[identity profile] nadjeschda.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: The Evil Within
Pairing: nur angedeutet: Joseph x Sebastian
Challenge: alle drei:
1. Spuren im Schnee
2. Tiefschläge
3. „Was zum Teufel machst du hier?“

Riesiges Dankeschön an Kawaiibooker, die mir unkreativem Ding die Idee für die Fanfic gab ♥♥♥

Anmerkung: Die Geschichte spielt nach dem Spiel (und einer vollkommen fiktiven Fortsetzung), wer nicht gespoilert werden will, sollte besser nicht weiterlesen. Außerdem werden eine ganze Reihe unangenehmer Sachen erwähnt (psychische Krankheit, Tod, Alkoholismus).
Das nur als Warnung für jeden, der da sensibel ist, die Geschichte selbst ist Hurt/Comfort. Denn wie der Doctor schon einmal feststellte: „Jedes Leben ist eine Ansammlung von guten und schlechten Dingen, meiner Ansicht nach. Die guten Dinge mildern nicht immer die schlechten. Aber umgekehrt verderben die schlechten Dinge nicht notwendigerweise die guten, oder machen sie bedeutungslos.“




Der Schnee knirschte unter Josephs Füßen, als er die Straße überquerte. Obwohl es erst gegen acht Uhr abends war, waren nicht mehr viele Menschen unterwegs. Die meisten verbrachten den Heiligabend wohl schon mit Freunden und Familie, um den Weihnachtsmorgen dann gemeinsam zu begrüßen. Alle übrigen hatte wahrscheinlich der Schneeschauer drinnen gehalten, der bis vor zehn Minuten noch gewütet hatte. Die Schultern von Josephs schwarzem Mantel waren immer noch schneenass und er konnte sich nur vorstellen, wie deine Mütze aussehen musste – die er trug, obwohl seine Schwester ihm gestern versichert hatte, dass er damit aussah, wie ein Hipster.

Bis zu Sebastians Haus brauchte er zu Fuß eine gute halbe Stunde – heute etwas mehr, da er noch gegen viel zu viel Schnee hatte anlaufen müssen. Aber das war in Ordnung gewesen, Joseph hatte den Spaziergang gebraucht.

In Sebastians Einfahrt durchbrachen Fußspuren die ansonsten unberührte Schneedecke. Sie führten vom Haus weg und bogen dann in die entgegengesetzte Richtung von der Joseph kam ab. Vielleicht hätte Joseph doch eine SMS schicken sollen, bevor er losgelaufen war. Es waren zweifellos Sebastians Fußspuren, denn er bewohnte immer noch alleine das kleine Reihenhaus, in das er und Myra nach Lilys Tod gezogen waren. Jetzt wo es klar war, dass Myra auch nicht zurückkehren würde, fragte sich Joseph, ob es nicht vielleicht besser wäre, wenn sich Sebastian eine andere Wohnung suchen würde. Aber er hatte es bisher nicht gewagt, den anderen darauf anzusprechen.

Joseph blickte noch einmal von den Fußspuren zu den dunklen Fenstern des Hauses. Immerhin konnte er Sebastian nur knapp verpasst haben. Und so folgte er den Fußspuren die Straße hinunter. Bis zum Ende des Reihenhausblocks waren Sebastians Fußspuren die einzigen auf dem Gehweg, dann wurden sie von weiteren begleitet. Es war allerdings einfach, Sebastians Quadratlatschen auch unter mehreren Schuhabdrücken zu identifizieren.

Die Spur führte Joseph bis zur übernächsten Straßenkreuzung, wo sie sich schließlich mit so vielen anderen vermischte, dass Joseph nicht mehr sicher sagen konnte, welche davon nun Sebastians war und welche nicht.

Allerdings kannte er diese Strecke nur zu gut. Ein unangenehmes Gefühl des Unwohlseins kam in ihm auf, als er sich daran erinnerte, wie oft er diese Strecke schon gelaufen oder gefahren war. Das letzte Mal war nun, wie lange her? Noch nicht einmal ein Jahr, wenn er recht daran dachte. Er hatte im März dem Dezernat Für Interne Ermittlungen Sebastians Alkoholproblem gemeldet und nur drei Monate später waren sie zum Beacon Mental Hospital gerufen wurden. Alleine der Gedanke daran, trieb Joseph den kalten Schweiß auf die Stirn und ließ ihn in einer Weise erschaudern, die nichts mit den Temperaturen um ihn zu tun hatte. Die Zeit in STEM war ihm ewig vorgekommen und er hatte lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass es nicht einmal ganz zwei Monate gewesen waren. Er erinnerte sich nur noch schemenhaft an die ersten Momente, nachdem Kidman ihn von STEM getrennt hatte. Sie war es auch gewesen, die ihn aus dem Gebäude geschleppt hatte, hinaus in die heiße Augustsonne. Später hatte man ihm berichtet, dass er so lange um sich geschlagen und geschrien hatte, bis ihn ein Sanitäter sedierte.

Danach waren seine nächsten Erinnerungen sein Zimmer im Krankenhaus und wenig später das in der Psychiatrie, in die man ihn verlegte, als klar war, dass ihm körperlich nicht viel fehlte. Viele der Erinnerungen waren konfus und bei nicht allen war er sich sicher, ob sie wirklich real waren. Aber das war ein allgemeines Problem und auch nach seiner Entlassung aus der stationären Behandlung gab es immer wieder Momente, in denen er sich nicht sicher war, ob er nicht wirklich noch in STEM steckte und alles um ihn herum nicht nur ein weiterer Alptraum war, den Ruvik oder Moebius für ihn gebaut hatten.

In dieser ganzen Zeit waren Sebastian und auch Kidman an seiner Seite gewesen, trotz allem, mit dem sie selbst fertig werden mussten. Joseph hatte die Vermutung, dass es für Kidman eine Art Sühne war, während es für Sebastian vor allem eine Ablenkung von seinem endgültigen Verlust von Myra war. Joseph war damals auf ihrer Beerdigung gewesen, das erste Mal, dass er überhaupt das Krankenhaus verlassen hatte. So unangenehm ihm die sterilen Flure auch gewesen waren, so waren sie gleichzeitig vertrauter gewesen als die sonnige Welt draußen.

Ein Pfleger war ihm zur Seite gestellt geworden, der ihn die gesamte Zeit im Auge behielt und sicherstellte, dass er wieder heil zurückkehrte (wobei „heil“ zu der Zeit noch ein sehr weit gegriffener Begriff war). Myra wurde neben Lily bestattet und im Gegensatz zu Lilys Beerdigung war der Tag brütend warm. Joseph schwitzte unter dem langen schwarzen Hemd, das er trug, um die blauen Flecken und Kratzwunden, die er sich selbst zugefügt hatte, zu verbergen. Was auch immer sie ihm an diesen Morgen gegen hatten, machte ihn schläfrig und so erinnerte er sich nur noch bruchstückweise an die Zeremonie. An Myras Sarg, so viel größer als Lilys kleiner weißer Sarg damals. Ihrer war aus dunklem Holz, mit weißen Lilien darauf. Die Bibelstelle, die der Pfarrer vorlas, war Myras und Sebastians Trauspruch gewesen – das Hohelied, Kapitel 8, Verse 6 und 7. Neben Lilys Taufspruch einer der wenigen Bibelsprüche, den Joseph überhaupt kannte.

Joseph erinnerte sich, wie er neben Sebastian und Kidman saß, ganz vorne in der ersten Reihe. Kidman stützte ihn während der Zeremonie, danach war es Sebastian, der Josephs Arm in seinen einhakte und es ihm erlaubte, sich an seiner Seite anzulehnen. Nur die fast erdrückende Weise, wie Sebastian Josephs Unterarm gegen seine Seite drückte, verriet, was ihn ihm wirklich vorging. Joseph erlaubte sich, sich etwas stärker an Sebastian zu lehnen, ihn die bisschen wenige Unterstützung zu geben, die er geben konnte, bevor er wieder zurück in die Klinik gebracht wurde. Oder vielleicht brauchte er auch jemanden, der ihm half, aufrecht stehen zu bleiben, aber vielleicht erdete Sebastian ihr Kontakt ebenso wie er es bei Joseph tat. Und Joseph konnte alles brauchen, was ihm dabei half, in der Realität zu bleiben, damals wie auch noch heute.

Für den Moment war es das Stück Eis auf dem Bürgersteig, über das Joseph wenig elegant stolperte. Mit rasch klopfenden Herzen stützte er sich an einer Hauswand ab, die Winterkälte wie ein Schlag ins Gesicht, was er in Gedanken bis vor ein paar Sekunden noch mitten im Hochsommer gewesen. Ein Blick um sich ließ ihn erkennen, dass er die letzten zehn Minuten quasi auf Autopilot verbracht hatte. Immerhin war er in die richtige Richtung gelaufen, wahrscheinlich Testament dessen, wie unangenehm vertraut er mit der Strecke war.

Einen Moment gönnte er sich, in dem er seine Atmung wieder beruhigte, dann machte er sich die letzten Meter bis zu seinem Ziel auf den Weg, seinen Blick bewusst auf die Fußspuren im frischen Schnee vor ihm gerichtet, bis er vor der Tür der Kneipe stand, in der Sebastian einige Male zu viel versackt war. Auch wenn Joseph bis zum letzten Moment hoffte, dass Sebastian vielleicht doch einfach irgendwo anders hingegangen war und nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückfiel, war er nicht sonderlich überrascht, als er den anderen an der Bar sitzen sah. Vor ihm stand ein doppelter Whiskey, offenbar noch unberührt, auch wenn Joseph nicht schwören wollte, dass das wirklich noch Sebastians erstes Glas war. Für den Moment schien der andere zumindest zu beschäftigt damit zu sein, passiv-aggressiv an seiner Zigarette zu ziehen, um seinen Alkohol hinunterzustürzen.

Es war erstaunlich, was Weihnachten selbst mit dieser Kneipe zu machen schien: Im gesamten Raum waren bunter Lichterketten aufgehängt und kitschiger Weihnachtsschmuck funkelte aus jedem erdenklichen Eck. Das Barpersonal und selbst einige der anderen Gäste trugen Weihnachtsmützchen oder Rentiergeweihe und die Stimmung war erstaunlich freundlich-ausgelassen. Was sicherlich nicht wenig mit dem Eggnog zu tun hatte, den die Wirtin zu den Festtagen ausschenkte. Zeichnete die Kneipe sonst vor allem dadurch aus, dass sie der ideale Ort war, um sich zwischen ihren dunklen Möbeln im spärlichen Licht und Zigarettenqualm zu verkriechen und welche Sorgen man auch immer hatte im Alkohol zu ertränken, während im Hintergrund Wrestling lief, sangen nun ein paar der besonders festlich angehauchten Gäste enthusiastisch die billigen Pop-Varianten der Weihnachtslieder mit, die aus den Lautsprechern der Kneipe dudelten. Wrestling lief im Hintergrund natürlich trotzdem.

Hatte Sebastian sonst nahezu perfekt in das Ambiente gepasst, wirkte er nun beinahe fehl am Platz.

Wortlos rutschte Joseph auf den Barstuhl neben Sebastian und schob als erstes dessen Whiskeyglas mit einem geübten Griff aus seiner Reichweite.

„Hey –“, begann Sebastian und wandte sich mit einem Gesicht zu Joseph, das schon so manchen Verbrecher ziemlich kleinlaut hatte werden lassen. Bei Joseph hatte es seine Wirkung nach der ersten hirnverbrannten Tat Sebastians in ihrer gemeinsamen Arbeitszeit verloren. Hinzu kam, dass Joseph einmal zu viel Sebastian nachts im volltrunkenen Zustand in seiner Badewanne hatte abbrausen müssen, einmal zu viel nachts noch seine Klamotten oder den Badezimmerteppich in die Waschmaschine hatte schmeißen müssen, dass seine Schmerzensgrenze inzwischen unglaublich hoch lag.

„Was zum Teufel machst du hier?“, fragte Sebastian nach einem Moment der Verwirrung. Joseph ließ sich betont lange Zeit damit, seine Lederhandschuhe von seinen Fingern zu streifen und die Mütze abzunehmen, bevor er Sebastian überhaupt wieder ansah.

„Sollte ich dich das nicht fragen?“

Sebastian schnaubte und wandte sich wieder von ihm ab, um erneut mit unzufriedener Miene an seiner Zigarette zu ziehen.

„Stell keine dummen Fragen, du weißt, ich hasse das“, murmelte er, während er seine nur halbgerauchte Zigarette etwas fester als nötig im Aschenbecher ausdrückte. Sein Blick glitt zu dem Whiskeyglas bei Josephs Ellenbogen, das er vorsichtshalber etwas weiter zurück, zwischen die Beine des leuchtenden Lichterkettenrentiers hinter ihm, schob.

„Weihnachten soll man doch mit seinen Liebsten verbringen. Also. Hier. Frohe Scheiß-Weihnachten.“ Seine Stimme war mit jedem Wort lauter geworden, so sehr, dass die Wirtin ihnen scharfe Blicke zuwarf. Es war keine Frage, dass sie sich an Sebastian – und Joseph – erinnerte, so oft wie sie ihn selbst schon eigenhändig auf die Straße gesetzt hatte. Die Frau war klein und dick, besaß aber eine erschreckende Stärke und Joseph bezweifelte, dass es irgendetwas gab, das ihr in diesem Leben Angst machte. Nicht, wenn es ein volltrunkener, gewaltbereiter Mann mit der Stärke eines Bullen, der sie um bestimmt zwanzig Zentimeter überragte, nicht tat.

Joseph lachte trocken. „Klar. Hat dich fast deinen Job und deine Freunde gekostet und deine Gesundheit ignoriert, aber du verdankst dem Whiskey wirklich viel.“

„Scheint als hätten meine Freunde die Tendenz dazu, mich fast den Job zu kosten“, erwiderte Sebastian bissig. Und wow, das war ein ziemlicher Schlag unter die Gürtellinie. Joseph presste seine Lippen aufeinander, um seinen ersten instinktiven Kommentar zurückzuhalten. Er hatte Sebastian nicht gemeldet, um ihm zu schaden

„Scheiße, vergiss es“, unterbrach Sebastian seine Gedanken. Er rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht, bevor er Joseph wieder ansah. Er sah nach wie vor so miserabel aus wie er sich wahrscheinlich fühlte, aber immerhin war der aggressive Ausdruck in seinen Augen verschwunden. „Das war unfair. Entschuldigung. Das hätte ich nicht –“

„Schon okay“, unterbrach ihn Joseph. „Ich … ich verstehe es ja, Seb. Aber wirklich. Nach all dem, was passiert ist, willst du ausgerechnet hierhin zurück? Ich hatte gedacht, das hätten wir hinter uns.“

„Hah. ‚Wir‘. Soweit ich weiß, bist ich der einzige von uns, der seine Familie beerdigen musste. Der herausfinden musste, dass er indirekt am Tod seiner Tochter schuld war, dessen Frau ihn betrogen hat, um ihn zu schützen, nur um dann zu sterben, um ihn zu schützen. Entschuldige, aber das allerletzte, was ich nun brauche, ist dein Mitleid.“

„Sebastian“, begann Joseph und versuchte, sich nicht anzumerken wie weh es tat, als Sebastian die Hand, den er ihm auf die Schulter legte, wieder abzuschütteln. „Ich bin nicht hier, weil ich Mitleid habe“, fuhr Joseph unbeirrt fort, „sondern weil es ist wie du sagtest: Es ist Heiligabend und den verbringt man im Kreise seiner Familie. Du bist Teil meiner Familie.“

Der absolut ungläubige Blick, den Sebastian ihm zuwarf, war gleichzeitig verletzend und sehr, sehr amüsant. Selten hatte er es geschafft, den anderen sprachlos zu machen. Gut, sie hatten es niemals so explizit formuliert, aber nach allem was sie zusammen durchgestanden hatten, hatte Joseph nicht gedacht, dass es eine dermaßen große Überraschung war.

„Komm schon. Wie sind seit zehn Jahren Partner. Bei dem ganzen Mist – nein, bei all den Sachen, die wir zusammen erlebt haben … Du bist zurück in STEM, nur um mich zurückzuholen. Zombiehorden zum Trotz, mir selbst zum Trotz. Wäre es jemand anders gewesen, wäre ich nun sicherlich nicht hier.“

Dieses Mal war es Sebastian, der seine Hand auf Josephs Arm legte. In seinem Griff schwang eine Angst mit, die Joseph immer spürte, wenn er davon sprach, wie bereit er gewesen war, alles in STEM zu beenden oder wie verloren er sich manches Mal hier fühlte.

„Ich vermisse sie auch“, sagte Joseph schließlich und rutschte näher an Sebastian heran. „Myra, Lily. Nichts davon ist fair. Und ich weiß, dass –“

„Schon gut. Ich weiß“, fiel ihm Sebastian ins Wort. „Und ich weiß auch, dass das hier nichts besser macht, es ist nur…“ Er verstummte und rieb sich erneut durch das Gesicht. „Was hattest du für heute Abend geplant?“

„Nicht besonderes. Film, Tiefkühlpizza.“

„Ganz dekadent, also.“

Joseph boxte ihm freundschaftlich in die Seite. Nichts konnte ersetzen, was Sebastian verloren hatte. Aber er war bereit, ihm alles zu geben, was er ihm geben konnte. Eines Tages würden sie vielleicht richtig über Myra und Lily reden können, aber für das erste war es genug, wenn sie in dem ganzen Chaos in ihren Leben einen Moment fanden, in dem sie sorglos sein konnten, so kurz er auch sein mochte.

„Wenn du über Nacht bei mir bleibst, dann hast du die einmalige Chance, das kanadisch-japanische Weihnachtsfest der Familie Oda mitzuerleben. Meine Mutter hat es sich nicht nehmen lassen, die Krippenfiguren mitzubringen. Wir könnten den Input eines Katholiken brauchen.“
Josephs Mutter war die einzige der gesamten Familie, die überhaupt christlich getauft war. Da Josephs Großeltern mütterlicherseits aber ebenfalls wie väterlicherseits in Japan geboren und aufgewachsen waren, war es mehr ein symbolischer Akt des Ausdrucks ihres Willens zur Integration gewesen als irgendetwas anderes. Jegliche religiösen Feiertage, die sie in Kanada mitfeierten, waren folglich seit jeher eine recht bunte Mischung aus japanischen und westlichen Traditionen. Joseph liebte es.

Sebastian lachte leise als Antwort.

„Du verstehst nicht“, fuhr Joseph fort. „Die Scheune hat der Mann meiner Schwester mit ihren Kindern aus einem Pappkarton gebaut, da ich natürlich keine besitze. Meine Nichte hat sie mit Glitzerstift verziert und dann den Engel beschlagnahmt. Nichts konnte sie davon überzeugen, ihn wieder herzugeben.“

„Hmm. Der Glitzerstift ist bestimmt eine nette persönliche Note. Aber eine Krippe ohne Erzengel ist schon sehr tragisch.“

„Keine Sorge. Mein Neffe hat seine Batman-Figur gespendet.“

Sebastian legte seinen Kopf in den Nacken und lachte so laut, wie es Joseph schon lange nicht mehr gehört hatte. Es wärmte etwas in seiner Brust, den anderen so zu sehen, war er doch viel zu gewohnt daran, die tiefen Sorgenfalten in Sebastians Gesicht zu sehen.

„Wie alt sind die Kinder deiner Schwester jetzt?“ fragte Sebastian dann, der Blick in seinen Augen undeutbar.

„Meine Nichte ist vier, mein Neffe sieben.“ Daran hatte Joseph natürlich nicht gedacht – Lily war fünf gewesen, als sie gestorben war.

„Hmmm, dann müssen wir aber noch einen Abstecher zu einer Tankstelle machen, dass ich ihnen zumindest Süßigkeiten kaufe. Ich kann nicht mit leeren Händen vor ihnen stehen, das wäre grausam. Komm.“ Sebastian zog Joseph am Arm, bevor er aufstand, etwas Geld auf dem Tresen hinterließ und dann in seinen Mantel schlüpfte. Joseph folgte ihm aus der Kneipe hinaus in die Kälte, wo er seine Handschuhe und seine Mütze wieder aufzog.

„Ist es wirklich in Ordnung, wenn ich mit dir komme?“ fragte Sebastian, nachdem sie eine Weile stumm nebeneinander gelaufen waren. „Es ist immerhin das erste Mal, dass deine Familie dich zu Weihnachten besucht.“ Joseph verstand, was Sebastian meinte, aber es war kaum so besonders wie es aus seinem Mund klang. Seine Familie war nur hier, weil sie ihn in seinem Zustand den Stress des Flugs nach Toronto nicht zumuten wollten.

„Absolut. Als ich erwähnte, dass ich heute Abend zu dir will, hat mir meine Mutter ungefähr dreißig Mal beteuert, wie sehr sie sich über deine Gesellschaft freuen würde.“ Eine Pause. „Und ich würde mich freuen. Nach dem ganzen Mist, den wir zusammen erlebt hatte, wäre etwas Schönes mal eine nette Abwechslung, findest du nicht?“

Sebastian stieß kameradschaftlich gegen seine Schulter, um ihn wissen zu lassen, dass er es verstand. Es war offensichtlich, dass er noch etwas zu sagen hatte, aber was auch immer es war, für den Moment behielt er es für sich. Ein andermal, dachte Joseph bei sich.

„Die Mütze steht dir“, stellte Sebastian stattdessen fest und wechselte das Thema in gewohnt unsubtiler Weise.

„Hah, bitte sag das morgen meiner Schwester. Sie behauptet, ich sähe wie ein Hipster aus.“

„Ich hätte nun ‚alternativer und sehr armer Student‘ gesagt.“

Joseph schubste Sebastian in den Schneeberg neben ihnen.




Date: 2015-12-09 06:17 am (UTC)
From: [identity profile] turwaith.livejournal.com
Awww, ich mag wie die beiden sich gegenseitig ihre Wunden lecken! Ein harmonisches Weihnachten haben die beiden sich auch wirklich verdient! :) Tolle Geschichte!

Date: 2015-12-09 08:49 pm (UTC)
From: [identity profile] mrsmoriarty.livejournal.com
Ich bin sehr froh, dass du dich nach der Angst zu einem versöhnlichen Ende entschieden hast! Der arme Sebastian! Der arme Joseph! Sie haben sch wirklich frohe Weihnachten verdient! Danke für die wunderbar disfunctional christmas story!

Date: 2015-12-12 10:12 am (UTC)
From: [identity profile] nebel-kraehe.livejournal.com
Oh, das war wirklich schön! Die Atmosphäre, der Dialog, alles schwankte so schön-schmerzhaft zwischen Angst und Harmonie. Hat mir sehr gut gefallen!

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