[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Morpheus
Challenge: Angst - Das Geräusch eines Schusses - für's Team)
Fandom: Tumbling
Personen: Mizusawa Taku + Eltern + Gastauftritt zweier gewisser Kerlchen
Anmerkung: Teil der düsteren Weltuntergangs-Dystopie, diesmal befinden wir uns bei Mizusawa.


„Ich weiß, es ist schwer, aber du musst es tun“, sagt sein Vater und Taku fügt im Kopf einen weiteren Strich zu seiner Liste hinzu. Weil sein Vater das dauernd sagt. Mindestens fünf Mal am Tag.
Ihm wird übel, als er den Regenwurm in seinen Fingern betrachtet – dieses arme Ding, das keine Ahnung hat, was gleich mit ihm geschehen wird. Er fühlt sich weich und labberig an wie gekochte Udon-Nudeln und hat die Farbe von Eingeweiden.

Sein Vater schaut Taku lange an und legt dann mitfühlend eine Hand auf seine Schulter.
„Komm, gib mal her.“

Taku zwingt sich, hinzusehen, wenn er es schon nicht selbst tun kann. Sein Blick weicht nicht ab, als sein Vater den Angelhaken durch den Wurm drückt, mühelos und ohne mit der Wimper zu zucken.
Er versucht, an den leckeren Fisch zu denken, den sie heute Abend essen können.



Denn er hat Glück.

Taku weiß das und er fühlt sich deswegen so schuldig, dass er jedesmal, wenn er das Haus und die relativ sichere Straße verlässt, den Kopf einzieht. Ihr Viertel hatte Glück, weil es beinahe nur aus neu gebauten, sehr erdbebensicheren Häusern besteht. Er hatte Glück, weil seine Eltern, als das große Beben kam, beide draußen unterwegs gewesen sind.
Er hat Glück, weil sie beide gesund und munter sind, weil man sich in der Nachbarschaft hilft und die Banden, die durch die Nachbarstädte streifen und Mord und Totschlag betreiben, bislang immer abgewehrt werden konnten.

Er hatte so viel Glück, dass er jede Nacht mit der steinschweren Angst tief im Bauch einschläft, dass ihm dafür bald etwas genommen werden muss.

Es geht gar nicht anders.

Seine Mutter ist etwas dünn geworden in letzter Zeit, doch sie lacht immer noch genauso viel.

„Damals nach dem Krieg ging es den Leuten auch nicht anders“, pflegt sie zu sagen.
„Wir müssen nur zusammenhalten und das Beste daraus machen.“

Und dann kocht sie Rettichschale wie Kartoffeln und brät ihren Fisch und öffnet eine Dose Bohnen dazu.
Taku weiß, dass woanders Menschen verhungern, hier, in diesem Land.

Er hat so ein Glück, weil er nur ab und an mit Magenknurren schlafen geht.



Sein Vater versucht, ihm Angeln beizubringen. Es wäre hilfreich, wenn Taku Regenwürmer aufspießen könnte, und so steht er trotzig und stumm daneben.
„Du musst das irgendwann mal tun“, sagt sein Vater, aber er spricht sehr sanft dabei. So wie immer, wie als ob er nebenbei vor sich hinträumt.

„Es wird ja wohl in nächster Zeit erst einmal keine Supermärkte mehr geben. Und irgendwann musst du doch eine Familie ernähren.“

Taku nickt und schluckt jedesmal, doch er sagt nichts dazu.

Er zieht es vor, sich nachts heimlich still und leise selbst zu beschimpfen, weil er keine Familie haben will, die er ernähren muss.
Nur einen anderen Jungen.

Aber das wird nicht passieren, und zwar aus zwei Gründen: Er kann nicht angeln und andere Jungs werden sich niemals für ihn interessieren.

Es ist nicht so schlimm.

Er hat so viel Glück, dass er so etwas wie Liebe gar nicht fordern darf.



Da sind Momente, in denen er für Sekunden vergisst, dass sein Heimatland untergegangen ist.

Das einzige, was ihn an das große Erdbeben erinnert, ist die Tatsache, dass der Fernseher in der Ecke verstaubt und sie abends Kerzen auf dem Tisch stehen haben. Ihr Dieselmotor ist schon vor Wochen gestorben.

Aber das Essen von Takus Mutter ist noch immer großartig und sein Vater ist noch immer zu Späßen aufgelegt, wenn er über seinem Abendbier sitzt. Nur, dass es inzwischen Abendwasser ist. Bier haben sie schon lange nicht mehr.



Taku sieht diesen Jungen am Fluss.

Seine Haare sind wild zerzaust und sein Gesicht darunter scharf geschnitten. Seine Augen scheinen die ganze Welt zu verfluchen.

Während sein Vater neben ihm zum fünfzigsten Mal ansetzt, ihm das Angeln beizubringen, bleibt Takus Blick an diesem Jungen kleben.

Jemand anders ist bei ihm; ein Typ mit rot gefärbten Haaren. Er legt den Arm um den Jungen mit den wilden, traurigen Augen und redet leise mit ihm.

Taku wünscht sich so sehr, mit dem rothaarigen Jungen tauschen zu können, dass er versehentlich seinen Regenwurm in den Fluss fallen lässt.



In seinen Träumen ist er der rothaarige Junge.

Er hat warme, neugierige Finger, die an den Ärmeln des Jungen mit den wilden Augen entlangfahren. Er hat feuchte Lippen, die küssen, einen Bauch voll mit heißen Herzschlägen, er hat Hitze in den Lenden.

Als er aufwacht, muss er sich überlegen, wie er möglichst unauffällig seine Bettwäsche reinigt.



Es ist das Geräusch eines Schusses, das alles verändert.

Nein, kein Schuss – ein Knall. Eisen, das gegen Beton schlägt.

Es ist ein sonniger Nachmittag, an dem sie bisher nur gefaulenzt und Karten gespielt haben.
Zu viel Glück, denkt Taku reflexartig, als die Tür zu ihrer Wohnküche aufkracht und schwarz gekleidete Männer langsam wie pirschende Tiere hineinkommen. Hinter ihnen schleifen Eisenstangen auf dem Boden.

Sie hatten eindeutig zu viel Glück.
Es musste so kommen.

Aus der Ferne dringen Stimmen. Jemand schreit wie am Spieß. Jemand anderes fleht. Es sind die Nachbarn.

„Sieh an“, sagt einer der Typen. Er hat so dicke Oberarme, dass er aussieht wie ein Gorilla.

„Die glückliche Familie. Ist mir schlecht!“

Taku denkt an die hilflosen Regenwürmer, die sein Vater auf Angelhaken massakriert hat. Jetzt, hier, in diesem Augenblick ist er, sind sie nichts anderes. Nur zappelnde Regenwürmer, weich und dünn wie Udon-Nudeln.

„Verschwindet!“, schreit sein Vater und stellt sich zitternd vor Taku und seiner Mutter auf.
„Raus aus unserem Haus!“

Wenn nur der Junge mit den wilden Augen hier wäre, denkt Taku verzweifelt, als er sich mit seiner Mutter gegen die Wand drückt, als er sich panisch nach einer potentiellen Waffe umsieht.
Der würde ihn retten. Vielleicht.

Dann packen die Männer nach seinem Vater.

Das Geräusch von brechenden Knochen hallt in seinen Ohren. Das und die Schreie seines Vaters. Das und das Kreischen seiner Mutter, als irgendjemand sie packt und nach hinten zieht wie eine Marionette an ihren Fäden.

„Lauf weg, Taku!“, schreit sie und ihre bebende Hand deutet auf die Treppe nach oben.
Oben in die erste Etage, wo er aus dem Fenster springen, über das Dach der Nachbarn klettern und verschwinden kann.

Er hat solches Glück.... Er hatte viel zu lange solches Glück.

Seine Mutter macht ein unmenschliches Geräusch, als die Eisenstange sie trifft.


Taku rennt.


To be continued....

Date: 2015-07-23 07:56 pm (UTC)
luinaldawen: (Default)
From: [personal profile] luinaldawen
Und da hab ich am Anfang aufgeatmet, dass es netter wird. ._. Da war zwar das fiese Stimmchen, das mich gewarnt hat, aber ich wollte nicht hören und das hab ich jetzt davon! ;_; Armer Mizusawa... Er hatte erst so viel Glück und dann sowas... ._.

Du hast die ganze Stimmung so beneidenswert gut eingefangen! Wie sie angeln gehen und Mizusawa sich trotz allem nicht überwinden kann, einen Regenwurm aufzuspießen. ._. Seine Eltern und die kleine heile Welt, die da bestehen geblieben ist. Und wie sehr diese Welt auf Sand gebaut ist.
Ganz viel Liebe auch für das Auftauchen von Wataru und Kiyama. Gah, Kiyama... ;_;
Und natürlich retten sie ihn! Bestimmt! Bittebitte schreib schnell weiter!

Date: 2015-07-29 11:09 am (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Gooott ....
Wow.
Das ist so ...
Ugh.
Die ganze Geschichte macht einem Angst, weil es zwar an der Oberfläche die ganze Zeit idyllisch aussieht, aber man genauso wie Mizu Steine im Bauch hat vor lauter Angst. Denn es brodelt die ganze Zeit und es lauert.
Ich fand es wahnsinnig gut dass du mit dem Wurm angefangen hast, denn dazwischen ist so viel heile Familie und schöne, kleine Momente und Domesticness und trotzdem vergisst man niemals in was für einer Welt sie leben und diese Einleitung trägt absolut dazu bei.

Dieser winzige namenlose Gastauftritt von Wataru (und Kiyama? ;__; ) macht mich so glücklich und so traurig zugleich ... ich kann es gar nicht abwarten bis sie alle endlich sicher bei Wataru angekommen sind, weil gah ... sie brauchen alle so viel Liebe. ;__;

Und die letzten paar Zeilen fand ich so unendlich furchtbar, dass ich sehr froh, dass du es nicht weiter ausgeführt hast. Weil oh Gott... mein Herz.

Armer Mizu... seine armen Eltern ...
Armes Japan. ;___;

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