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Fandom: Tumbling
Challenge: Pflege/Sorge
Charaktere: Tsukimori Ryôsuke, Azuma Wataru, (Azuma Natsuko)

Wörter: ~1600

Teil 1

Wie viel Zeit am Ende vergangen war, bis er wieder auf die Beine gekommen war, wusste Ryôsuke nicht mal. Nur, dass er vielleicht besser einfach sitzen geblieben wäre, bis… wann auch immer. Es war schon eine Weile her, dass er sich derart beschissen gefühlt hatte. Aber dann war es wiederrum auch schon eine Weile hergewesen, dass er damit alleine klarkommen musste.
Allein der Gedanke, jetzt nach Hause zu gehen, ließ jede Motivation sofort schwinden. Nach Halt suchend lehnte er sich an die nächste Wand und versuchte, seine Optionen durchzugehen. Nicht ganz einfach, wenn einem wirklich alles wehtat und schon aufrecht zu bleiben, seine ganze Konzentration forderte.
Am Ende entschied er sich für das Naheliegendste. Einmal, weil es wirklich nicht weit war und außerdem… was sollte er zu Hause, da interessierte sich ja doch niemand für ihn.
Natsuko-san schimpfte gerade mit Wataru, der sich anscheinend davor drücken wollte, aufzuräumen. War es wirklich schon so spät? Wie es schien, hatte Ryôsuke doch ziemlich den Überblick verloren. Das war wohl kein gutes Zeichen.
An der Theke saß noch Shigeo, der – von Natsuko-san vollkommen ignoriert – versuchte, für sie Partei zu ergreifen. Ryôsuke war sich nicht sicher, ob es einfach sein Kreislauf war, der nun die Nase endgültig voll hatte, oder ob es wirklich ganz still wurde. Die Zeit verschwamm auf eine sehr merkwürdige Art und Weise, als er nach irgendeinem Halt tastete. Gerade war da doch noch…
Jemand hielt ihn und alles schnappte wieder zurück in die Wirklichkeit. „-war das?“, hörte er so gerade eben noch.
Wataru klang aufgebracht und Ryôsuke konnte kaum anders, er musste grinsen. Natürlich war Wataru erstmal darauf aus, jemanden die Zähne einzuschlagen. „Ryôsuke, wer hat das getan?“ Wataru war ihm so nahe, dass er seine Anspannung deutlich spüren konnte. Wie er schon nach etwas suchte, was er zerschlagen konnte.
„Wataru!“ Natsuko-sans schnitt Watarus aufgebrachten Fragen effektiver als ein frisch geschliffenes Sushimesser ab. Sofort wurde ihre Stimme aber wieder sanfter. „Bring Ryôsuke nach oben. Ich kümmere mich hier um alles.“
„Ich helfe Natsuko-san natürlich!“, mischte Shigeo mit, als hätte er nur auf das Stichwort gewartet. Wataru, der sich zuerst nicht vom Fleck bewegt hatte, fand damit erstmal ein Ziel für seine Wut. „Was willst du eigentlich noch hier? Geh endlich nach Hause, wir haben geschlossen!“
Ryôsuke hatte wenigstens den Versuch gewagt, aufzusehen, aber selbst den Kopf zu heben war schon zu viel des Guten. Es tat nicht direkt weh, aber sein Schädel war damit unmissverständlich nicht einverstanden und er musste irgendein Geräusch gemacht haben, denn schon hielt Wataru ihn etwas fester. „Ich hasse diesen Typen…“, murmelte er noch, aber half Ryôsuke die Treppe nach oben. Was der für eine verdammt gute Idee hielt, auch wenn Treppensteigen gerade keine einfache Angelegenheit war. Aber mit Watarus Hilfe klappte es zum Glück doch recht gut. Jedenfalls besser, als alleine, denn da war Ryôsuke sich sicher, dass das gar nichts geworden wäre.
Als er dann auf dem Boden des kleinen Wohnbereichs niederlassen konnte, hätte er am liebsten aufgeatmet. Aber vor Wataru wollte er sich diese Blöße dann doch nicht geben. Der hatte sich schon vor ihn gehockt, den Verbandskasten in der Hand. Irgendwie klappte es mit Ryôsukes Konzentration nicht mehr so recht.
„Au!“, protestierte er wenig später, als Wataru irgendetwas an seiner Stirn machte. Man sollte meinen, er hätte schon ausreichend Übung darin, Freunde zusammenzuflicken, dass er vorsichtiger war. Aber wenigstens bei Ryôsuke war das nicht der Fall. Vielleicht war das bei den anderen anders.
„Stell dich nicht so an. Wer war das?“
Vielleicht sollte Ryôsuke anfangen, eine Strichliste zu führen, wie oft diese Frage kam. Aber das wäre jetzt wohl nicht ganz passend.
„Ist doch egal.“ Es war ein unglaublich mieser Versuch, das Thema zu beenden und Wataru, der gerade ein Pflaster über Ryôsukes Augenbraue platziert hatte, sah ihn finster an. „Das ist nicht egal! War es Akabane? Oder jemand von einer anderen Schule?“
Schön wäre es ja gewesen. Ryôsuke schüttelte den Kopf. „Nein. Wirklich, es ist egal.“
„Ist es nicht!“ Watarus Stimme wurde schon ein wenig lauter und Ryôsuke ertappte sich dabei, den Kopf einziehen zu wollen. Er hätte nicht herkommen sollen. War doch klargewesen, dass Wataru nicht locker lassen würde. Manchmal nahm er solche Dinge viel zu ernst.
„Du tust so, als wäre es das erste Mal, dass ich Prügel beziehe.“
Eine Sekunde lang sah es so aus, als wollte Wataru einfach explodieren, aber dann atmete er nur einmal tief durch. Und noch einmal.
„Du bist doch sonst nicht so. Warum kannst du mir nicht sagen, was passiert ist?“
Dabei schaffte Wataru es, so enttäuscht zu klingen, dass Ryôsuke beinahe alles erzählt hatte, im letzten Moment konnte er sich aber noch davon abhalten. „Nicht jetzt. Bitte. Kann ich… einfach heute Nacht hierbleiben?“
Er wollte nicht nach Hause. Nicht hier weg. Auf keinen Fall.
Allein die Frage schien Wataru etwas aus der Bahn zu werfen, denn er blinzelte ihn verwirrt an, bevor er (wie immer lauter als nötig) klarstellte: „Natürlich bleibst du hier!“ Ein letztes Pflaster wanderte auf Ryôsukes aufgeschrammten Ellbogen. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass er dort auch verletzt war. Aber es fiel ohnehin nicht mehr ins Gewicht.
„Warte hier“, befahl Wataru dann und war schon auf den Füßen, als Natsuko-san mit ihrem untrüglichen Gespür für Timing nach oben kam. Dabei hatte sie einen Teller mit Omurice, den sie vor Ryôsuke abstellte.
„Ich nehme an, du bleibst erstmal hier?“
„Klar!“, übernahm Wataru die Antwort, als wäre alleine diese Frage vollkommen unnötig. Natsuko-san nickte nur und holte zusätzliches Bettzeug aus einem Schrank. Nie kam die Frage, was seine Eltern dazu sagen würden. Oder ob sie dort anrufen und Bescheid sagen sollte. Nicht mal beim allerersten Mal. Als wüsste sie instinktiv, dass es seinen Eltern scheißegal war, wo er sich herumtrieb. Wataru hatte so ein unglaubliches Glück mit seiner Mutter.
Als hätte es nur diese zusätzliche Selbstverständlichkeit, mit der er hier akzeptiert wurde, gebraucht, begannen Ryôsukes Gefühle wieder etwas mehr aufzuwühlen. Etwas intensiver zu werden und es war gar nicht so einfach, hier und jetzt anzufangen, zu heulen. Nicht, weil auf offener Straße verprügelt worden war und es absolut niemanden interessiert hatte. Sondern weil es hier Leute gab, die es interessierte. Die sich kümmerten und ihn aufnahmen, als wäre es das selbstverständlichste der Welt.
Wataru musste das bemerken, aber er blieb für den Moment einfach nur neben ihm sitzen und schwieg.

Erst nachdem Natsuko-san sie beide ins Bett geschickt hatte, als wären sie kleine Kinder, sagte Wataru in die Dunkelheit: „Du bist schon die ganzen letzten Tage so komisch…“ Es klang nur halb wie ein Vorwurf. Ein Vorwurf von der Sorte, wie sie nur beste Freunde vorbringen konnten, die einfach nicht verstanden, warum man nicht mit ihnen redete, wenn etwas nicht stimmte.
„Mir ging einiges im Kopf rum“, versuchte Ryôsuke auszuweichen und wusste im selben Moment, dass er keine Chance hatte, dass Wataru aufgab. Nichts brachte ihn dazu, von einem einmal gewählten Vorhaben auch nur einen Millimeter abzurücken. Abgesehen von dem, bei Mari-chan zu landen, natürlich.
„Und was?“
„Ein paar Leute aus der Mittelschule.“
„Wer?“ Er hörte Watarus Anspannung. Es war so einfach, seine Stimmungen zu erkennen… Ryôsuke wusste, es wäre besser, wenn er jetzt einfach den Mund halten würde, aber dafür hatte er schon zu viel gesagt. Vermutlich war es von Anfang an klargewesen, dass er Wataru alles erzählen würde. Oder einen Teil. Warum sonst war er denn sonst hergekommen?
„Die Gang in der ich früher war. Ist doof geendet. Irgendwas hat mich daran erinnert und heute…“
Es raschelte in Watarus Bett und als Ryôsuke aufsah, saß Wataru aufrecht. Eine Zeitlang hatten sie sich das Bett geteilt, wenn er hier übernachtete, aber sie waren beide keine sehr ruhigen Schläfer und nachdem entweder Wataru oder er zum wiederholten Male einfach rausgefallen waren, waren sie dazu übergegangen, dass abwechselnd jeder mal das Gästefuton bekam und dann das Bett. Es hatte einiges an Überzeugungsarbeit gebraucht, dass Wataru heute das Bett nahm. Genauer gesagt, hatte Ryôsuke sich einfach auf das Futon gesetzt und sich geweigert, umzuziehen.
Halb erwartete Ryôsuke schon einen Wutausbruch, aber Wataru schwieg nur, was auf seine ganz eigene Art noch beängstigender war. „Ich hab nicht damit gerechnet, dass ich ihnen nochmal begegne. Die meisten müssten mit der Schule schon fertigsein…“ Was natürlich nicht bedeutete, dass ihr Leben deswegen in geregelteren Bahnen verlief.
„Was ist passiert?“ Watarus Stimme klang ruhig und gerade das beunruhigte Ryôsuke zusätzlich. „Was wohl? Sie haben ihre Wiedersehensfreude ausgedrückt.“ Er versuchte, das möglichst locker zu sagen und hätte zusätzlich die Augen verdreht, würde Wataru das sehen können.
„Ich mache sie fertig…“ Wataru klang immer noch ruhig, aber jetzt war eine Kälte in seiner Stimme, die Ryôsuke nur sehr selten gehört hatte. Das hier war eine höchst persönliche Angelegenheit geworden und das war überhaupt nicht gut.
„Lass es, okay? Das bringt den Club in Schwierigkeiten.“ Dieses Argument funktionierte normalerweise, diesmal aber verfehlte es seine Wirkung vollkommen.
„Mir egal. Die hätten dich beinahe in Krankenhaus gebracht und warum? Wegen irgendetwas, was schon Jahre her ist!“
Wataru fragte nicht, was damals vorgefallen war. Wie es seine Art war, stellte er sich ohne darüber nachzudenken vor seine Freunde. Weil es keine Rolle für ihn spielte, was dahintersteckte, egal wie neugierig er da auch sein mochte.
„Ich sag dir nicht, wer es war.“ Ryôsuke wusste, dass seine Stimme leise und angespannt klang. Aber er konnte es nicht ändern. Er hatte einmal erlebt, wie Wataru sich seinetwegen in große Schwierigkeiten gebracht hatte, das wollte er nicht nochmal mitmachen. Niemals wieder.
„Kein Problem. Ich kriegs auch so raus.“ Wataru klang düster und entschlossen. Ryôsuke beschloss, dass es besser war, wenn er einfach nichts mehr sagte.

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