hast doch nicht mal was zum Schenken.“
Wataru zuckt mit den Schultern. So genau weiß er selbst nicht, wieso er nach einem Bart zum Ankleben gesucht hat. Doch wenn er ihn schon einmal hat, kann er ihn schließlich auch benutzen. In der Speisekammer sind Äpfel, Nüsse und Schokolade; alles gut versteckt. Er kann einfach alles in einen Sack füllen und diesen dann über seine Schulter werfen.
Für einen Bruchteil einer Sekunde denkt er daran, die Engelsflügel, die er ebenfalls mitgenommen hat, Yûta auf den Rücken zu binden.
Es würde wunderschön aussehen.
Man könnte das Mondlicht auf Yûta richten und er würde funkeln, glitzern, leuchten.
Damit wäre er das perfekte Sinnbild dieser Zeit, dieser Welt: Ein kaputter, fremder Engel mit falschen Federn.
Wataru verwirft den Gedanken schnell wieder.
–
Warum hält er sich an der Wärme fest?
Das fragt er sich zwischen Traum und Dösen, als Yûta sich fröstelnd von hinten an ihn schmiegt.
Die Winter werden nur länger, kälter, das Essen knapper. Die Banden, die da draußen mordend und räubernd durch die Gegend ziehen, werden immer mehr und größer und stärker. Menschen werden zerstört wie man es mit Ryôsuke gemacht hat.
Und es ist kalt... so kalt.... so kalt.
Wataru wacht von dem Geräusch klappernder Zähne auf und stellt im nächsten Moment fest, dass es von ihm selbst kommt.
Die doppelte Decke hält der eisigen Luft im Zimmer nicht mehr stand.
In seinen Armen liegt Yûta und klammert sich wimmernd an ihn.
Wataru flucht leise und drückt ihn noch näher an sich.
Klamme, pieksende Fingerspitzen wandern über seinen nackten Rücken unter sein Shirt, seinen Pullover.
Wie lange sie so daliegen, weiß Wataru nicht. Er dämmert hin und her zwischen ungnädigem, traumlosen Schlaf und diesem grauenhaften Wachzustand, in dem man sich wie gelähmt fühlt.
Er quält sich hoch, als seine Finger vor Kälte beginnen zu schmerzen.
„Ich mach deine Wärmflasche“, murmelt er Yûta zu.
„Das geht so nicht. Ich muss..ich bin gleich wieder da.“
Er wickelt Yûta in die Decken ein so gut es geht, tastet den Raum zwischen Matratze und Decken ab um sicherzugehen, dass Yûta komplett zugedeckt ist.
„Ich beeil mich auch“, verspricht er.
Im fahlen Licht nickt Yûta stumm. Er trägt Mondschatten unter den schwarzen Augen, heiligen Schein auf seinen Wangen und plötzlich erinnert er Wataru an einen Engel, der auf die Erde gestürzt ist und dort im Sterben liegt. Es schnürt ihm alles in der Brust zu.
Er stürzt auf den Flur und möchte die Treppe heruntereilen, als er aus dem Nebenzimmer leises Jammern hört.
Oh nein. Ryôsuke.
Wataru schiebt die Tür zum Krankenzimmer auf, wo Mizusawa und Ryôsuke noch immer jede Nacht schlafen.
Das weiße Licht badet die beiden nutzlos – sie liegen aneinandergeklammert da und Wataru kann sehen, wie Mizusawa unter den Decken Ryôsukes Rücken versucht warumzureiben.
„Mizusawa“, flüstert Wataru in die eisige Luft und kann das Wort förmlich sehen.
„Wataru?“
Der Kopf des Jungen schwimmt über Ryôsukes schmale Gestalt.
„Es ist so kalt, Wataru! Wir müssen was machen...wir müssen...“
„Ich weiß“, sagt Wataru.
„Ich weiß.“
Der Boden unter seinen Füßen fühlt sich selbst durch die zwei Lagen Socken an, als würde er jederzeit daran klebenbleiben.
Als er sich neben den Futon kniet und die Decken ganz leicht zurückschlägt, schaut Ryôsuke ihn mit großen, flehenden Augen an. Er trägt Kiyamas Pullover. Die aufgestickten Pixelrentiere tanzen lustig über Ryôsukes bebendem Atem und es bricht Wataru das Herz.
„Wartet.“
So schnell er kann, fährt Wataru wieder hoch.
„Nehmt den Futon und die Decken und kommt zu uns rüber!“
Mizusawa blinzelt.
„Vielleicht ist es zu kalt für zwei, aber funktioniert bei vieren“, erklärt Wataru hastig.
„Ich mach unten die Wärmflasche und komme nach. Los!“
Um ein Haar stürzt er auf dem Weg nach unten. Die Wärmflasche fällt ihm beinahe aus der Hand, als er sie aus dem Schrank hervorkramt. Er muss davon dringend demnächst mehr besorgen.
„Komm schon!“, herrscht er den Kessel an, weil das Wasser nicht schnell genug kocht.
„Komm schon, mach hinne!“
Die Eisblumen am Fensterbrett sehen ihm zweifellos zu, als er sich das kochende Wasser beinah über die Hand gießt. Auf dem Küchentisch liegen der falsche Weihnachtsmannbart und rote Zipfelmützen, Äpfel und Schokolade und Wataru betet zu allen Gottheiten, dass Yûta und Ryôsuke diese eisheilige Nacht überstehen.
–
Mizusawa breitet eine von vier Decken über Yûta und Ryôsuke aus, als Wataru das Zimmer wieder betritt. Der Holzboden knarrt unter jeder Bewegung.
Sie arbeiten wortlos.
Wataru gibt die Wärmflasche in die Mitte zwischen Yûta und Ryôsuke, wo sie am nötigsten gebraucht wird. Mizusawa sortiert Decken über Körper und dann weitere Decken über die Decken. Wataru zerrt weitere Socken aus seinem Schrank hervor, tippt Mizusawa an den Beinen und streift ihm die Strümpfe über. Er wickelt Ryôsuke in seinen extralangen Schal und streift Yûta zärtlich eine seiner alten Mützen über. Er verpackt die drei Jungen systematisch und sorgfältig wie Geschenke bis sie nur noch aus unzähligen Textillagen zu bestehen scheinen. Zuletzt schlüpft er hinter Yûta unter die Decken und fasst nach dessen Fingern, streift ihnen zwei Handschuhe über.
Zum ersten Mal seit Stunden zittert niemand mehr.
„Stille Nacht, heilige Nacht“, murmelt Mizusawa leise in das Nichts.
„Es wird besser“, verspricht Wataru.
„Wenn die Sonne wieder aufgeht, wird es wärmer. Wir müssen nur durchhalten.“
Und womöglich ist das der Grund, weshalb er heute stundenlang nach einem falschen Bart gesucht hat. Wieso er trotz des steten drohendes Endes nicht aufgeben kann.
Da ist noch Hoffnung.
Da ist noch Wärme, ganz tief unten drin.
Ryôsuke schluckt hörbar.
Er regt sich vorsichtig gegen Yûta, fährt mit dem Finger über seine Wange und wischt dort eine Träne fort.
Dann schmiegt er sich an ihn.
Unter den Decken findet Wataru Mizusawas Hand, seine Fingerspitzen.
Sie verharren bis zum Morgengrauen und schlafen dann erschöpft aneinander ein.
Challenges:
1. Rentierpullover
2. Schlittschuh laufen
3. „Kann ich hierbleiben?“
Wörter: ~ 1.800
Personen: Wataru, Yûta, Ryôsuke, Mizusawa mit Yûtaru und Mizumori und irgendwie auch Yûta/Ryôsuke.
Anmerkung: Diesmal nur fluff und ein bisschen Angst. Es ist immerhin fast Weihnachten.
Womöglich ergibt es auch keinen Sinn; ich habe dies todesmüde und von Rückenschmerzen geplagt geschrieben. Ich hoffe, es gefällt trotzdem irgendwie.
Have fun!
Die Angst vor der Kälte kommt im Dezember.
Noch scheint die Sonne viel und erwärmt das alte, klapprige Haus, so dass man tagsüber gut und viel Licht durch die offenen Fenster hineinlassen kann.
Nachts aber strömt es eisig durch die Ritzen und morschen Dielen, durch die Sprünge, die das Erdbeben hinterlassen hat.
Früher hat Wataru sich keine Sorgen um den Winter gemacht. Er hat warmen Kakao aus dem Automaten getrunken und sich eine Jacke übergeworfen und die Füße unter den kuschligen Kotatsu gesteckt, die Klimaanlage angemacht, auf 30 Grad hochgedreht und sich anwehen lassen bis seine Mutter schimpfte.
Jetzt gibt es keinen Strom mehr.
Man kann ein kleines Lagerfeuer im Hof machen, dort, wo sie vor einigen Wochen den Rettich geerntet haben.
Aber schlafen kann man daneben auch nicht.
Mitte Dezember erschlägt kalter Wind aus dem Norden die Gegend.
Morgens beim Aufstehen glitzern Eisblumen am Fenster. Auf den Pflanzen und dem Boden liegt Reif.
Wenn es richtig, richtig kalt werden würde, könnte man auf dem Teich in der Nähe Schlittschuh laufen gehen. Wataru mag das.
Aber der Wunsch vergeht ihm in den Nächten, in denen Yûta vor Schmerzen weint und in denen er morgens um drei aufsteht, um den Gasherd anzuwerfen und Wasser für eine heiße Wärmflasche aufzukochen. Kälte bekommt Yûtas Bein nicht. Wataru stößt seufzend Atemwolken in die Küche, während er auf den Kessel wartet, dann sprintet er zurück, zieht sich bis auf die Unterhose aus und wickelt sich so gut er kann, um Yûta, flüstert beruhigend gegen tränennasse Wangen und versucht, Todeswünsche wegzuküssen.
Yûta schläft im Morgengrauen wieder ein; mit geschwollenen Augenlidern und unregelmäßigen Atemzügen, die noch zu sehr in Schluchzern gefangen sind.
Wataru hält ihn.
–
Er macht seine Rundgänge nun öfters.
Yûta ist nicht der einzige, der unter der Kälte leidet.
Kaneko hüllt sich fröstelnd in drei Lagen Decken. Hino verlässt den ganzen Tag das Lagerfeuer nicht.
Ryôsuke ist leichenblass.
Eines Morgens am Frühstückstisch zuckt er zusammen, als Nipporis kleinster Bruder in die Küche gerannt kommt und heult, als würde er abgestochen werden.
„Der Weihnachtsmann ist tot!“, kreischt das Kind untröstlich.
„Weihnachten gibt es nicht mehr!“
„Nicht doch!“, geht Wataru dazwischen so schnell er kann.
Im Augenwinkel sieht er, wie Mizusawa eine Hand auf Ryôsukes legt.
„Wer hat denn sowas gesagt?“
„Meine große Schwester!“, weint Manato. Ihm läuft der Rotz aus der Nase.
„Der Weihnachtsmann ist im großen Erdbeben verschüttet worden und jetzt ist er tot!“
„Das stimmt doch überhaupt nicht“, sagt Wataru und tätschelt das Kind beruhigend.
„Sie wollte dich bestimmt nur erschrecken.“
Er berichtet von Santa Claus, einer Gestalt, die entfernter und fremder nicht sein könnte und über die er zuletzt nachgedacht hat, als er zehn Jahre alt war, von Rentieren und roten Zipfelmützen und Geschenken.
Es hilft zumindest, dass der Kleine aufhört zu weinen und das wiederum bringt Ryôsuke dazu, nicht mehr auszusehen, als würde er jeden Moment die Flucht ergreifen und sich wie ein junges Reh versuchen, hinter dem Schuppen zu verstecken.
–
Wataru kann ihn und Mizusawa nachts reden hören, wenn er leise zum Klo tapst.
Der Gang ist eine Qual derzeit – quer über den eiskalten Flur mit nackten Füßen.
„Du wirst nicht erfrieren“, flüstert Mizusawa.
„Ich bin doch da.“
Der Mond scheint durch das Dachfenster auf sie herab und sie sind beide ein Häufchen aus Elend und Decken und sichtbarem Atem und Sternenstaub.
„In meinem Kopf weiß ich das“, entgegnet Ryôsuke.
„Aber ich kann nicht...ich kann nicht....“
„Schon gut. Komm her.“
Dann raschelt Bettzeug und da ist das Geräusch eines Kusses.
Wataru wendet sich verlegen ab.
–
Tage später bringt Kiyama Ryôsuke einen Rentierpullover mit.
Es ist eine Scheußlichkeit aus dichten, engen Maschen, die irgendjemandes Großmutter gestrickt haben muss. In Teppichmustern laufen Rentiere in Rot und Grün über die Brust, sehen aus wie Pixeltierchen.
Kiyama blickt nervös auf den Boden, dann hoch zu Ryôsuke, dann aus dem Fenster.
Es ist, als würde er einem ungezähmten, verletzten Tier Futter hinhalten.
„Dir ist kalt“, sagt er leise.
„Ich seh's dir doch an. Nun nimm schon!“
Ryôsukes Finger zittern und Wataru weiß nicht, ob vor Kälte oder aus Angst oder vor Rührung.
Er verbeugt sich schnell und tief, drückt den Pullover gegen seine Brust bis es aussieht, als würde er ihn in sein Innerstes pressen wollen.
–
Am Abend des vierundzwanzigsten kommen Kiyama und Wataru spät heim.
Im Schlepptau haben sie rote Zipfelmützen, dunkle Stiefel und sogar einen falschen Bart. Am Ende der Welt, so stellt sich heraus, werden Geschäfte für Scherzartikel und Kostüme als letzte ausgeräumt.
„Ich versteh nicht ganz, wieso du morgen vor dem Kleinen unbedingt einen auf Weihnachtsmann machen willst“, brummt Kiyama, als sie die Tür schließen und verriegeln.
„Du hast doch nicht mal was zum Schenken.“
Wataru zuckt mit den Schultern. So genau weiß er selbst nicht, wieso er nach einem Bart zum Ankleben gesucht hat. Doch wenn er ihn schon einmal hat, kann er ihn schließlich auch benutzen. In der Speisekammer sind Äpfel, Nüsse und Schokolade; alles gut versteckt. Er kann einfach alles in einen Sack füllen und diesen dann über seine Schulter werfen.
Für einen Bruchteil einer Sekunde denkt er daran, die Engelsflügel, die er ebenfalls mitgenommen hat, Yûta auf den Rücken zu binden.
Es würde wunderschön aussehen.
Man könnte das Mondlicht auf Yûta richten und er würde funkeln, glitzern, leuchten.
Damit wäre er das perfekte Sinnbild dieser Zeit, dieser Welt: Ein kaputter, fremder Engel mit falschen Federn.
Wataru verwirft den Gedanken schnell wieder.
–
Warum hält er sich an der Wärme fest?
Das fragt er sich zwischen Traum und Dösen, als Yûta sich fröstelnd von hinten an ihn schmiegt.
Die Winter werden nur länger, kälter, das Essen knapper. Die Banden, die da draußen mordend und räubernd durch die Gegend ziehen, werden immer mehr und größer und stärker. Menschen werden zerstört wie man es mit Ryôsuke gemacht hat.
Und es ist kalt... so kalt.... so kalt.
Wataru wacht von dem Geräusch klappernder Zähne auf und stellt im nächsten Moment fest, dass es von ihm selbst kommt.
Die doppelte Decke hält der eisigen Luft im Zimmer nicht mehr stand.
In seinen Armen liegt Yûta und klammert sich wimmernd an ihn.
Wataru flucht leise und drückt ihn noch näher an sich.
Klamme, pieksende Fingerspitzen wandern über seinen nackten Rücken unter sein Shirt, seinen Pullover.
Wie lange sie so daliegen, weiß Wataru nicht. Er dämmert hin und her zwischen ungnädigem, traumlosen Schlaf und diesem grauenhaften Wachzustand, in dem man sich wie gelähmt fühlt.
Er quält sich hoch, als seine Finger vor Kälte beginnen zu schmerzen.
„Ich mach deine Wärmflasche“, murmelt er Yûta zu.
„Das geht so nicht. Ich muss..ich bin gleich wieder da.“
Er wickelt Yûta in die Decken ein so gut es geht, tastet den Raum zwischen Matratze und Decken ab um sicherzugehen, dass Yûta komplett zugedeckt ist.
„Ich beeil mich auch“, verspricht er.
Im fahlen Licht nickt Yûta stumm. Er trägt Mondschatten unter den schwarzen Augen, heiligen Schein auf seinen Wangen und plötzlich erinnert er Wataru an einen Engel, der auf die Erde gestürzt ist und dort im Sterben liegt. Es schnürt ihm alles in der Brust zu.
Er stürzt auf den Flur und möchte die Treppe heruntereilen, als er aus dem Nebenzimmer leises Jammern hört.
Oh nein. Ryôsuke.
Wataru schiebt die Tür zum Krankenzimmer auf, wo Mizusawa und Ryôsuke noch immer jede Nacht schlafen.
Das weiße Licht badet die beiden nutzlos – sie liegen aneinandergeklammert da und Wataru kann sehen, wie Mizusawa unter den Decken Ryôsukes Rücken versucht warumzureiben.
„Mizusawa“, flüstert Wataru in die eisige Luft und kann das Wort förmlich sehen.
„Wataru?“
Der Kopf des Jungen schwimmt über Ryôsukes schmale Gestalt.
„Es ist so kalt, Wataru! Wir müssen was machen...wir müssen...“
„Ich weiß“, sagt Wataru.
„Ich weiß.“
Der Boden unter seinen Füßen fühlt sich selbst durch die zwei Lagen Socken an, als würde er jederzeit daran klebenbleiben.
Als er sich neben den Futon kniet und die Decken ganz leicht zurückschlägt, schaut Ryôsuke ihn mit großen, flehenden Augen an. Er trägt Kiyamas Pullover. Die aufgestickten Pixelrentiere tanzen lustig über Ryôsukes bebendem Atem und es bricht Wataru das Herz.
„Wartet.“
So schnell er kann, fährt Wataru wieder hoch.
„Nehmt den Futon und die Decken und kommt zu uns rüber!“
Mizusawa blinzelt.
„Vielleicht ist es zu kalt für zwei, aber funktioniert bei vieren“, erklärt Wataru hastig.
„Ich mach unten die Wärmflasche und komme nach. Los!“
Um ein Haar stürzt er auf dem Weg nach unten. Die Wärmflasche fällt ihm beinahe aus der Hand, als er sie aus dem Schrank hervorkramt. Er muss davon dringend demnächst mehr besorgen.
„Komm schon!“, herrscht er den Kessel an, weil das Wasser nicht schnell genug kocht.
„Komm schon, mach hinne!“
Die Eisblumen am Fensterbrett sehen ihm zweifellos zu, als er sich das kochende Wasser beinah über die Hand gießt. Auf dem Küchentisch liegen der falsche Weihnachtsmannbart und rote Zipfelmützen, Äpfel und Schokolade und Wataru betet zu allen Gottheiten, dass Yûta und Ryôsuke diese eisheilige Nacht überstehen.
–
Mizusawa breitet eine von vier Decken über Yûta und Ryôsuke aus, als Wataru das Zimmer wieder betritt. Der Holzboden knarrt unter jeder Bewegung.
Sie arbeiten wortlos.
Wataru gibt die Wärmflasche in die Mitte zwischen Yûta und Ryôsuke, wo sie am nötigsten gebraucht wird. Mizusawa sortiert Decken über Körper und dann weitere Decken über die Decken. Wataru zerrt weitere Socken aus seinem Schrank hervor, tippt Mizusawa an den Beinen und streift ihm die Strümpfe über. Er wickelt Ryôsuke in seinen extralangen Schal und streift Yûta zärtlich eine seiner alten Mützen über. Er verpackt die drei Jungen systematisch und sorgfältig wie Geschenke bis sie nur noch aus unzähligen Textillagen zu bestehen scheinen. Zuletzt schlüpft er hinter Yûta unter die Decken und fasst nach dessen Fingern, streift ihnen zwei Handschuhe über.
Zum ersten Mal seit Stunden zittert niemand mehr.
„Stille Nacht, heilige Nacht“, murmelt Mizusawa leise in das Nichts.
„Es wird besser“, verspricht Wataru.
„Wenn die Sonne wieder aufgeht, wird es wärmer. Wir müssen nur durchhalten.“
Und womöglich ist das der Grund, weshalb er heute stundenlang nach einem falschen Bart gesucht hat. Wieso er trotz des steten drohendes Endes nicht aufgeben kann.
Da ist noch Hoffnung.
Da ist noch Wärme, ganz tief unten drin.
Ryôsuke schluckt hörbar.
Er regt sich vorsichtig gegen Yûta, fährt mit dem Finger über seine Wange und wischt dort eine Träne fort.
Dann schmiegt er sich an ihn.
Unter den Decken findet Wataru Mizusawas Hand, seine Fingerspitzen.
Sie verharren bis zum Morgengrauen und schlafen dann erschöpft aneinander ein.