Adventskalender, 3.Türchen
Dec. 3rd, 2015 10:00 amFandom: Die Drei Fragezeichen
Charaktere: Peter Shaw/ Bob Andrews
Challenges: „Schnell, küss mich!“ (+ Regenwetter)
Wörter: ~2400
Inhalt: Das Übliche: Peter, Bob, langweilige Beschattungsmaßnahmen und sehr viel Awkwardness.
„Wird das heute überhaupt nochmal was?“ Gelangweilt kickte Peter einen Kronkorken vor sich her, während er von einem Fuß auf den anderen trat. Auch Bob hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt, während sie versuchten, auf dem dicht besetzten Parkplatz eines Einkaufszentrums in Los Angeles möglichst wenig zwischen den Autos aufzufallen. Missmutig ließ er seinen Blick zu dem großen Beton-und-Glasbau schweifen.
Sie standen nun schon seit geschlagenen zwei Stunden in der grauen, von gestressten Müttern und panischen Ehemännern auf der Suche nach einem Last-Minute-Weihnachtsgeschenk überfluteten Asphaltwüste die Beine in den Bauch, ohne dass sich ihre Zielperson auch nur ansatzweise gezeigt hatte. Der momentane Fall der Drei Fragezeichen war, zugegebenermaßen, einer ihrer bizarreren: Geldwäsche im Waschsalon. Es war geradezu Ironie des Schicksals.
Vor ein paar Tagen hatte ein bestohlener Juwelier aus Rocky Beach sich an die Detektive gewandt, um an seine verschwundenen Schmuckstücke zu kommen und tatsächlich hatten sie die Ohrringe und Broschen recht schnell ausfindig machen können. Die ältere Dame, die das Diebesgut unwissentlich erstanden hatte, konnte sich leider nur noch undeutlich an den Mann erinnern, der ihr den Schmuck verkauft hatte. Um dennoch an den Hehler und somit hoffentlich auch den Dieb heranzukommen, hatten die Drei Nachforschungen angestellt und herausgefunden, dass die Beute aus diversen Diebstählen der letzten Zeit offenbar über eine Wäscherei in der Santa Monica Arcade Mall weitergegeben und zu Geld gemacht wurde. Eine Wäscherei. Insgesamt gab es aber drei, die in dem riesigen Gebäudekomplex infrage kamen. Also musste die Mall observiert werden. Wieder einmal.
Bob hatte sich schnell bereiterklärt, diese Aufgabe zu übernehmen, sobald klar gewesen war, dass er sie sich mit Justus teilen würde. Es war nicht so, dass er das Clubhaus in letzter Zeit mied. Er war nur einfach manchmal erleichtert, wenn er seine Kollegen nicht rund um die Uhr sah. Früher war ihm das nicht so gegangen, da hätte er am liebsten auf dem Schrottplatz gewohnt. Aber da war auch noch alles weniger kompliziert gewesen. Da hatte er Justus und Peter alles erzählen können. Aber das vorher gewesen. Bevor im letzten Sommer Peter entführt worden war. Bevor Bob beinahe durch die Hölle gegangen war und ihm klar wurde, warum er und Kelly wohl niemals Freunde werden würden.
Es war seltsam, aber rückblickend konnte Bob nicht einmal sagen, dass er wirklich überrascht war. Eigentlich hätte er schon lange wissen können, was in ihm vorging, nur hatte er es sich vorher nie eingestehen wollen. Eine Zeit lang hatte er mit dem Gedanken gespielt, es den anderen zu sagen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass einer seiner Kollegen ein Problem damit haben würde. Aber Justus war nicht gerade der feinfühligste, wenn es um Beziehungskisten ging und Peter…nun, Peter war eben sein bester Freund und er würde garantiert nichts tun, was an dieser Tatsache auch nur das Geringste verändern konnte.
Also war Bob auf Abstand gegangen. Nichts Extremes. Sie lösten immer noch gemeinsam Fälle, besuchten die gleiche Schule und verbrachten einen Großteil ihrer Freizeit miteinander. Nur war ihm eben aufgefallen, dass es zum ersten Mal in seinem Leben entspannend sein konnte, ein wenig ohne Peter zu sein. Schmerzhaft und langweilig, aber entspannend…
Jedenfalls hatte Just natürlich in letzter Sekunde abgesagt, Peter war eingesprungen und das war es mit Bobs Plan gewesen, sich eine Auszeit von dem Chaos zu nehmen, das momentan seine Gefühlswelt war. Er seufzte und versuchte, es mehr genervt als deprimiert klingen zu lassen.
„Keine Ahnung, Peter. Aber wenn das so weiter geht, kannst du schon mal einen Weihnachtsbaum besorgen gehen, denn dann stehen wir Heiligabend immer noch hier.“
Peter grinste. „Was ist denn los, Bob? Sonst bist du doch der Vernünftige von uns. Keine Lust auf Observation mehr?“
Bob spürte, wie sein Herz schneller schlug. Ganz gleich, wie oft er Peter schon hatte Lächeln sehen, der Anblick warf ihn jedes Mal wieder aus der Bahn, vor allem wenn er ihm galt. Bemüht lässig zuckte Bob die Schultern. „Ich weiß auch nicht. Irgendwie ist mir heute einfach nicht danach, den vierten Advent hier abzusitzen und auf einen Typen zu warten, der vermutlich sowieso längst was Besseres zu tun hat.“
Peter hatte sich an ihr Auto zurückgelehnt und nickte. „Kann ich verstehen.“
„Und kalt ist es auch noch.“ Bob konnte sich einfach nicht helfen, dieser Nachmittag war so viel frustrierender als er erwartet hatte. Es stimmte sogar, zwar waren sie in Kalifornien weit davon entfernt, auf so etwas wie weiße Weihnachten hoffen zu können, aber der Himmel war schon seit Tagen bedeckt und ebenso Grau wie der Boden unter ihnen und die knappen 16 Grad waren für L.A. schon fast eisig. Ein leichter Schauer überlief Bob und er bemerkt, wie Peter ihn mitleidig ansah.
„Na ja…vielleicht können wir ja auch einfach drin warten? Da ist es wärmer.“ Entgegen seiner schlechten Laune stahl sich ein Lächeln auf Bobs Züge. Peter konnte wirklich besorgt sein, wenn er wollte. Bob riss sich zusammen. Es gab keinen Grund, seinen Freund für seine eigene schlechte Laune leiden zu lassen.
„Schon okay, Peter. Ich bin heute einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden. Und drinnen ist bestimmt alles noch unübersichtlicher. Wir warten einfach noch ein bisschen, so schlimm kann es ja nicht werde-“ Exakt in diesem Moment beschlossen die Wolken, die sich so unheilschwanger über ihnen zusammen gebraut hatten, sich endlich ihrer Last zu entledigen und sanft, aber intensiv rieselten die ersten Regentropfen auf sie hernieder.
„Vergiss es!“, presste Bob zwischen den Zähnen hervor. „Drinnen sehen wir mindestens genauso viel.“
Peter lachte laut auf und legte Bob jovial den Arm um die Schulter, während der schnell seine Brille abnahm, um sie vor der Nässe zu schützen und sie beide in Richtung der großen Eingangstür rannten.
Zehn Minuten später hatten beide Jungs jeweils einen Pappbecher mit dampfendem Kaffee in den Händen und lehnte sich über das Geländer der Galerie, um einen besseren Blick auf den Springbrunnen in der Mitte des Einkaufszentrums zu haben. Entgegen der regionalen Gegebenheiten waren die echten Palmen, die das Atrium des Zentrums säumten mit Kunstschnee und grell blinkenden Lichterketten dekoriert. Selbst auf den elektronischen Werbetafeln flackerte künstliches und vollkommen unnötiges Kaminfeuer. Von oben tröpfelte weiter der seltene kalifornische Regen auf das Glasdach der Mall und aus den Lautsprechern dudelte eine geschmacklose Popvariante des Weihnachtsklassikers „Let it snow“. Bob fragte sich gerade, wie die Leute um sie herum ob dieser Aussichten nur so fröhlich wirken konnten, als Peter ihn in die Rippen knuffte.
„Was ist denn mit dir los, Bob? Sonst bist du um diese Zeit des Jahres doch in Hochstimmung!“
Das stimmte. Normalerweise mochte Bob die Weihnachtszeit sehr. Aber normalerweise war ihm auch nicht schmerzhaft bewusst, wie sehr „Die schönste Zeit des Jahres mit den Lieben verbringen“ Peter hätte beinhalten müssen und wie sehr das nicht der Fall sein würde. Peter verbrachte die Feiertage meist mit seiner Familie und natürlich Kelly. Dieses Jahr war Bob zum ersten Mal wirklich bewusst, dass das ungute Gefühl, das er dabei verspürte, nichts anderes als schlicht Eifersucht war. Er zuckte die Schultern.
„Keine Ahnung, Zweiter. Ich bin dieses Jahr einfach nicht richtig in Weihnachtsstimmung.“ Immerhin zur Hälfte die Wahrheit. „Ich meine, klar, Schnee und sowas haben wir hier ja eh nicht, aber im Moment ist echt der Wurm drin. Vielleicht nutz‘ ich die freien Tage einfach, um das Archiv zu sortieren…“ Er nahm einen Schluck Kaffee und versuchte, das Gespräch durch Smalltalk aufzulockern: „Was machst du denn dieses Jahr so an Weihnachten? Seid ihr bei Kellys Familie?“ Er war sich ziemlich sicher, dass er nicht so neutral geklungen hatte, wie er versucht hatte, aber Peter schien nichts zu bemerken, sondern starrte nur weiter gradeaus.
„Ja, weißt du…“ Bob schielte leicht nach rechts, um seinen Freund, der mit einem Mal erstaunlich nervös schien, genauer betrachten zu können. „Da gibt es etwas, das ich schon länger erzählen wollte.“ Peter schwieg eine Weile, aber Bob wartete geduldig ab und schließlich fuhr der Detektiv fort: „Kelly und ich…das...das gibt’s nicht mehr.“ Bob sah ihn überrascht an. „Wir haben Schluss gemacht.“
Peter schien auf eine Reaktion zu warten und Bob zwang sich, sich zu sammeln. „Das…äh, das tut mir Leid.“ Er bemühte sich, sich nicht anmerken zu lassen, wie sein Herz mit einem Mal schneller schlug. „Wann…Wann ist das denn passiert? Und warum hast du nichts erzählt?“
„Na ja…“ Peter schien die ganze Sache ziemlich unangenehm zu sein. Er drehte sich zu Bob und kratzte sich verlegen den Hinterkopf. „Eigentlich haben wir schon seit ner Weile nicht mehr richtig funktioniert. So als Pärchen, meine ich. Kelly ist eine tolle Frau und wir sind wirklich gute Freunde, sind wir übrigens immer noch. Aber seit der Sache mit den Bradys…mir ist damals einfach klar geworden, was wirklich wichtig ist für mich und dann haben wir im Grunde eigentlich beide festgestellt, dass wir als Freunde besser dran sind und uns im November getrennt.“
Bob sah seinen Freund fassungslos an. Wut und Freude wechselten sich mit einem Mal gegenseitig ab. Eine heimliche, egoistische und vollkommen unbegründete Freude, dass Peter nun wieder ganz ihm gehörte. Und Justus natürlich, schließlich würde der zweite Detektiv nun wieder ganz und gar seinen Kollegen zur Verfügung stehen. Gleichzeitig Wut und Enttäuschung, dass der Andere ihm nicht genug vertraut hatte, diese Entwicklung mit ihm zu teilen. Aber Bob war sich sehr sicher, dass keines dieser Gefühle gerade angebracht war und Peter sah ihn so erwartungsvoll an, als wartete er gespannt auf eine Reaktion von Bob, sodass dieser kaum Zeit hatte, darüber nachzudenken, sondern seine Gefühle kurz herunterschluckte und erneut hervorbrachte: „Tut mir wirklich Leid, Peter!“
Er überlegte, was er noch sagen konnte, aber ihm fiel nichts ein, jedenfalls nichts, was nicht enorm verräterisch gewesen wäre. Peter wirkte enttäuscht, schüttelte aber nur den Kopf. „Muss es nicht. Es ist wirklich besser so und…und es ist ja nicht so, als ob es deine Schuld gewesen wäre.“
Es folgte eine kurze Stille und Bob war nicht in der Lage auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Warum genau hatte Peter Schluss gemacht? Sollte er nachfragen oder ging ihn das nichts an? Hatte er nur festgestellt, dass Kelly nicht die Richtige für ihn war oder dass eine andere es war? Oder vielleicht sogar ein Anderer? Nein, das war nun wirklich reines Wunschdenken! Aber warum wirkte Peter auf einmal so nervös?
Verzweifelt überlegte Bob, wie er das peinliche Schweigen brechen konnte, das zwischen ihnen entstanden war, als Peter sich entschlossen von der Brüstung abstieß und ihn breit angrinste: „Komm, hier finden wir garantiert niemanden! Lass uns die verschiedenen Wäschereien abklappern und dabei ein paar Einkäufe erledigen! Vielleicht kriegen wir dich ja doch noch in Weihnachtsstimmung! Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich vorhin in einem der Schaufenster einen Norwegerpulli mit Rentiermuster gesehen, der müsste dir ganz hervorragend stehen!“
Bob brauchte eine Sekunde, um wieder in die Realität zurückzufinden und noch einen Moment, um sich eine schlagfertige Antwort einfallen zu lassen. Er wollte gerade Peter auf möglichst unverfängliche und freundschaftliche Weise wissen lassen, dass er sich nicht von ihm neu einkleiden lassen würde, als er ihn sah: Annähernd zwei Meter groß überragte der ansonsten recht unauffällige Mann die Masse. Bob erkannte ihn sofort von der Phantomzeichnung wieder, ihren Hauptverdächtigen. Offensichtlich hatten sie Recht gehabt mit ihrer Vermutung, denn er war noch etwa fünfzehn Schritte entfernt und hielt direkt auf die Sound-and-Clean-Drycleaners Wäscherei zu. Vor der sie beide gerade standen. Noch schien er sie nicht entdeckt zu haben, aber bei ihren momentan nicht gegebenen Ausweichmöglichkeiten war es nur noch eine Frage der Zeit. Panik stieg in Bob auf.
Peter, der mit dem Rücken zur Masse stand, hatte nichts bemerkt und sah Bob verwirrt an. „Was ist denn los? Ist ja schon okay, du darfst deine Klamotten anbehalten!“
In dieser Sekunde tat Bob das Einzige, was ihm noch einfiel. Er griff Peter an seinem klammen T-Shirt, zog ihn zu sich und schleuderte ihm ein verzweifeltes „Schnell, küss mich!“ entgegen, bevor er jede Nachfrage des Anderen mit einem Kuss unterband.
Die Zeit scheint für Bob stillzustehen. Obwohl er die Augen nicht geschlossen hat – zu sehr muss er dafür auf ihre Umgebung achten – ist alles, was er jetzt spürt, wie weich Peters Lippen sind und wie sehr sie genauso schmecken, wie er es sich immer vorgestellt hat. Erst dann bemerkt er, dass Peters Haltung entspannter wird und er sich leicht zu ihm hinabbeugt, damit der Kürzere nicht mehr auf Zehenspitzen stehen muss. Gleichzeitig hat sich eine von Peters großen Händen in seine blonden Locken vergraben und zieht ihn näher zu sich. Aus den Augenwinkeln nimmt er wahr, dass der hochgewachsene Mann sie passiert, ihnen aber lediglich einen angewiderten Blick zuwirft, bevor er im Telefonshop neben dem Waschsalon verschwindet. Das ist ihm aber egal, denn ganz gleich, was er sich dabei gedacht, er küsst gerade Peter und Peter küsst ihn zurück. Für einen Moment erhascht Bob einen Blick in die Ewigkeit.
Dann war die Gefahr vorüber und schweren Herzens löste sich Bob aus dem Kuss. Er gönnte sich eine Sekunde, um seine Brille zu richten, bevor er sich zwang, zu Peter aufzusehen. Der wirkte in etwa ähnlich überrumpelt und verwirrt, wie Bob sich fühlte. „Was war das denn?“ Die Frage war knapp formuliert und hätte durchaus böse gemeint sein können, aber Peter wirkte nicht im geringsten böse und das warme Lächeln auf seinen Lippen sprach Bände.
„Dieser Typ, unsere Zielperson, die ist gerade in die Wäscherei. Und er durfte uns doch nicht erkennen. Und wir hatten gerade über deine Beziehungen gesprochen und äh…da…da…“ Bob war sich ziemlich sicher, dass er gerade hektische rote Flecken im Gesicht haben musste und so ganz sicher war selbst noch immer nicht, welcher Teufel ihn da gerade geritten hatte. Dann spürte er, wie Peter seine Hand ergriff und ihre Finger verschränkte.
„Schon klar!“ Vermutlich sollte Peters Tonfall gerade amüsiert klingen, aber auch er schien noch ganz außer Atem zu sein und so klang seine Antwort etwas kurzatmig. „Eine absolut vernünftige und professionelle Entscheidung.“ Erst nachdem sie sich ein, zwei Sekunden peinlich berührt angestarrt hatten, fuhr er schließlich fort: „Danke für deine schnelle Reaktionsgabe, Bob!“
Bob wurde, falls möglich noch röter. „Gern geschehen, Peter!“ Nervös blickte er zur Seite. Noch immer standen sie unerhört nahe beieinander, sodass Bob förmlich die Hitze spüren konnte, die Peters Körper ausstrahlte. Dann fasste er sich ein Herz und sah wieder zu Peter auf und drückte kurz aber eindeutig seine Hand.
„Bob“
„Ja?“
„Frag mich doch nochmal, mit wem ich dieses Jahr Weihnachten verbringe!“
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Oh, the weather outside is frightful
but the fire is so delightful
and since we’ve got no place to go
let it snow, let it snow, let it snow.
Charaktere: Peter Shaw/ Bob Andrews
Challenges: „Schnell, küss mich!“ (+ Regenwetter)
Wörter: ~2400
Inhalt: Das Übliche: Peter, Bob, langweilige Beschattungsmaßnahmen und sehr viel Awkwardness.
„Wird das heute überhaupt nochmal was?“ Gelangweilt kickte Peter einen Kronkorken vor sich her, während er von einem Fuß auf den anderen trat. Auch Bob hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt, während sie versuchten, auf dem dicht besetzten Parkplatz eines Einkaufszentrums in Los Angeles möglichst wenig zwischen den Autos aufzufallen. Missmutig ließ er seinen Blick zu dem großen Beton-und-Glasbau schweifen.
Sie standen nun schon seit geschlagenen zwei Stunden in der grauen, von gestressten Müttern und panischen Ehemännern auf der Suche nach einem Last-Minute-Weihnachtsgeschenk überfluteten Asphaltwüste die Beine in den Bauch, ohne dass sich ihre Zielperson auch nur ansatzweise gezeigt hatte. Der momentane Fall der Drei Fragezeichen war, zugegebenermaßen, einer ihrer bizarreren: Geldwäsche im Waschsalon. Es war geradezu Ironie des Schicksals.
Vor ein paar Tagen hatte ein bestohlener Juwelier aus Rocky Beach sich an die Detektive gewandt, um an seine verschwundenen Schmuckstücke zu kommen und tatsächlich hatten sie die Ohrringe und Broschen recht schnell ausfindig machen können. Die ältere Dame, die das Diebesgut unwissentlich erstanden hatte, konnte sich leider nur noch undeutlich an den Mann erinnern, der ihr den Schmuck verkauft hatte. Um dennoch an den Hehler und somit hoffentlich auch den Dieb heranzukommen, hatten die Drei Nachforschungen angestellt und herausgefunden, dass die Beute aus diversen Diebstählen der letzten Zeit offenbar über eine Wäscherei in der Santa Monica Arcade Mall weitergegeben und zu Geld gemacht wurde. Eine Wäscherei. Insgesamt gab es aber drei, die in dem riesigen Gebäudekomplex infrage kamen. Also musste die Mall observiert werden. Wieder einmal.
Bob hatte sich schnell bereiterklärt, diese Aufgabe zu übernehmen, sobald klar gewesen war, dass er sie sich mit Justus teilen würde. Es war nicht so, dass er das Clubhaus in letzter Zeit mied. Er war nur einfach manchmal erleichtert, wenn er seine Kollegen nicht rund um die Uhr sah. Früher war ihm das nicht so gegangen, da hätte er am liebsten auf dem Schrottplatz gewohnt. Aber da war auch noch alles weniger kompliziert gewesen. Da hatte er Justus und Peter alles erzählen können. Aber das vorher gewesen. Bevor im letzten Sommer Peter entführt worden war. Bevor Bob beinahe durch die Hölle gegangen war und ihm klar wurde, warum er und Kelly wohl niemals Freunde werden würden.
Es war seltsam, aber rückblickend konnte Bob nicht einmal sagen, dass er wirklich überrascht war. Eigentlich hätte er schon lange wissen können, was in ihm vorging, nur hatte er es sich vorher nie eingestehen wollen. Eine Zeit lang hatte er mit dem Gedanken gespielt, es den anderen zu sagen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass einer seiner Kollegen ein Problem damit haben würde. Aber Justus war nicht gerade der feinfühligste, wenn es um Beziehungskisten ging und Peter…nun, Peter war eben sein bester Freund und er würde garantiert nichts tun, was an dieser Tatsache auch nur das Geringste verändern konnte.
Also war Bob auf Abstand gegangen. Nichts Extremes. Sie lösten immer noch gemeinsam Fälle, besuchten die gleiche Schule und verbrachten einen Großteil ihrer Freizeit miteinander. Nur war ihm eben aufgefallen, dass es zum ersten Mal in seinem Leben entspannend sein konnte, ein wenig ohne Peter zu sein. Schmerzhaft und langweilig, aber entspannend…
Jedenfalls hatte Just natürlich in letzter Sekunde abgesagt, Peter war eingesprungen und das war es mit Bobs Plan gewesen, sich eine Auszeit von dem Chaos zu nehmen, das momentan seine Gefühlswelt war. Er seufzte und versuchte, es mehr genervt als deprimiert klingen zu lassen.
„Keine Ahnung, Peter. Aber wenn das so weiter geht, kannst du schon mal einen Weihnachtsbaum besorgen gehen, denn dann stehen wir Heiligabend immer noch hier.“
Peter grinste. „Was ist denn los, Bob? Sonst bist du doch der Vernünftige von uns. Keine Lust auf Observation mehr?“
Bob spürte, wie sein Herz schneller schlug. Ganz gleich, wie oft er Peter schon hatte Lächeln sehen, der Anblick warf ihn jedes Mal wieder aus der Bahn, vor allem wenn er ihm galt. Bemüht lässig zuckte Bob die Schultern. „Ich weiß auch nicht. Irgendwie ist mir heute einfach nicht danach, den vierten Advent hier abzusitzen und auf einen Typen zu warten, der vermutlich sowieso längst was Besseres zu tun hat.“
Peter hatte sich an ihr Auto zurückgelehnt und nickte. „Kann ich verstehen.“
„Und kalt ist es auch noch.“ Bob konnte sich einfach nicht helfen, dieser Nachmittag war so viel frustrierender als er erwartet hatte. Es stimmte sogar, zwar waren sie in Kalifornien weit davon entfernt, auf so etwas wie weiße Weihnachten hoffen zu können, aber der Himmel war schon seit Tagen bedeckt und ebenso Grau wie der Boden unter ihnen und die knappen 16 Grad waren für L.A. schon fast eisig. Ein leichter Schauer überlief Bob und er bemerkt, wie Peter ihn mitleidig ansah.
„Na ja…vielleicht können wir ja auch einfach drin warten? Da ist es wärmer.“ Entgegen seiner schlechten Laune stahl sich ein Lächeln auf Bobs Züge. Peter konnte wirklich besorgt sein, wenn er wollte. Bob riss sich zusammen. Es gab keinen Grund, seinen Freund für seine eigene schlechte Laune leiden zu lassen.
„Schon okay, Peter. Ich bin heute einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden. Und drinnen ist bestimmt alles noch unübersichtlicher. Wir warten einfach noch ein bisschen, so schlimm kann es ja nicht werde-“ Exakt in diesem Moment beschlossen die Wolken, die sich so unheilschwanger über ihnen zusammen gebraut hatten, sich endlich ihrer Last zu entledigen und sanft, aber intensiv rieselten die ersten Regentropfen auf sie hernieder.
„Vergiss es!“, presste Bob zwischen den Zähnen hervor. „Drinnen sehen wir mindestens genauso viel.“
Peter lachte laut auf und legte Bob jovial den Arm um die Schulter, während der schnell seine Brille abnahm, um sie vor der Nässe zu schützen und sie beide in Richtung der großen Eingangstür rannten.
Zehn Minuten später hatten beide Jungs jeweils einen Pappbecher mit dampfendem Kaffee in den Händen und lehnte sich über das Geländer der Galerie, um einen besseren Blick auf den Springbrunnen in der Mitte des Einkaufszentrums zu haben. Entgegen der regionalen Gegebenheiten waren die echten Palmen, die das Atrium des Zentrums säumten mit Kunstschnee und grell blinkenden Lichterketten dekoriert. Selbst auf den elektronischen Werbetafeln flackerte künstliches und vollkommen unnötiges Kaminfeuer. Von oben tröpfelte weiter der seltene kalifornische Regen auf das Glasdach der Mall und aus den Lautsprechern dudelte eine geschmacklose Popvariante des Weihnachtsklassikers „Let it snow“. Bob fragte sich gerade, wie die Leute um sie herum ob dieser Aussichten nur so fröhlich wirken konnten, als Peter ihn in die Rippen knuffte.
„Was ist denn mit dir los, Bob? Sonst bist du um diese Zeit des Jahres doch in Hochstimmung!“
Das stimmte. Normalerweise mochte Bob die Weihnachtszeit sehr. Aber normalerweise war ihm auch nicht schmerzhaft bewusst, wie sehr „Die schönste Zeit des Jahres mit den Lieben verbringen“ Peter hätte beinhalten müssen und wie sehr das nicht der Fall sein würde. Peter verbrachte die Feiertage meist mit seiner Familie und natürlich Kelly. Dieses Jahr war Bob zum ersten Mal wirklich bewusst, dass das ungute Gefühl, das er dabei verspürte, nichts anderes als schlicht Eifersucht war. Er zuckte die Schultern.
„Keine Ahnung, Zweiter. Ich bin dieses Jahr einfach nicht richtig in Weihnachtsstimmung.“ Immerhin zur Hälfte die Wahrheit. „Ich meine, klar, Schnee und sowas haben wir hier ja eh nicht, aber im Moment ist echt der Wurm drin. Vielleicht nutz‘ ich die freien Tage einfach, um das Archiv zu sortieren…“ Er nahm einen Schluck Kaffee und versuchte, das Gespräch durch Smalltalk aufzulockern: „Was machst du denn dieses Jahr so an Weihnachten? Seid ihr bei Kellys Familie?“ Er war sich ziemlich sicher, dass er nicht so neutral geklungen hatte, wie er versucht hatte, aber Peter schien nichts zu bemerken, sondern starrte nur weiter gradeaus.
„Ja, weißt du…“ Bob schielte leicht nach rechts, um seinen Freund, der mit einem Mal erstaunlich nervös schien, genauer betrachten zu können. „Da gibt es etwas, das ich schon länger erzählen wollte.“ Peter schwieg eine Weile, aber Bob wartete geduldig ab und schließlich fuhr der Detektiv fort: „Kelly und ich…das...das gibt’s nicht mehr.“ Bob sah ihn überrascht an. „Wir haben Schluss gemacht.“
Peter schien auf eine Reaktion zu warten und Bob zwang sich, sich zu sammeln. „Das…äh, das tut mir Leid.“ Er bemühte sich, sich nicht anmerken zu lassen, wie sein Herz mit einem Mal schneller schlug. „Wann…Wann ist das denn passiert? Und warum hast du nichts erzählt?“
„Na ja…“ Peter schien die ganze Sache ziemlich unangenehm zu sein. Er drehte sich zu Bob und kratzte sich verlegen den Hinterkopf. „Eigentlich haben wir schon seit ner Weile nicht mehr richtig funktioniert. So als Pärchen, meine ich. Kelly ist eine tolle Frau und wir sind wirklich gute Freunde, sind wir übrigens immer noch. Aber seit der Sache mit den Bradys…mir ist damals einfach klar geworden, was wirklich wichtig ist für mich und dann haben wir im Grunde eigentlich beide festgestellt, dass wir als Freunde besser dran sind und uns im November getrennt.“
Bob sah seinen Freund fassungslos an. Wut und Freude wechselten sich mit einem Mal gegenseitig ab. Eine heimliche, egoistische und vollkommen unbegründete Freude, dass Peter nun wieder ganz ihm gehörte. Und Justus natürlich, schließlich würde der zweite Detektiv nun wieder ganz und gar seinen Kollegen zur Verfügung stehen. Gleichzeitig Wut und Enttäuschung, dass der Andere ihm nicht genug vertraut hatte, diese Entwicklung mit ihm zu teilen. Aber Bob war sich sehr sicher, dass keines dieser Gefühle gerade angebracht war und Peter sah ihn so erwartungsvoll an, als wartete er gespannt auf eine Reaktion von Bob, sodass dieser kaum Zeit hatte, darüber nachzudenken, sondern seine Gefühle kurz herunterschluckte und erneut hervorbrachte: „Tut mir wirklich Leid, Peter!“
Er überlegte, was er noch sagen konnte, aber ihm fiel nichts ein, jedenfalls nichts, was nicht enorm verräterisch gewesen wäre. Peter wirkte enttäuscht, schüttelte aber nur den Kopf. „Muss es nicht. Es ist wirklich besser so und…und es ist ja nicht so, als ob es deine Schuld gewesen wäre.“
Es folgte eine kurze Stille und Bob war nicht in der Lage auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Warum genau hatte Peter Schluss gemacht? Sollte er nachfragen oder ging ihn das nichts an? Hatte er nur festgestellt, dass Kelly nicht die Richtige für ihn war oder dass eine andere es war? Oder vielleicht sogar ein Anderer? Nein, das war nun wirklich reines Wunschdenken! Aber warum wirkte Peter auf einmal so nervös?
Verzweifelt überlegte Bob, wie er das peinliche Schweigen brechen konnte, das zwischen ihnen entstanden war, als Peter sich entschlossen von der Brüstung abstieß und ihn breit angrinste: „Komm, hier finden wir garantiert niemanden! Lass uns die verschiedenen Wäschereien abklappern und dabei ein paar Einkäufe erledigen! Vielleicht kriegen wir dich ja doch noch in Weihnachtsstimmung! Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich vorhin in einem der Schaufenster einen Norwegerpulli mit Rentiermuster gesehen, der müsste dir ganz hervorragend stehen!“
Bob brauchte eine Sekunde, um wieder in die Realität zurückzufinden und noch einen Moment, um sich eine schlagfertige Antwort einfallen zu lassen. Er wollte gerade Peter auf möglichst unverfängliche und freundschaftliche Weise wissen lassen, dass er sich nicht von ihm neu einkleiden lassen würde, als er ihn sah: Annähernd zwei Meter groß überragte der ansonsten recht unauffällige Mann die Masse. Bob erkannte ihn sofort von der Phantomzeichnung wieder, ihren Hauptverdächtigen. Offensichtlich hatten sie Recht gehabt mit ihrer Vermutung, denn er war noch etwa fünfzehn Schritte entfernt und hielt direkt auf die Sound-and-Clean-Drycleaners Wäscherei zu. Vor der sie beide gerade standen. Noch schien er sie nicht entdeckt zu haben, aber bei ihren momentan nicht gegebenen Ausweichmöglichkeiten war es nur noch eine Frage der Zeit. Panik stieg in Bob auf.
Peter, der mit dem Rücken zur Masse stand, hatte nichts bemerkt und sah Bob verwirrt an. „Was ist denn los? Ist ja schon okay, du darfst deine Klamotten anbehalten!“
In dieser Sekunde tat Bob das Einzige, was ihm noch einfiel. Er griff Peter an seinem klammen T-Shirt, zog ihn zu sich und schleuderte ihm ein verzweifeltes „Schnell, küss mich!“ entgegen, bevor er jede Nachfrage des Anderen mit einem Kuss unterband.
Die Zeit scheint für Bob stillzustehen. Obwohl er die Augen nicht geschlossen hat – zu sehr muss er dafür auf ihre Umgebung achten – ist alles, was er jetzt spürt, wie weich Peters Lippen sind und wie sehr sie genauso schmecken, wie er es sich immer vorgestellt hat. Erst dann bemerkt er, dass Peters Haltung entspannter wird und er sich leicht zu ihm hinabbeugt, damit der Kürzere nicht mehr auf Zehenspitzen stehen muss. Gleichzeitig hat sich eine von Peters großen Händen in seine blonden Locken vergraben und zieht ihn näher zu sich. Aus den Augenwinkeln nimmt er wahr, dass der hochgewachsene Mann sie passiert, ihnen aber lediglich einen angewiderten Blick zuwirft, bevor er im Telefonshop neben dem Waschsalon verschwindet. Das ist ihm aber egal, denn ganz gleich, was er sich dabei gedacht, er küsst gerade Peter und Peter küsst ihn zurück. Für einen Moment erhascht Bob einen Blick in die Ewigkeit.
Dann war die Gefahr vorüber und schweren Herzens löste sich Bob aus dem Kuss. Er gönnte sich eine Sekunde, um seine Brille zu richten, bevor er sich zwang, zu Peter aufzusehen. Der wirkte in etwa ähnlich überrumpelt und verwirrt, wie Bob sich fühlte. „Was war das denn?“ Die Frage war knapp formuliert und hätte durchaus böse gemeint sein können, aber Peter wirkte nicht im geringsten böse und das warme Lächeln auf seinen Lippen sprach Bände.
„Dieser Typ, unsere Zielperson, die ist gerade in die Wäscherei. Und er durfte uns doch nicht erkennen. Und wir hatten gerade über deine Beziehungen gesprochen und äh…da…da…“ Bob war sich ziemlich sicher, dass er gerade hektische rote Flecken im Gesicht haben musste und so ganz sicher war selbst noch immer nicht, welcher Teufel ihn da gerade geritten hatte. Dann spürte er, wie Peter seine Hand ergriff und ihre Finger verschränkte.
„Schon klar!“ Vermutlich sollte Peters Tonfall gerade amüsiert klingen, aber auch er schien noch ganz außer Atem zu sein und so klang seine Antwort etwas kurzatmig. „Eine absolut vernünftige und professionelle Entscheidung.“ Erst nachdem sie sich ein, zwei Sekunden peinlich berührt angestarrt hatten, fuhr er schließlich fort: „Danke für deine schnelle Reaktionsgabe, Bob!“
Bob wurde, falls möglich noch röter. „Gern geschehen, Peter!“ Nervös blickte er zur Seite. Noch immer standen sie unerhört nahe beieinander, sodass Bob förmlich die Hitze spüren konnte, die Peters Körper ausstrahlte. Dann fasste er sich ein Herz und sah wieder zu Peter auf und drückte kurz aber eindeutig seine Hand.
„Bob“
„Ja?“
„Frag mich doch nochmal, mit wem ich dieses Jahr Weihnachten verbringe!“
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Oh, the weather outside is frightful
but the fire is so delightful
and since we’ve got no place to go
let it snow, let it snow, let it snow.
no subject
Date: 2015-12-03 01:13 pm (UTC)no subject
Date: 2015-12-03 03:48 pm (UTC)Eine wirklich tolle Geschichte, die selbst in mir ein bisschen vom bisher nur sehr selektiv auftretenden Weihnachtsgefühl geweckt hat (was auch daran liegt, dass ich nun einen Ohrwurm von "Let it snow" habe, danke auch dafür :P).
no subject
Date: 2015-12-03 06:19 pm (UTC)no subject
Date: 2015-12-06 02:01 pm (UTC)no subject
Date: 2015-12-11 07:51 pm (UTC)