Team: Morpheus
Fandom: Tumbling (AU)
Challenge: h/c -Elektroschock - für mich
Personen: Mizusawa, Ryôsuke, Yûta, Wataru und der ganze Rest
Anmerkung: Spielt etwa zur selben Zeit wie der letzte Teil. Man lernt den neuen Mitbewohner kennen.
Niemals wird er den Augenblick vergessen, in dem der Junge ihn zum ersten Mal anschaut, nicht durch ihn hindurch.
Es ist nicht einmal zehn Tage her. Da war Sonnenlicht, welches durch das Dachfenster fiel und helldunkle Muster über den Krankenfuton warf, welches die Augen des Fremden in eine warme Farbe tauchte.
„Es ist alles in Ordnung“, hat Taku gesagt und die Decken höher über den Jungen gezogen.
„Du bist in Sicherheit und ich passe auf dich auf. Okay?“
Der Junge hat ihn angesehen wie ein Kind, das aus einem langen Alptraum aufgewacht ist, das noch nicht weiß, in welcher Sphäre es sich befindet.
„Wie heißt du?“, hat Taku gefragt und versucht, nicht überrascht zu sein, als der Kranke nach seiner Hand gefasst hat. Mit kühlen, dünnen Fingern.
„Ryôsuke.“
–
Er hat sich vorher keinen Namen für Ryôsuke vorgestellt.
Taku war noch nie gut darin, Menschen fiktive Namen zu geben. Vielleicht hätte er ihn im Kopf Yamada Tarô nennen sollen, vielleicht X-kun oder irgendsoetwas. Doch letztlich passt Ryôsuke in keine Musterschablone.
Taku beobachtet ihn vorsichtig. Kaum dass Ryôsuke halb sitzen kann (man kann ihm drei große Kissen hinter den Rücken legen, das geht schon nicht mehr als Liegen durch) und selbst langsam Löffel Suppe an seine Lippen führt, beginnt ein kleiner Strom an neugierigen Besuchern.
Nipporis jüngere Geschwister sind die ersten – und enttäuscht, dass der Patient schläft, als sie hereinkommen. Taku liegt eng neben ihm und legt einen Finger an die Lippen um ihnen zu bedeuten, Ryôsuke nicht zu wecken. Nipporis jüngster Bruder legt, vorsichtig wie Häschen, einen seiner extra aufgesparten Lollis neben den Futon.
„Den kann er ja essen, wenn er wieder wach ist“, nuschelt er.
Taku nickt lächelnd.
Satoshi ist der nächste.
Er stellt nur eine neue Kanne Tee am Kopfende ab und betrachtet Ryôsukes erschöpftes, schlummerndes Gesicht eine kleine Weile, ehe er sich leise erkundigt, wie es ihm geht.
„Wenn er irgendetwas braucht, sag Bescheid“, flüstert er.
Taku nickt wieder.
Hino und Nippori kommen zusammen.
Sie haben Glück, denn sie sind die ersten, die Ryôsuke in seinen wachen zehn Minuten erwischen.
Taku weiß nicht, ob er tatsächlich immer schläft oder in seiner unendlichen Erschöpfung dazwischen dösen muss. Aber er hat beobachtet, dass der Junge noch immer zu Verwirrung und Vergesslichkeit neigt.
Als Hino und Nippori ihn finden, ist Taku auf der Toilette. Er holt sich in der Küche eine kleine Stärkung von Natsuko-san, bekommt ein Stückchen Schokolade zugesteckt und kommt genau in dem Moment wieder oben ins Zimmer, als Nippori versucht mit Ryôsuke zu reden.
Es ist ein jämmerlicher Anblick.
Taku fühlt sich an eine Tierdokumentation aus Europa erinnert aus den Tagen, an denen es noch Fernsehen gab. Rehbabys, haben sie im Film gesagt, verbergen sich im hohen Gras, wenn ihre Mutter weg ist, und bewegen sich kein Stück. Weglaufen würde ihnen nichts nützen, und so ducken sie sich und hoffen noch immer, nicht gesehen zu werden, selbst wenn der nächste Fuchs oder Hund schon direkt neben ihnen steht.
Ryôsuke hat versucht, sich unauffällig in den Decken zu vergraben. Er ist noch zu schwach zum Aufstehen, also bleibt ihm keine Wahl. Mit aufgerissenen Augen schaut er zwischen Hino und Nippori hin und her. Anscheinend vermag er die beiden nicht einzuschätzen.
„Yo, nice, dich mal kennenzulernen! Ich bin Nippori und das da ist Hino. Wie geht’s dir so? Hast du dich ausruhen können? Sollen wir dir was bringen?“, sprudelt Nippori hervor und er bemerkt allem Anschein nach nicht, dass der Junge vor ihm bei jedem lauteren Wort zusammenzuckt, als würde er Elektroschocks bekommen.
Taku beeilt sich, sich wieder an seine Seite zu begeben und teilt den beiden Besuchern mit, dass er sich schon melden wird, wenn er etwas braucht.
Als sie das Zimmer verlassen, spürt er, wie die Anspannung aus seinem neuen Freund gleitet.
„Ich dachte, du wärst weg...“, murmelt der leise und versucht, es möglichst beiläufig klingen zu lassen.
Taku weiß es besser.
„Ich geh nicht weg“, entgegnet er und bemüht sich, genauso unbekümmert zu klingen.
„Nicht lange jedenfalls.“
Ryôsuke legt schüchtern einen Arm um seinen Bauch bevor er wieder wegdämmert.
–
Bei Wataru ist es eine halbe Katastrophe.
Taku ist nur kurz in der Küche unten und lässt sich Tee und Essen nachfüllen. Die Wege zwischen Krankenzimmer und dem Erdgeschoss sind seiner einzige Bewegung dieser Tage und es macht ihn schläfrig. Womöglich hört er Wataru deswegen erst viel zu spät seinen Namen rufen.
„Hey, Mizusawa.“
Nippori schlendert zur Küchentür herein.
„Dein Typ wird verlangt. Aniki schreit sich oben nach dir halb die Lungen wund.“
Er grinst.
Taku lässt vor Schreck fast die Teekanne fallen. Oh nein. Das ist nicht gut.
Er eilt die Treppe hinauf und stolpert um ein Haar, läuft auf halbem Wege beinah in Wataru hinein.
„Ich hab dich gesucht, Mann.“
Der Junge klopft ihm zärtlich auf die Schulter.
„Ich hab einige Worte mit Ryôsuke geredet. So gesprächig ist er aber nicht. Ob es ihm nicht gut geht?“ Er schaut besorgt die Treppenstufen hinauf zum Zimmer.
„Ich kümmer mich schon drum“, verspricht Taku hastig.
„Ist okay. Lass mich wissen, wenn du was brauchst.“
Wataru hat keine Ahnung, was er angerichtet hat. Es ist nicht seine Schuld, sagt Taku sich, als er neben Ryôsuke eilt, der aussieht, als hätte man hunderte Elektroschocks durch ihn hindurchgejagt.
Er hat keine Ahnung, was genau der Junge alles durch hat. Aber offensichtlich hat er ein Problem mit lauten Autoritätspersonen.
„Es wird alles gut“, flüstert Taku leise und streicht ihm über die Haare.
„Ich bin ja da. Es wird alles gut. Okay?“
Das ist das erste Mal, dass Ryôsuke bei vollem Bewusstsein ist, als er sich weinend an ihn klammert.
–
Bei Kiyama passt Taku höllisch auf.
Zwar wird Kiyama nie laut, aber wenn man ihn nicht kennt, verbreitet er womöglich eine furchteinflößende Aura. Man kann ja nicht automatisch wissen, dass er für Nipporis Geschwister durch halb eingestürzte Keller kriecht, um dort Süßigkeiten und Plüschtiere für sie zutage zu fördern.
Kiyama hat einen flauschigen Pullover dabei, als er zur Tür hereinkommt.
„Den hab ich gefunden“, sagt er unbeholfen und etwas steif und dreht das Kleidungsstück in den Händen.
Es sieht sehr teuer aus, ist weinrot und mutet unendlich weich an.
„Ich dachte vielleicht für den Neuen...für äh...Ryôsuke?“
Taku spürt Ryôsukes Blick neben sich an Kiyama abgleiten. Er zuckt nicht, aber er liegt mit einem Mal hart wie ein Brett da und blinzelt viel zu schnell.
„Sorry“, schiebt Kiyama hinterher.
„Ich bin nicht so gut mit Namen. Aber hier...wenn du ihn willst.“
Ryôsuke schluckt, als der Junge den Pullover in seine Hände über der Bettdecke legt. Mit den drei Kissen, die seinen Kopf erhöhen, kann er eine dankende Verbeugung zumindest andeuten. Doch er wagt es nicht, Kiyama anzusehen und es dauert lange, ehe er nickt, als Taku fragt, ob er ihm beim Anziehen helfen soll.
„Ganz warm“, murmelt Ryôsuke schließlich.
Er schaut auf seine Hände, die in den zu langen Ärmeln beinahe verschwinden.
Glücklich wirkt er über das Geschenk nicht.
–
Kaneko lässt sich nicht blicken.
Taku ist darum ganz froh und zugleich verärgert.
Dafür stellt er bald fest, mit wem Ryôsuke sich am besten zu vertragen scheint: Yûta.
Yûta ist keine Autoritätsperson, wie sie im Buche steht. Taku ist nicht mal sicher, wieviel Autorität dem Jungen in diesem Haus überhaupt zukommt. Alles, was er weiß, ist, dass Wataru ihn zu brauchen scheint wie die Luft zum Atmen.
Yûta ist die stille Gegenseite zu Wataru.
Als er einen Tag nach Kiyama an seiner Krücke ins Zimmer gehumpelt kommt (es muss einer seiner guten Tage sein, dass er sich die Reise ins Dachgeschoss auferlegt), ist es das erste Mal, dass Ryôsuke nicht zusammenzuckt.
Stattdessen versucht er sich, etwas mehr im Bett aufzusetzen und bleibt mit besorgtem Blick an Yûtas schlechtem Bein hängen. Alles an ihm ist plötzlich wacher und offener.
Ryôsuke hat vorher noch nie mit Yûta geredet. Gesehen mag er ihn haben, einmal in der schicksalshaften Gewitternacht oder in einem der Momente, in denen er zwischen Schlaf und Bewusstsein hing. Taku erinnert sich nur an den untröstlichen, betroffenen Ausdruck, den der Junge hatte, als Taku ihm erzählte, dass Yûta in Watarus Zimmer schläft und den er bis heute nicht versteht.
Er entscheidet sich, als Mittler einzuspringen.
„Das ist Yûta“, stellt er den Besucher vor.
„Er ist praktisch unser Schriftführer und Chronist.“
Weil Yûta kein Buch dabei hat, fährt Taku fort;
„Ich denke, er wird bald zu dir kommen und dich bitten, etwas von dir zu erzählen. Also, grundlegende Sachen wie deinen Namen und Geburtsdatum und ob du gegen irgendetwas allergisch bist oder bestimmte Dinge brauchst. Medizin und so. Damit Wataru und die anderen das einplanen können.“
Ryôsuke nickt andächtig. Dann schluckt er.
„Muss ich alles erzählen?“, fragt er schließlich zaghaft.
Yûta schüttelt sanft den Kopf.
„Du kannst entscheiden, was in deine Chronik soll“, erklärt Taku.
„Zum Beispiel... Ich hab ihm auch nur erzählt, dass man meine Eltern umgebracht hat. Aber nicht wann und wie und so....“
Siedend heiß fällt ihm ein, dass Ryôsuke das noch gar nicht wusste. Der besorgte Blick wandert zu ihm herüber, bleibt auf ihm ruhen und es fühlt sich zugleich warm und unangenehm an.
„Wie auch immer“, murmelt Taku verlegen,
„Wenn es soweit ist, wird Yûta sicher zu dir kommen.“
„Das musst du nicht.“ Ryôsuke versucht, sich noch aufrechter hinzusetzen.
„Ich komme auch zu dir. Du musst nicht...mit dem Bein...Das muss doch wehtun.“
Yûtas Augen werden für einen winzigen Moment größer vor Erstaunen. Er winkt schnell und mindestens genauso verlegen ab.
'Dir geht’s doch auch nicht blendend', scheint er damit sagen zu wollen.
Er lächelt aufmunternd.
Dann dreht er sich um und humpelt wieder zur Tür hinaus.
Yûta passt, denkt Taku hinterher, als Ryôsuke sich müde wieder bei ihm einrollt, ein bisschen verloren im neuen Pullover.
Was auch immer dem Jungen zugestoßen ist, er scheint Menschen wie Yûta zu brauchen, er scheint – warum auch immer – Schwächlinge wie ihn, Taku, zu brauchen.
Man lernt aus ersten Begegnungen.
Fandom: Tumbling (AU)
Challenge: h/c -Elektroschock - für mich
Personen: Mizusawa, Ryôsuke, Yûta, Wataru und der ganze Rest
Anmerkung: Spielt etwa zur selben Zeit wie der letzte Teil. Man lernt den neuen Mitbewohner kennen.
Niemals wird er den Augenblick vergessen, in dem der Junge ihn zum ersten Mal anschaut, nicht durch ihn hindurch.
Es ist nicht einmal zehn Tage her. Da war Sonnenlicht, welches durch das Dachfenster fiel und helldunkle Muster über den Krankenfuton warf, welches die Augen des Fremden in eine warme Farbe tauchte.
„Es ist alles in Ordnung“, hat Taku gesagt und die Decken höher über den Jungen gezogen.
„Du bist in Sicherheit und ich passe auf dich auf. Okay?“
Der Junge hat ihn angesehen wie ein Kind, das aus einem langen Alptraum aufgewacht ist, das noch nicht weiß, in welcher Sphäre es sich befindet.
„Wie heißt du?“, hat Taku gefragt und versucht, nicht überrascht zu sein, als der Kranke nach seiner Hand gefasst hat. Mit kühlen, dünnen Fingern.
„Ryôsuke.“
–
Er hat sich vorher keinen Namen für Ryôsuke vorgestellt.
Taku war noch nie gut darin, Menschen fiktive Namen zu geben. Vielleicht hätte er ihn im Kopf Yamada Tarô nennen sollen, vielleicht X-kun oder irgendsoetwas. Doch letztlich passt Ryôsuke in keine Musterschablone.
Taku beobachtet ihn vorsichtig. Kaum dass Ryôsuke halb sitzen kann (man kann ihm drei große Kissen hinter den Rücken legen, das geht schon nicht mehr als Liegen durch) und selbst langsam Löffel Suppe an seine Lippen führt, beginnt ein kleiner Strom an neugierigen Besuchern.
Nipporis jüngere Geschwister sind die ersten – und enttäuscht, dass der Patient schläft, als sie hereinkommen. Taku liegt eng neben ihm und legt einen Finger an die Lippen um ihnen zu bedeuten, Ryôsuke nicht zu wecken. Nipporis jüngster Bruder legt, vorsichtig wie Häschen, einen seiner extra aufgesparten Lollis neben den Futon.
„Den kann er ja essen, wenn er wieder wach ist“, nuschelt er.
Taku nickt lächelnd.
Satoshi ist der nächste.
Er stellt nur eine neue Kanne Tee am Kopfende ab und betrachtet Ryôsukes erschöpftes, schlummerndes Gesicht eine kleine Weile, ehe er sich leise erkundigt, wie es ihm geht.
„Wenn er irgendetwas braucht, sag Bescheid“, flüstert er.
Taku nickt wieder.
Hino und Nippori kommen zusammen.
Sie haben Glück, denn sie sind die ersten, die Ryôsuke in seinen wachen zehn Minuten erwischen.
Taku weiß nicht, ob er tatsächlich immer schläft oder in seiner unendlichen Erschöpfung dazwischen dösen muss. Aber er hat beobachtet, dass der Junge noch immer zu Verwirrung und Vergesslichkeit neigt.
Als Hino und Nippori ihn finden, ist Taku auf der Toilette. Er holt sich in der Küche eine kleine Stärkung von Natsuko-san, bekommt ein Stückchen Schokolade zugesteckt und kommt genau in dem Moment wieder oben ins Zimmer, als Nippori versucht mit Ryôsuke zu reden.
Es ist ein jämmerlicher Anblick.
Taku fühlt sich an eine Tierdokumentation aus Europa erinnert aus den Tagen, an denen es noch Fernsehen gab. Rehbabys, haben sie im Film gesagt, verbergen sich im hohen Gras, wenn ihre Mutter weg ist, und bewegen sich kein Stück. Weglaufen würde ihnen nichts nützen, und so ducken sie sich und hoffen noch immer, nicht gesehen zu werden, selbst wenn der nächste Fuchs oder Hund schon direkt neben ihnen steht.
Ryôsuke hat versucht, sich unauffällig in den Decken zu vergraben. Er ist noch zu schwach zum Aufstehen, also bleibt ihm keine Wahl. Mit aufgerissenen Augen schaut er zwischen Hino und Nippori hin und her. Anscheinend vermag er die beiden nicht einzuschätzen.
„Yo, nice, dich mal kennenzulernen! Ich bin Nippori und das da ist Hino. Wie geht’s dir so? Hast du dich ausruhen können? Sollen wir dir was bringen?“, sprudelt Nippori hervor und er bemerkt allem Anschein nach nicht, dass der Junge vor ihm bei jedem lauteren Wort zusammenzuckt, als würde er Elektroschocks bekommen.
Taku beeilt sich, sich wieder an seine Seite zu begeben und teilt den beiden Besuchern mit, dass er sich schon melden wird, wenn er etwas braucht.
Als sie das Zimmer verlassen, spürt er, wie die Anspannung aus seinem neuen Freund gleitet.
„Ich dachte, du wärst weg...“, murmelt der leise und versucht, es möglichst beiläufig klingen zu lassen.
Taku weiß es besser.
„Ich geh nicht weg“, entgegnet er und bemüht sich, genauso unbekümmert zu klingen.
„Nicht lange jedenfalls.“
Ryôsuke legt schüchtern einen Arm um seinen Bauch bevor er wieder wegdämmert.
–
Bei Wataru ist es eine halbe Katastrophe.
Taku ist nur kurz in der Küche unten und lässt sich Tee und Essen nachfüllen. Die Wege zwischen Krankenzimmer und dem Erdgeschoss sind seiner einzige Bewegung dieser Tage und es macht ihn schläfrig. Womöglich hört er Wataru deswegen erst viel zu spät seinen Namen rufen.
„Hey, Mizusawa.“
Nippori schlendert zur Küchentür herein.
„Dein Typ wird verlangt. Aniki schreit sich oben nach dir halb die Lungen wund.“
Er grinst.
Taku lässt vor Schreck fast die Teekanne fallen. Oh nein. Das ist nicht gut.
Er eilt die Treppe hinauf und stolpert um ein Haar, läuft auf halbem Wege beinah in Wataru hinein.
„Ich hab dich gesucht, Mann.“
Der Junge klopft ihm zärtlich auf die Schulter.
„Ich hab einige Worte mit Ryôsuke geredet. So gesprächig ist er aber nicht. Ob es ihm nicht gut geht?“ Er schaut besorgt die Treppenstufen hinauf zum Zimmer.
„Ich kümmer mich schon drum“, verspricht Taku hastig.
„Ist okay. Lass mich wissen, wenn du was brauchst.“
Wataru hat keine Ahnung, was er angerichtet hat. Es ist nicht seine Schuld, sagt Taku sich, als er neben Ryôsuke eilt, der aussieht, als hätte man hunderte Elektroschocks durch ihn hindurchgejagt.
Er hat keine Ahnung, was genau der Junge alles durch hat. Aber offensichtlich hat er ein Problem mit lauten Autoritätspersonen.
„Es wird alles gut“, flüstert Taku leise und streicht ihm über die Haare.
„Ich bin ja da. Es wird alles gut. Okay?“
Das ist das erste Mal, dass Ryôsuke bei vollem Bewusstsein ist, als er sich weinend an ihn klammert.
–
Bei Kiyama passt Taku höllisch auf.
Zwar wird Kiyama nie laut, aber wenn man ihn nicht kennt, verbreitet er womöglich eine furchteinflößende Aura. Man kann ja nicht automatisch wissen, dass er für Nipporis Geschwister durch halb eingestürzte Keller kriecht, um dort Süßigkeiten und Plüschtiere für sie zutage zu fördern.
Kiyama hat einen flauschigen Pullover dabei, als er zur Tür hereinkommt.
„Den hab ich gefunden“, sagt er unbeholfen und etwas steif und dreht das Kleidungsstück in den Händen.
Es sieht sehr teuer aus, ist weinrot und mutet unendlich weich an.
„Ich dachte vielleicht für den Neuen...für äh...Ryôsuke?“
Taku spürt Ryôsukes Blick neben sich an Kiyama abgleiten. Er zuckt nicht, aber er liegt mit einem Mal hart wie ein Brett da und blinzelt viel zu schnell.
„Sorry“, schiebt Kiyama hinterher.
„Ich bin nicht so gut mit Namen. Aber hier...wenn du ihn willst.“
Ryôsuke schluckt, als der Junge den Pullover in seine Hände über der Bettdecke legt. Mit den drei Kissen, die seinen Kopf erhöhen, kann er eine dankende Verbeugung zumindest andeuten. Doch er wagt es nicht, Kiyama anzusehen und es dauert lange, ehe er nickt, als Taku fragt, ob er ihm beim Anziehen helfen soll.
„Ganz warm“, murmelt Ryôsuke schließlich.
Er schaut auf seine Hände, die in den zu langen Ärmeln beinahe verschwinden.
Glücklich wirkt er über das Geschenk nicht.
–
Kaneko lässt sich nicht blicken.
Taku ist darum ganz froh und zugleich verärgert.
Dafür stellt er bald fest, mit wem Ryôsuke sich am besten zu vertragen scheint: Yûta.
Yûta ist keine Autoritätsperson, wie sie im Buche steht. Taku ist nicht mal sicher, wieviel Autorität dem Jungen in diesem Haus überhaupt zukommt. Alles, was er weiß, ist, dass Wataru ihn zu brauchen scheint wie die Luft zum Atmen.
Yûta ist die stille Gegenseite zu Wataru.
Als er einen Tag nach Kiyama an seiner Krücke ins Zimmer gehumpelt kommt (es muss einer seiner guten Tage sein, dass er sich die Reise ins Dachgeschoss auferlegt), ist es das erste Mal, dass Ryôsuke nicht zusammenzuckt.
Stattdessen versucht er sich, etwas mehr im Bett aufzusetzen und bleibt mit besorgtem Blick an Yûtas schlechtem Bein hängen. Alles an ihm ist plötzlich wacher und offener.
Ryôsuke hat vorher noch nie mit Yûta geredet. Gesehen mag er ihn haben, einmal in der schicksalshaften Gewitternacht oder in einem der Momente, in denen er zwischen Schlaf und Bewusstsein hing. Taku erinnert sich nur an den untröstlichen, betroffenen Ausdruck, den der Junge hatte, als Taku ihm erzählte, dass Yûta in Watarus Zimmer schläft und den er bis heute nicht versteht.
Er entscheidet sich, als Mittler einzuspringen.
„Das ist Yûta“, stellt er den Besucher vor.
„Er ist praktisch unser Schriftführer und Chronist.“
Weil Yûta kein Buch dabei hat, fährt Taku fort;
„Ich denke, er wird bald zu dir kommen und dich bitten, etwas von dir zu erzählen. Also, grundlegende Sachen wie deinen Namen und Geburtsdatum und ob du gegen irgendetwas allergisch bist oder bestimmte Dinge brauchst. Medizin und so. Damit Wataru und die anderen das einplanen können.“
Ryôsuke nickt andächtig. Dann schluckt er.
„Muss ich alles erzählen?“, fragt er schließlich zaghaft.
Yûta schüttelt sanft den Kopf.
„Du kannst entscheiden, was in deine Chronik soll“, erklärt Taku.
„Zum Beispiel... Ich hab ihm auch nur erzählt, dass man meine Eltern umgebracht hat. Aber nicht wann und wie und so....“
Siedend heiß fällt ihm ein, dass Ryôsuke das noch gar nicht wusste. Der besorgte Blick wandert zu ihm herüber, bleibt auf ihm ruhen und es fühlt sich zugleich warm und unangenehm an.
„Wie auch immer“, murmelt Taku verlegen,
„Wenn es soweit ist, wird Yûta sicher zu dir kommen.“
„Das musst du nicht.“ Ryôsuke versucht, sich noch aufrechter hinzusetzen.
„Ich komme auch zu dir. Du musst nicht...mit dem Bein...Das muss doch wehtun.“
Yûtas Augen werden für einen winzigen Moment größer vor Erstaunen. Er winkt schnell und mindestens genauso verlegen ab.
'Dir geht’s doch auch nicht blendend', scheint er damit sagen zu wollen.
Er lächelt aufmunternd.
Dann dreht er sich um und humpelt wieder zur Tür hinaus.
Yûta passt, denkt Taku hinterher, als Ryôsuke sich müde wieder bei ihm einrollt, ein bisschen verloren im neuen Pullover.
Was auch immer dem Jungen zugestoßen ist, er scheint Menschen wie Yûta zu brauchen, er scheint – warum auch immer – Schwächlinge wie ihn, Taku, zu brauchen.
Man lernt aus ersten Begegnungen.