[identity profile] ayawinner.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Morpheus
Challenge: Schreibaufgabe - ohne Adjektive (fürs Team)
Titel: Still zu träumen
Fandom: School 2013 (ich glaube, ich brauche einen neuen tag!)
Anmerkungen: ungebetat. Ich hab's versucht, okay? Aber ohne Adjektive, das ist hart. Für [livejournal.com profile] nessaniel, obwohl sie eigentlich etwas Besseres und Fluffigeres verdient hätte.

Die Schulglocke läutet zum Beginn der Stunde, aber während all seine Mitschüler ihre Bücher, Hefte und Stifte hervorkramen, Papierkügelchen durch den Raum werfen und sich die Neuigkeiten vom Pausenhof zurufen, bettet Namsoon den Kopf auf die Arme und schließt die Augen.

Er hat gar nichts gegen seine Mitschüler, zumindest gegen die meisten nicht, aber er freut sich dennoch über die Stille, die das Auftreten des Lehrers mit sich bringt.

In der Stille eines Klassenraums wird er nicht an die Vergangenheit erinnert, er wird nicht an seine Pflichten erinnert, nicht an den Abend, den er mit Botengängen verbringen wird, und auch nicht an die Nacht, die wie alle Nächte keine Erholung versprechen wird, weil seine Gedanken selbst dann noch rasen werden, wenn er längst eingeschlafen ist.

Er wird von allen Fehlern träumen, von jeder Schuld, die ihn verfolgt, von allen Dämonen, die ihn jagen, und von Anklagen und dem Versprechen, der Drohung, dass alles vorbei ist, für das es sich jemals zu leben gelohnt hat.

In der Stille des Klassenraums kann er diese Gedanken vergessen.

Hier gibt es nur das Kratzen von Kreide an der Tafel, auf die der Lehrer Matheprobleme schreibt – zumindest glaubt Namsoon, dass sie Mathe haben. Schwören würde er darauf nicht. Er möchte sich aber auch nicht bemühen, die Augen zu öffnen und den Kopf zu heben, um zu sehen, was der Lehrer schreibt.

Hier gibt es tuschelnde und kichernde Kameraden, die nichts wissen von seiner Vergangenheit, die ihn nicht kennen, die er nicht weiter interessiert, die ihn mögen und tolerieren, weil er jeden Tag seines Lebens mit ihnen verbringt. Sie sind in all ihrer Unaufmerksamkeit und ihren Zwischenrufen für Namsoon sowohl Hintergrundgeräusch, als auch Schutzschild.

Hier geht das Leben weiter, auch, wenn er sich nicht daran beteiligt.

Als er die Augen wieder öffnet, steht die Literaturlehrerin vor der Klasse und schreibt einen ausschweifenden Satz an die Tafel. Sie erklärt, dass es sich bei einigen Wörtern um besonders zu bemerkende Ausschmückungen handelt und dass der Autor, dessen Namen Namsoon noch nie gehört hat und den er sofort wieder vergisst, für solche Konstruktionen und Sprachbilder großen Ruhm geerntet hat.

Die Lehrerin liest den Satz vor, in aller Deutlichkeit und Geduld, die nur sie aufbringen kann, und Namsoon glaubt für einen Moment, durch die Verschwommenheit des Lebens durchsehen zu können, obwohl er es sich nicht erklären kann.

Er blinzelt einige Male und versucht, den Satz zu verstehen, aber die Zeichen verschwimmen immer wieder vor seinen Augen, denn der Schlaf, die Müdigkeit halten ihn gefangen. Er glaubt, seit Jahren zu schlafen.

Resignierend legt er den Kopf zurück auf die Arme und beschließt, später über den Satz nachzudenken und darüber, dass er, wenn auch nur für einen Moment, eine solche Bedeutung für ihn hatte.

Noch während sie in die Klasse fragt, wie man solche Formen wohl nennt und welchen Zweck sie im Text erfüllen könnten, hat Namsoon die Augen schon wieder geschlossen. Er möchte sich damit nicht beschäftigen, er möchte die Stille weiter nutzen und genießen, bevor es Abend wird und die Wirklichkeit ihn einholt.

Er muss einige Male eingeschlafen und wieder aufgewacht sein, denn den Schmerz in den Rippen und das Blut, das an seinem Kinn hinunter läuft, bildet er sich nicht nur ein. Sein Auge wird zuschwellen, aber was macht das schon?

Morgen wird er wieder in Ruhe schlafen können.

Sein Mund schmerzt, wenn er redet.

Die Jungs werden ihn prügeln, bis er nicht mehr gehen können wird, aber auch das wird vorbeigehen. Sollen sie doch mit ihm machen, was sie wollen.

Und dann stürzt mit einem Mal alles über ihm zusammen, denn der Schlag, den er erwartet hat, bleibt aus.

Er nimmt sie nur noch wie von fern war. So, als wären sie nicht mehr in seiner Realität, als seien sie nie dort gewesen, oder als sei vielleicht er nie dort gewesen.

Denn all die Fehler, all die Dämonen und die Schuld sind wieder da, direkt vor ihm, und klagen ihn an aus einem Gesicht, von dem er jede und jede und jede Nacht träumt.

„Ist 'ne Weile her, Go Namsoon“, hört er jemanden sagen, dessen Stimme ihm gleichzeitig solche Angst und solche Hoffnung macht.

Er weiß, dass er nicht träumt. Und er weiß, dass die Stille für immer vorbei ist.

Date: 2015-09-26 05:25 am (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
Gefällt mir sehr gut! An "ohne Adjektive" habe ich mich ja noch nicht gewagt ... und finde es erstaunlich, wie "leicht" der text wirkt. Man hat an keiner Stelle das Gefühl, daß Du einen Satz verbiegen mußtest, um ein Adjektiv zu vermeiden.

Die Charaktere kenne ich natürlich nicht, aber die Stimmung nimmt mich trotzdem sehr gefangen.

off topic: seit Wochen frage ich mich, was unter "in zweiter Person" bei den Schreibaufgaben zu verstehen ist. Hast Du eine Idee? Könnte natürlich auch mal googeln ...

Date: 2015-09-30 06:49 am (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
"Du schaltest den Fernseher aus und gehst zum Kühlschrank. Dort herrscht gähnende Leere; du solltest dringend wieder einmal einkaufen gehen."
Ohja, jetzt verstehe ich, was gemeint ist. Ob ich mich da dran traue? Mal sehen.

Date: 2015-09-30 09:15 am (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
*go! go! go!*

Das wäre super! Laß Dich vom Zeitdruck motivieren :D
(Und immer dran denken, editieren und noch mal verbessern kann man auch noch morgen ...)

Wenn Du das mit der zweiten Person schreibst, hätten wir bei der Schreibaufgabe schon ein Lückenbüßer-Bingo :D

Date: 2015-09-28 08:39 am (UTC)
From: [identity profile] nessaniel.livejournal.com
ICH BIN SCHREIEND

KATHI DAS IST SO HAMMER ICH LIEBE DAS RIUGHSKDJHFKSDJHFKSJDHF

ICH GLAUB MEINE LIEBLINGSZEILEN SIND DIE BEIDEN HIER

Die Lehrerin liest den Satz vor, in aller Deutlichkeit und Geduld, die nur sie aufbringen kann, und Namsoon glaubt für einen Moment, durch die Verschwommenheit des Lebens durchsehen zu können, obwohl er es sich nicht erklären kann.


WEIL ES SO SCHÖN IST, DASS DIE LEHRERIN fast ZU IHM DURCHDRINGT UND ICH TOTALLY HERE BIN FOR NAMSOON FANGIRLING LEHRER JUNG AUCH WENN IHM DAS SELBST NOCH NICHT SO GANZ KLAR IST UND SLKDFJLSDKFLSDKFLÖ

und das hier

Er muss einige Male eingeschlafen und wieder aufgewacht sein,
WEIL DAS DIE BESTE BESCHREIBUNG DAFÜR IST, WIE NAMSOON DURCH DIE ERSTEN ZWEI FOLGEN SCHLAFWANDELT (und danach, wenn Heungsoo wieder da ist, dann versucht er so hart wieder zu schlafen und es klappt nicht akdfkajdrjg GEFÜHLE ICH ERSTICKE AN GEFÜHLEN).

Sie sind in all ihrer Unaufmerksamkeit und ihren Zwischenrufen für Namsoon sowohl Hintergrundgeräusch, als auch Schutzschild.
WIE SEHR ER EINFACH IMMER EIN PUBLIKUM BRAUCHT. ICH LIEBE DAS. OH GOTT ICH WEINE UND SCHREIE UND KREISCHE UND WILL IHN KNUDDELN UND WILL, DASS ER GEKNUDDELT WIRD Q_______Q

die ihn mögen und tolerieren, weil er jeden Tag seines Lebens mit ihnen verbringt.
Ach, das tut weh UND ES IST SO WAHR UND AUAAUAUA und Gott sei Dank weiß ich, wie es ausgeht UND DASS SIE SICH AM ENDE ALLE GANZ SCHRECKLICH LIEBHABEN. <33333

GOTT, WAR DAS SCHÖN, DANKESCHÖÖÖN! *__*




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