48 Stunden

Mar. 21st, 2015 11:22 pm
[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Teen Wolf
Challenge: Irrenhaus/Psychiatrie
Wörter: ~ 1.500
Personen: Malia, Scott/Stiles, Kira, Lydia
Warnung: Erwähnung mehrerer psychischer Krankheiten und von frontotemporaler Demenz, dark
Anmerkung: AU, in der niemand übernatürliche Kräfte hat. Nein, sie sind einfach alle irre.

Man sagt ihr, dass sie nur 48 Stunden bleiben muss.

Malia sitzt eine halbe Stunde in der Vorhalle mit den breiten Fenstern, welche bis an die Decke reichen.
Draußen am Eingang prangt in goldenen Buchstaben „Eichen House“ über diesen Scheiben.

Wenn sie die Augen schließt, sieht sie ein altes, steinernes Gemäuer vor sich.
Eine Klapsmühe, dunkel und kalt, mit feuchtem Schimmel an den Wänden. Sie sieht Insassen vor sich, die mit dürren Armen zwischen den Gitterstäben ihrer Gummizellen hinausgreifen und versuchen, das spärliche Tageslicht zu erhaschen, welches durch die Ritzen fällt.

Nein, Eichen House ist eine modernisierte, helle und lichte psychiatrische Klinik.

Malia fragt sich, ob sie überhaupt hierher passt.
Sie fragt sich, ob sie nicht zu verrückt ist für so eine moderne Einrichtung.

Die Frau vor ihr heißt Marin Morell.
Das ist ein Name wie aus einem Überraschungsei. Sie ist jung und schön und sehr dünn, schreibt mit flinken Fingern Dinge auf. Malia weiß schon, was: Körperliche Misshandlungen durch den Vater. (Der gar nicht ihr Vater ist.) Flucht und wochenlanges Überleben im Wald, bis der Hunger sie wieder nach Hause trieb. Das war der Deal: Ein Sandwich gegen ein blaues Auge. Ein Teller Eintopf gegen aufgeschrammte Knie, gegen abgeschnittene Haare, gegen „Du bist nicht mehr als ein Tier!“

Die Polizei hat nun ihn eingesperrt.
Die Polizei hat Malia erklärt, dass ihr Vater nicht ihr richtiger Vater ist.

Nach 48 Stunden wird jemand vom Jugendamt kommen und sie in eine Pflegefamilie bringen.

In ihr zuckt der Impuls, sofort wieder wegzulaufen, wieder unter Bäumen zu schlafen, Blätter und Pilze zu essen, selbst wenn sie sich davon übergeben muss.



Der Aufenthaltsraum ist so hell und offen, dass Malia sich in seiner Mitte verloren vorkommt.

Sonnenstäubchen wirbeln durch die Luft.
In einer Ecke stehen aufeinandergestapelt bunte Bauklötzchen aus Holz. Daneben ist ein Bücherregal, vor dem ein Mädchen mit roten und sehr wirren Haaren sitzt und liest. Es wippt vor und zurück dabei und reißt sich einzelne Härchen vom Kopf. Eines nach dem anderen. Die zu Boden gleitenden Haare schimmern kupferfarben in der Sonne.

Das Zimmer füllt sich mit Jugendlichen, die alle etwa in Malias und dem Alter des Mädchens sein müssen.

Es gibt einen lächerlichen Stuhlkreis mit einer ebenso lächerlichen Vorstellungsrunde.

Das Mädchen mit den roten Haaren heißt Lydia und ist so heiser, dass man ihre Worte kaum versteht. Da ist Oliver, welcher der Meinung ist, Fliegen verschluckt zu haben. Da ist Kira, die vor einigen Wochen einen beinah tödlichen Elektrischen Schlag erlitten hat und ihre Hände nicht mehr richtig bewegen kann. Da sind diese beiden Jungen, die ihre Stühle so nahe nebeneinander stehen haben, dass sie fast einander auf dem Schoß sitzen. Scott, ein dünner, schüchterner und asthmatischer Junge, der manisch-depressiv ist. Und Stiles, der auf keinen Fall wirklich so heißt.
Der aber Malia, kaum dass sie ihren Namen genannt hat, mit leuchtenden Augen ansieht und vergnügt mit einem vom Stimmbruch gequälten Kieksen ruft: „Du bist der Kojote!“

Malia hebt eine Augenbraue.
„Kojote?“, wiederholt sie tonlos.

„Ja, das Kojotenmädchen aus dem Wald. Du standest in der Zeitung! Du bist so cool!“




Nach dem Mittagessen sieht sie Stiles allein in der Mitte des Aufenthaltsraumes stehen.

Er dreht sich verwirrt und langsam um sich selbst wie ein kleiner Kreisel und blinzelt.
Die Fingernägel seiner rechten Hand sind abgekaut und doch machen sie kratzende Geräusche an seinen raspelkurzen Haaren.

„Hey Stiles“, sagt Malia, weil es vermutlich höflich ist, zu grüßen.

Sein Blick wird ängstlich, sein Mund ist dünn und weit geöffnet. Als würde er versuchen, fehlende Worte damit einzusaugen.

„Wieso kennst du meinen Namen?“, fragt er.
„Wer bist du? Und wie bin ich hierhergekommen?“

Malia sieht ihn verwirrt an.
„Was soll die Frage?“, entfährt es ihr.

Gerade vorhin, vor nicht einmal zwei Stunden hat er sie „Kojotenmädchen“ getauft und angelacht.

„Stiles, da bist du!“
Sie fährt halb herum, als Scott, der Junge mit dem Asthma, neben ihr auftaucht.
Er lächelt sie entschuldigend an, schiebt sich an ihr mit der Vorsicht von jemandem vorbei, der auf jede kleinste Bewegung achtgeben muss. Sie kennt es, so dass sie weiß: Auch er hat einmal Schläge bekommen.

„Komm, ich bring dich in unser Zimmer zurück, okay?“

Als er seinen Freund sieht, entspannt sich Stiles sichtlich. Es ist, als würde man ihm einen Stock aus dem Rücken ziehen.

„Scotty, wo warst du denn?“

„Auf der Toilette.“
Malia sieht zu, wie Scott nach der Hand seines Freundes fasst und sie ganz zärtlich drückt. Es fühlt sich an, als würde sie etwas Verbotenes sehen, weil es so intim wirkt.

„Warum hast du mich nicht mitgenommen, Scotty?“

„Ich kann dich doch nicht mit auf's Klo nehmen.“

„Warum nicht??“

Scott wird ein klein wenig rot. Er sieht verlegen an Malia vorbei und geleitet Stiles aus dem Zimmer.



Stiles heißt Stiles, weil er sich seinen richtigen Vornamen nicht mehr merken kann.

Das erfährt Malia am Abend von Kira.

Stiles hat frontotemporale Demenz.
Das ist, sagt Kira, so ähnlich wie Alzheimer.

Vermutlich wird er das neunzehnte Lebensjahr nie erreichen.

Malia kennt ihn kaum und doch fühlt es sich an, als habe Kira ihr damit eine Tonne schwerer Steine in den Magen gelegt.
Immerhin hat Stiles sie weder „Freak“ noch „armes Mädchen“ genannt. Sondern wie ein wildes Tier, das sich zu verteidigen weiß.

Der Junge, dessen Gehirn bald nicht mehr als ein inhaltsloser Schwamm sein wird.


Sie liegt in diesem fremden Bett in der Nacht und wälzt sich hin und her, weil sie nicht aufhören kann, an ihn zu denken.

Vielleicht, geht ihr irgendwann auf, mag sie ihn.
Er hat zwar kaum Haare auf dem Kopf, aber hübsch ist er ja. Wenn er sie erkennt, redet er ja sogar mit ihr.

In einer anderen, faireren Welt hätten sie Freunde werden können.



Es sind 24 Stunden vergangen und Malia verbringt ihren zweiten Tag mit Warten auf wen auch immer vom Jugendamt.

Sie hat keine Lust auf Lesen und übt mit Kira bis zum Mittag Klötze übereinander Stapeln. Es nützt nicht viel, denn die Nerven des Mädchens sind nachhaltig geschädigt, doch Kira legt mit zitternden, ungelenken Fingern tapfer weiter einen Baustein über den anderen.

Als Stiles hereinkommt, lächelt er Malia sehr breit an.
Er hat Scott dabei, der seine Hand hält. Irgendetwas sagt Malia, dass es für ihn nicht ganz so schlimm ist, in einer verschwimmenden Welt zu leben, solange er seinen Freund an seiner Seite hat.

„Und wer bist du?“, fragt Stiles und Malia stellt sich noch einmal vor.
Sie reißt ihre Geschichte an und der Junge fällt ihr dazwischen mit „Du bist das Kojotenmädchen! Hier, das ist Scott, mein Freund! Er ist ein Werwolf!“

Scott senkt verlegen den Blick und lächelt stumm.

„Werwolf?“, wiederholt Malia verwirrt.

„Ja, so ein-, du weißt schon. Wenn der Mond voll wird, wird er ganz haarig und riesig und stark. Und er hat rot glühende Augen, weißt du. Und wenn er jemanden beißt, wird der auch zum Werwolf. Aber weil er nett ist, macht er das natürlich nicht. Also außer bei mir.“

Stiles nickt gewichtig, als Malia blinzelt und ihn fragend ansieht.

„Ich bin krank. Also, so richtig, Ich bin nicht so cool wie ihr. Und wenn ich nicht mehr...“ Er verharrt und räuspert sich, als habe für den Bruchteil einer Sekunde etwas in ihm ausgesetzt;
„Wenn ich nicht mehr kann, wird er mich beißen. Werwolfgene machen nämlich gesund. Dann bin ich auch ein Werwolf und wir können zusammen im Wald wohnen. Du kannst ja mitkommen, wenn du möchtest.“

Malia nickt langsam.
„Okay“, bringt sie hervor und dann läutet es zum Mittagessen.

Stiles sieht zum Glück nicht, dass sie sich von Kira ein Taschentuch leihen muss.



Sie trifft Scott allein am nächsten Tag. Er steht im Gang und wartet auf einen Termin, wie es aussieht.
Malia sitzt auf der anderen Seite. Die Frau vom Jugendamt hat sich angekündigt.
48 Stunden sind fast vorbei.

Sie schaut ihn lange an und nickt leicht.

„Gehst du nach Hause?“, fragt er leise.
Seine Stimme schleift ein wenig, als müsse er sie hinter sich herziehen.

„Ich habe kein Zuhause“, entgegnet Malia geduldig.
„Sieht so aus, als bekäme ich ein neues.“
Sie schluckt.
„Was ist mit dir?“

„Ich? Oh, ich bleibe. Da, wo Stiles ist, bin auch ich.“

Er fährt sich durch die wuscheligen, dunklen Haare und beißt sich auf die Unterlippe.

Die Worte schweben zwischen ihnen. Sekundenlang.

Malia sagt sie schließlich, weil sie sonst das Gefühl hat, davon erschlagen zu werden.

„Aber irgendwann wird er nicht mehr da sein.“
Ausgesprochen fühlen sich mit einem Mal wie verfault an.

„Du weißt, du kannst ihn nicht wirklich beißen.“

Scott schlägt den Blick nieder. Er fischt einen blauen Inhalator aus seiner Hosentasche und spielt nervös damit herum.

„Ich weiß. Aber naja. Du hast ja gehört, dass ich Depressionen hab. Viele Leute mit Depressionen werden nicht alt.“


Es sollte Malia womöglich mit Wucht treffen. Ein halbes Geständnis eines bevorstehenden Selbstmordes. Doch sie kann sich nicht überrascht fühlen. Vielmehr ist es eher eine logische Konsequenz. Etwas vollkommen Rationales.

Sie lächelt, schaut zu Boden und wieder hoch.

„Leb wohl, Werwolfjunge“, sagt sie sehr, sehr leise.

Er schmunzelt und winkt zaghaft;

„Leb wohl, Kojotenmädchen.“

Seine Augen glänzen feucht.

Date: 2015-03-21 10:53 pm (UTC)
luinaldawen: (Default)
From: [personal profile] luinaldawen
Na toll ;_; Kannst du sie nicht einfach richtig foltern? Das ist zu grausam TT-TT
Malia die in Eichen House ankommt und das ganze Drama als Außenstehende beobachtet und zu verstehen beginnt. Lydia, die sich ihre schönen Haare ausreißt (nicht tun! ;_; Sonst rasieren sie die Haare am Ende einfach ab! T-T), Kira, die ausgerechnet einen elektrischen Schlag bekommen hat.
Und Stiles. Gott.. Stiles! Da hattest du mich. Als er sie nicht mehr erkannt hat, hattest du mich voll. Und Scott... mein Herz lag schon in Scherben! Musstest du nochmal drauftreten und es zu Staub zermalen?
Bittebittebitte schreib als nächstes was Netteres ja? Eins mit einem Ende, wo sie sich glücklich in den Armen liegen. Oder dumme Witze machen. Oder einfach nur kuscheln und alles gut wird! Ja? Bitte? ;_;

Date: 2015-03-31 09:23 am (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Gott.
Ich versuche schon seit Tagen einen produktiven irgendwie sinnvollen Kommentar zu schreiben, aber .... Gott. ;____;
Ich bin nicht sicher ob ich das kann.
Es ist wundervoll und grauenhaft und so so rührend und so so schrecklich.
Ich liebe eigentlich Psychiatrie AUs (ja ich weiß, ich bin komisch, aber deswegen fand ich die Eichen House Folge auch so toll <33), und ich mag es auch wenn alle ihre eigene Psychose oder Angststörung etc hat - aber ugh...
Das mit Stiles ist natürlich immer besonders grauenhaft. ;__;
Ich liebe die Vorstellung, dass Stiles schon so viel vergessen hat, dass die Wirklichkeit schon nur noch ganz benebelt ist, aber dass er sich noch an zwei Dinge erinnert und das ist Scott - und daran dass die Welt ein bunter, wunderschöner Ort ist, in der Scott ein Werwolf ist und Malia ein Kojote und in der magische, übernatürliche Dinge passieren und in der niemand jemals sterben wird.
Und es bricht mir das Herz, dass Scott es besser weiß ... und dass er weiß, dass es nicht stimmt und dass er weiß, dass es nie ein happy end geben wird, nicht für ihn und nicht für Stiles. ;__;
Und dass er bis zum bitteren Ende bei ihm bleiben wird, auch wenn Stiles sogar ihn vergessen hat und sich ihm jedes Mal aufs Neue vorstellen wird, bis die Demenz ihn mitgenommen und alles von ihm verschlungen hat, was Stiles ist.
und äh ja ...
Jetzt lege ich mich in eine Ecke zum weinen. ;___;

Date: 2015-04-22 01:16 am (UTC)
From: [identity profile] somali77.livejournal.com
Oh Gott, das ist so trostlos T___T wieso ist das so trostlos... *heul* mir fällt gar nichts anderes zu sagen ein... manchmal sind Psychiatrie- AUs ja irgendwie hoffnungsvoller oder fast schon ein bisschen witzig... die hier ist wie ein Schlag in den Magen. Autsch... so viel hurt für die ganzen Charas, so wenig comfort... jetzt brauch ich ein Taschentuch T___T

Wah!

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