Action/Suspense: Wettlauf gegen die Zeit
Jul. 10th, 2015 02:49 pmTeam: Persephone
Fandom: Original
Challenge: Action/Suspense – Wettlauf gegen die Zeit (fürs Team)
Anmerkung: Wenn jemand von den Berlinern Anmerkungen und Ideen zu den Berlin-Schauplätzen hat: Her damit! Es ist eigentlich total bescheuert, einen Teil des Settings in eine Stadt zu verlegen, in der man sich kaum auskennt, aber meine Muse war der Meinung, dass es unbedingt Berlin sein musste. Und ihr wisst ja sicher, dass man da jede Diskussion verliert
Wörter: 1517
Fortsetzung hiervon
Es kam oft genug vor, dass Kinder verschwanden. Meistens tauchten sie nach ein paar Stunden wieder auf, tränenreiche Umarmungen inklusive. Erstmal aber hatte Dominik und seine Kollegen die aufgelösten Eltern am Hals. Das war okay. Auf eine makabere Art und Weise angenehmer als wenn jemand einen Erwachsenen als vermisst meldete. Denen musste man dann nämlich erklären, dass die Polizei nicht sofort eine groß angelegte Suche startete.
Das Paar, das diesmal aber vor ihm saß, unterschied sich von den anderen Eltern. Die Frau wirkte aufrichtig besorgt, aber sah so oft auf ihre Uhr, dass er kurz davor war zu fragen, ob es ihr zeitlich gerade ungelegen kam, die Vermisstenanzeige für die sechsjährige Tochter aufzugeben. Ihr Mann schwieg die ganze Zeit mit verkniffenem Gesichtsausdruck. „Die taucht wieder auf. Spätestens wenn sie Hunger bekommt, heult sie jemandem die Ohren voll.“
Vielleicht sollte er sicherheitshalber direkt das Jugendamt auf sie hetzen. Aber alles der Reihe nach. „Was hatte Johanna an?“, fragte er die Frau, die wenigstens kooperierte.
„Eine pinke Jacke... Jeans. Sie hat immer ihren Stoffhasen dabei. Auch wenn ich es ihr verbiete.“ Sie strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht, die aus ihrem wohl mal strengem Pferdeschwanz entkommen war. Ihre Fingernägel waren bis auf das Nagelbett herunter abgekaut und dunkle Ringe unter den Augen zeugten von zu wenig Schlaf. Fast tat sie ihm doch etwas Leid, aber Dominik nahm einfach nur pflichtbewusst die Daten auf. „Was trug sie unter der Jacke?“
Einen Moment lang schwieg sie, als wüsste sie es wirklich nicht. „Ein... einen blauen Pulli. Mit einem Pferd drauf. Sie wissen schon... diese Ponys aus der Fernsehserie.“
„My little Pony?“ Der Himmel wusste warum, aber Dominiks Mitbewohner mochte die Serie.
Die Frau nickte hastig. „Ja, genau.“
Fragend sah er sie an, aber er bekam keine weitere Erklärung. „Wissen Sie noch das Motiv?“
„Eins dieser Ponys halt... keine Ahnung mehr. Hören Sie... ich will nicht hetzen oder so aber... ich muss gleich zur Arbeit. Ich hab Nachtschicht.“
Auch das noch. „Denken Sie nicht, dass es gerade wichtiger ist, dass wir Johanna finden?“
Betreten senkte sie den Kopf. „Das Mädchen macht nichts als Ärger...“, flüsterte sie, aber Tränen stiegen ihr in die Augen. Dominik korrigierte sein Urteil über sie ein wenig. Überforderte Mutter mit nutzlosem Partner.
„Nicht jeder kann sich bequem den Hintern plattsitzen“, informierte eben dieser nutzlose Partner Dominik, der eine spitze Bemerkung herunterschluckte. Zum Glück hatte er gleich Feierabend.
„Okay, fassen wir also zusammen: Johanna ist heute Vormittag gegen halb elf am Hackeschen Markt verschwunden. In der Nähe der S-Bahn-Station. Die genaue Straße wissen Sie nicht mehr. Sechs Jahre alt, dünn, ungefähr 1,10 Meter groß. Blonde Haare, blaue Augen, Pferdeschwanz. Pinke Jacke, Jeans, blauer My-Little-Pony-Pulli und ein weißer Stoffhase. Eher schüchtern. Sie ist weg... einfach weg! Normalerweise macht sie sowas nicht...“
„Wir werden alles tun, um sie zu finden.“ Was in einer Stadt wie Berlin nicht viel war. „Warum sind Sie nicht direkt zur Polizei gegangen?“ Immerhin waren jetzt schon beinahe sieben Stunden vergangen und gerade bei verschwundenen Kindern war das eine Menge.
Wie schon fast erwartet mischte der nutzlose Partner jetzt wieder mit. Manchmal wünschte Dominik sich, dass die Klischees sich nicht mit schöner Regelmäßigkeit bestätigten.„Ich hab ihr gesagt, dass die Kleine schon von selbst wieder heimkommt.“
„Kennt sie denn den Weg?“ Er wollte Kindern ja nicht Selbstständigkeit und Intelligenz absprechen, aber der Heimweg wäre nicht gerade kurz. Im besten Fall bat Johanna selbst um Hilfe und wurde von Passanten zur nächsten Polizeiwache gebracht oder sie hatte die Nummer ihrer Eltern. Aber ein Handy war ja offenbar auch Fehlanzeige, was die Möglichkeit schon wieder stark minimierte.
„Hat sie ein Handy?“, fragte er sicherheitshalber nach und nutzloser Partner schüttelte den Kopf. „Sie ist zu klein für so einen Schnickschnack.“
„Es gibt viele Eltern, die ihren Kindern aus Sicherheitsgründen ein Handy kaufen.“
„Wir hatten früher auch keine Handys und sind erwachsen geworden.“
Dominik sparte sich jeden Kommentar. Sicherheitshalber ging er noch alle weiteren Angaben der Eltern durch und dann versicherte er ihnen, oder eher der Mutter, dass sie von ihm oder seinen Kollegen hören würden, wenn sie mehr wussten. Und bat sie, sich sofort zu melden, wenn sie etwas von Johanna hörten.Vielleicht fand sie ja doch noch selbst den Weg nach Hause.
Wie immer, wenn Kinder im Spiel waren, konnte Dominik auch nach Feierabend noch nicht abschalten. Was besonders ärgerlich war, da er selbst in der Sache wirklich wenig tun konnte. Die Kollegen wussten inzwischen Bescheid und er würde noch mindestens eine Woche im Innendienst festsitzen und Papierkram erledigen. Wunderbare Aussichten. Aber auf Krücken war man leider auf der Straße zu wenig zu gebrauchen. Und da sie wieder mal chronisch unterbesetzt waren, ein Hoch auf Sparmaßnahmen, fand sich immer etwas zu tun. Dabei saß er auch so schon genug am Schreibtisch. Die Arbeit bei der Polizei hatte er sich weiß Gott anders vorgestellt, aber immerhin musste er keinen Streifendienst schieben. Kriminalpolizei war manchmal aber wohl doch langweiliger als die Streife, jedenfalls von dem ausgehend, was er gelegentlich von seinem Mitbewohner hörte. Dafür hatte er die unschöneren Angelegenheiten. Gut möglich, dass der Fall Johanna bald ganz offiziell bei ihm oder einem Kollegen landen würde und das nicht, weil er Idiot er sich beim Training verletzt hatte. Wäre es wenigstens im Einsatz gewesen, aber halsbrecherische Verfolgungsjagden gehörten eher zu Alarm für Cobra 11 und nicht in seinen Alltag. Dabei wäre das mal eine nette Abwechslung.
Es war eigentlich nicht geplant, dass er bei den Hackeschen Höfen ausstieg, aber als er auf dem Bahnsteig stand, war es schon zu spät. Er konnte einfach nicht anders, wenigstens ansehen wollte er sich die Gegend mal. Also... beruflich. Pläne für den Abend hatte er nicht mehr, Thorsten, sein Mitbewohner, hatte ihn zwar gefragt, ob er mit ihm und ein paar anderen Freunden etwas trinken ging, aber das endete in der Regel in einer Disco und das hob er sich doch besser auf, bis er wieder ohne Krücken gehen konnte. Ob es im Gegenzug eine so gute Idee war, durch die Straßen zu humpeln, stand in den Sternen.
Aber jetzt war er schon mal hier und auch wenn er in fünf Minuten in die nächste S-Bahn steigen könnte, er hatte ohnehin keine große Lust, schon heimzufahren.
Das Auffälligste der nächsten halben Stunde waren einige chinesische Touristen, die ihn fünf Minuten lang zutexteten, als sie merkten, dass er ihre Sprache wenigstens rudimentär verstand. Zwei Semester Sinologie machten sich eben doch bemerkbar. Ein wenig.
Die Pfütze in der Gasse bemerkte er erst gar nicht. Es regnete oft genug, da war der Anblick keine Seltenheit. Erst als er fast daran vorbeigegangen war, informierte ihn sein Instinkt, dass da unmöglich so eine große Pfütze sein könnte, der letzte Regenguss war drei Tage her. Er war hier sowieso in einer Sackgasse. Am Ende gab es einen Hintereingang zu einem der Gebäude, ein paar Fahrräder lehnten an plakatbeklebten Wänden. Das eine oder andere eindeutig schon länger und nicht alle waren noch vollständig.Ein etwas merkwürdiger Anblick in dieser Gegend, aber so etwas gab es überall.
Aber die Sache mit der Pfütze war merkwürdig. Die Wasseroberfläche war vollkommen glatt und reflektierte den Himmel und einen Teil der nächsten Hauswand mit einer Klarheit, als stünde er vor einem Spiegel, den jemand auf den Boden gelegt hatte. Dominik sah hoch. Es war noch hell, aber langsam veränderten die Lichtverhältnisse sich Richtung Dämmerung. Noch waren es mehr Touristen, die auf Sightseeingtour unterwegs waren, das würde sich aber bald Richtung Nachtschwärmer verschieben.
Er sah wieder die Pfütze an. Hatte sich da etwas bewegt? Aus dem Augenwinkel hatte es so ausgesehen. Als wäre ein Schatten über das Wasser geglitten, aber am Himmel war nichts gewesen. Aber vielleicht lag es ja am Winkel? Nein, wohl nicht. So viel Physik konnte er dann doch noch, um zu wissen, dass er eine Bewegung in seiner Umgebung bemerkt hätte.
In der Ferne lachte jemand, andere stimmten ein. Dominik nahm es kaum mehr wahr, er näherte sich der Pfütze.Immer noch spiegelte sie in perfekter Art den Himmel, die Hauswand verschwand langsam aus dem Bild. Der leichte Wind schien ihr gar nichts auszumachen.
Dominik verlagerte sein Gewicht mehr auf eine der Krücken und berührte die glatte Wasseroberfläche mit der Spitze der anderen.
Sofort kam Bewegung in das Wasser, aber die Wellen gingen nicht von der Krücke weg, sondern auf sie zu. Er fiel.
Er musste das Gleichgewicht verloren haben, aber das Gefühl des Fallens hielt etwas zu lange an . War etwas zu intensiv. Und normalerweise wurde ihm davon auch nicht schlecht.
Den Würgereiz irgendwie unterdrückend rappelte er sich wieder auf. Eine Krücke hielt er noch in der Hand, die andere... war weg. Die Pfütze übrigens auch.
„Hallo? Alles klar? War das dein erstes Mal?“ Die Stimme war männlich und im Hintergrund lachte jemand. „Das nenne ich Timing. Beeil dich oder überlass ihn Jelina, ich habe Hunger.“
Dominik sah auf und beschloss, dass er sich den Kopf angeschlagen haben musste. Er stand vor einer... Pfütze. Oder so. Nur, dass die mitten in der Luft hing und einen Ausschnitt aus der Gasse zeigte, in der er eigentlich stehen sollte. Aus der Froschperspektive. Was zur Hölle...?
Fandom: Original
Challenge: Action/Suspense – Wettlauf gegen die Zeit (fürs Team)
Anmerkung: Wenn jemand von den Berlinern Anmerkungen und Ideen zu den Berlin-Schauplätzen hat: Her damit! Es ist eigentlich total bescheuert, einen Teil des Settings in eine Stadt zu verlegen, in der man sich kaum auskennt, aber meine Muse war der Meinung, dass es unbedingt Berlin sein musste. Und ihr wisst ja sicher, dass man da jede Diskussion verliert
Wörter: 1517
Fortsetzung hiervon
Es kam oft genug vor, dass Kinder verschwanden. Meistens tauchten sie nach ein paar Stunden wieder auf, tränenreiche Umarmungen inklusive. Erstmal aber hatte Dominik und seine Kollegen die aufgelösten Eltern am Hals. Das war okay. Auf eine makabere Art und Weise angenehmer als wenn jemand einen Erwachsenen als vermisst meldete. Denen musste man dann nämlich erklären, dass die Polizei nicht sofort eine groß angelegte Suche startete.
Das Paar, das diesmal aber vor ihm saß, unterschied sich von den anderen Eltern. Die Frau wirkte aufrichtig besorgt, aber sah so oft auf ihre Uhr, dass er kurz davor war zu fragen, ob es ihr zeitlich gerade ungelegen kam, die Vermisstenanzeige für die sechsjährige Tochter aufzugeben. Ihr Mann schwieg die ganze Zeit mit verkniffenem Gesichtsausdruck. „Die taucht wieder auf. Spätestens wenn sie Hunger bekommt, heult sie jemandem die Ohren voll.“
Vielleicht sollte er sicherheitshalber direkt das Jugendamt auf sie hetzen. Aber alles der Reihe nach. „Was hatte Johanna an?“, fragte er die Frau, die wenigstens kooperierte.
„Eine pinke Jacke... Jeans. Sie hat immer ihren Stoffhasen dabei. Auch wenn ich es ihr verbiete.“ Sie strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht, die aus ihrem wohl mal strengem Pferdeschwanz entkommen war. Ihre Fingernägel waren bis auf das Nagelbett herunter abgekaut und dunkle Ringe unter den Augen zeugten von zu wenig Schlaf. Fast tat sie ihm doch etwas Leid, aber Dominik nahm einfach nur pflichtbewusst die Daten auf. „Was trug sie unter der Jacke?“
Einen Moment lang schwieg sie, als wüsste sie es wirklich nicht. „Ein... einen blauen Pulli. Mit einem Pferd drauf. Sie wissen schon... diese Ponys aus der Fernsehserie.“
„My little Pony?“ Der Himmel wusste warum, aber Dominiks Mitbewohner mochte die Serie.
Die Frau nickte hastig. „Ja, genau.“
Fragend sah er sie an, aber er bekam keine weitere Erklärung. „Wissen Sie noch das Motiv?“
„Eins dieser Ponys halt... keine Ahnung mehr. Hören Sie... ich will nicht hetzen oder so aber... ich muss gleich zur Arbeit. Ich hab Nachtschicht.“
Auch das noch. „Denken Sie nicht, dass es gerade wichtiger ist, dass wir Johanna finden?“
Betreten senkte sie den Kopf. „Das Mädchen macht nichts als Ärger...“, flüsterte sie, aber Tränen stiegen ihr in die Augen. Dominik korrigierte sein Urteil über sie ein wenig. Überforderte Mutter mit nutzlosem Partner.
„Nicht jeder kann sich bequem den Hintern plattsitzen“, informierte eben dieser nutzlose Partner Dominik, der eine spitze Bemerkung herunterschluckte. Zum Glück hatte er gleich Feierabend.
„Okay, fassen wir also zusammen: Johanna ist heute Vormittag gegen halb elf am Hackeschen Markt verschwunden. In der Nähe der S-Bahn-Station. Die genaue Straße wissen Sie nicht mehr. Sechs Jahre alt, dünn, ungefähr 1,10 Meter groß. Blonde Haare, blaue Augen, Pferdeschwanz. Pinke Jacke, Jeans, blauer My-Little-Pony-Pulli und ein weißer Stoffhase. Eher schüchtern. Sie ist weg... einfach weg! Normalerweise macht sie sowas nicht...“
„Wir werden alles tun, um sie zu finden.“ Was in einer Stadt wie Berlin nicht viel war. „Warum sind Sie nicht direkt zur Polizei gegangen?“ Immerhin waren jetzt schon beinahe sieben Stunden vergangen und gerade bei verschwundenen Kindern war das eine Menge.
Wie schon fast erwartet mischte der nutzlose Partner jetzt wieder mit. Manchmal wünschte Dominik sich, dass die Klischees sich nicht mit schöner Regelmäßigkeit bestätigten.„Ich hab ihr gesagt, dass die Kleine schon von selbst wieder heimkommt.“
„Kennt sie denn den Weg?“ Er wollte Kindern ja nicht Selbstständigkeit und Intelligenz absprechen, aber der Heimweg wäre nicht gerade kurz. Im besten Fall bat Johanna selbst um Hilfe und wurde von Passanten zur nächsten Polizeiwache gebracht oder sie hatte die Nummer ihrer Eltern. Aber ein Handy war ja offenbar auch Fehlanzeige, was die Möglichkeit schon wieder stark minimierte.
„Hat sie ein Handy?“, fragte er sicherheitshalber nach und nutzloser Partner schüttelte den Kopf. „Sie ist zu klein für so einen Schnickschnack.“
„Es gibt viele Eltern, die ihren Kindern aus Sicherheitsgründen ein Handy kaufen.“
„Wir hatten früher auch keine Handys und sind erwachsen geworden.“
Dominik sparte sich jeden Kommentar. Sicherheitshalber ging er noch alle weiteren Angaben der Eltern durch und dann versicherte er ihnen, oder eher der Mutter, dass sie von ihm oder seinen Kollegen hören würden, wenn sie mehr wussten. Und bat sie, sich sofort zu melden, wenn sie etwas von Johanna hörten.Vielleicht fand sie ja doch noch selbst den Weg nach Hause.
Wie immer, wenn Kinder im Spiel waren, konnte Dominik auch nach Feierabend noch nicht abschalten. Was besonders ärgerlich war, da er selbst in der Sache wirklich wenig tun konnte. Die Kollegen wussten inzwischen Bescheid und er würde noch mindestens eine Woche im Innendienst festsitzen und Papierkram erledigen. Wunderbare Aussichten. Aber auf Krücken war man leider auf der Straße zu wenig zu gebrauchen. Und da sie wieder mal chronisch unterbesetzt waren, ein Hoch auf Sparmaßnahmen, fand sich immer etwas zu tun. Dabei saß er auch so schon genug am Schreibtisch. Die Arbeit bei der Polizei hatte er sich weiß Gott anders vorgestellt, aber immerhin musste er keinen Streifendienst schieben. Kriminalpolizei war manchmal aber wohl doch langweiliger als die Streife, jedenfalls von dem ausgehend, was er gelegentlich von seinem Mitbewohner hörte. Dafür hatte er die unschöneren Angelegenheiten. Gut möglich, dass der Fall Johanna bald ganz offiziell bei ihm oder einem Kollegen landen würde und das nicht, weil er Idiot er sich beim Training verletzt hatte. Wäre es wenigstens im Einsatz gewesen, aber halsbrecherische Verfolgungsjagden gehörten eher zu Alarm für Cobra 11 und nicht in seinen Alltag. Dabei wäre das mal eine nette Abwechslung.
Es war eigentlich nicht geplant, dass er bei den Hackeschen Höfen ausstieg, aber als er auf dem Bahnsteig stand, war es schon zu spät. Er konnte einfach nicht anders, wenigstens ansehen wollte er sich die Gegend mal. Also... beruflich. Pläne für den Abend hatte er nicht mehr, Thorsten, sein Mitbewohner, hatte ihn zwar gefragt, ob er mit ihm und ein paar anderen Freunden etwas trinken ging, aber das endete in der Regel in einer Disco und das hob er sich doch besser auf, bis er wieder ohne Krücken gehen konnte. Ob es im Gegenzug eine so gute Idee war, durch die Straßen zu humpeln, stand in den Sternen.
Aber jetzt war er schon mal hier und auch wenn er in fünf Minuten in die nächste S-Bahn steigen könnte, er hatte ohnehin keine große Lust, schon heimzufahren.
Das Auffälligste der nächsten halben Stunde waren einige chinesische Touristen, die ihn fünf Minuten lang zutexteten, als sie merkten, dass er ihre Sprache wenigstens rudimentär verstand. Zwei Semester Sinologie machten sich eben doch bemerkbar. Ein wenig.
Die Pfütze in der Gasse bemerkte er erst gar nicht. Es regnete oft genug, da war der Anblick keine Seltenheit. Erst als er fast daran vorbeigegangen war, informierte ihn sein Instinkt, dass da unmöglich so eine große Pfütze sein könnte, der letzte Regenguss war drei Tage her. Er war hier sowieso in einer Sackgasse. Am Ende gab es einen Hintereingang zu einem der Gebäude, ein paar Fahrräder lehnten an plakatbeklebten Wänden. Das eine oder andere eindeutig schon länger und nicht alle waren noch vollständig.Ein etwas merkwürdiger Anblick in dieser Gegend, aber so etwas gab es überall.
Aber die Sache mit der Pfütze war merkwürdig. Die Wasseroberfläche war vollkommen glatt und reflektierte den Himmel und einen Teil der nächsten Hauswand mit einer Klarheit, als stünde er vor einem Spiegel, den jemand auf den Boden gelegt hatte. Dominik sah hoch. Es war noch hell, aber langsam veränderten die Lichtverhältnisse sich Richtung Dämmerung. Noch waren es mehr Touristen, die auf Sightseeingtour unterwegs waren, das würde sich aber bald Richtung Nachtschwärmer verschieben.
Er sah wieder die Pfütze an. Hatte sich da etwas bewegt? Aus dem Augenwinkel hatte es so ausgesehen. Als wäre ein Schatten über das Wasser geglitten, aber am Himmel war nichts gewesen. Aber vielleicht lag es ja am Winkel? Nein, wohl nicht. So viel Physik konnte er dann doch noch, um zu wissen, dass er eine Bewegung in seiner Umgebung bemerkt hätte.
In der Ferne lachte jemand, andere stimmten ein. Dominik nahm es kaum mehr wahr, er näherte sich der Pfütze.Immer noch spiegelte sie in perfekter Art den Himmel, die Hauswand verschwand langsam aus dem Bild. Der leichte Wind schien ihr gar nichts auszumachen.
Dominik verlagerte sein Gewicht mehr auf eine der Krücken und berührte die glatte Wasseroberfläche mit der Spitze der anderen.
Sofort kam Bewegung in das Wasser, aber die Wellen gingen nicht von der Krücke weg, sondern auf sie zu. Er fiel.
Er musste das Gleichgewicht verloren haben, aber das Gefühl des Fallens hielt etwas zu lange an . War etwas zu intensiv. Und normalerweise wurde ihm davon auch nicht schlecht.
Den Würgereiz irgendwie unterdrückend rappelte er sich wieder auf. Eine Krücke hielt er noch in der Hand, die andere... war weg. Die Pfütze übrigens auch.
„Hallo? Alles klar? War das dein erstes Mal?“ Die Stimme war männlich und im Hintergrund lachte jemand. „Das nenne ich Timing. Beeil dich oder überlass ihn Jelina, ich habe Hunger.“
Dominik sah auf und beschloss, dass er sich den Kopf angeschlagen haben musste. Er stand vor einer... Pfütze. Oder so. Nur, dass die mitten in der Luft hing und einen Ausschnitt aus der Gasse zeigte, in der er eigentlich stehen sollte. Aus der Froschperspektive. Was zur Hölle...?