[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Morpheus
Fandom: Tumbling (AU)
Challenge: h/c - Krank und erschöpft - für mich
Personen: Mizusawa, Ryôsuke
Anmerkung: Direkte Fortsetzung zu Geist


Taku wacht auf und das fremde Herz schlägt noch.

Es sind diese Schrecksekunden, in denen er zwischen Schlaf und Wirklichkeit hängt, in denen er sich aus verfaserten Alpträumen, in denen er die zerstückelten Leichen seiner Eltern sieht, herausretten muss, in denen er befürchtet, dass er inzwischen neben einem Toten liegt.

Aber das Herz schlägt noch. Die Lungen atmen noch.

Taku hat seinen Kopf zwischen Armbeuge und Brust des fremden Jungen gelegt, so dass er immer sofort nachhorchen kann. Seit Anbruch der Nacht rutscht er immer wieder in und aus einem unruhigen Schlaf, in dem verschleierte Bilder längst vergangener Menschen ihn umgeben. Wenn er aufwacht, prüft er Puls und Atem des Fremden, kuschelt sich noch näher an ihn und zieht die Decken enger um ihn.

Der Körper des Jungen ist wärmer geworden. Durch die Kanüle in seinem Arm tropft unentwegt Kochsalzlösung in ihn hinein. Taku presst die Lippen aufeinander und er kämpft mit sich, mit der aufkeimenden Hoffnung, dass alles wieder gut wird.
Denn zu viel Hoffnung tötet.
Er braucht diese winzige Hintertür, die Gewissheit, dass er morgen früh auch genausogut an einem kalten, steifen Körper aufwachen kann.

Das Gewitter ist inzwischen vorbeigezogen. Durch das Dachfenster sieht Taku die aufgerissene Wolkendecke mit dem Mond, der aus allem im Raum lange, fahle Schatten zieht.
Das dumpfe Licht fällt dem Jungen ins Gesicht und lässt ihn aussehen wie einen Geist. Er wirft kleine, kranzförmige Schatten unter seine hübschen Wimpern.

Taku sieht ihn sehr lange an, streicht ihm einzelne Haare aus dem Gesicht und schmiegt sich wieder an ihn.

Das Herz unter seinem Ohr kämpft weiter. Langsam, leise und müde, aber stetig. Tapfer.
Taku hat das Wort immer gehasst; es war für ihn etwas, was Ärzte in seiner Kindheit gesagt haben, wenn sie ihn mit Nadeln gepiekt oder anderweitig wehgetan hatten: 'Oh, du warst so tapfer!'
Jetzt kann er sich nicht dagegen wehren, es selbst zu denken.

Er wendet den Blick nach oben ans Kopfende, wo Natsuko-san Wasser in Watarus alter Schnabeltasse und, in ein Handtuch gewickelt, Misosuppe bereitgestellt hat. Taku hat klare Instruktionen erhalten: Wenn der Junge aufwacht, flöße ihm beides ein – und zwar so viel es geht!
Keine Ahnung, ob er es richtig machen wird. Noch nie zuvor hat er Pfleger für einen Sterbenden gespielt.
Doch es ist seltsam. Wann immer ihm Angst und Bange wird ob seiner Aufgabe, erinnert er sich an die erschöpften Tränen und das Flehen des Jungen.

Da steckt eine Seele in diesem verwelkten Körper.
Taku kann sie nicht gehenlassen, nicht, wenn sie es nicht will, egal, wie krank und erschöpft sie ist.

Er gleitet hinab in die Bewusstlosigkeit, die er sich wochenlang für die Ewigkeit gewünscht hat und die er jetzt fürchtet.

Wenn er weg ist, geschehen schreckliche Dinge.... Wenn er weg ist...

In unruhigen Träumen sieht er seine alten Lehrer von damals. Seinen Vater im Anzug und in Krawatte am Tag seiner Einschulung, am 3-5-7-Fest, seine Mutter unter blühenden Kirschen und Hanami-Dango. Staub und Brocken und das Beben der Häuser im Hintergrund, dann Blut und Blut und Blut.

Als er hochschreckt, bewegt sich der fremde Körper gegen ihn. Taku weiß nicht, wie lange er weg war. Der Himmel hat die Farbe von verwaschenem schwarzen Stoff und irgendwo dahinter muss die Dämmerung lauern. Taku streicht sich verwirrte Haare aus dem Gesicht und dreht den Kopf gegen den fast Toten.

Zwei glasige Augen schauen ihn halb geöffnet an.

Taku zieht überrascht Atem durch die Lippen ein. Er ist nicht sicher, ob der Junge ihn ansieht oder einfach nur die Augen offen hat, ob er durch ihn hindurchschaut wie das Gesicht eines Toten. Wie die Gesichter seiner Eltern. Alles in ihm erstarrt sofort.

Nein. Nein, das kann nicht sein. Der Körper ist warm. Taku hört das Schlagen des Herzens direkt unter seinem Ohr.

Dann bewegen sich die Lippen des Jungen in der Dunkelheit und versuchen, ein Wort zu formen.
Und es reicht, um Taku aus seinem Schrecken zurück in die Welt zu ziehen.

„Du bist wach“, flüstert er leise.
„Hab keine Angst. Du bist in Sicherheit.“

Der Fremde blinzelt so langsam, dass es sich anfühlt, als wäre die Zeit verlangsamt.
„Du bist sehr schwach“, murmelt Taku, weil ihm nichts anderes einfällt.
„Aber wir kriegen dich schon wieder hin. Ich kümmere mich um dich. Okay? Hier.“

Er stützt sich auf und langt nach der Tasse mit dem Wasser, erklärt leise, dass der Junge jetzt viel Flüssigkeit und Nährstoffe braucht. Nach dem dritten Satz stockt er, weil dem Fremden die Augen wieder zufallen.

„Oh nein! Nicht wieder einschlafen!“
Taku streicht ängstlich über die Stirn des Jungen und es hilft: Die Augen öffnen sich einen winzigen Schlitz. Mittlerweile ist er recht sicher, dass der Fremde ihn gar nicht wirklich sieht.

Aber das ist egal. Taku streicht vorsichtig mit dem Daumen über die Unterlippe des Jungen und setzt das Schnäbelchen der Tasse daran.
„Du musst trinken“, flüstert er leise und kippt die Tasse an. Wasser läuft über die Lippe des Jungen, hinein in seinen Mund und daneben vorbei.

Und für einen Augenblick fährt die Verzweiflung wie ein Blitz durch Taku, weil dieser Körper neben ihm nur noch flimmert, weil er ist wie eine Glühbirne, die unter leeren Batterien stirbt. Die Angst, dass er zu spät ist, durchzuckt ihn, nimmt ihm die Luft zum Atmen, schießt ihm Tränen in die Augen.

Doch dann schluckt der Junge mühsam und öffnet die Lippen weiter. Beides scheint eine unglaubliche Anstrengung zu erfordern. Taku kneift die Augen zusammen, um die Tränchen wegzublinzeln. Er stützt mit einer Hand den Kopf des Jungen und kippt mit der anderen die Tasse an. Anheben, Wasser in die Mundhöhle des Jungen träufeln, warten, wieder anheben. Ganze vier Mal schafft er die Prozedur. Dann klappen die Augen des Sterbenden wieder zu und bleiben geschlossen. Es ist, als würde sein Bewusstsein wegbrechen wie das eines Menschen, der einen Marathon gelaufen ist.

Taku seufzt tonlos und stellt die Tasse wieder weg.

Erst, als er die Decke wieder über sie beide zieht, bemerkt er, dass der Junge eine Hand in Takus Shirt verkrallt hat.

Obwohl er ihn nicht kennt und nicht einmal wirklich gesehen hat.

Obwohl er nichts darüber weiß, dass Taku selbst so eine lebende Leiche ist, die seine Eltern hat sterben lassen.

Taku schluckt geräuschlos.
Er nimmt die Hand in seine und schmiegt sich an den Schlafenden.
„Hab keine Angst mehr“, flüstert er gegen dessen Schläfe.


Sie riecht nach Erde und getrockneten Schweiß und nichts davon ist wirklich schlimm.

Sie sind beide vielleicht schon ein wenig verwest.

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