[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Morpheus
Challenge: H/C – Joker: Puppengesicht (vom 23.10.12) - für mich
Fandom: Tumbling (AU)
Personen: Mizusawa, Yûta, Nippori, später alle anderen + ein bewusstloser Ryôsuke
Warnungen: Andeutungen von viel Gewalt, Angst (wir leiten jetzt Phase II der Geschichte ein: Ersten Comfort. Wem das vorher zu harter Tobak war, der kann vorsichtig wieder einsteigen)
Anmerkung: Direkte Fortsetzung zu Flache Gräber von [livejournal.com profile] rei17.

Früher hätte man gesagt: Draußen geht die Welt unter.
Heute sagt man nichts. Man spricht am besten nicht.

Taku schaut durch das kleine Dachfenster in die Nacht, die abrupt und gespenstisch von weißen Blitzen erhellt wird. Regen trommelt so zornig gegen die Scheibe, dass man Angst haben muss, dass er irgendwann durch das Glas bricht. Taku kann sich an kein Gewitter zuvor erinnern, das so heftig gewesen ist.

Yûta sitzt neben ihm wie so oft, den Rücken an die Wand gelehnt und einen Zeichenblock gegen das gesunde, angewinkelte Bein gelegt. Er hat eine kleine Laterne mit einem Teelicht neben sich stehen, aber Taku glaubt nicht, dass der Junge wirklich sieht, was er da vor sich hinkritzelt.
Yûta hält inne und schiebt Taku die Schüssel mit dem Reis und dem Eieromelette darüber näher.
Sein Blick ist sorgenvoll.

„Ich hab keinen Hunger“, sagt Taku.

Daraus bestehen seine Tage; zu sagen, dass er keinen Hunger hat. Dass er nie wieder Hunger haben wird. Sollen sie seine Portion doch an Kaneko geben – dann wären hier zumindest zwei Menschen zufriedener.
Yûta atmet tief und langsam aus, was in der Welt der Sprechenden vermutlich ein Seufzen wäre.

Er schreibt, im Dunkeln halbblind, etwas auf seinen Block und hält diesen Taku vor, im Aufleuchten des nächsten Blitzes.
Es ist deins.

Als ob Taku noch Ansprüche auf irgendetwas hätte.
Als ob er überhaupt irgendetwas hätte. Oder wäre.

Bevor er etwas erwidern kann, schiebt sich die Tür zum Zimmer auf und Nippori erscheint. Er ist völlig durchnässt.
„Aniki und Kiyama-san sind immer noch nicht zurück“, sagt er mit Grabesstimme.
„Ich hab bis eben am Eingang gestanden und...nichts.“

Er wippt fahrig mit dem rechten Fuß auf und ab und mit etwas Langem, Schwerem in seiner Hand.
Erst im nächsten Blitz sieht Taku, dass es ein metallener Baseballschläger ist.

„Wir müssen sie suchen gehen.“

Hinter ihm kommen Kaneko, Hino und Tsuchiya die Treppe hochgeschlichen.

„Sie wollten schon vor zwei Stunden wieder hier sein“, murmelt Tsuchiya leise.

Yûta blinzelt und schluckt.
Er lässt den Stift sinken und ringt mühsam nach einem ruhigen Atemzug.
Und vielleicht weiß Taku jetzt, warum der Junge trotz allem hier neben ihm sitzt; Taku ist eine kleinere Sorge als die Möglichkeit, als der Gedanke, dass Wataru niemals mehr zurückkommt.

„Wir müssen gehen“, drängt Nippori erneut und sein Gesicht verzieht sich, als wäre er kurz davor, in Tränen auszubrechen. Taku hat ihn noch nie weinen sehen, aber manche Dinge erkennt man ungesehen.
Yûta schüttelt langsam den Kopf.

Nein, heißt das. Wir bleiben zusammen.

Taku denkt daran, wie gering ihre Kräfte sind, daran, wie wenig wehrhaft sie ohne Wataru und Kiyama sind.

Sie haben Yûta, der mit dem zertrümmerten Knochen in seinem Bein nicht einmal richtig laufen kann; Tsuchiya mit dem kranken Herzen; Kaneko, dessen Brille alle zehn Minuten auseinanderbricht; Hino, der so viel wiegt wie ein nasses Katzenbaby und sie haben ihn, Taku, der gerade nicht einmal aufstehen kann ohne dass ihm schwindlig wird. Weil er nie Hunger hat.
Nippori und Watarus Mutter, Natsuko-san, sind die einzigen, der sich verteidigen können. Ihre letzte Hoffnung.

Und Yûta wird ihn nicht gehenlassen, weil Nippori drei kleine Geschwister hat, die ihren großen Bruder nicht verlieren dürfen.

„Was ist, wenn sie verletzt sind, wenn sie Hilfe brauchen?“
Nippori stampft mit dem Fuß auf. Mit seiner schwarzen Kleidung verschmilzt er mit dem Flur und der Nacht und dem Donnergrollen direkt über sich.

„Yûta-san!“

Taku wünscht sich, dass ihn das alles mehr interessieren würde.
Etwas in seinem Hinterkopf, das auf grausame Art mit den Stimmen seiner Eltern zu ihm spricht, sagt ihm, dass er Wataru und Kiyama mehr Dankbarkeit entgegenbringen sollte, dafür, dass sie ihn gerettet haben.
Ich wollte aber nicht gerettet werden, antwortet er den Stimmen trotzig. Ich habe niemals darum gebeten.

Aber er begreift, dass er trotz allem in ihrer Schuld steht. Er hat in ihren Betten geschlafen, ihre Seife benutzt und trotz allem von ihrem Essen gegessen und ihr Wasser getrunken.
Die Hälfte der Bewohner in diesem Haus kann ihn vermutlich nicht einmal leiden.
Das bedeutet, dass es nur die vernünftigste und logischste Lösung ist, wenn sie ihn rausschicken.
Und er hängt ohnehin nicht am Leben.

Seine Eltern hätten es gewollt, denkt er, als er sich langsam an der Wand abstützt und aufsteht.
Taku, sei respektvoll, dankbar und höflich.

„Ich gehe“, sagt er und genau in diesem Augenblick kracht der Donner über dem Haus so laut, dass die Scheiben in den Fenstern scheppern.
Dröhnend klappen die Luftmassen wieder zusammen, so ohrenbetäubend, dass Taku sich die Hände an die Schläfen drückt und sich für einen Augenblick fragt, ob er eben wirklich etwas gesagt hat.

„Vorsicht!“, hört er Natsuko-san rufen.

Bis eben hat er sie nicht gesehen, doch sie ist mit einem Mal da, kommt in kleinen Schritten durch de Tür gelaufen und schiebt dabei bestimmt, doch zärtlich, die anderen Jungen zur Seite.
„Vorsicht, Yûta-kun!“
Taku ist noch immer benommen vom Donner. Für einen winzigen Moment denkt er, dass das Haus vielleicht vom Blitz getroffen wurde und nun in Flammen steht. Sein Kreislauf stottert, seine Sicht ist für den Bruchteil einer Sekunde verschleiert – dann erst sieht er, warum Natsuko-san Platz im Raum macht.

Blitze zucken.
Eins, zwei, drei – alle zu selben Zeit.

Das Licht zerreißt das Zimmer und die Gestalten, die hinter Natsuko-san ins Zimmer gestolpert kommen. Ihre Socken sind so durchtränkt von Regenwasser, dass sie dunkle Flecken auf den Tatami-Matten hinterlassen. Sie haben die Kapuzen ihrer Jacken tief ins Gesicht gezogen und die hintere Gestalt lässt am Türrahmen krachend zwei schwarze, riesige Gepäckstücke von der Schulter gleiten.
Im gleißenden Licht erkennt Taku, dass es die Rucksäcke sind, mit denen Wataru und Kiyama üblicherweise losziehen.

Noch ein Donner grollt über den Himmel, als Wataru seine Kapuze zurückwirft. Sein Gesicht ist nass und bleich und behaftet mit dem Schmutz von dreckigem Regenwasser und Erde.
Seine und Kiyamas Hosenbeine sind bis zu den Knien mit Matsch bedeckt.

Und dann sieht Taku, was Wataru auf dem Rücken trägt.

Einen Menschen.

„Aniki!“, ruft Nippori.

„Eine Decke, schnell!“, fährt Wataru hektisch dazwischen.
Hino ist schon zur Stelle und breitet eine Plane auf den Tatami-Matten aus, von der Taku nicht gesehen hat, wo sie herkommt.

Kiyama hechtet vor Wataru und löst ein undurchsichtiges Knäuel, das breit vor Watarus Brust geklemmt ist.
Bei näherer Betrachtung und im Licht des Blitzes erkennt Taku, dass es die Ärmel eines Pullovers sind. Oder etwas, das irgendwann einmal ein Pullover war.

Dürre, blasse Arme mit Fingern dünn wie Zweiglein kommen zum Vorschein. Sie enden in langen, schmutzigen Fingernägeln, die vor ewiger Zeit einen Schnitt hätten vertragen können. Wataru neigt sich vorsichtig zur Seite und mit Kiyama zusammen legt er das Menschenbündel auf der Plane ab.

Es ist schwer zu erkennen, aber es sieht aus wie ein Junge. Sein Gesicht ist bedeckt mit zerfilzten, wild verwachsenen Haaren. Alles, was man von ihm sieht, sind die weißen, dürren Arme, sein Hals und bloße Füße, deren Sohlen schwarz vor Dreck sind.
Sein Kopf rollt zur Seite, als er auf den Boden gelegt wird.

„Der ist ja tot!“, quiekt Kaneko entsetzt.

„Ist er nicht!“
Kiyamas Stimme ist seltsam belegt.
„Wir lassen ihn nicht sterben!“
Wataru legt die Stirn in Falten.

„Nippori, hol warmes Wasser und zwei Lappen! Kaa-chan, kannst du mir deine Schneiderschere bringen? Satoshi, der erste-Hilfe-Kasten! Yûta, ich brauch dich hier!“

Taku steht in der Mitte des Raumes, reglos, und um ihn bricht die Hölle los.
Nippori poltert nach unten, Natsuko-san entschwindet in den Flur, Kaneko, Hino und Tsuchiya springen durcheinander, Yûta robbt über den Boden auf die Plane zu, in einer Hand das Licht, neben dem er eben noch geschrieben hat.

Wataru schält sich fahrig aus seiner Jacke, feuert sie neben die Plane auf den Boden und stürzt auf die Knie. Er ist atemlos, durchnässt bis auf die Haut, aber seine Wangen werden langsam rot.
Als Natsuko-san ihm die Schere reicht, macht er sich unverzüglich daran, die sterblichen Überreste des Pullovers zu entfernen, den er eben noch vor die Brust gebunden hatte.

Taku sieht zu, wie, der Stoff über dem Bauch des fremden Jungen aufgeschnitten wird.

Darunter kommt ein gemarterter Körper zum Vorschein.

Er ist so dünn, dass man, würde man ihn anfassen, jede einzelne Rippe mit den Fingern nachfahren könnte. Zwischen Haut und Knochen ist nichts und zwischen dem Brustkorb und dem Becken fällt der Bauch ein wie eine Grube.
Der Junge ist übersät mit Hämatomen, kleinen Schnitten und Narben, die halb verheilt und verblasst sind.
Ja, er atmet, wenn auch sehr flach.
Taku sieht jeden einzelnen Atemzug, der zwischen den Rippen entlanggeistert, der anmutet wie eine unendliche Anstrengung für einen Körper, der das Leben kaum noch hält.

Es erinnert ihn an seine Eltern; an die verstümmelten, verbluteten Körper, die nur noch Dinge waren und keine Menschen mehr; die in ihm einen Ekel ausgelöst haben, für den er sich noch jetzt schämt.

Dieser Junge ist kurz davor, ein Ding zu werden...so kurz davor.

„Mizusawa!“

Watarus erstickte Stimme reißt ihn aus den Gedanken.

„Steh da nicht nur so rum!“

Taku hat nicht bemerkt, wie Nippori zurückgekommen ist und Wasser, Lappen und saubere Handtücher mitgebracht hat. Hinter ihm kommen seine kleinen Brüder die Treppe hochgetobt, neugierig und mit vor Angst vor dem Gewitter verweinten Augen.
Wataru nimmt eins der Handtücher und hält es hoch, Taku entgegen.

„Geh an sein Kopfende!“, ruft er hastig. Er wartet nicht darauf, dass Taku etwas entgegnet – er drückt ihm das Handtuch einfach gegen den Bauch und wendet sich wieder dem Häuflein Mensch zu seinen Knien zu. Er fasst ihn vorsichtig, als würde der Junge sonst zu Staub zerfallen, an den Schultern und hebt ihn einige Zentimeter hoch, während Kiyama darunter den klatschnassen Pullover wegzieht.

Taku kann sich nicht bewegen.

Alles, was er schafft, ist, das Handtuch zu umklammern und wie ein regloser Fels inmitten eines Sturmes zu stehen.
„Nippori, warte unten“, sagt Wataru gepresst.
„Nimm deine Brüder mit und...“
Seine Finger geistern über den Bund der Hose des Fremden.
„Kiyama, Yûta, ihr bleibt ihr. Alle anderen...wartet unten, okay? Es wird alles gut, aber wartet bitte unten.“

Blitze flackern weißblaues Licht in den Raum, aus dem Nippori die anderen nun alle drängt.
Der ihnen folgende Donner zerreißt die Luft und jeglichen Gedanken, übertönt das Geräusch von Stoff, der zerschnitten wird.

„Oh Gott...“, murmelt Kiyama leise.

Da sind noch mehr blaue Flecken, tief aufgeschürfte Knie. Da ist Blut, das beinahe braun aussieht und in diffusen Tröpfchen zwischen den dünnen Beinen klebt, zweifellos zwischendurch getrocknet und durch den Regen wieder aufgeweicht.

Irgendjemand hat diesen Jungen bis zur Unkenntlichkeit entmenschlicht, begreift Taku.
Irgendjemand hat ihn bereits zu einem Ding gemacht, so wie sie es mit seinen Eltern getan haben.
Doch seine Eltern sind tot. Sie liegen einen Meter unter der Erde und zerfallen zu Dreck. Sie atmen nicht mehr.

„Mizusawa!“, ruft Wataru erneut.
„Komm schon! Wir müssen ihn trocken und warm kriegen!“

Taku spürt den Boden an seinen Knien noch bevor er weiß, dass er zu Boden gesunken ist. Neben seinen Beinen liegt der Kopf des fast toten Jungen, und er fasst mit zitternden Fingerspitzen nach ihm, streicht bebend die Haare aus dem Gesicht.
Er erwartet einen grauenvollen Anblick – ein fehlendes Auge oder eine abgeschnittene Nase – irgendetwas, das zum Rest des kadaverähnlichen Körpers passt.

Aber unter den verfilzten Strähnen kommt ein schlankes, eingefallenes und schönes Gesicht zum Vorschein, mit langen Wimpern, geschwungenen Lippen und aufgerissenen Mundwinkeln, bleich wie das eines Geistes. Ein Puppengesicht, zu surreal und wie aus Wachs.

Es fühlt sich an, als würde etwas, das lange in seinem tiefsten Inneren stehengeblieben ist, wieder anspringen, als Taku mit allergrößter Vorsicht beginnt, dieses Gesicht und die Haare abzutrocknen.

Wataru ruft ihm irgendetwas zu – verschüchtert, hastig und halb erstickt.
Aber er hört es kaum unter dem Donnerkrachen, den gleißenden Blitzen, dem Regen, der sich gewalttätig durch das Dach trommeln will.

„Du bist kein Ding“, wispert Taku leise und fährt so behutsam er kann, mit dem warm-trockenen Handtuch über das misshandelte Gesicht.
„Du bist keine Puppe. Du bist ein Mensch, ein Mensch, ein Mensch.“

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