[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Morpheus
Fandom: Tumbling (AU)
Challenge: h/c - "Kann ich hierbleiben?" - für mich
Personen: Wataru, Mizusawa, Kaneko, Kiyama, Hino, Yûta
Anmerkung: Kaneko hat ein Problem. Und Mizusawa hat ein Problem mit Kaneko. (Wir springen wieder ein paar Wochen zurück. Gut festhalten!)

„Er tut mir ja leid“, sagt Kaneko.
Er sitzt in der Küche am großen Tisch, an den Wataru nach und nach Stühle aus verschütteten Häusern herangetragen hat. Keiner von ihnen passt zum anderen. Ein bisschen wie ihre Besitzer.
Kaneko hält seine Brille in der Hand. Durch das rechte Glas zieht sich ein Riss, der ihm jeden Tag im Gesichtsfeld sitzt und ihm Kopfschmerzen bereitet. Der linke Bügel ist notdürftig mit Tape an den Rest der Brille geklebt. Trotzdem fällt sie täglich mindestens ein Mal auseinander.

Mit „er“ meint er den halb toten Jungen oben unter dem Dach.

Ryôsuke, sagt Wataru leise zu sich selbst. Er heißt Ryôsuke. Das hat er Mizusawa heute früh zugeflüstert, und es war die erste Frage, die er jemals hier irgendwem beantwortet hat.

Wataru verschränkt gedankenvoll die Arme.
Ryôsuke ist seit gut eineinhalb Wochen hier und die ersten drei Nächte waren eine Zitterpartie sondergleichen. Es ist nicht wie bei Yûta gewesen, der vor Schmerz geschrien und Wataru angebettelt hat, ihn endlich umzubringen, nicht wie Mizusawa, der still und wortlos in der Ecke saß und darüber nachgedacht hat, wie er sein Leben am effektivsten beendet.
Bei den beiden wusste Wataru, dass ihre Körper wenigstens die nötige Grundversorgung hinkriegen.

Ryôsuke war für Wataru eine Gedankenexperiment. Schrödingers Findelkind (so hat Kiyama ihn genannt und Wataru musste ihn daraufhin fragen, wer zur Hölle dieser Schrödinger ist).

Jeden Morgen ist Wataru aufgewacht und hat nicht gewusst, ob Ryôsuke noch lebt oder ob Mizusawa versucht, einen Toten zu wärmen.

Und jetzt, da der Körper des Jungen zumindest soweit ist, wieder allein zu atmen und zu verdauen, Temperatur und Blutdruck irgendwie gleich zu halten, erst jetzt wagt Wataru es, auf lange Sicht für ihn zu planen.

Er hat Yûta also gebeten, den Essensplan um eine Person zu erweitern. Ryôsukes Magen ist so im Eimer, dass er derzeit nur Misosuppe und Reisbrei bei sich behält, aber bessere Zeiten werden kommen.

„Das klingt, als würde da ein Aber kommen“, sagt Kiyama in die in der Luft hängende Stille hinein, als Kaneko nicht weiterspricht.

Er lehnt an der Arbeitsplatte neben der Spüle und hat wie Wataru die Arme verschränkt. Yûta sitzt neben Kaneko und arbeitet an seinen Plänen. Im Türrahmen steht Mizusawa und hat dunkle Ringe unter den Augen.

„Wie gesagt, er tut mir ja echt leid....“ Kaneko legt die Brille auf den Küchentisch und es ist ein Bild des Jammers.

„Aber wir können doch nicht jeden Dahergelaufenen durchfüttern.“

„Was soll das denn heißen?“
Hinter Mizusawa erscheint Hino. Er hat bis eben das Badezimmer geputzt und stellt Mop und Wassereimer ab.

„Ich meine ja nur“, entgegnet Kaneko mit einem bockigen Unterton, der in Wirklichkeit Verzweiflung ist.

„Wie viele sollen wir denn noch werden?“

„Kaneko, der Kerl war fast tot“, gibt Wataru zu bedenken.
„Der konnte gar nicht dahergelaufen kommen.“

„Ich sage ja gar nichts“, erwidert Kaneko und er sagt eben doch etwas.

„Aber wenn er so nah am Abgrund war, vielleicht wäre es für alle besser gewesen, ihn einfach.. du weißt schon. Ist für ihn doch auch nur Quälerei.“


In der nächsten Sekunde wird sein Stuhl nach hinten gerissen und er am Kragen seines Hemdes in die Höhe gezogen.

Wataru hat Mizusawa so noch nie erlebt.
Seine Augen sind groß und wild und rot gerändert vom Schlafmangel. Er ist nicht sicher, ob irgendwer den Jungen schon einmal so erlebt hat.

„Nimm das zurück“, knurrt Mizusawa. Ja, er knurrt.

„Ist doch so!“, giftet Kaneko zurück. Er versucht, sich loszureißen, doch Mizusawas Griff ist eisern.

„Leute“, warnt Wataru.

Du wolltest damals doch auch schon nicht und bist trotzdem noch hier! Wieso eigentlich?!“

„Damit hat Ryôsuke nichts zu tun!“
Mizusawa schiebt Kaneko beim Kragen gegen den Kühlschrank.

„Lass ihn da raus!“

„Vielen Dank auch!“, faucht Kaneko.

„Ohne euch würden wir wenigstens nicht langsam und qualvoll verhungern!“

„Leute!“, wiederholt Wataru.

„Das reicht! Schluss jetzt!“

Er springt vom Stuhl hoch, läuft um den Tisch herum und fasst Mizusawa bei den Schultern. Sie fühlen sich hart wie Bretter an.
„Ist ja gut jetzt. Kaneko meint es nicht so. Nicht, Kaneko?“

Einen Moment lang verharren beide Jungen stur. Sie funkeln sich an wie zwei wilde Tiere, die umeinander lauern und darauf warten, dass eines von ihnen als erstes angreift.

„Tu ich auch nicht“, presst Kaneko schließlich zwischen gefletschten Zähnen hervor.
„Aber wir werden-“

„-nicht verhungern“, beendet Wataru seinen Satz.

„Geh und guck dir Yûtas Aufzeichnungen an. Wir haben genug. Keiner von uns wird fett werden, zugegeben, aber wir haben genug. Wir haben Shigeru, den ollen Kartoffelmann, der uns regelmäßig was vom Bauernhof bringt, und wenn es nötig ist, ziehen Kiyama und ich halt öfter los, um uns was zu besorgen. Okay?“

Kaneko weicht seinem Blick aus und schaut bockig zur Seite.
„Von mir aus“, murmelt er und das ist eindeutig der Augenblick, wo die Schärfe aus seinem Ton weicht.

„Okay. Mizusawa, komm, lass ihn los.“

Wenn Ryôsuke dort oben nur wüsste, welchen Trubel es hier um ihn gibt. Zum Glück verpennt er die ganze Sache.





Später ist Wataru allein mit Mizusawa.

Gesagt hat es niemand, aber da ist die Ahnung, dass der Vorfall den Jungen wirklich ziemlich aufgewühlt zurückgelassen hat.

Wataru steckt nicht in der Sache drin, aber wenn er etwas weiß, dann, dass Ryôsuke für Mizusawa deutlich mehr ist als lediglich ein Findelkind und ein „Patient“. Wataru war ja in der Gewitternacht dabei. Was er da gesehen hat, war keine gewöhnliche erste Begegnung.

„Ich weiß, es ist schwer“, sagt Wataru und versucht sich um Plaudertonfall.
Er nimmt einen Kessel mit kochendem Wasser vom Gasherd und füllt es in eine Teetasse. Das ist das Rezept seiner Mutter: Wenn jemand unglaublich aufgebracht ist, mach ihm etwas zu essen oder Tee.
Und Mizusawa sieht nicht so aus, als würde er jetzt essen wollen.

„Aber sei Kaneko nicht böse. Essen ist sein wunder Punkt. Er hat keine Ahnung, was er da vorhin von sich gegeben hat.“
Wataru überlegt, ob er Mizusawa noch einmal die Geschichte von Kanekos verhungerten Eltern erzählen soll. Dann muss er an Ryôsuke denken, dessen Knochen man derzeit noch einzeln von außen abzählen kann und lässt es bleiben.

„Ich weiß, dass ich nicht einfach war“, sagt Mizusawa und legt seine Hände flach auf die Platte des Küchentisches.

„Und dass ihn das geärgert haben muss. Aber dafür kann Ryôsuke doch nichts. Wenn es darum ginge, dass wir zu wenig Lebensmittel haben, dann esse ich nie wieder etwas, wenn es hilft.“

Er blickt verzweifelt auf.

Wataru macht eine abweisend-wedelnde Handbewegung.
„Nun halt mal die Luft an!“, beeilt er sich zu sagen.
„Niemand wird hier hungern! Kaneko hat einfach nur...Probleme, okay? Wir kümmern uns um Ryôsuke.“

Er lässt behutsam einen Teebeutel in die Tasse sinken und stellt diese dann vor dem Jungen auf dem Tisch ab.

„Wir kümmern uns um dich“, fügt er leise hinzu.

Sie sitzen für eine kleine Weile schweigend da. Das schwappende Geräusch des Teebeutels, den Wataru, um seine Hände zu beschäftigen, immer wieder in das heiße Wasser tunkt, ist der einzige Laut.

Mizusawa sitzt ihm gegenüber und betrachtet ihn. Seine hübschen Haare sind zerzaust, seine Augen müde. Er muss dringend Schlaf nachholen, doch Wataru weiß, dass er sich selbst jetzt, wo es bergauf geht mit seinem neuen Freund, noch immer nicht traut, länger als ein paar Stunden hintereinander zu schlummern.

„Ich habe dich nie gefragt“, sagt Mizusawa schließlich.
„Alles, was ich getan habe, war, unhöflich zu sein. Dabei hast du mich gerettet und mich hier aufgenommen.“

Feine Röte kriecht ihm in die Wangen.

„Was? Ach was. Nicht doch, ich-“ Wataru winkt verlegen ab.
„Ist doch selbstverständlich! Und was hast du nie gefragt? Häh?“

Der Junge lächelt ihn schüchtern an. Vermutlich zum allerersten Mal, und es fühlt sich an, als würde die Sonne aufgehen. Wataru lebt für Augenblicke wie diesen.

„Ob ich hierbleiben darf“, murmelt Mizusawa.
Sein Blick rutscht vorsichtig vom Tee zu Watarus Gesicht hinauf.

„Darf ich...darf ich hierbleiben?“

Und wenn da gerade etwas unter den Tisch rieselt, dann ist es Watarus Herz, das in tausend Stücke zerbricht. Er schluckt und beinahe matscht er mit dem Tee.

Stattdessen schiebt er die Tasse zu Mizusawa hinüber.

„Keine Frage“, sagt er holprig.
„Natürlich, Mann. Du und Ryôsuke und alle anderen. Solange ihr wollt.“

Und es ist wunderbar, so wunderbar.

Jetzt, da er ganz sicher weiß, dass er zwei Menschenleben retten konnte.

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