Gegen den Willen
Jun. 19th, 2015 06:08 pmFandom: Tumbling
Challenge: Gegen den Willen (naja… großzügig gesehen)
Charaktere: Tsukimori Ryôsuke, Azuma Wataru, Azuma Natsuko
Wörter: ~1800
Teil 1, Teil 2
Teil 3, Teil 4
Nachdem sie den Heimweg geschafft hatten, hatte Ryôsuke keine Einwände mehr vorgebracht, als er dazu verdonnert wurde, sich auszuruhen. Außerdem hatte Wataru ihm Gesellschaft geleistet, was dafür gesorgt hatte, dass sie den Abend so verbrachten, wie oft: Mit Zocken.
Nur dass es diesmal nicht darauf hinauslief, dass sie irgendeinen Multiplayer spielten (normalerweise ein Prügelspiel), sondern dass Wataru zockte, Ryôsuke zusah und sich über ihn lustig machte, wenn er sich dumm anstellte.
Mehr als einmal schien Wataru kurz davor zu sein, seinen Controller auf den Boden zu werfen, aber da das Ding es wohl nicht überleben und Natsuko-san ganz sicher keinen neuen kaufen würde, war Ryôsuke auch in seinem Interesse froh, dass Wataru sich dann doch zusammenriss. Sonst würde es in Zukunft schwer werden, zu zweit zu spielen.
Abgesehen davon, dass Lachen keine sehr gute Idee war, hatte der Abend Ryôsuke sogar fast vergessen lassen, warum er hier war. Das kam am nächsten Morgen wieder, als Watarus Wecker ihn aus dem Schlaf holte und ihn daran erinnerte, dass er zur Schule musste. Verdammter Mist.
Wataru war auf dem Ohr aber ziemlich taub. „Du hast ja gestern kaum den Weg geschafft. Wie willst du da einen Schultag durchstehen?“
Das war ein gutes Argument. „Ich glaube nicht, dass ich es mir erlauben kann, einfach den ganzen Tag zu fehlen.“ Zwar war er kein schlechter Schüler, aber trotzdem. Er hatte schon zu viele unentschuldigte Fehlstunden.
„Als ob es den Lehrern auffällt, wenn einer von uns nicht da ist. Die freuen sich eher, wenn mal mehr Ruhe ist.“
„Wir sind schon ziemlich lange ruhig“, erinnerte Ryôsuke ihn, woraufhin Wataru nur mit den Schultern zuckte. „Trotzdem. Wenns Stress gibt, rede ich mit Kashiwagi, der regelt das.“
„Aha.“
Wieder schlug Wataru nicht vor, zu einem Arzt zu gehen.
„Montags kommt er häufiger mit Ezaki hierher. Ich werde dann mit ihm sprechen. Du bleibst heute hier.“ Natsuko-sans Stimme besagte eindeutig, dass die Diskussion hiermit beendet war und Ryôsuke senkte den Kopf.
„Ich sollte eigentlich auch bleiben, und aufpassen…“, begann Wataru, aber seine Mutter ließ ihn gar nicht erst ausreden. „Du gehst zur Schule. Sonst brauchst du gar nicht mehr hinzugehen.“
„Aber…“
„Keine Diskussion. Wenn hier jemand Ärger machen sollte, werde ich mit ihm schon fertig.“
Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand eiskaltes Wasser über den Kopf gegossen. Bestand wirklich die Gefahr, dass er nicht nur Wataru, sondern auch Natsuko-san in Schwierigkeiten brachte? Er wusste es nicht. Früher hatten seine alten „Freunde“ immer darauf geachtet, dass sie ganz sicher auf der Siegerseite waren. Öffentliche Orte waren tabu gewesen, man hatte immer so wenig Zeugen wie möglich haben wollen. Vor allem Erwachsene. Die holten zu schnell die Polizei.
War das immer noch so? Hoffentlich.
Natsuko-san konnte zwar wirklich gut auf sich selbst aufpassen, aber trotzdem. Es reichte, dass Wataru schon mit drinsteckte.
„Ich regel das schon“, verkündete Wataru großspurig, Ryôsukes Schweigen anscheinend auf seine ganz eigene Art deutend, und legte einen Arm um Ryôsukes Schulter. Es war nur halb der Schmerz, der Ryôsuke zusammenzucken ließ, aber das konnte Wataru ja nicht wissen. Sofort ließ er ihn wieder los und sah ihn forschend an. „Die tun dir nichts mehr, dafür sorge ich.“ Das sagte er so ernst, dass Ryôsukes es nicht übers Herz brachte, es anzuzweifeln. Also nickte er nur.
Die meiste Zeit des Tages verbrachte Ryôsuke damit, sich zu langweilen. Es war zwar an sich nicht schlecht, unverhofft frei zu bekommen, aber sich dabei möglichst wenig zu bewegen war ein gehöriger Dämpfer. Er hatte einfach zu viel Energie, die irgendwie rausmusste. Zocken war alleine langweilig und so wahnsinnig, freiwillig etwas für die Schule zu machen, war er dann doch noch nicht. Von unten hörte er, dass das Tagesgeschäft des Restaurants seinen Lauf nahm, Natsuko-san fand trotzdem immer wieder die Zeit, kurz nach ihm zu sehen.
Allein das sorgte fast wieder für ein schlechtes Gewissen. Seine Mutter hatte sich das letzte Mal so um ihn gekümmert, als er mit zwölf hohes Fieber gehabt hatte. Danach war er die meiste Zeit einfach sich selbst überlassen worden. Vor allem wenn er mal wieder verletzt heimgekommen war. Er hatte sich das schließlich selbst eingebrockt, also musste er auch mit den Konsequenzen leben, das war es, was er einmal in einem Gespräch seiner Eltern belauscht hatte. Das hier war doch wohl kaum anders.
Was, wenn er ernsthaft verletzt worden wäre? Hätte es seine Eltern überhaupt interessiert? Würde es sie interessieren, dass er jetzt in der Scheiße steckte, weil er damit eben nichts mehr zu tun haben wollte?
Man hört es sofort, wenn Wataru sich näherte. Diesmal lag es daran, dass er die Treppe hinauftrampelte, als wäre er eine ganze Elefantenherde unterwegs. Ryôsuke beobachtete, wie Wataru die Schultasche auf den Boden war, bevor er sich neben ihn auf das Bett war, für den Moment jede Vorsicht vergessend. Grinsend meinte Ryôsuke: „Muss ja ein echt beschissener Tag gewesen sein.“ Gute Laune sah jedenfalls anders aus.
Wataru verdrehte die Augen. „Yuuta hat sich überreden lassen, dass die Mädchen heute die ganze Halle benutzen konnten. Wegen der Nationals.“
Auch wenn Ryôsuke sich zu hundert Prozent sicher war, dass er sich genauso geärgert hätte, wäre er dabeigewesen, grinste er breit. „Hätte Mari-chan gefragt, hättest du bestimmt nichts dagegen gehabt.“
„Pffff, das ist etwas ganz anderes! Außerdem… ich hab sie vorhin zusammen mit Hino gesehen.“ Ein zähneknirschendes Eingeständnis. „Sie sollte trainieren und keine Dates haben.“
„Nur, weil sie mit Hino ausgeht und nicht….“ Ryôsuke sah die Attacke schon kommen und wollte ausweichen. Mit einem Mal wurde selbst das Atmen zu einer nahezu unmöglichen Aufgabe. Der dumpfe Schmerz schien mit jedem Herzschlag kurz neu aufzuflammen und legte einen roten Schleier über alles. Vielleicht war es aber auch nur der Sauerstoffmangel. „Scheiße…“ Krampfhaft versuchte Ryôsuke Luft zu holen, war sich aber nicht ganz sicher, ob das wirklich klappte.
Etwas Warmes legte sich auf seine Schultern und langsam, ganz langsam lichtete sich der Schleier wieder, verebbte der Schmerz. „Ryôsuke?“ Watarus Stimme schwang irgendwo zwischen Panik und Erleichterung. Anscheinend nicht so recht wissend, was er tun sollte, streichelte er ihn über die Schultern. Warm und beruhigend.
Zitternd holte Ryôsuke Luft. Es tat weh, aber klappte wieder ganz gut. „Erinner mich daran, erstmal einfach meine Klappe zu halten.“ Okay, sprechen war auch keine seiner besten Ideen gerade.
„Das ist nicht lustig!“ Wie immer, wenn ihn etwas überforderte, wurde Watarus Stimme lauter als notwendig.
„Ach, ist es nicht? Guck nicht so, als würde ich jeden Moment tot umfallen.“ Vielleicht übertrieb er, aber Watarus Gesichtsausdruck kam dem noch nahe genug. Dann aber hoben seine Mundwinkel sich ein Stück. „Ich soll dich daran erinnern, die Klappe zu halten.“
Krise überstanden. Wenigstens fürs erste. Ryôsuke lächelte kurz und nickte.
Eine Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen, das Ryôsuke nicht über sich brachte, zu brechen. Es war ein schönes Gefühl. Einfach dazusitzen, in einträchtigem Schweigen.
Es war Wataru, der den Moment unterbrach, indem er ihn losließ und sich kurz räuspert. „Ich hab Hunger. Meinst du, du kommst die Treppe runter?“
Ryôsuke warf ihm einen warnenden Blick zu. „Meinen Beinen geht’s super.“
„Das tats gestern auch.“
Ryôsuke widerstand dem Drang, Wataru eine reinzuhauen. Die Lektion hatte er gelernt. Fürs erste jedenfalls. „Ich habe mich hier lange genug gelangweilt.“
Trotzdem ließ er sich von Wataru auf die Beine helfen und ignorierte dessen besorgten Blick, als er einen Augenblick brauchte, um wirklich selbst zu stehen. Die Aktion gerade war eine richtig beschissene Idee gewesen.
Zum Glück ging es aber schnell wieder, sehr weit kamen sie aber trotzdem nicht. An der Treppe blieb Wataru stehen und bedeutete Ryôsuke ebenfalls zu warten. „Müssen die eigentlich immer hierher kommen?“, murmelte er und Ryôsuke verstand.
Es brauchte keine besondere Verständigung, dass sie so weit die Treppe nach unten schlichen, wie sie konnten ohne erwischt zu werden.
Unter den Gesprächen anderer Gäste war es nicht ganz einfach zu hören, was die Lehrer mit Natsuko-san besprachen, aber schon der erste Fetzen verriet, worum es ging.
„-kenne, wird er morgen wieder zur Schule kommen“, sagte Natsuko-san gerade. Klar, dass es dabei nicht um Wataru ging. Der schnaubte nur missbilligend. Ob es an den Worten seiner Mutter lag oder daran, dass sie natürlich Recht hatte, konnte Ryôsuke nicht sagen.
Kashiwagi-sensei war schwerer zu verstehen. „-mich, dass er hier-“ im Hintergrund lachte jemand und ein Teil des Satzes wurde verschluckt, „-seine Eltern sich keine Sorgen?“
Klar. Als Lehrer sollte es jemanden wundern, wenn man mitbekam, dass man durch die Mutter des besten Freundes entschuldigt wurde und nicht durch die eigenen Eltern. Aber Kashiwagi-sensei war der wohl einzige Lehrer, dem es auffiel oder den es interessierte. Ryôsuke merkte erst, dass er seine Hände zu Fäusten ballte, als Wataru ihm eine Hand auf die Schulter legte. Erst da entspannte er sich wieder, wich Watarus Blick aber aus.
„Ich weiß nicht viel über Ryôsukes Familie“, antwortete Natsuko-san. Das entsprach der Wahrheit, er sprach nicht gerne darüber. Aber ebenso wie Wataru hatte sie zweifellos genug mitbekommen, um sich zusammenzureimen, wie beschissen das Verhältnis war. „Aber wenn er es vorzieht –„ Wieder verschwanden ein paar Wörter zwischen der Geräuschkulisse. „-willkommen.“
Wataru schnaubte kurz, sagte aber nichts. Seine Hand blieb auf Ryôsukes Schulter.
„Es ist gut, einen Platz zu haben, wo man hingehört.“
Kashiwagi-senseis Worte trafen ins Schwarze. Ryôsuke schluckte. Natürlich hatte der Lehrer Recht. Seit er das erste Mal hier gewesen war, hatte Ryôsuke sich mehr willkommen gefühlt als bei seiner eigenen Familie. Bis heute verstand er nicht so recht, warum. Warum Wataru ihn so selbstverständlich mit heimgenommen hatte. Warum Natsuko-san ihn direkt behandelt hatte, als würde er zur Familie gehören, während seine eigene ihn so ablehnte. Wenn die Eltern einen wie Luft behandelten, welches Recht hatte man dann, vom Rest der Welt etwas anderes zu erwarten?
„Hey!“ Ryôsukes Kopf ruckte in die Höhe, als Wataru aufstand und nach unten trampelte. „Man redet nicht einfach über andere!“
Kurz herrschte Schweigen, dann unterbrach Natsuko-san Kashiwagis Entschuldigung im Ansatz: „Wataru! Benimm dich! Man lauscht auch nicht!“
„Ich wohne hier“
Bevor es eskalieren konnte, richtete sich auch Ryôsuke auf und ging wesentlich langsamer als Wataru nach unten. Wie üblich saßen Kashiwagi-sensei und Ezaki-sensei an der Theke und beide sahen Wataru an, wobei nur Kashiwagi-sensei verlegen wirkte.
Natsuko-san bemerkte Ryôsuke sofort und ihre strenge Miene wurde zu einem Lächeln. Damit hatte er natürlich auch die Aufmerksamkeit der Lehrer und selbst Ezaki-sensei musterte ihn besorgt. Klar, sie hatte einen ganz anderen Blick auf die Bewegungen ihrer Schüler. Sie musste sofort bemerken, wie beschissen es ihm eigentlich ging. Aber es war Kashiwagi-sensei, der als erstes das Wort ergriff. „Ah, Tsukimori-kun. Wie geht es dir?“
„Es ist nichts weiter.“
„Warst du im Krankenhaus?“, fragte Ezaki-sensei natürlich und Ryôsuke schüttelte den Kopf. „So schlimm ist es wirklich nicht.“
Ihr Blick sagte klipp und klar, dass sie ihm kein Wort glaubte. „Du solltest dich in den nächsten Tagen noch ausruhen, du kannst ja kaum gerade stehen.“
„Es geht schon, ehrlich. Kein Grund, so ein Theater zu machen.“
Daheim hätte er ganz sicher mehr seine Ruhe gehabt, tauschen wollte er aber trotzdem nicht.
Challenge: Gegen den Willen (naja… großzügig gesehen)
Charaktere: Tsukimori Ryôsuke, Azuma Wataru, Azuma Natsuko
Wörter: ~1800
Teil 1, Teil 2
Teil 3, Teil 4
Nachdem sie den Heimweg geschafft hatten, hatte Ryôsuke keine Einwände mehr vorgebracht, als er dazu verdonnert wurde, sich auszuruhen. Außerdem hatte Wataru ihm Gesellschaft geleistet, was dafür gesorgt hatte, dass sie den Abend so verbrachten, wie oft: Mit Zocken.
Nur dass es diesmal nicht darauf hinauslief, dass sie irgendeinen Multiplayer spielten (normalerweise ein Prügelspiel), sondern dass Wataru zockte, Ryôsuke zusah und sich über ihn lustig machte, wenn er sich dumm anstellte.
Mehr als einmal schien Wataru kurz davor zu sein, seinen Controller auf den Boden zu werfen, aber da das Ding es wohl nicht überleben und Natsuko-san ganz sicher keinen neuen kaufen würde, war Ryôsuke auch in seinem Interesse froh, dass Wataru sich dann doch zusammenriss. Sonst würde es in Zukunft schwer werden, zu zweit zu spielen.
Abgesehen davon, dass Lachen keine sehr gute Idee war, hatte der Abend Ryôsuke sogar fast vergessen lassen, warum er hier war. Das kam am nächsten Morgen wieder, als Watarus Wecker ihn aus dem Schlaf holte und ihn daran erinnerte, dass er zur Schule musste. Verdammter Mist.
Wataru war auf dem Ohr aber ziemlich taub. „Du hast ja gestern kaum den Weg geschafft. Wie willst du da einen Schultag durchstehen?“
Das war ein gutes Argument. „Ich glaube nicht, dass ich es mir erlauben kann, einfach den ganzen Tag zu fehlen.“ Zwar war er kein schlechter Schüler, aber trotzdem. Er hatte schon zu viele unentschuldigte Fehlstunden.
„Als ob es den Lehrern auffällt, wenn einer von uns nicht da ist. Die freuen sich eher, wenn mal mehr Ruhe ist.“
„Wir sind schon ziemlich lange ruhig“, erinnerte Ryôsuke ihn, woraufhin Wataru nur mit den Schultern zuckte. „Trotzdem. Wenns Stress gibt, rede ich mit Kashiwagi, der regelt das.“
„Aha.“
Wieder schlug Wataru nicht vor, zu einem Arzt zu gehen.
„Montags kommt er häufiger mit Ezaki hierher. Ich werde dann mit ihm sprechen. Du bleibst heute hier.“ Natsuko-sans Stimme besagte eindeutig, dass die Diskussion hiermit beendet war und Ryôsuke senkte den Kopf.
„Ich sollte eigentlich auch bleiben, und aufpassen…“, begann Wataru, aber seine Mutter ließ ihn gar nicht erst ausreden. „Du gehst zur Schule. Sonst brauchst du gar nicht mehr hinzugehen.“
„Aber…“
„Keine Diskussion. Wenn hier jemand Ärger machen sollte, werde ich mit ihm schon fertig.“
Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand eiskaltes Wasser über den Kopf gegossen. Bestand wirklich die Gefahr, dass er nicht nur Wataru, sondern auch Natsuko-san in Schwierigkeiten brachte? Er wusste es nicht. Früher hatten seine alten „Freunde“ immer darauf geachtet, dass sie ganz sicher auf der Siegerseite waren. Öffentliche Orte waren tabu gewesen, man hatte immer so wenig Zeugen wie möglich haben wollen. Vor allem Erwachsene. Die holten zu schnell die Polizei.
War das immer noch so? Hoffentlich.
Natsuko-san konnte zwar wirklich gut auf sich selbst aufpassen, aber trotzdem. Es reichte, dass Wataru schon mit drinsteckte.
„Ich regel das schon“, verkündete Wataru großspurig, Ryôsukes Schweigen anscheinend auf seine ganz eigene Art deutend, und legte einen Arm um Ryôsukes Schulter. Es war nur halb der Schmerz, der Ryôsuke zusammenzucken ließ, aber das konnte Wataru ja nicht wissen. Sofort ließ er ihn wieder los und sah ihn forschend an. „Die tun dir nichts mehr, dafür sorge ich.“ Das sagte er so ernst, dass Ryôsukes es nicht übers Herz brachte, es anzuzweifeln. Also nickte er nur.
Die meiste Zeit des Tages verbrachte Ryôsuke damit, sich zu langweilen. Es war zwar an sich nicht schlecht, unverhofft frei zu bekommen, aber sich dabei möglichst wenig zu bewegen war ein gehöriger Dämpfer. Er hatte einfach zu viel Energie, die irgendwie rausmusste. Zocken war alleine langweilig und so wahnsinnig, freiwillig etwas für die Schule zu machen, war er dann doch noch nicht. Von unten hörte er, dass das Tagesgeschäft des Restaurants seinen Lauf nahm, Natsuko-san fand trotzdem immer wieder die Zeit, kurz nach ihm zu sehen.
Allein das sorgte fast wieder für ein schlechtes Gewissen. Seine Mutter hatte sich das letzte Mal so um ihn gekümmert, als er mit zwölf hohes Fieber gehabt hatte. Danach war er die meiste Zeit einfach sich selbst überlassen worden. Vor allem wenn er mal wieder verletzt heimgekommen war. Er hatte sich das schließlich selbst eingebrockt, also musste er auch mit den Konsequenzen leben, das war es, was er einmal in einem Gespräch seiner Eltern belauscht hatte. Das hier war doch wohl kaum anders.
Was, wenn er ernsthaft verletzt worden wäre? Hätte es seine Eltern überhaupt interessiert? Würde es sie interessieren, dass er jetzt in der Scheiße steckte, weil er damit eben nichts mehr zu tun haben wollte?
Man hört es sofort, wenn Wataru sich näherte. Diesmal lag es daran, dass er die Treppe hinauftrampelte, als wäre er eine ganze Elefantenherde unterwegs. Ryôsuke beobachtete, wie Wataru die Schultasche auf den Boden war, bevor er sich neben ihn auf das Bett war, für den Moment jede Vorsicht vergessend. Grinsend meinte Ryôsuke: „Muss ja ein echt beschissener Tag gewesen sein.“ Gute Laune sah jedenfalls anders aus.
Wataru verdrehte die Augen. „Yuuta hat sich überreden lassen, dass die Mädchen heute die ganze Halle benutzen konnten. Wegen der Nationals.“
Auch wenn Ryôsuke sich zu hundert Prozent sicher war, dass er sich genauso geärgert hätte, wäre er dabeigewesen, grinste er breit. „Hätte Mari-chan gefragt, hättest du bestimmt nichts dagegen gehabt.“
„Pffff, das ist etwas ganz anderes! Außerdem… ich hab sie vorhin zusammen mit Hino gesehen.“ Ein zähneknirschendes Eingeständnis. „Sie sollte trainieren und keine Dates haben.“
„Nur, weil sie mit Hino ausgeht und nicht….“ Ryôsuke sah die Attacke schon kommen und wollte ausweichen. Mit einem Mal wurde selbst das Atmen zu einer nahezu unmöglichen Aufgabe. Der dumpfe Schmerz schien mit jedem Herzschlag kurz neu aufzuflammen und legte einen roten Schleier über alles. Vielleicht war es aber auch nur der Sauerstoffmangel. „Scheiße…“ Krampfhaft versuchte Ryôsuke Luft zu holen, war sich aber nicht ganz sicher, ob das wirklich klappte.
Etwas Warmes legte sich auf seine Schultern und langsam, ganz langsam lichtete sich der Schleier wieder, verebbte der Schmerz. „Ryôsuke?“ Watarus Stimme schwang irgendwo zwischen Panik und Erleichterung. Anscheinend nicht so recht wissend, was er tun sollte, streichelte er ihn über die Schultern. Warm und beruhigend.
Zitternd holte Ryôsuke Luft. Es tat weh, aber klappte wieder ganz gut. „Erinner mich daran, erstmal einfach meine Klappe zu halten.“ Okay, sprechen war auch keine seiner besten Ideen gerade.
„Das ist nicht lustig!“ Wie immer, wenn ihn etwas überforderte, wurde Watarus Stimme lauter als notwendig.
„Ach, ist es nicht? Guck nicht so, als würde ich jeden Moment tot umfallen.“ Vielleicht übertrieb er, aber Watarus Gesichtsausdruck kam dem noch nahe genug. Dann aber hoben seine Mundwinkel sich ein Stück. „Ich soll dich daran erinnern, die Klappe zu halten.“
Krise überstanden. Wenigstens fürs erste. Ryôsuke lächelte kurz und nickte.
Eine Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen, das Ryôsuke nicht über sich brachte, zu brechen. Es war ein schönes Gefühl. Einfach dazusitzen, in einträchtigem Schweigen.
Es war Wataru, der den Moment unterbrach, indem er ihn losließ und sich kurz räuspert. „Ich hab Hunger. Meinst du, du kommst die Treppe runter?“
Ryôsuke warf ihm einen warnenden Blick zu. „Meinen Beinen geht’s super.“
„Das tats gestern auch.“
Ryôsuke widerstand dem Drang, Wataru eine reinzuhauen. Die Lektion hatte er gelernt. Fürs erste jedenfalls. „Ich habe mich hier lange genug gelangweilt.“
Trotzdem ließ er sich von Wataru auf die Beine helfen und ignorierte dessen besorgten Blick, als er einen Augenblick brauchte, um wirklich selbst zu stehen. Die Aktion gerade war eine richtig beschissene Idee gewesen.
Zum Glück ging es aber schnell wieder, sehr weit kamen sie aber trotzdem nicht. An der Treppe blieb Wataru stehen und bedeutete Ryôsuke ebenfalls zu warten. „Müssen die eigentlich immer hierher kommen?“, murmelte er und Ryôsuke verstand.
Es brauchte keine besondere Verständigung, dass sie so weit die Treppe nach unten schlichen, wie sie konnten ohne erwischt zu werden.
Unter den Gesprächen anderer Gäste war es nicht ganz einfach zu hören, was die Lehrer mit Natsuko-san besprachen, aber schon der erste Fetzen verriet, worum es ging.
„-kenne, wird er morgen wieder zur Schule kommen“, sagte Natsuko-san gerade. Klar, dass es dabei nicht um Wataru ging. Der schnaubte nur missbilligend. Ob es an den Worten seiner Mutter lag oder daran, dass sie natürlich Recht hatte, konnte Ryôsuke nicht sagen.
Kashiwagi-sensei war schwerer zu verstehen. „-mich, dass er hier-“ im Hintergrund lachte jemand und ein Teil des Satzes wurde verschluckt, „-seine Eltern sich keine Sorgen?“
Klar. Als Lehrer sollte es jemanden wundern, wenn man mitbekam, dass man durch die Mutter des besten Freundes entschuldigt wurde und nicht durch die eigenen Eltern. Aber Kashiwagi-sensei war der wohl einzige Lehrer, dem es auffiel oder den es interessierte. Ryôsuke merkte erst, dass er seine Hände zu Fäusten ballte, als Wataru ihm eine Hand auf die Schulter legte. Erst da entspannte er sich wieder, wich Watarus Blick aber aus.
„Ich weiß nicht viel über Ryôsukes Familie“, antwortete Natsuko-san. Das entsprach der Wahrheit, er sprach nicht gerne darüber. Aber ebenso wie Wataru hatte sie zweifellos genug mitbekommen, um sich zusammenzureimen, wie beschissen das Verhältnis war. „Aber wenn er es vorzieht –„ Wieder verschwanden ein paar Wörter zwischen der Geräuschkulisse. „-willkommen.“
Wataru schnaubte kurz, sagte aber nichts. Seine Hand blieb auf Ryôsukes Schulter.
„Es ist gut, einen Platz zu haben, wo man hingehört.“
Kashiwagi-senseis Worte trafen ins Schwarze. Ryôsuke schluckte. Natürlich hatte der Lehrer Recht. Seit er das erste Mal hier gewesen war, hatte Ryôsuke sich mehr willkommen gefühlt als bei seiner eigenen Familie. Bis heute verstand er nicht so recht, warum. Warum Wataru ihn so selbstverständlich mit heimgenommen hatte. Warum Natsuko-san ihn direkt behandelt hatte, als würde er zur Familie gehören, während seine eigene ihn so ablehnte. Wenn die Eltern einen wie Luft behandelten, welches Recht hatte man dann, vom Rest der Welt etwas anderes zu erwarten?
„Hey!“ Ryôsukes Kopf ruckte in die Höhe, als Wataru aufstand und nach unten trampelte. „Man redet nicht einfach über andere!“
Kurz herrschte Schweigen, dann unterbrach Natsuko-san Kashiwagis Entschuldigung im Ansatz: „Wataru! Benimm dich! Man lauscht auch nicht!“
„Ich wohne hier“
Bevor es eskalieren konnte, richtete sich auch Ryôsuke auf und ging wesentlich langsamer als Wataru nach unten. Wie üblich saßen Kashiwagi-sensei und Ezaki-sensei an der Theke und beide sahen Wataru an, wobei nur Kashiwagi-sensei verlegen wirkte.
Natsuko-san bemerkte Ryôsuke sofort und ihre strenge Miene wurde zu einem Lächeln. Damit hatte er natürlich auch die Aufmerksamkeit der Lehrer und selbst Ezaki-sensei musterte ihn besorgt. Klar, sie hatte einen ganz anderen Blick auf die Bewegungen ihrer Schüler. Sie musste sofort bemerken, wie beschissen es ihm eigentlich ging. Aber es war Kashiwagi-sensei, der als erstes das Wort ergriff. „Ah, Tsukimori-kun. Wie geht es dir?“
„Es ist nichts weiter.“
„Warst du im Krankenhaus?“, fragte Ezaki-sensei natürlich und Ryôsuke schüttelte den Kopf. „So schlimm ist es wirklich nicht.“
Ihr Blick sagte klipp und klar, dass sie ihm kein Wort glaubte. „Du solltest dich in den nächsten Tagen noch ausruhen, du kannst ja kaum gerade stehen.“
„Es geht schon, ehrlich. Kein Grund, so ein Theater zu machen.“
Daheim hätte er ganz sicher mehr seine Ruhe gehabt, tauschen wollte er aber trotzdem nicht.