Team: Morpheus
Fandom: Tumbling (Dystopie AU)
Charaktere: Wataru, Kiyama, Ryousuke
Wörter: ~1700
Prompt: "Wahnsinn bedeutet immer das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten" aus der Angst-Tabelle
Vorwort: Das schließt sich praktisch nahtlos an den letzten Teil an den
tsutsumi zu unserer Dystopie AU geschrieben hat (den findet ihr hier).
Warnung: Angst. So viel Angst. Aber mit ein paar Silberstreifen am Horizont, weil Wataru.
Der Himmel über ihnen ist grau und beige und silber. Saurer Regen tröpfelt kalt über Kiyamas Nacken.
Er ist ganz still, denn das ist Wataru auch.
Kiyama wartet.
Der Rucksack voll mit Blechbüchsen hängt schwer über seiner Schulter, und Kiyama denkt, er verbringt die meiste Zeit seines Lebens mit Warten.
Er schluckt alles hinunter was ihm auf der Zunge liegt. Er sagt nicht, dass es bald dunkel wird und sie wirklich dringend zurück müssen, weil die anderen auf sie warten. Er sagt nicht „er ist tot', denn das ist so offensichtlich wie alles andere.
‚Er‘ ist ein Junge. Vielleicht. Es ist schwer zu erkennen. Sein Gesicht ist mager und ausgebleicht unter dem ganzen Schmutz, und lange, verfilzte Haarsträhnen kleben in seiner Stirn. Direkt vor seinem Tod muss er in eine Schlägerei geraten sein, denn er ist übersät von blauen Flecken und getrocknetem Blut.
Er ist so grau in grau mit seiner Umgebung, dass Kiyama seine reglose Gestalt nicht einmal bemerkt hätte, wenn Wataru nicht so abrupt erstarrt und über Trümmer hinweg zu ihm gesprintet wäre. Er liegt verdreht am Boden, die Gliedmaßen abgewinkelt vom Körper, wie sorglos weggeworfenes Spielzeug.
Er kann noch nicht lange tot sein, denkt Kiyama, denn die ersten Ratten sind gerade erst aufgetaucht, um sich über den Kadaver herzumachen.
Wataru hat sie mit wütenden Fußtritten verscheucht, aber sie sind nur ein paar Schritte zurückgewichen. Sie lauern auf ihre Beute.
Aasfresser.
Wataru kniet auf dem Boden. Er hat den Kopf gesenkt und der feine Regen fällt ungehindert auf seinen entblößten Nacken. Seine Fingerspitzen berühren sacht die Hand des Toten, die so kalt sein muss wie die Steine neben ihm.
„Wenn wir ein paar Stunden früher hier gewesen wären...“, sagt er leise.
Kiyama wirft einen einzigen Blick auf das ausgezerrt Gesicht mit hohlen Wangen und auf die unendlich mageren, knochigen Handgelenke, die aus einem Pullover herausragen, der nur noch ein brauner nicht identifizierbarer Klumpen Wolle ist, und schüttelt den Kopf. „Das wäre auch zu spät gewesen“, stellt er fest. Niemand der so aussieht, macht es noch lange, denkt er.
„Vielleicht zwei Stunden...“, wispert Wataru. „Nur zwei Stunden.“ Wütend presst er seine Faust in den Boden.
‚Wahnsinn bedeutet immer das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten.‘ Niemals hat ein Satz auf jemanden besser gepasst als dieser auf Wataru.
Als Kiyama das zu ihm gesagt hat, hat Wataru gelacht und erwidert, dass es viel schlimmer sei, es überhaupt nicht erst zu versuchen.
Und deswegen versucht Wataru es immer und immer wieder.
Aber Wataru ist auch mit Abstand der wahnsinnigste Mensch, den Kiyama je kennen gelernt hat.
Das ist die einzige Erklärung.
Sie haben schon Leute gefunden, die so ausgesehen haben.
Skelette mit papierdünner Haut. Halbe Leichen kurz vorm krepieren.
Die schaffen es alle nicht mehr.
Ab einem gewissen Punkt ist man tot, auch wenn man es selbst noch nicht weiß. Wenn man schon so verhungert ist, dass es kein Zurück mehr gibt, weil der Kreislauf einfach unaufhaltsam in sich zusammenfällt.
Wataru hat sie mitgeschleppt, soweit seine Füße ihn getragen haben.
Die Meisten sind auf halbem Weg gestorben.
Der hier hat einfach nur Glück, dass er es schon hinter sich hat.
So muss man das sehen.
Er hat Glück.
Es ist vorbei.
„Steh auf“, sagt Kiyama. Er wirft einen beunruhigten Blick zum Horizont der sich bereits schwarz und grau verfärbt. Die ersten Blitze zucken über den Himmel. „Wir müssen zurück.“
Wataru rührt sich nicht von der Stelle. „Was denkst du, wie alt er war?“ fragt er leise.
Kiyama zuckt mit den Schultern, weil das überhaupt keine relevante Frage ist. „Komm schon“, sagt er stattdessen. Die Herztabletten für Satoshi drücken schwerer als alle Blechdosen zusammen auf seine Schultern. Sie dürfen nicht leichtsinnig sein. Sie dürfen nicht sterben. Nicht wenn so viele Menschenleben davon abhängen, dass sie es heil nach Hause schaffen.
Wataru schüttelt eigensinnig den Kopf. „Wir begraben ihn.“
Kiyama öffnet den Mund, besinnt sich gleich darauf anders und schließt ihn wieder. Er weiß nicht, wieso er überhaupt versucht zu diskutieren. Er weiß doch wie es endet.
„Wir können ihn nicht hier liegen lassen. Die Ratten fressen ihn sonst“, sagt Wataru leise. Regentropfen glitzern um seinen Kopf wie ein verdammter Heiligenschein.
Kiyama seufzt und nickt. Er greift nach hinten und zieht die kleine Schaufel hervor, die er neben der Spitzhacke auf seinem Rücken gebunden hat. Sein Rucksack fällt mit einem schweren Scheppern zu Boden.
„Nur eine Handbreit“, bestimmt er. „Danach bedecken wir ihn mit Schutt und Erde. Das muss reichen.“
Für mehr haben sie gar keine Zeit.
Wataru nickt folgsam und angelt nach seiner eigenen Schaufel, während er sich aufrichtet.
„Beeil dich“, grummelt Kiyama, während er die Schaufel in die kalte Erde rammt. „Sonst gehe ich alleine zurück und lass dich hier zurück. Dann können die Ratten dich fressen.“
Watarus Antwort darauf ist ein Lächeln.
Kiyama seufzt. Sogar er weiß, dass das eine leere Drohung ist. Er weiß nur nicht, wem er versucht etwas vorzumachen.
Sie graben schnell und schweigend, maschinenartig aufeinander eingespielt.
Kiyama weiß nicht mehr, wie viele Gräber sie zusammen geschaufelt haben im letzten Jahr, aber es waren eindeutig zu viele.
Der Regen wird stärker und schwarzen Wolken bauen sich bedrohlich über ihnen auf. Die Sonne ist fast vollständig verschwunden und hat ein silbernes, unwirkliches Dämmerlicht hinterlassen. Die Erde unter ihnen ist schlammig und schwer.
Ein Blitz zuckt über den Himmel. Der darauffolgende Donner ist beinah zeitgleich, ein ohrenbetäubender Schlag, der Kiyama unwillkürlich zusammen zucken lässt.
Aus den Augenwinkeln sieht er eine Bewegung und hält inne.
Er dreht sich um und starrt auf den toten Jungen.
Ein Blitz. In Gedanken zählt er mit. Einundzwanzig, zweiund-... Der Donner kracht über ihnen wie eine Kanone die abgefeuert wird. Und der Leichnam zuckt zusammen.
Alles in Kiyama erstarrt.
Leichen zucken nicht zusammen.
„ER LEBT!“ brüllt er. „WATARU! ER LEBT NOCH!“ Abrupt schleudert er die Schaufel beiseite und stürzt in die Knie. Er umschlingt das Gesicht des Jungen mit beiden Händen. „Hey! Hey! Komm schon!“ befiehlt er und beginnt ihn zu schütteln. „Komm schon!“
Aus den Augenwinkeln sieht er wie Wataru sich neben ihn in den Schlamm wirft. „Was!?“
„Er ist zusammengezuckt!“ faucht Kiyama. „Ich hab es gesehen. Er lebt!“ Er schüttelt ihn erneut, diesmal fester. Seine Finger sind nass vom Regen und glitschig vom Schweiß und rutschen an der mageren Kehle ab, als er verzweifelt versucht nach einem Puls zu tasten. Aber alles was er fühlt ist sein eigener rasender Herzschlag, der wild durch seine Fingerspitzen hämmert.
Die Haut unter seinen Fingern ist kalt, das Gesicht ein wächserner Totenkopf. Getrocknetes Blut klebt an seiner Unterlippe und seine linke Wange ist geschwollen und schillert in blau-violetten Farbtönen.
Es ist kein Wunder, dass Wataru ihn für tot gehalten hat. Und jung. Großer Gott. Er ist so wahnsinnig jung.
Aber eben, da...
Er ist sich ganz sicher.
Beinah sicher.
„Vorsicht“, sagt Wataru leise. „Tu ihm nicht weh.“ Widerspruchslos überlässt Kiyama die leblose Gestalt seinen ausgestreckten Händen und Wataru zieht ihn sacht weg von der kalten Erde und hinauf auf seinen Schoss.
„Hey“, flüstert Wataru, die Augen weit und dunkel. „Es ist okay, ich hab dich. Es ist alles okay.“ Seine lange knochigen Finger umfassen das abgemagerte Gesicht so behutsam als sei er aus Glas, während er ihn betrachtet. Abwartend. Hoffnungsvoll.
Kiyama hat die Hand in dem matschigen Knäuel brauner Wolle vergraben, der mal ein Pullover gewesen ist, direkt über der abgemagerten Brust. Eine Sekunde lang hält er den Atem an und wartet.
Vielleicht war es nur eine Täuschung des Lichts. Vielleicht hat er sich das Zucken nur eingebildet.
Vielleicht... vielleicht...
Ein Donner grollt.
Die dunklen Wimpern flattern und es zuckt unter den bläulichen Augenlidern.
Ein Stöhnen entweicht Kiyamas Lippen, vor Erleichterung oder Entsetzen, er weiß es nicht.
Er lebt.
Er lebt.
Das flache Grab zu ihren Füßen wird in schrilles, höhnisches Licht getaucht.
„Es ist okay“, wiederholt Wataru sacht. Seine Finger zittern, als er dem Jungen durch das verklebte Haar streichelt. „Du bist in Sicherheit. Ich hab dich. Es wird alles gut.“ Unendlich behutsam tastete über die Wangenknochen, den Nacken, den Hinterkopf.
„Knochenbrüche?“, fragt er leise und Kiyama tastet folgsam Arme und Beine und die Rippen ab. Sie sind dünn wie Stöcke und fühlen sich zerbrechlich an wie aus Glas, aber soweit er es an den Schichten aus zerrissenen Klamotten feststellen kann, sind sie intakt. Er schüttelt den Kopf.
Wataru nickt. „Gut. Wie schnell können wir zu Hause sein“, schiebt er hinterher, ein wildes, atemloses Flüstern.
„Eine Stunde, anderthalb“, rechnet Kiyama dumpf.
Die Realität trifft ihn mit der Wucht eines Dampfhammers.
Der Junge ist eine Leiche, ob er schon tot ist oder nicht. Er ist vollkommen unterkühlt und so abgemagert, dass man die Sehnen unter seiner dünnen Haut hervortreten sehen kann. Er ist jenseits jeder Hilfe, die sie ihm anbieten können, weder hier noch im Camp.
‚Wahnsinn bedeutet immer das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten.‘
Wataru schiebt behutsam die Arme unter den Jungen, einen unter die Knie und einen unter die Schultern, und hebt ihn hoch, so behutsam als sei er ein neugeborenes Kind. Sein Kopf baumelt leblos nach hinten und wenn Kiyama das Zucken nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, wäre er spätestens jetzt überzeugt gewesen, dass sie einen Toten vor sich haben.
Nichts an seinem Zustand ist mit dem Leben vereinbar.
„Hilf mir“, befiehlt Wataru mit zusammen gebissenen Zähnen. „Schnell!“
Kiyama nickt.
Wortlos und mit einem Kloß in der Kehle hilft er Wataru den Jungen auf seinen Rücken zu manövrieren. Er weiß, dass Wataru dafür seinen Rucksack mit den Dosen zurücklassen wird. Für einen Toten.
Sämtliches Gewicht scheint von den schweren vollgesogenen Klamotten zu kommen. Der Junge selbst besteht aus nichts als Luft und Staub.
Sie binden die Ärmel seines Pullovers vor Watarus Brust zusammen, damit er nicht hinten runter rutscht.
Er wird sterben, bevor sie das Camp erreicht haben. Und Wataru auf dem Weg dorthin erdrosseln.
„Wataru…“, flüstert Kiyama. Seine Stimme geht unter im Donnergrollen, aber Wataru hört ihn dennoch. Er wendet den Kopf.
„Er wird es nicht schaffen“, sagt Kiyama leise.
Wataru hält inne. Ein einzelner, langer Blitz zerreißt die Nacht und beleuchtet sein helles, kantiges Gesicht und die ernst zusammengezogenen Augenbrauen. „Er hat so lange durchgehalten“, erwidert er. „Bis wir ihn gefunden haben. Das kann nicht umsonst gewesen sein.“
Kiyama möchte daran glauben, dass es stimmt.
Er nickt.
Und zerrt Watarus Rucksack hoch über seine eigenen Schultern.
Fandom: Tumbling (Dystopie AU)
Charaktere: Wataru, Kiyama, Ryousuke
Wörter: ~1700
Prompt: "Wahnsinn bedeutet immer das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten" aus der Angst-Tabelle
Vorwort: Das schließt sich praktisch nahtlos an den letzten Teil an den
Warnung: Angst. So viel Angst. Aber mit ein paar Silberstreifen am Horizont, weil Wataru.
Der Himmel über ihnen ist grau und beige und silber. Saurer Regen tröpfelt kalt über Kiyamas Nacken.
Er ist ganz still, denn das ist Wataru auch.
Kiyama wartet.
Der Rucksack voll mit Blechbüchsen hängt schwer über seiner Schulter, und Kiyama denkt, er verbringt die meiste Zeit seines Lebens mit Warten.
Er schluckt alles hinunter was ihm auf der Zunge liegt. Er sagt nicht, dass es bald dunkel wird und sie wirklich dringend zurück müssen, weil die anderen auf sie warten. Er sagt nicht „er ist tot', denn das ist so offensichtlich wie alles andere.
‚Er‘ ist ein Junge. Vielleicht. Es ist schwer zu erkennen. Sein Gesicht ist mager und ausgebleicht unter dem ganzen Schmutz, und lange, verfilzte Haarsträhnen kleben in seiner Stirn. Direkt vor seinem Tod muss er in eine Schlägerei geraten sein, denn er ist übersät von blauen Flecken und getrocknetem Blut.
Er ist so grau in grau mit seiner Umgebung, dass Kiyama seine reglose Gestalt nicht einmal bemerkt hätte, wenn Wataru nicht so abrupt erstarrt und über Trümmer hinweg zu ihm gesprintet wäre. Er liegt verdreht am Boden, die Gliedmaßen abgewinkelt vom Körper, wie sorglos weggeworfenes Spielzeug.
Er kann noch nicht lange tot sein, denkt Kiyama, denn die ersten Ratten sind gerade erst aufgetaucht, um sich über den Kadaver herzumachen.
Wataru hat sie mit wütenden Fußtritten verscheucht, aber sie sind nur ein paar Schritte zurückgewichen. Sie lauern auf ihre Beute.
Aasfresser.
Wataru kniet auf dem Boden. Er hat den Kopf gesenkt und der feine Regen fällt ungehindert auf seinen entblößten Nacken. Seine Fingerspitzen berühren sacht die Hand des Toten, die so kalt sein muss wie die Steine neben ihm.
„Wenn wir ein paar Stunden früher hier gewesen wären...“, sagt er leise.
Kiyama wirft einen einzigen Blick auf das ausgezerrt Gesicht mit hohlen Wangen und auf die unendlich mageren, knochigen Handgelenke, die aus einem Pullover herausragen, der nur noch ein brauner nicht identifizierbarer Klumpen Wolle ist, und schüttelt den Kopf. „Das wäre auch zu spät gewesen“, stellt er fest. Niemand der so aussieht, macht es noch lange, denkt er.
„Vielleicht zwei Stunden...“, wispert Wataru. „Nur zwei Stunden.“ Wütend presst er seine Faust in den Boden.
‚Wahnsinn bedeutet immer das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten.‘ Niemals hat ein Satz auf jemanden besser gepasst als dieser auf Wataru.
Als Kiyama das zu ihm gesagt hat, hat Wataru gelacht und erwidert, dass es viel schlimmer sei, es überhaupt nicht erst zu versuchen.
Und deswegen versucht Wataru es immer und immer wieder.
Aber Wataru ist auch mit Abstand der wahnsinnigste Mensch, den Kiyama je kennen gelernt hat.
Das ist die einzige Erklärung.
Sie haben schon Leute gefunden, die so ausgesehen haben.
Skelette mit papierdünner Haut. Halbe Leichen kurz vorm krepieren.
Die schaffen es alle nicht mehr.
Ab einem gewissen Punkt ist man tot, auch wenn man es selbst noch nicht weiß. Wenn man schon so verhungert ist, dass es kein Zurück mehr gibt, weil der Kreislauf einfach unaufhaltsam in sich zusammenfällt.
Wataru hat sie mitgeschleppt, soweit seine Füße ihn getragen haben.
Die Meisten sind auf halbem Weg gestorben.
Der hier hat einfach nur Glück, dass er es schon hinter sich hat.
So muss man das sehen.
Er hat Glück.
Es ist vorbei.
„Steh auf“, sagt Kiyama. Er wirft einen beunruhigten Blick zum Horizont der sich bereits schwarz und grau verfärbt. Die ersten Blitze zucken über den Himmel. „Wir müssen zurück.“
Wataru rührt sich nicht von der Stelle. „Was denkst du, wie alt er war?“ fragt er leise.
Kiyama zuckt mit den Schultern, weil das überhaupt keine relevante Frage ist. „Komm schon“, sagt er stattdessen. Die Herztabletten für Satoshi drücken schwerer als alle Blechdosen zusammen auf seine Schultern. Sie dürfen nicht leichtsinnig sein. Sie dürfen nicht sterben. Nicht wenn so viele Menschenleben davon abhängen, dass sie es heil nach Hause schaffen.
Wataru schüttelt eigensinnig den Kopf. „Wir begraben ihn.“
Kiyama öffnet den Mund, besinnt sich gleich darauf anders und schließt ihn wieder. Er weiß nicht, wieso er überhaupt versucht zu diskutieren. Er weiß doch wie es endet.
„Wir können ihn nicht hier liegen lassen. Die Ratten fressen ihn sonst“, sagt Wataru leise. Regentropfen glitzern um seinen Kopf wie ein verdammter Heiligenschein.
Kiyama seufzt und nickt. Er greift nach hinten und zieht die kleine Schaufel hervor, die er neben der Spitzhacke auf seinem Rücken gebunden hat. Sein Rucksack fällt mit einem schweren Scheppern zu Boden.
„Nur eine Handbreit“, bestimmt er. „Danach bedecken wir ihn mit Schutt und Erde. Das muss reichen.“
Für mehr haben sie gar keine Zeit.
Wataru nickt folgsam und angelt nach seiner eigenen Schaufel, während er sich aufrichtet.
„Beeil dich“, grummelt Kiyama, während er die Schaufel in die kalte Erde rammt. „Sonst gehe ich alleine zurück und lass dich hier zurück. Dann können die Ratten dich fressen.“
Watarus Antwort darauf ist ein Lächeln.
Kiyama seufzt. Sogar er weiß, dass das eine leere Drohung ist. Er weiß nur nicht, wem er versucht etwas vorzumachen.
Sie graben schnell und schweigend, maschinenartig aufeinander eingespielt.
Kiyama weiß nicht mehr, wie viele Gräber sie zusammen geschaufelt haben im letzten Jahr, aber es waren eindeutig zu viele.
Der Regen wird stärker und schwarzen Wolken bauen sich bedrohlich über ihnen auf. Die Sonne ist fast vollständig verschwunden und hat ein silbernes, unwirkliches Dämmerlicht hinterlassen. Die Erde unter ihnen ist schlammig und schwer.
Ein Blitz zuckt über den Himmel. Der darauffolgende Donner ist beinah zeitgleich, ein ohrenbetäubender Schlag, der Kiyama unwillkürlich zusammen zucken lässt.
Aus den Augenwinkeln sieht er eine Bewegung und hält inne.
Er dreht sich um und starrt auf den toten Jungen.
Ein Blitz. In Gedanken zählt er mit. Einundzwanzig, zweiund-... Der Donner kracht über ihnen wie eine Kanone die abgefeuert wird. Und der Leichnam zuckt zusammen.
Alles in Kiyama erstarrt.
Leichen zucken nicht zusammen.
„ER LEBT!“ brüllt er. „WATARU! ER LEBT NOCH!“ Abrupt schleudert er die Schaufel beiseite und stürzt in die Knie. Er umschlingt das Gesicht des Jungen mit beiden Händen. „Hey! Hey! Komm schon!“ befiehlt er und beginnt ihn zu schütteln. „Komm schon!“
Aus den Augenwinkeln sieht er wie Wataru sich neben ihn in den Schlamm wirft. „Was!?“
„Er ist zusammengezuckt!“ faucht Kiyama. „Ich hab es gesehen. Er lebt!“ Er schüttelt ihn erneut, diesmal fester. Seine Finger sind nass vom Regen und glitschig vom Schweiß und rutschen an der mageren Kehle ab, als er verzweifelt versucht nach einem Puls zu tasten. Aber alles was er fühlt ist sein eigener rasender Herzschlag, der wild durch seine Fingerspitzen hämmert.
Die Haut unter seinen Fingern ist kalt, das Gesicht ein wächserner Totenkopf. Getrocknetes Blut klebt an seiner Unterlippe und seine linke Wange ist geschwollen und schillert in blau-violetten Farbtönen.
Es ist kein Wunder, dass Wataru ihn für tot gehalten hat. Und jung. Großer Gott. Er ist so wahnsinnig jung.
Aber eben, da...
Er ist sich ganz sicher.
Beinah sicher.
„Vorsicht“, sagt Wataru leise. „Tu ihm nicht weh.“ Widerspruchslos überlässt Kiyama die leblose Gestalt seinen ausgestreckten Händen und Wataru zieht ihn sacht weg von der kalten Erde und hinauf auf seinen Schoss.
„Hey“, flüstert Wataru, die Augen weit und dunkel. „Es ist okay, ich hab dich. Es ist alles okay.“ Seine lange knochigen Finger umfassen das abgemagerte Gesicht so behutsam als sei er aus Glas, während er ihn betrachtet. Abwartend. Hoffnungsvoll.
Kiyama hat die Hand in dem matschigen Knäuel brauner Wolle vergraben, der mal ein Pullover gewesen ist, direkt über der abgemagerten Brust. Eine Sekunde lang hält er den Atem an und wartet.
Vielleicht war es nur eine Täuschung des Lichts. Vielleicht hat er sich das Zucken nur eingebildet.
Vielleicht... vielleicht...
Ein Donner grollt.
Die dunklen Wimpern flattern und es zuckt unter den bläulichen Augenlidern.
Ein Stöhnen entweicht Kiyamas Lippen, vor Erleichterung oder Entsetzen, er weiß es nicht.
Er lebt.
Er lebt.
Das flache Grab zu ihren Füßen wird in schrilles, höhnisches Licht getaucht.
„Es ist okay“, wiederholt Wataru sacht. Seine Finger zittern, als er dem Jungen durch das verklebte Haar streichelt. „Du bist in Sicherheit. Ich hab dich. Es wird alles gut.“ Unendlich behutsam tastete über die Wangenknochen, den Nacken, den Hinterkopf.
„Knochenbrüche?“, fragt er leise und Kiyama tastet folgsam Arme und Beine und die Rippen ab. Sie sind dünn wie Stöcke und fühlen sich zerbrechlich an wie aus Glas, aber soweit er es an den Schichten aus zerrissenen Klamotten feststellen kann, sind sie intakt. Er schüttelt den Kopf.
Wataru nickt. „Gut. Wie schnell können wir zu Hause sein“, schiebt er hinterher, ein wildes, atemloses Flüstern.
„Eine Stunde, anderthalb“, rechnet Kiyama dumpf.
Die Realität trifft ihn mit der Wucht eines Dampfhammers.
Der Junge ist eine Leiche, ob er schon tot ist oder nicht. Er ist vollkommen unterkühlt und so abgemagert, dass man die Sehnen unter seiner dünnen Haut hervortreten sehen kann. Er ist jenseits jeder Hilfe, die sie ihm anbieten können, weder hier noch im Camp.
‚Wahnsinn bedeutet immer das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten.‘
Wataru schiebt behutsam die Arme unter den Jungen, einen unter die Knie und einen unter die Schultern, und hebt ihn hoch, so behutsam als sei er ein neugeborenes Kind. Sein Kopf baumelt leblos nach hinten und wenn Kiyama das Zucken nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, wäre er spätestens jetzt überzeugt gewesen, dass sie einen Toten vor sich haben.
Nichts an seinem Zustand ist mit dem Leben vereinbar.
„Hilf mir“, befiehlt Wataru mit zusammen gebissenen Zähnen. „Schnell!“
Kiyama nickt.
Wortlos und mit einem Kloß in der Kehle hilft er Wataru den Jungen auf seinen Rücken zu manövrieren. Er weiß, dass Wataru dafür seinen Rucksack mit den Dosen zurücklassen wird. Für einen Toten.
Sämtliches Gewicht scheint von den schweren vollgesogenen Klamotten zu kommen. Der Junge selbst besteht aus nichts als Luft und Staub.
Sie binden die Ärmel seines Pullovers vor Watarus Brust zusammen, damit er nicht hinten runter rutscht.
Er wird sterben, bevor sie das Camp erreicht haben. Und Wataru auf dem Weg dorthin erdrosseln.
„Wataru…“, flüstert Kiyama. Seine Stimme geht unter im Donnergrollen, aber Wataru hört ihn dennoch. Er wendet den Kopf.
„Er wird es nicht schaffen“, sagt Kiyama leise.
Wataru hält inne. Ein einzelner, langer Blitz zerreißt die Nacht und beleuchtet sein helles, kantiges Gesicht und die ernst zusammengezogenen Augenbrauen. „Er hat so lange durchgehalten“, erwidert er. „Bis wir ihn gefunden haben. Das kann nicht umsonst gewesen sein.“
Kiyama möchte daran glauben, dass es stimmt.
Er nickt.
Und zerrt Watarus Rucksack hoch über seine eigenen Schultern.
no subject
Date: 2015-08-15 07:21 am (UTC)Nach einer Nacht Schlafen dachte ich, ich könnte mich hierzu vielleicht kohärent äußern oder so, aber.... vergessen wir das xD
Ich möchte Liebe mit dieser Fic machen und sie danach zum Essen ausführen und sie heiraten und mit ihr ganz viele kleine Ficlets machen *___*
Ich kann mich nur wiederholen, wie glücklich ich über diese AU bin und wie fucking fantastisch es ist, sie mit dir zu haben *___*
Weil oh Gott.... Ryôsuke ist so...fast tot ;___; Und nein, ich werde jetzt nicht wieder in den Raum reinfragen, wer ihm das angetan hat *hust*, aber oh Gott, ich hatte ihn bisher ja nur in der Innen-POV und das war was GANZ anderes. Es ist so ein Riesenunterschied, jemanden von innen zu schreiben, der nur noch auf den letzten Instinkten handelt, als ihn von außen zu sehen und zu sehen, was man mit ihm gemacht hat... ;____;
Und ich hätte nicht gedacht, dass Wataru mir so das Herz brechen wird... also, ich hatte es geahnt, aber OH GOTT ;__;
Wataru, der Leichen liebevoll begräbt und ihnen liebe Dinge sagt, auch wenn er sie gar nicht kennt, und Wataru, der Ryôsuke verspricht, dass alles gut wird, obwohl er ihn noch nie zuvor gesehen hat und ganz vorsichtig mit ihm ist und Dinge wie "Tu ihm nicht weh" sagt und gah.... ;_____;
Ich habe da etwas im Auge und es ist nicht nur Augensalbe ;____;
Und Kiyama, der zuerst völlig abgebrüht rüberkommt und der doch in Wahrheit nur Wataru vor noch mehr Herzschmerz schützen will, weil er sich das Elend oft genug mitangesehen hat und weil er es selbst nicht mehr erträgt, Menschen auf dem Weg heim sterben zu sehen und sie begraben zu müssen (und dabei wahrscheinlich immer wieder an Takashi denken muss ;__;) und der sich völlig überschlägt, als er merkt, dass Ryôsuke noch lebt, aber danach wieder abgebrüht und resigniert wird, weil er es nicht wagt, zu hoffen, dass ihr Findelkind überlebt.
*weint*
*schluchzt*
*weint noch mehr*
Und Ryôsuke, der nur zuckt und dem man das Atmen offensichtlich kaum noch ansieht und gah ;______; Wäh ;_____;
Der Junge selbst besteht aus nichts als Luft und Staub.
Ryôsuke, der von anderen so sehr aus dem Leben gedrängt wurde, dass er sich fast aufgelöst hat ;___;
In der Hinsicht ist er fast genauso gespensterhaft wie Mizusawa ;_;
Und dann ist das alles noch so wuchtig und erschlagend geschrieben, dass ich hier nur schnappatmend und weinend hocken kann, weil das alles so intensiv und nah und grau und dreckig und kalt ist ;___;
Ich liebe dich und ich liebe deine Worte ;___;
Und zu guter letzt muss ich ja nochmal loswerden, wie unfassbar akkurat deine Charakterisierungen sind.
Weil:
Und deswegen versucht Wataru es immer und immer wieder.
Aber Wataru ist auch mit Abstand der wahnsinnigste Mensch, den Kiyama je kennen gelernt hat. ist das Wahrste, was jemals über Wataru gesagt wurde.
Das merkt man ja schon in der Serie - er ist ja derjenige, der sich vor Menschen mit Eisenstangen immer wieder hinkniet und um Gnade fleht. Dieser Wahnsinnige....
Hach.... Wieso nochmal mochte ich ihn am Anfang nicht? XD
no subject
Date: 2015-08-15 05:08 pm (UTC)Ryôsuke! Wataru! Kiyama! ;_; Es ist so schrecklich! Und auch wenn Wataru ihn jetzt endlich(!!!) gefunden hat, der Silberstreif bleibt winzig klein.
Das ist alles so furchtbar... ._. Und so wie du es schreibst, geht es einem unter die Haut bis zu den Knochen und bleibt da. Ryôsukes Innensicht war schon furchtbar, aber zu lesen, was aus ihm gemacht worden ist... Gah! Das ist einfach zu viel!
Im Grunde hat Wino schon alles gesagt... aber... gott! Ich leide wie ein Hund und... macht das wieder gut! Du, Wino... mir egal, aber... oooh Gott! ;_; Bitte! Ryôsuke soll es endlich besser haben! Bitte!!!