Verrückt genug [Angst + Hilfos für mich]
Aug. 16th, 2015 06:24 pmTeam: Morpheus
Fandom: Tumbling (Dystopie AU)
Charaktere: Wataru, Yuuta
Wörter: ~1900
Prompt: Hilflos aus der Angst-Tabelle
Vorwort: Das spielt ein ganzes Stück weiter vorher chronologisch als der letzte Teil. Aber ich fand es irgendwie wichtig um ein bisschen Background zu Yuuta zu liefern. ;)
Warnung: Angst. Möglicherweise ein wenig klaustrophobisch. Eine ziemlich schlimme Verletzung. Aber erneut mit ein paar Silberstreifen am Horizont, weil Wataru.
„Oi!“
Yuuta blinzelt.
Ein helles, scharf geschnittenes Gesicht schwimmt über ihm in den Fokus. Er sieht wild abstehenden, rote Haare, die einen scharfen Kontrast zu dem hellblauen Himmel bilden.
„Oi“, wiederholt die Stimme. Sie klingt zuversichtlich. „Mach dir keine Sorgen. Wir holen dich da raus. Wie heißt du?“
Yuuta starrt ihn an.
Das muss eine Halluzination sein. Es gibt gar keine andere Möglichkeit.
Er weiß nicht, wie lange er hier schon liegt. Es ist einmal dunkel und wieder hell geworden um ihn herum. So viel hat er in seinem Dämmerzustand mitbekommen.
„Tut das weh?“ Behutsam tasten Fingerspitzen seinen Nacken ab, jeden Wirbel einzeln. „Spürst du das?“
Yuuta starrt und starrt, bis seine Augen tränen und er blinzeln muss.
Er ist von Kopf bis Fuß bedeckt mit feinem weißen Staub. Er überzieht sein Gesicht wie ein Film, er klebt in seine Wimpern, seinen Nasenlöchern, seinem Mund, und jedes Mal wenn er ein oder ausatmet oder blinzelt fliegen weiße Staubkörnchen in die Luft.
Etwas berührt sein Gesicht und er zuckt heftig zusammen.
„Ich tu dir nichts“, versichert die Stimme. „Ich bin ganz vorsichtig.“
Es ist ein weicher Lappen, kapiert Yuuta, mit dem behutsam über sein Gesicht gefahren wird, über seine Augenlider, seinen Mund.
„Besser?“ fragt die Stimme. Und dann: „Ich bin Wataru. Kannst du sprechen?“
Yuuta öffnet langsam wieder die Augen. Der weiße, verschwommene Film hinter dem die Welt versteckt war, ist verschwunden und er weiß nicht wie er das finden soll. Alles sieht plötzlich so… real aus.
„Ist okay. Mach dir keine Gedanken, wir kriegen das hin“, versichert die Halluzination. „Oi Kiyama!“ ruft er über seine Schulter. „Versuch was aus Eisen zu finden! Irgendwas, das wir als Hebel benutzen können. Beeil dich!“
Eine zweite Stimme erwidert etwas, aber das bekommt Yuuta nicht mehr ganz mit, denn der Balken bewegt sich millimeterweise. Knochen reiben übereinander. Stechender Schmerz schießt durch seinen gesamten Körper und einen Augenblick lang wird alles weiß vor seinen Augen.
Er bekommt kaum mit wie jemand nach seiner Hand greift und seine Finger umklammert, aber er spürt wie er mit aller Macht zurückdrückt.
„…okay, ist okay. Wir holen dich da raus“, murmelt die Stimme beruhigend. „Halt nur noch ein bisschen durch.“
Das darf nicht wahr sein, denkt er.
Es ist keine Halluzination. Der Typ ist echt.
Yuuta ist doch schon halb weggedämmert gewesen, was taucht denn jetzt dieser Irre auf und redet mit ihm?
„…Bein“, bringt er hervor, atemlos vor Schmerzen. Er kann sprechen ist die Wahrheit. Er will nur nicht sprechen, weil er Angst hat, dass er schreit, sobald er die Zähne auseinandermacht.
Der Junge – Wataru – verzieht mitfühlend das Gesicht. „Ja, das sieht übel aus. Wir sehen uns das gleich mal an, sobald wir dich da rausgeholt haben.“
Yuuta schüttelt frustriert den Kopf, weil er so begriffsstutzig ist, und fährt sich mit der Zungenspitze über die trockene Unterlippe. „…schnell“, bringt er lautlos hervor. „Beende es… schnell…“
„Ja, ja.“ Wataru nickt eifrig. „Es wird ganz schnell gehen, versprochen. Mein Freund ist gleich wieder da und dann…“
Yuuta schüttelt den Kopf. Er greift nach Watarus Hand und drückt so fest er kann. „Töte mich…gleich…“, flüstert er. „Mach es schnell…“
Einen Moment lang sieht Wataru überrascht aus, dann flackern in kurzer Folge hintereinander ein Mikrokosmos an Emotionen über sein Gesicht, eine heftiger als die andere. „Nein“, sagt er fest. „Nein, wir holen dich hier raus.“
Yuuta lacht bitter. „Ein halbes Haus liegt auf mir…!“
„Das meiste ist nur Geröll. Das kriegen wir weg. Das Hauptproblem ist das Riesending hier.“ Wataru deutet auf den großen massiven Holzbalken, der Yuutas linke Körperhälfte unter sich begraben hat. Sein Arm ist in eine Kuhle gedrückt worden und weitgehend unversehrt, zumindest fühlt sich so an. Nur sein Bein… sein Bein. Yuuta schauert. Er will sich nicht einmal vorstellen in wie viele Teile ein menschliches Bein zerspringen kann.
Wataru redet immer noch. „Wir holen dich raus. Du wirst es schaffen, okay? Du schaffst es. Und dann…“
Yuuta beißt die Zähne zusammen. Er atmet ein und aus und schließt einen Moment die Augen. „Sei kein Idiot“, sagt er langsam. „Ich werde nie wieder laufen können.“
„Ja, vielleicht“, sagt Wataru ruhig.
Yuuta möchte nach ihm schlagen, aber seine Hand wird immer noch fest umklammert von Wataru. Ist er wirklich so begriffsstutzig oder tut er nur so? Niemand kann in dieser Welt überleben ohne laufen zu können. Er wird vollkommen hilflos sein. Nutzlos.
Wenn sie ihn jetzt rausholen, dann retten sie ihn nur, um ihn sterben zu lassen.
„Lass mich nicht da draußen verhungern“, zwingt er sich über die Lippen. Lass mich nicht qualvoll verrecken. „Mach es schnell. Bitte.“
„Du hast mir immer noch nicht deinen Namen gesagt“, sagt Wataru leise.
Er ist nicht sicher, was das noch für eine Rolle spielt, aber er hört sich trotzdem antworten. „Yuuta.“
„Ich werde dich nicht verhungern lassen, Yuuta.“ Es klingt nachdrücklich. „Wir werden dich hier rausholen. Das wird keinen Spaß machen und es wird verdammt wehtun, aber du wirst hier rauskommen.“
Yuuta seufzt und macht nachdrücklich die Augen zu.
Der Typ ist offensichtlich geisteskrank, gar kein Zweifel. Er muss einfach aufhören mit ihm zu diskutieren, dann geht er vielleicht von alleine wieder weg. Vielleicht.
Wer hätte gedacht, dass Sterben so lange dauern würde.
„Hey, hey, hey. Nicht die Augen zumachen.“ Seine Hand wird auffordernd gedrückt. „Komm schon. Rede mit mir.“
Bitte was? Mit letzter Kraft funkelt Yuuta ihn an.
Genau das möchte er gerne vermeiden. Er will nicht reden.
Er will in Ruhe sterben. Möglichst schnell. Bevor ihn jemand rausholt und seine Qual noch verlängert.
„Erzähl mir was passiert ist“ schlägt Wataru pragmatisch vor. „Wenn wir wissen, welche Gebäude einsturzgefährdet sind, können mein Freund und ich vermeiden, das uns dasselbe passiert.“
Das klingt… erstaunlich sinnvoll.
Yuuta atmet ein und wieder aus, und er wartet einen qualvoll langen Moment bis der Schmerz nachlässt. „Es war ein Nachbeben“, sagt er knapp. „Wir waren hier um Lebensmittel zu holen. Ich bin nicht rechtzeitig rausgekommen.“
„Wir?“
Yuuta nickt.
„Du warst mit einer Gruppe unterwegs?“ Wataru blickt sich suchend um. „Wo sind sie?“
Yuuta sieht ihn an als hätte er den Verstand verloren. „Fort“, sagt er langsam und deutlich.
„Sie haben nicht versucht dich rauszuholen?“ fragt Wataru leise.
Yuuta zuckt mit den Schultern oder versucht es wenigstens. Eine Sekunde später bereut er die unwillkürliche Bewegung, als der Balken erneut beginnt zu rutschen. Die zersplitterten Knochen in seinem Bein werden weiter auseinander gedrückt. Er drückt den Hinterkopf gegen den Schotter auf dem er liegt und presst die Zähne so fest zusammen, dass sein Kiefer schmerzt.
Nicht schreien. Nur nicht schreien.
Geschrei lockt die wilden Tiere an.
Und andere… menschliche… Tiere.
„…ist okay“, murmelt Wataru beruhigend. „Ich hab dich.“
„Hast du nicht“, murmelt Yuuta widerspenstig und blinzelt durch den Tränenschleier zu ihm hoch.
Wataru lächelt ihn an. Er hält immer noch Yuutas Hand, wird Yuuta bewusst, ihre Finger fest ineinander verschlungen.
Er kennt ihn überhaupt nicht, denkt Yuuta, plötzlich von der absoluten Absurdität dieser Situation überrollt. Alles was er von Wataru weiß ist dass er leuchtend rote Haare hat und das breiteste Lächeln aller Zeiten und dass er völlig wahnsinnig ist. Und ihn einfach nicht sterben lassen will.
„Wir haben das diskutiert“, hört Yuuta sich selbst sagen. Schweiß klebt auf seiner Stirn. „Tsurumi, er… er wollte mich auch nicht umbringen.“
„Wie nett von ihm.“
„Sie sind keine schlechten Menschen“, verteidigt Yuuta atemlos. „Sie haben angeboten mich rauszuholen. Und mir essen dazu lassen. Aber sie hätten… sie hätten mich nicht mitnehmen können. Nicht so.“ Sein Mund ist so trocken, und die Sonne über ihm glüht wie ein unnachgiebiger weißer Ball auf ihn herab. „Essen hätte es nur verlängert. Das Sterben.“
Wataru sieht ihn an.
„Wir haben das diskutiert“, wiederholt Yuuta verzweifelt. „Wir haben das so entschieden. Es war das Beste.“
„Sie haben dich zurückgelassen“, stellt Wataru leise fest. „Zum Sterben.“
„Ja.“ Es hätte ganz sachlich klingen sollen. Denn immerhin war das eine ganz sachliche, rationale Entscheidung. Dass es das beste ist für alle Beteiligten, wenn sie Yuuta zum Sterben hier zurücklassen.
Aber es klingt nicht sachlich.
Seine Stimme bricht mittendrin und Yuuta spürt zu seinem eigenen Entsetzen wie seine Augen sich mit Tränen füllen.
Hastig presst er die Augen zusammen, aber es ist zu spät.
„Ja“, schluchzt er. Er fühlt sich winzig klein und hundeelend, und er ist bis zu diesem Moment so tapfer gewesen, so gelassen und ergeben in sein Schicksal. Sie haben ihn zurück gelassen. Ganz allein. So wie abgesprochen.
Aber er will nicht sterben, wird ihm klar. Nicht so. Nicht alleine.
Er will nicht sterben.
„Du wirst nicht sterben“, verspricht Wataru und erst jetzt begreift Yuuta, dass er das laut gesagt haben muss. Eine Hand streichelt über seine feuchte Stirn und wischt schweißnasse Haarsträhnen aus seinem Gesicht. „Ich lass dich nicht sterben“, flüstert er. „Nicht hier, nicht so. Und auch nicht später.“
Yuuta öffnet die Augen. Watarus Gesicht ist ernst und entschlossen, aber da ist ein winziges, sanftes Lächeln um seine Mundwinkel, als ob er gar nicht anders kann. Als ob trotz allem was in diesem Land grässliches geschehen ist, was jeden Tag geschieht, immer noch genug gute Gründe da sind, jemanden anzulächeln.
„Ich lass dich nicht sterben.“
Yuuta nickt, beinah gegen seinen Willen. Er glaubt ihm. Gegen alle Gegenbeweise glaubt er ihm. Es ist schwer Wataru nicht zu glauben, wenn er einen so ansieht. Als ob er Himmel und Erde bewegen wird, um dich zu retten. „Okay“, flüstert er.
Eine Stimme ruft etwas, was Yuuta nicht versteht, und Wataru brüllt ohne sich umzudrehen: „Wir sind hier drüben! Beeil dich!“
Er macht Anstalten Yuutas Hand loszulassen und Yuuta klammert sich instinktiv fester an ihn.
„Geh nicht“, bringt er hervor. Jetzt wo er nicht mehr sterben will, ist der Begriff ‚Todesangst‘ plötzlich wieder bittere Realität geworden. Er will nicht hier sterben. „Bitte lass mich nicht allein.“
„Ich geh nicht weg“, verspricht Wataru. „Ich brauche nur beide Hände, damit wir dich hier rauskriegen.“
Yuuta nickt und lässt zögernd seine Hand los.
Wataru legt sie beruhigend auf seine Schulter.
„Reicht das?“ fragt die zweite Stimme. Es ist ein großer, schwarzhaariger Junge mit ernsten, kantigen Gesichtszügen. Er schleift eine Eisenstange hinter sich her, die schwer genug aussieht als ob man sie nur zweit hochstemmen könnte.
„Ja, das ist perfekt“, erwidert Wataru. Zu Yuuta flüstert er: „Wir holen dich hier raus. Ich lasse dich nicht sterben. Vertrau mir.“
Yuuta vertraut ihm.
Er weiß nicht wieso, denn sie kennen sich weniger als eine halbe Stunde und die Hälfte ihrer Unterhaltung fühlt sich an wie ein surrealer Traum oder eine Halluzination. Alles was er weiß ist, dass Wataru vollkommen irre ist. Absolut übergeschnappt.
Vielleicht ist er gerade verrückt genug um Yuuta zu retten.
Sie benutzen die Stange um den Balken auszuhebeln. Das Geröll knirscht und wackelt bedrohlich um ihn herum. Seine Knochen malmen. Yuuta sieht Sterne. Mitten drin wird ihm heiß und kalt vor lauter Schmerz und er versinkt in der Schwärze.
*
Als er wieder zu sich kommt, liegt er auf etwas Weichem und die Welt schaukelt sanft um ihn herum. Blau und Weiß fließt es in sein Gesichtsfeld, als er blinzelt.
Der Himmel bewegt sich über ihm und es dauert einen Moment bis ihm klar wird, dass er auf einer behelfsmäßigen Trage liegt, die langsam über Schutt und Erde getragen wird.
„Es ist alles in Ordnung“, versichert eine ruhige Stimme. Aus den Augenwinkeln sieht er rote Haare. „Schlaf einfach weiter. Ich hab dich.“
„Hast du nicht“, murmelt Yuuta. Aber seine Augenlider sind schwer wie Blei und sinken beinah wie von selbst nach unten.
Watarus lacht. Etwas breitet sich seltsam weich und warm in Yuutas Magen aus.
Er hat ihn.
Fandom: Tumbling (Dystopie AU)
Charaktere: Wataru, Yuuta
Wörter: ~1900
Prompt: Hilflos aus der Angst-Tabelle
Vorwort: Das spielt ein ganzes Stück weiter vorher chronologisch als der letzte Teil. Aber ich fand es irgendwie wichtig um ein bisschen Background zu Yuuta zu liefern. ;)
Warnung: Angst. Möglicherweise ein wenig klaustrophobisch. Eine ziemlich schlimme Verletzung. Aber erneut mit ein paar Silberstreifen am Horizont, weil Wataru.
„Oi!“
Yuuta blinzelt.
Ein helles, scharf geschnittenes Gesicht schwimmt über ihm in den Fokus. Er sieht wild abstehenden, rote Haare, die einen scharfen Kontrast zu dem hellblauen Himmel bilden.
„Oi“, wiederholt die Stimme. Sie klingt zuversichtlich. „Mach dir keine Sorgen. Wir holen dich da raus. Wie heißt du?“
Yuuta starrt ihn an.
Das muss eine Halluzination sein. Es gibt gar keine andere Möglichkeit.
Er weiß nicht, wie lange er hier schon liegt. Es ist einmal dunkel und wieder hell geworden um ihn herum. So viel hat er in seinem Dämmerzustand mitbekommen.
„Tut das weh?“ Behutsam tasten Fingerspitzen seinen Nacken ab, jeden Wirbel einzeln. „Spürst du das?“
Yuuta starrt und starrt, bis seine Augen tränen und er blinzeln muss.
Er ist von Kopf bis Fuß bedeckt mit feinem weißen Staub. Er überzieht sein Gesicht wie ein Film, er klebt in seine Wimpern, seinen Nasenlöchern, seinem Mund, und jedes Mal wenn er ein oder ausatmet oder blinzelt fliegen weiße Staubkörnchen in die Luft.
Etwas berührt sein Gesicht und er zuckt heftig zusammen.
„Ich tu dir nichts“, versichert die Stimme. „Ich bin ganz vorsichtig.“
Es ist ein weicher Lappen, kapiert Yuuta, mit dem behutsam über sein Gesicht gefahren wird, über seine Augenlider, seinen Mund.
„Besser?“ fragt die Stimme. Und dann: „Ich bin Wataru. Kannst du sprechen?“
Yuuta öffnet langsam wieder die Augen. Der weiße, verschwommene Film hinter dem die Welt versteckt war, ist verschwunden und er weiß nicht wie er das finden soll. Alles sieht plötzlich so… real aus.
„Ist okay. Mach dir keine Gedanken, wir kriegen das hin“, versichert die Halluzination. „Oi Kiyama!“ ruft er über seine Schulter. „Versuch was aus Eisen zu finden! Irgendwas, das wir als Hebel benutzen können. Beeil dich!“
Eine zweite Stimme erwidert etwas, aber das bekommt Yuuta nicht mehr ganz mit, denn der Balken bewegt sich millimeterweise. Knochen reiben übereinander. Stechender Schmerz schießt durch seinen gesamten Körper und einen Augenblick lang wird alles weiß vor seinen Augen.
Er bekommt kaum mit wie jemand nach seiner Hand greift und seine Finger umklammert, aber er spürt wie er mit aller Macht zurückdrückt.
„…okay, ist okay. Wir holen dich da raus“, murmelt die Stimme beruhigend. „Halt nur noch ein bisschen durch.“
Das darf nicht wahr sein, denkt er.
Es ist keine Halluzination. Der Typ ist echt.
Yuuta ist doch schon halb weggedämmert gewesen, was taucht denn jetzt dieser Irre auf und redet mit ihm?
„…Bein“, bringt er hervor, atemlos vor Schmerzen. Er kann sprechen ist die Wahrheit. Er will nur nicht sprechen, weil er Angst hat, dass er schreit, sobald er die Zähne auseinandermacht.
Der Junge – Wataru – verzieht mitfühlend das Gesicht. „Ja, das sieht übel aus. Wir sehen uns das gleich mal an, sobald wir dich da rausgeholt haben.“
Yuuta schüttelt frustriert den Kopf, weil er so begriffsstutzig ist, und fährt sich mit der Zungenspitze über die trockene Unterlippe. „…schnell“, bringt er lautlos hervor. „Beende es… schnell…“
„Ja, ja.“ Wataru nickt eifrig. „Es wird ganz schnell gehen, versprochen. Mein Freund ist gleich wieder da und dann…“
Yuuta schüttelt den Kopf. Er greift nach Watarus Hand und drückt so fest er kann. „Töte mich…gleich…“, flüstert er. „Mach es schnell…“
Einen Moment lang sieht Wataru überrascht aus, dann flackern in kurzer Folge hintereinander ein Mikrokosmos an Emotionen über sein Gesicht, eine heftiger als die andere. „Nein“, sagt er fest. „Nein, wir holen dich hier raus.“
Yuuta lacht bitter. „Ein halbes Haus liegt auf mir…!“
„Das meiste ist nur Geröll. Das kriegen wir weg. Das Hauptproblem ist das Riesending hier.“ Wataru deutet auf den großen massiven Holzbalken, der Yuutas linke Körperhälfte unter sich begraben hat. Sein Arm ist in eine Kuhle gedrückt worden und weitgehend unversehrt, zumindest fühlt sich so an. Nur sein Bein… sein Bein. Yuuta schauert. Er will sich nicht einmal vorstellen in wie viele Teile ein menschliches Bein zerspringen kann.
Wataru redet immer noch. „Wir holen dich raus. Du wirst es schaffen, okay? Du schaffst es. Und dann…“
Yuuta beißt die Zähne zusammen. Er atmet ein und aus und schließt einen Moment die Augen. „Sei kein Idiot“, sagt er langsam. „Ich werde nie wieder laufen können.“
„Ja, vielleicht“, sagt Wataru ruhig.
Yuuta möchte nach ihm schlagen, aber seine Hand wird immer noch fest umklammert von Wataru. Ist er wirklich so begriffsstutzig oder tut er nur so? Niemand kann in dieser Welt überleben ohne laufen zu können. Er wird vollkommen hilflos sein. Nutzlos.
Wenn sie ihn jetzt rausholen, dann retten sie ihn nur, um ihn sterben zu lassen.
„Lass mich nicht da draußen verhungern“, zwingt er sich über die Lippen. Lass mich nicht qualvoll verrecken. „Mach es schnell. Bitte.“
„Du hast mir immer noch nicht deinen Namen gesagt“, sagt Wataru leise.
Er ist nicht sicher, was das noch für eine Rolle spielt, aber er hört sich trotzdem antworten. „Yuuta.“
„Ich werde dich nicht verhungern lassen, Yuuta.“ Es klingt nachdrücklich. „Wir werden dich hier rausholen. Das wird keinen Spaß machen und es wird verdammt wehtun, aber du wirst hier rauskommen.“
Yuuta seufzt und macht nachdrücklich die Augen zu.
Der Typ ist offensichtlich geisteskrank, gar kein Zweifel. Er muss einfach aufhören mit ihm zu diskutieren, dann geht er vielleicht von alleine wieder weg. Vielleicht.
Wer hätte gedacht, dass Sterben so lange dauern würde.
„Hey, hey, hey. Nicht die Augen zumachen.“ Seine Hand wird auffordernd gedrückt. „Komm schon. Rede mit mir.“
Bitte was? Mit letzter Kraft funkelt Yuuta ihn an.
Genau das möchte er gerne vermeiden. Er will nicht reden.
Er will in Ruhe sterben. Möglichst schnell. Bevor ihn jemand rausholt und seine Qual noch verlängert.
„Erzähl mir was passiert ist“ schlägt Wataru pragmatisch vor. „Wenn wir wissen, welche Gebäude einsturzgefährdet sind, können mein Freund und ich vermeiden, das uns dasselbe passiert.“
Das klingt… erstaunlich sinnvoll.
Yuuta atmet ein und wieder aus, und er wartet einen qualvoll langen Moment bis der Schmerz nachlässt. „Es war ein Nachbeben“, sagt er knapp. „Wir waren hier um Lebensmittel zu holen. Ich bin nicht rechtzeitig rausgekommen.“
„Wir?“
Yuuta nickt.
„Du warst mit einer Gruppe unterwegs?“ Wataru blickt sich suchend um. „Wo sind sie?“
Yuuta sieht ihn an als hätte er den Verstand verloren. „Fort“, sagt er langsam und deutlich.
„Sie haben nicht versucht dich rauszuholen?“ fragt Wataru leise.
Yuuta zuckt mit den Schultern oder versucht es wenigstens. Eine Sekunde später bereut er die unwillkürliche Bewegung, als der Balken erneut beginnt zu rutschen. Die zersplitterten Knochen in seinem Bein werden weiter auseinander gedrückt. Er drückt den Hinterkopf gegen den Schotter auf dem er liegt und presst die Zähne so fest zusammen, dass sein Kiefer schmerzt.
Nicht schreien. Nur nicht schreien.
Geschrei lockt die wilden Tiere an.
Und andere… menschliche… Tiere.
„…ist okay“, murmelt Wataru beruhigend. „Ich hab dich.“
„Hast du nicht“, murmelt Yuuta widerspenstig und blinzelt durch den Tränenschleier zu ihm hoch.
Wataru lächelt ihn an. Er hält immer noch Yuutas Hand, wird Yuuta bewusst, ihre Finger fest ineinander verschlungen.
Er kennt ihn überhaupt nicht, denkt Yuuta, plötzlich von der absoluten Absurdität dieser Situation überrollt. Alles was er von Wataru weiß ist dass er leuchtend rote Haare hat und das breiteste Lächeln aller Zeiten und dass er völlig wahnsinnig ist. Und ihn einfach nicht sterben lassen will.
„Wir haben das diskutiert“, hört Yuuta sich selbst sagen. Schweiß klebt auf seiner Stirn. „Tsurumi, er… er wollte mich auch nicht umbringen.“
„Wie nett von ihm.“
„Sie sind keine schlechten Menschen“, verteidigt Yuuta atemlos. „Sie haben angeboten mich rauszuholen. Und mir essen dazu lassen. Aber sie hätten… sie hätten mich nicht mitnehmen können. Nicht so.“ Sein Mund ist so trocken, und die Sonne über ihm glüht wie ein unnachgiebiger weißer Ball auf ihn herab. „Essen hätte es nur verlängert. Das Sterben.“
Wataru sieht ihn an.
„Wir haben das diskutiert“, wiederholt Yuuta verzweifelt. „Wir haben das so entschieden. Es war das Beste.“
„Sie haben dich zurückgelassen“, stellt Wataru leise fest. „Zum Sterben.“
„Ja.“ Es hätte ganz sachlich klingen sollen. Denn immerhin war das eine ganz sachliche, rationale Entscheidung. Dass es das beste ist für alle Beteiligten, wenn sie Yuuta zum Sterben hier zurücklassen.
Aber es klingt nicht sachlich.
Seine Stimme bricht mittendrin und Yuuta spürt zu seinem eigenen Entsetzen wie seine Augen sich mit Tränen füllen.
Hastig presst er die Augen zusammen, aber es ist zu spät.
„Ja“, schluchzt er. Er fühlt sich winzig klein und hundeelend, und er ist bis zu diesem Moment so tapfer gewesen, so gelassen und ergeben in sein Schicksal. Sie haben ihn zurück gelassen. Ganz allein. So wie abgesprochen.
Aber er will nicht sterben, wird ihm klar. Nicht so. Nicht alleine.
Er will nicht sterben.
„Du wirst nicht sterben“, verspricht Wataru und erst jetzt begreift Yuuta, dass er das laut gesagt haben muss. Eine Hand streichelt über seine feuchte Stirn und wischt schweißnasse Haarsträhnen aus seinem Gesicht. „Ich lass dich nicht sterben“, flüstert er. „Nicht hier, nicht so. Und auch nicht später.“
Yuuta öffnet die Augen. Watarus Gesicht ist ernst und entschlossen, aber da ist ein winziges, sanftes Lächeln um seine Mundwinkel, als ob er gar nicht anders kann. Als ob trotz allem was in diesem Land grässliches geschehen ist, was jeden Tag geschieht, immer noch genug gute Gründe da sind, jemanden anzulächeln.
„Ich lass dich nicht sterben.“
Yuuta nickt, beinah gegen seinen Willen. Er glaubt ihm. Gegen alle Gegenbeweise glaubt er ihm. Es ist schwer Wataru nicht zu glauben, wenn er einen so ansieht. Als ob er Himmel und Erde bewegen wird, um dich zu retten. „Okay“, flüstert er.
Eine Stimme ruft etwas, was Yuuta nicht versteht, und Wataru brüllt ohne sich umzudrehen: „Wir sind hier drüben! Beeil dich!“
Er macht Anstalten Yuutas Hand loszulassen und Yuuta klammert sich instinktiv fester an ihn.
„Geh nicht“, bringt er hervor. Jetzt wo er nicht mehr sterben will, ist der Begriff ‚Todesangst‘ plötzlich wieder bittere Realität geworden. Er will nicht hier sterben. „Bitte lass mich nicht allein.“
„Ich geh nicht weg“, verspricht Wataru. „Ich brauche nur beide Hände, damit wir dich hier rauskriegen.“
Yuuta nickt und lässt zögernd seine Hand los.
Wataru legt sie beruhigend auf seine Schulter.
„Reicht das?“ fragt die zweite Stimme. Es ist ein großer, schwarzhaariger Junge mit ernsten, kantigen Gesichtszügen. Er schleift eine Eisenstange hinter sich her, die schwer genug aussieht als ob man sie nur zweit hochstemmen könnte.
„Ja, das ist perfekt“, erwidert Wataru. Zu Yuuta flüstert er: „Wir holen dich hier raus. Ich lasse dich nicht sterben. Vertrau mir.“
Yuuta vertraut ihm.
Er weiß nicht wieso, denn sie kennen sich weniger als eine halbe Stunde und die Hälfte ihrer Unterhaltung fühlt sich an wie ein surrealer Traum oder eine Halluzination. Alles was er weiß ist, dass Wataru vollkommen irre ist. Absolut übergeschnappt.
Vielleicht ist er gerade verrückt genug um Yuuta zu retten.
Sie benutzen die Stange um den Balken auszuhebeln. Das Geröll knirscht und wackelt bedrohlich um ihn herum. Seine Knochen malmen. Yuuta sieht Sterne. Mitten drin wird ihm heiß und kalt vor lauter Schmerz und er versinkt in der Schwärze.
*
Als er wieder zu sich kommt, liegt er auf etwas Weichem und die Welt schaukelt sanft um ihn herum. Blau und Weiß fließt es in sein Gesichtsfeld, als er blinzelt.
Der Himmel bewegt sich über ihm und es dauert einen Moment bis ihm klar wird, dass er auf einer behelfsmäßigen Trage liegt, die langsam über Schutt und Erde getragen wird.
„Es ist alles in Ordnung“, versichert eine ruhige Stimme. Aus den Augenwinkeln sieht er rote Haare. „Schlaf einfach weiter. Ich hab dich.“
„Hast du nicht“, murmelt Yuuta. Aber seine Augenlider sind schwer wie Blei und sinken beinah wie von selbst nach unten.
Watarus lacht. Etwas breitet sich seltsam weich und warm in Yuutas Magen aus.
Er hat ihn.
no subject
Date: 2015-08-16 04:47 pm (UTC)Rei, was tust du ihm da an?? Das ist NICHT okay!
Ich meine... toll! Aber... absolut nicht okay! Allein schon vom Lesen bekommt man körperliche Schmerzen! Sein Bein! Gah! Aua! Ich versuche gerade, nicht darüber nachzudenken, was das wirklich für ihn bedeutet, nie wieder richtig laufen zu können. Abgesehen davon, dass es in dieser AU ein ziemlich sicheres Todesurteil ist. ._.
Und Wataru...
Alles was er weiß ist, dass Wataru vollkommen irre ist. Absolut übergeschnappt.
Damit weiß er alles, was bei Wataru wichtig ist. XD
Natürlich kann Wataru keine verletzten Kätzchen... ähm... Jungen einfach zurücklassen! Das ist gerade hier das tragische an ihm. ._. Jeder, den er verliert, muss doch ein riesiges Loch reißen... ;_;
Aber Yûta ist jetzt sicher. Und Ryôsuke rettet er auch! Und überhaupt!
no subject
Date: 2015-08-18 09:03 am (UTC)Vielleicht, weil die ganze Yûtaru-Geschichte in meinem Kopf erst ein Nebenhandlungsstrang war, aber jetzt ist es so riesengroß und wuchtig und wichtig und Yûta bricht mir das Herz, mindestens zehn Mal pro Stunde ;__;
GOTT; es ist so FÜRCHTERLICH.
Wie seine Leute basically dasselbe mit ihm abgezogen haben wie Ryôsukes Gang; sie konnten ihn nicht mehr gebrauchen bzw. hätten Mühe aufwenden müssen und sich um ihn kümmern, also haben sie ihn einfach zum Sterben dagelassen..... und er denkt anfangs noch, dass das vernünftigste Lösung und mit seinem Einverständnis war....... ;_________;
*weckt sämtliche noch schlafende Leute im Haus mit ihrem Schluchzen*
Und wie man sieht, wenn Wataru an der Fassade dieser "Entscheidung" kratzt, dass darunter so so viel Angst und Schmerz und Trauer und Verzweiflung stecken und doch eigentlich so viel Lebenswille ;_____;
Und ehrlich, das hier:
Yuuta schüttelt den Kopf. Er greift nach Watarus Hand und drückt so fest er kann. „Töte mich…gleich…“, flüstert er. „Mach es schnell…“
Das tut physisch weh.
Das zerbombt Herzen und ganze Tage und alles und nichts daran wird jemals irgendwie in Ordnung sein und vielleicht bin masochistischer veranlagt als ich dachte, aber ich lese diese Stelle seit vorgestern schon zum fünfzigsten Mal, aber es wird nicht weniger schmerzhaft ;___;
Gott, ich habe die beiden doch vorher gar nicht wirklich geshippt ;__; Und nun will ich alles darüber lesen, wie Wataru Yûta durchkämpft und sie gemeinsam Nächte durchweinen (Yûta vor Schmerz und Wataru vor Leid) und wie sie zusammenwachsen und sich aneinander gewöhnen und einander vertrauen und beste Freunde werden und sich gegenseitig helfen und ;_____;
Ach... ihr beiden..... ;_____;
no subject
Date: 2015-09-30 07:08 am (UTC)Aber es hat mich schon wieder so gefangen genommen, daß ich die Geschichte doch gleich nochmal ganz gelesen habe ... und auch wenn es auf die Schnelle nur dafür reicht: Kudos!
no subject
Date: 2015-09-30 09:05 am (UTC)Und ja kenn ich .... ich werd mich im Lauf der Woche auch mal dransetzen und ganz vieles kommentieren was ich hier richtig gut fand, aber wozu ich einfach nicht gekommen bin. ;_;