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Team: Morpheus
Challenge: Action/Suspense – Wettlauf gegen die Zeit – fürs Team
Fandom: Original
Titel: Der Schlangenbändiger
Inhalt: Ein militanter Tierschützer und ein Tierarzt treffen sich.
Anmerkung: Keine Recherche, kein Gehirn, nur purer Spaß, weil die Sommerchallenge endlich anfängt!!! Yay!


Der Schlangenbändiger

Yngve sieht auf den ersten Blick, dass der Hund aus einem Versuchslabor stammt: rasiertes Fell, triefende Augen, durchstochene Ohren, überall roter Ausschlag.

Dass er nicht auf Anhieb sagen kann, welcher Rasse das fiepende jaulende Bündel zugehört, ist möglicherweise ein bisschen peinlich - immerhin ist er Tierarzt - doch er wird er von der Pistole abgelenkt, die aus dem Hosenbund des Mannes ragt, der den Hund in den Armen trägt.

Er sieht wild aus (der Mann, nicht der Hund), trotz seines Nadelstreifenanzugs, und seiner perfekt frisierten Haare, denn der Blick, mit dem er Yngve anstarrt, verspricht ihm Höllenqualen, wenn er sich nicht endlich bewegt.

Yngve muss keine Fragen stellen. Es ist mitten in der Nacht, sie stehen in einer Tierklinik, es gibt nicht viele Möglichkeiten, was der Mann von ihm wollen könnte.

Wortlos stößt Yngve die Tür zum Behandlungszimmer auf und winkt.

"Hier rein."
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Sander heißt der Mann. So sagt er zumindest und Yngve beschließt, ihm zu glauben. Er kann es eh nicht überprüfen. Er desinfiziert sich ein letztes Mal die Hände, während der Hund die letzten Minuten der Narkose ausschläft, und als er sich umdreht, hält Sander ihm ein dickes Bündel Geldscheine entgegen.

Yngve nimmt es nicht.

"Ich weiß, wo der her kommt", sagt er leise. "Ich kenn die Markierungen von Versuchslaboren."

Sander rührt keinen Muskel und Yngve weiß auch nicht so genau, was für eine Antwort er erwartet hat. Seufzend schüttelt er den Kopf und deutet auf das Plakat an der Wand, auf dem für das örtliche Tierheim um Spenden gebeten wird.

"Schick dein Geld da hin. Die haben es nötiger", erklärt er und Sander nickt.

Sie stehen sich ein paar Augenblicke schweigend gegenüber, bis Sander seine Brille hochschiebt und auf die Tür zum Behandlungszimmer zeigt. "Wie stehen die Chancen?"

"Fifty-fifty."

Es bringt nichts zu lügen. Yngve hat schon Tiere im schlechteren Zustand wieder auf die Beine gekriegt und gesündere sind ihm unter den Händen weggestorben.

Sander nickt wieder, lässt die Augen durch den Raum schweifen und erst jetzt, im frühstmöglichen Sonnenlicht, das sich durch die Jalousien stiehlt, bemerkt Yngve, wie todmüde der andere aussieht.

Er will ihm einen Stuhl anbieten oder wenigstens einen Kaffee, doch da richtet sich Sander plötzlich auf, sagt "Man sieht sich" und verschwindet durch die Glastüren nach draußen.
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In den nächsten zwei Wochen denkt Yngve häufig über Sander nach. Der Hund – er hat ihn Son-Goku getauft – erholt sich schleppend und bei jedem Japsen oder Jaulen springen Yngves Gedanken zu den besonderen Umständen seines Retters. Ob er wohl alleine arbeitet oder einer Gruppe angehört. Warum er nur diesen einen Hund mitgebracht hat und wofür der Nadelstreifenanzug war.

Am meisten denkt er aber darüber nach, warum Sander eine Pistole dabei hatte und sich Yngve trotzdem keine einzige Sekunde lang bedroht vorkam.
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Er vergisst ihn natürlich nicht, doch Yngve hat auch nicht damit gerechnet, dass er mitten in der Nacht von einem lauten Klopfen an der Scheibe seines Büros im ersten Stock gestört würde.

Nachdem er mit Schreien fertig ist, springt er vom Schreibtisch und reißt das Fenster auf.

"Wie bist du…", will er fragen, doch plötzlich wird ihm ein durchweichter Karton in die Arme gedrückt, dann klettert Sander mit viel Mühe ins Zimmer hinein.

Diesmal trägt er eine beige Cargohose und ein weißes Shirt mit einem pinken Panda drauf, was vor lauter Regenwasser und Schweiß wie eine zweite Haut an ihm klebt. Seine Brille hat einen Sprung im rechten Glas.

Yngve würde gerne irgendetwas sagen, doch plötzlich bewegt sich der Karton in seinen Armen. Er umfasst ihn reflexartig fester und bevor sich die Pappe vollends auflöst (und dann wer weiß was auf seinem Fußboden landet) stellt Yngve den Karton auf dem Schreibtisch ab, öffnet behutsam die oberen Laschen und schaut vorsichtig hinein.

Eine sechs Meter lange weißgelbe Boa Constrictor blinzelt träge zurück.

Langsam und vorsichtig hebt Yngve den Kopf und schaut Sander mit großen Augen an.

"Was hat sie?", fragt er, woraufhin Sander nur schnaubt und sich das Elend auf seinem Brillenglas anschaut.

"Du bist doch hier der Arzt", sagt er, aber dann sieht Yngve ihn grinsen. "Sie hat Angst. Gott, da, wo ich sie her habe, hatte ich auch Angst."

Yngve schluckt. Vielleicht arbeitet Sander doch ganz allein, ein einsamer Rächer misshandelter Tiere.

Ein schönes Märchen.

"Hilfst du ihr?" Es klingt nicht wie eine Frage, doch der weiche, müde Ausdruck in Sanders Augen beißt sich mit seinem harschen Ton, bis Yngve selbst grinsen muss.

"Klar doch."

Und dann dauert es bloß eine halbe Stunde, bis sie die Schlange auseinander gewickelt, die Treppe hinunter getragen und die lange, rotentzündete Narbe auf ihrem Bauch behandelt haben. Son-Goku schaut ihnen gelangweilt zu und schleckt das Regenwasser auf, das von Sanders Haaren tropft.
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So geht es die nächsten paar Monate weiter. Yngve übernimmt freiwillig die allermeisten Nachtschichten, bis ihn seine zwei Kollegen schon gar nicht mehr bei der Erstellung der Dienstpläne fragen, und mindestens einmal in der Woche bekommt er Besuch von Sander, in Begleitung von Ratten oder Katzen, einem Huhn (transportiert in einem Eimer), zwei Schmuckdosenschildkröten, einmal sogar einem Tonkin-Goldaffen und einer fünfköpfigen Ziegenfamilie, sowie einem Dutzend anderer Patienten, Ausreißer, Misshandelter, Schutzbedürftiger.

Nicht alle Tiere schaffen es. Yngve ist das gewöhnt, er weiß, wann es Zeit ist, aufzugeben und die Spritze mit dem Pentobabrital liegt sowieso immer griffbereit neben ihm, wenn er in einem gequälten Meerschweinchen herumwühlt oder die Flügel von Eulen richtet.

Sander nimmt jeden Tod persönlich und Yngve hört ihn fluchen. Am Anfang hat er versucht, ein paar beruhigende Worte an ihn zu richten, doch mittlerweile hat er gelernt, dass das nichts bringt. Sander braucht die Wut. Er schleppt sie in jeder Faser seiner Dreiteiler und seiner schwarzen Rollkragenpullis mit sich herum und nur wenn er Son-Goku streichelt oder irgendeine von ihren vielen Seelen überlebt, geht es ihm für zwei Minuten gut.

Als auch die letzte der fünfzehn Ratten, die Sander zwei Wochen zuvor aus der Parfümfabrik gerettet hat, an Herzversagen stirbt, sagt Yngve nichts. Er tritt nur ganz dicht an Sander heran, legt ihm den Arm um die Schultern und hält ihn fest, während er weint.
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"Das ist ein Karpfen", sagt Yngve.

"Hm", sagt Sander.

"Ein Kinginrin-Koi, um genau zu sein."

"Man könnte fast meinen, du hättest das studiert."

Yngve lächelt. Es ist September und es wird immer früher dunkel. Sie hocken auf dem Fußboden im Wartezimmer unter grellem Neonlicht und schauen gemeinsam in die rote Plastikwanne. Das Tier schwebt still unter der Wasseroberfläche, wie eine Laterne, doch Yngve weiß, dass sie nur noch ein paar Stunden Zeit haben, um ein Fischleben zu retten.

"Er ist gesund", erklärt er. "Aber bei Fischen ist das schwierig."

"Hm", macht Sander.

"Warum hast du ihn mitgebracht?"

"Er stand in einem eiskalten Keller. Die Wanne hier war sein Aquarium."

Yngve reißt die Augen auf und schaut erst Sander und dann wieder den Fisch an.

"Ich hab einen Teich", sagt Sander plötzlich und Yngve wartet eine Sekunde zu lang, bis er wieder einatmet.

"Kois brauchen sehr spezielle Wasserwerte", erklärt er und legt den Kopf schief. "Ich kann ihn für drei Tage unterbringen. Dann müssen wir etwas gefunden haben."

"Das reicht vollkommen", sagt Sander und klingt so überzeugt von sich, als habe er schon vorgestern jemanden angerufen, um eine chemische Filteranlage in seinem Teich installieren zu lassen.

Yngve traut es ihm zu.

"Was machst du eigentlich sonst?", fragt er, schnell, leise und hastig, als könne der Fisch sie hören und ihn auslachen, weil sein Herz so schnell schlägt.

Sander ignoriert ihn und steht auf, streckt sich, bis sein Hemd aus der Hose rutscht und ein Streifen Haut zwischen Jeans und weißem Leinen aufblitzt. Yngve schaut auf den Kinginrin und wartet.

"Ich bin Gehirnchirurg", sagt Sander da und Yngve zuckt so heftig zusammen, dass er fast in die Wanne fällt.

"Was? Wirklich?", fragt er. Das ist doch bescheuert. In keinem seiner vielen Tagträume hat er sich etwas Medizinisches für Sander vorgestellt. Eine vollkommen irrationale Enttäuschung macht sich in Yngve breit und irgendetwas davon muss sich auf seinem Gesicht gespiegelt haben, denn plötzlich fängt Sander an, hämisch zu grinsen.

"Idiot", sagt er und stößt Yngve gegen die Schulter. "Das war natürlich eine Lüge."
Dann schüttelt Sander den Kopf, winkt und sagt "In drei Tagen hol ich ihn ab".

Yngve schaut ihm hinterher und in seinem Herzen blüht eine warme, verwischte Hoffnung auf.
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Es hämmert wie verrückt an der Hintertür und als Yngve sie aufreißt, steht Sander davor.

Hinter ihm liegt ein Löwe.

Ein uralter, schmutziger, abgemagerter, offensichtlich schlafender Löwe.

Es gibt so viele Dinge, die Yngve fragen will, während er Sander mit offenem Mund anstarrt, doch die dringlichste, nämlich wie zum Teufel Sander einen Löwen hierher transportiert hat, wird beantwortet, als plötzlich ein Auto hinter ihnen mit quietschenden Reifen und ohne Scheinwerfer davon fährt.

Einerseits beruhigt es Yngve, dass Sander das Tier nicht auf dem Rücken hergetragen hat, andererseits fragt er sich, wie absolut geistesgestört man sein muss, um einen Löwen in einem Seat Ibiza spazieren zu fahren.

Yngve fängt an zu grinsen. Er überlegt, wie sie das Tier am besten ins Innere befördern sollte, doch da hat Sander sich schon eine gewaltige Pranke geschnappt und sie über seine Schulter bugsiert. Er trägt aus irgendeinem Grund einen Fußballdress. Yngve greift nach der anderen Vorderpfote und dann landen neunzig Kilo und ein großer, bemähnter Schädel auf seinen Schultern. Yngve stöhnt und geht in die Knie, der Löwe droht ihm wegzurutschen, doch Sander fängt das gesamte Gewicht auf, bis sich Yngve wieder aufgerichtet hat.

"Danke", keucht Yngve. "Ist auch nicht weit." Dann fangen sie an zu ziehen und zu schleifen und zu laufen.

Es riecht nach nassem Fall und nach dem Elend eines Tieres und auch wenn die Neugier Yngve fast ein Loch in die Zunge brennt, beschließt er alle Fragen nach dem Warum und dem Woher zu verschieben (er hat eh keine Luft übrig dafür). Nur das Was ist jetzt wichtig.

"Mit was habt ihr ihn betäubt?"

"Er ist nicht betäubt."

Yngve lässt fast den Löwen fallen.

Er schaut über das gigantische Maul dicht neben seinem Ohr hinweg auf Sander, der keuchend einen Fuß vor den anderen setzt und Yngve nicht eines Blickes würdig.

"Der ist noch wach?!"

"Na offensichtlich nicht."

Sander bemüht sich um einen sarkastischen Ton, doch Yngve kennt ihn mittlerweile gut genug, um zu erkennen, dass er Angst hat.

Warum auch nicht.

Sie tragen schließlich einen nicht betäubten Löwen durch zwei Behandlungszimmer, die Yngve plötzlich vorkommen, als würde er eine Kleintierpraxis betreiben.

Sie legen ihre schlafende Killermaschine auf dem Operationstisch ab und Yngve ist bisher nicht bewusst gewesen, dass Edelstahl protestierend knarzen kann, doch er hat keine Zeit, um sich um seine Einrichtung zu sorgen. Er stolpert hinüber zum Schrank, fischt ein Betäubungsmittel und eine Spritze hervor und jagt es dem Löwen etwas unsanfter als nötig in die Hinterbeine.

Dann sinkt er auf den Boden und fällt für zwei Minuten in Ohnmacht.

Als er wieder zu sich kommt liegt er draußen vor dem Behandlungszimmer mit dem Kopf in Sanders Schoß gebetet. Eine Hand streicht behutsam durch sein Haar.

Sander sieht bleich und übermüdet aus, doch er ringt sich ein Lächeln ab, als Yngve die Augen aufschlägt.

"Du verträgst auch gar nichts", meint er.

Yngve würde sich gern aufrichten, er muss schließlich einen gottverdammten Löwen versorgen, doch allein beim Gedanken daran, sich umzudrehen, die Tür aufzuschließen und sich einem gewaltigen Berg aus mit sandfarbenem Fell bezogenen Problemen gegenüberzusehen, wird ihm schwindlig. Außerdem scheint es Sander nichts auszumachen, dass er noch ein bisschen liegen bleibt, denn die Hand in seinem Haar streichelt ihn weiter.

"Ist nur für ein paar Stunden", murmelt Sander da. "Jemand kommt und wird ihn woanders hinbringen. Du musst ihn dir nur vorher einmal ansehen."

Yngve nickt, als hätte er irgendeine Ahnung wer oder was "jemand" und "woanders" sein könnten.

"Warum hast du mich nicht angerufen?", fragt er. "Ich wäre zu euch gekommen."

"Wir konnten nirgends anders bleiben", erklärt Sander. "Sie hätten ihn erschossen."

Yngve nickt – und friert plötzlich bei dem Gedanken daran, dass irgendwer nicht nur Löwen erschießen sondern vielleicht auch auf Sander zielen könnte.

"Ich schau ihn mir sofort an", sagt Yngve und als er das weiche, sanfte Lächeln, das sich plötzlich über Sanders ganzes Gesicht ausbreitet, sieht, denkt er im Stillen, dass er es mit fünfzig Löwen aufnehmen würde, wenn er dafür nur dieses Lächeln sehen könnte.

"Das ist gut", antwortet Sander. Und dann, ohne Vorwarnung, fügt er hinzu. "Was machst du am Wochenende?"

"Nichts", sagt Yngve. Ohne nachzudenken. Wie aus der Pistole geschossen. So schnell, dass Sander innehält und ihm einen langen, intensiven Blick zuwirft.

"Okay", sagt er. Und dann holt er tief Luft und murmelt die nächsten Worte so schnell, dass Yngve ihn kaum versteht. "Dann sollten wir uns treffen. Am besten bei mir zuhause. Damit du Genji endlich sehen kannst."

Ein warmes, butterweiches, zuckersüßes Glücksgefühl entfaltet sich plötzlich in Yngves Brust. Er grinst so breit es nur geht und stellt dann die einzig wichtige Frage.

"Wer ist Genji?"

"Der Karpfen. Gedeiht prächtig."

Yngve nickt. Sie schweigen. Dann lächeln sie beide und schauen voneinander weg. Dann gibt sich Yngve einen Ruck.

"Das ist…gut. Also am Wochenende bei dir."

"Ja." Ein Hauchen. Ein Versprechen eingewickelt in ein Lächeln und Yngve spürt sein Herz so intensiv wie noch nie zu vor.

Im Zimmer hinter ihnen fängt der Löwe an zu brüllen.

Date: 2015-07-01 11:54 pm (UTC)
der_jemand: (drunk)
From: [personal profile] der_jemand
Du! Alter!
Es ist deutlich zu früh für Eloquenz und Kohärenz, also, Himmel, was denkst du dir dabei??? Warum ist das so großartig?? Grah, ich könnte mich in deinen Schreibstil reinlegen und Gott, sind Yngve und Sander putzig und der Löwe! Und der Koi! Und überhaupt!!! Außerden brauche ich eine Fortsetzung, die mir Sanders Outfits erklärt. (Bis dahin gehe ich von Modell aus und denke mir was aus, wie er die Tiere dann findet und, komm schon, das ist keine zufriedenstellende Erklärung!)
Oh, verdammt, du bist großartig. *sniff* ...Und ich muss möglicherweise arbeiten...

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