[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Morpheus
Fandom: Tumbling
Challenge: Angst - Hungern (für's Team)
Personen: Tsukimori Ryôsuke
Warnung: körperliche und seelische Gewalt
Anmerkung: [livejournal.com profile] rei17 hat den Fehler begangen und mich gefragt, ob wir nicht eine angsty AU zu Tumbling plotten möchten. Und ich habe erst vor kurzem festgestellt, dass ich schon sehr lange keine düstere Fic in einer postapokalyptischen Welt geschrieben habe. Weil Regenbögen und Glück ja total überbewertet sind. Jedenfalls haben wir uns dieses riesige Monster von AU ausgedacht, von dem das hier ein Ausschnitt ist.

Die Sohle seines Stiefels schleift auf dem Boden.

Er muss die Straße entlanghumpeln, weil er sonst über diesen verdammten, kaputten Schuh stolpert. Im feinen gelben Sand, der weit her aus China geweht ist, hinterlässt er kuriose Spuren wie ein seltenes Tier.
Für einen Augenblick bleibt er stehen und sieht nach hinten über seine Schulter.

In der Ferne flirren nur die verlassenen Baracken der Stadt, deren Namen er längst wieder vergessen hat. Irgendetwas Kleines... Hiratsuka?
Was zählt ist, dass ihm niemand folgt.
Mit dem Stiefel könnte er nicht weit rennen. Schon beim zweiten-dritten Schritt würde er sich auf die Fresse packen – ein gefundenes Fressen wie bei den Löwen und Hyänen in den Tierdokumentation, die er sich als Kind angesehen hat, wenn seine Eltern in der Küche gesessen und gesoffen haben.


Der Hunger macht, dass sein Gehirn sich langsam selbst auffrisst.
Manchmal sieht er weiße Gestalten in den schmalen Gassen stehen. Wie Geister Gestorbener, die darauf warten, dass sie jemand abholt.
Vielleicht halluziniert er auch gar nicht, denkt er sich, wenn er zersplitterte Haustüren aufzieht und ihm der Geruch von verfaultem Fleisch entgegenschlägt. Er zieht sein Halstuch über die Nase und denkt an die vielen, vielen weißen Seelen, die bei dem Erdbeben aus Menschenkörpern gedrückt wurden und die nun auf ihr Taxi nach Hause warten.
Es lenkt ab, wenn er in den Ecken schließlich einen Menschen findet, dessen Gesichtsmuskeln sich langsam vom Schädel ablösen. Millionen von Maden und Fliegen summen und schleimen sich darüber.
Inzwischen übergibt er sich bei dem Anblick nur noch selten.

Er sucht die Küche und Vorratskammern, durchkämmt jedes einzelne Zimmer.
Manchmal findet er eine liegengelassene Packung mit Pockys. Ziemlich oft Bohnen oder Mais.
Alles, was in Konservendosen ist, ist safe.
Es gibt ihm die Gewissheit, dass er nichts isst, was er nachts wieder stundenlang auskotzt.
Manchmal, wenn er Glück hat, steht irgendwo sogar noch abgepacktes Wasser herum. In Flaschen, zugedreht.

Er dreht sich um und öffnet alle Küchenschränke.
Kakerlaken wimmeln ihm entgegen und wedeln wütend mit ihren Antennen, als wollten sie ihn verscheuchen. Er hält kurz die Luft an, zieht den Ärmel der Armeejacke über die Hand und wischt die Insekten zur Seite.
Was er findet, ist ein Notpack für Erdbeben.
Ironie über Ironie.


In der Nacht wickelt er sich enger in die Jacke und knabbert betont langsam an den Keksen aus dem Notfallpack. Sie schmecken nach gar nichts, aber sie füllen seinen Magen.
Inzwischen kann er nur noch langsam essen. Sein Bauch tut erst etwas weh und wird dann weit und gierig wie ein grollendes Monster.
Alles, was er tut, ist zu versuchen, dieses Monster zu befrieden.
Doch wenigstens lässt es ihn dann schlafen.


Stunden später schreckt er aus dem Schlaf auf, weil jemand weint.
In seinem Kopf steckt noch das Bild seiner Mutter und wie sie auf der Ladefläche des Pickup sitzt, ihn ansieht und ihm zuruft, dass er endlich aufhören soll, dem Auto nachzulaufen.
Seine Lungen sind taub und leer.
Er ist gerannt an diesem Tag, als die Fremden partout nur zwei Personen mitnehmen wollten. Er ist gerannt wie ein Irrer, als der Fahrer aufs Gas getreten ist.
„Stell dich nicht so an“, hat seine Mutter gesagt.
„Ryôsuke, du bist doch schon groß genug. Du kommst schon klar.“

Er ist auch dann noch gerannt, als das Auto längst hinter einem Hügel am Horizont verschwunden war.

Er wischt sich panisch über das Gesicht und merkt, dass es dort nass ist.
Oh. Er hat geweint.

Dann scheppert es irgendwo im Badezimmer des Hauses, in dem er sich verzogen hat und er spürt sein Blut in den Adern gefrieren.

Im Mondschein hockt jemand vor ihm und starrt ihn an.

Vielleicht ist es sogar ein Geist.

Wilde schwarze Augen mustern ihn für Millisekunden und dann kreischt es um ihn herum los. Er schnappt nach Atem und versucht aufzuspringen. Irgendetwas trifft ihm am Kopf und er stürzt sofort wieder hin. Hände sind an seinem Körper und zurren und zerren; lange schwarze Haare fallen über sein Gesicht. Die Mädchen reißen die Tasche mit den Notrationskeksen an sich und drücken ihn auf den Boden. Keine Ahnung, wie viele es sind – vielleicht drei, vielleicht sieben – im Dunkeln kann er das überhaupt nicht einschätzen.
„Nicht!“, ruft er erstickt.
„Die hab ich gefunden! Sucht euch euer eigenes Essen und haut ab, sucht-“
Etwas Hartes donnert gegen seinen Kopf.

Vor seinen Augen verschwimmt das karge Mondlicht zu diffusem Nebel.
Er kann sich nicht bewegen – sie haben ihn ausgeschaltet. Mit erschlaffenden Gliedern kann er nichts dagegen tun, dass Hände in seine Hosentaschen fahren, dass sie ihn aus der Jacke schälen und ihm die Stiefel – diese verdammten, kaputten Stiefel – von den Füßen streifen.
„Passt dir doch gar nicht“, ruft eins der Mädchen wild.
„Ist egal, Schuh ist Schuh!“, erwidert eine andere.

Dann wird es leiser und schwärzer.



Er weiß, er ist ein Meter achtzig groß.
Aber das hilft ihm überhaupt nichts. Richtig wehren kann er sich nur, wenn er gegessen hat.

Als er am nächsten Morgen den Schorf aus seinen gefärbten Haaren streicht und aus dem Haus klettert, weint er.
Er hat vor Monaten aufgehört, sich darum zu kümmern.
Dass Männer nicht weinen, das ist Hühnerkacke. Hilft es jemandem, der nach diesem Erdbeben alles verloren hat, nicht zu weinen? Der einzige Vorteil, der ihm einfällt, ist, dass er dabei kostbare Flüssigkeit verliert.


Aber er ist so wütend. Schon wieder hat ihm jemand alles weggenommen. Schon wieder ist sein Magen gähnend leerleerleer, fühlt sich an, als würde er sich umstülpen und ihn von ihnen heraus auffressen.
Vermutlich haben seine Eltern ihn deswegen nicht mitgenommen. Er ist ein Nichtsnutz.

Sein Kopf ist so erschöpft und benebelt, dass er das Wort so lange wiederholt, bis es komisch, ja fast schon witzig klingt;
Nichtsnutznichtsnutznichtsnutznichtsnutz.


Im gelben Staubsand hinterlassen seine nunmehr nackten Füße die Spuren eines Affen.

Die Tage und Wochen hat er nicht gezählt, in denen er alleine ist.
Vielleicht ist es ein Jahr her. Alles, was einen Ansatzpunkt liefert, ist sein Haar, das inzwischen fast bis zur Schulter geht und dessen schwarzer Ansatz ihn anstarrt, wenn er an einer Scheibe vorbeikommt, die nicht zerborsten ist bei der Katastrophe.

Er hat es ungefähr ein Jahr geschafft.

Aber hier ist Schluss.

Es gibt kaum noch Häuser, die er alleine durchsuchen kann und die nicht schon längst geplündert oder gar besetzt sind, aus denen sie ihn verjagen und Steine nach ihm werfen. Es gibt zu wenig Konservendosen mit Bohnen, egal, wohin er kommt.

Als er in der Ferne eine Menschengruppe von etwa fünf-sechs Mann sieht, läuft er zum ersten Mal seit langer Zeit nicht weg.


Sie umringen ihn und lachen ihn aus, sie ziehen an seinen Haaren und kicken ihn gegen die Scheinbeine, zielen mit ihren Stahlkappenstiefeln auf seine nackten Füße, als sie nach ihm treten.
Es ist wie bei Tierherden, denkt er sich, als er langsam auf die Knie geht und sie bittet, ihn bei sich aufzunehmen.
Wenn man sich unterordnet und kein Stück gefährlich wirkt, akzeptieren sie ihn vielleicht.

Er ist zu hungrig und zu müde, um irgendetwas anderes zu denken.

„Bitte“, murmelt er und merkt, wie selten er in den letzten Monaten gesprochen hat. Er betastet und befühlt das Wort in seinem Mund wie einen Fremdkörper.
„Ich mach alles. Wirklich alles.“

Einer der Jungen drängt die anderen zurück.
Er mustert ihn von oben nach unten und wieder zurück, hebt eine Hand und krallt sie in seine Haare.
„Das wirst du auch“, sagt der Junge (oder ist es schon ein Mann?).
„Bei uns muss man sich das Mitmachen verdienen. Wie heißt du?“

„Tsukimori“, murmelt Ryôsuke. Die Art, wie der Typ an seinen Haaren zerrt, so dass er ihn zwingt, ihn mit in den Nacken gelegten Kopf anzusehen, lässt ihn seinen Vornamen verschweigen.

„Auch egal“, erwidert der Anführer.
„Aber mir fällt schon was für dich ein.“


Sie ziehen ihn wieder auf die Füße.
Niemand stellt sich ihm vor. Niemand lächelt ihn an.
Aber das ist egal, denkt er sich, als er barfuß hinter ihnen hertrottet.

Solange sie nur irgendetwas gegen den Hunger tun.

In den letzten Monaten haben ihn seine Eltern stehengelassen, hat er sich mehrere Dutzend Mal geprügelt und mindestens die Hälfte der Male davon verloren, wurde im Schlaf überfallen und ausgeraubt.

Viel schlimmer kann es doch gar nicht mehr kommen.

Und in diesem Moment vermisst er den Stiefel mit der schleifenden Sohle.


To be continued...

Date: 2015-07-06 08:56 pm (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
*wirft sich in haltlosem Schluchzen auf den Boden*
WINO, WHY?? WHYYYYY???
*sobbing*

Alles daran tut weh.
Und ich weiß ich bin selber schuld weil wir uns das ja in großer Breite so ausgedacht haben, aber Gooooott. Armer Ryousuke ... armes Baby ... ;_;

Es ist wundervoll und ganz und gar grauenhaft und alles tut weh. Und ich hab noch nie jemandem so dringend Liebe geben wollen wie Ryousuke in dieser AU. ;___;

Deine Beschreibung sind wie üblich von schmerzhafter Intensität und man kann jede verfaulte Leiche beinah riechen und das Knarzen jeden verfallenden Gebäudes hören und es ist alles so trist und grau und einsam ... und Ryousuke, der sich da ganz alleine durchschlägt und von allen verlassen wird und gah ... gah ... ;____;
Ich hab ihm selten so sehr einen Wataru und einen Mizu gewünscht. ;__;

Date: 2015-07-06 09:21 pm (UTC)
From: [identity profile] nessaniel.livejournal.com
JAAAAAYSUS WINO tone it down with the sad Q___Q

Das scheint ein ECHT finsteres AU zu sein, aber leider kann ich das nicht so genau sagen, weil ich mir sicher bin, dass nur das Empfangskommando da so böse ist und sie ihn gleich durch eine Tür schubsen hinein in ein flauschiges Zimmer mit viel Essen und vielen netten Menschen, die ihn lieb haben LALALALA ICH KANN DICH NICHT HÖREN ICH MUSS RYOUSUKE NÄMLICH MIT KEKSEN UND MILCH VOLLSTOPFEN :))))))

(Es ist SO toll geschrieben, so herzzereißen und vor allem die Szene mit der Mutter ist SO GROSSARTIG HACH <3333 EINERSEITS WILL ICH GAR NICHT DASS DU WEITERSCHREIBST WEIL DAS ALLES SO TRAURIG IST UND ICH ANGST HABE WAS DU RYOU NOCH ANTUN WIRST... andererseits ist es so großartig geschrieben, dass ich mehr lesen will akdjgkajdfh xDD)

Date: 2015-07-07 12:46 pm (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Ich will ja nicht spoilen, aber ...
...und sie ihn gleich durch eine Tür schubsen hinein in ein flauschiges Zimmer mit viel Essen und vielen netten Menschen, die ihn lieb haben

Weißt du auch in dieser Welt gibt es einen Wataru und einen Mizu und ein Natsuko .... sie sind nur derzeit .... woanders. ;)

Date: 2015-07-07 06:18 pm (UTC)
From: [identity profile] nessaniel.livejournal.com
NA GOTT SEI DANK XDDDDDDD

Date: 2015-07-06 09:36 pm (UTC)
luinaldawen: (Default)
From: [personal profile] luinaldawen
Ich bin gerade furchtbar nutzlos wenns um vernünftige Worte geht, daher folgt ein richtiger Kommentar, wenn ich kein Nervenbündel mehr bin. Aber: NOT! Okay! Hörst du? Das ist absolut NICHT OKAY! TT-TT
Gah! Ryôsuke! ;_; Armes Baby ;_;
Edited Date: 2015-07-06 09:37 pm (UTC)

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