Nicht Superstar genug
Feb. 1st, 2015 11:56 amFandom: Original
Challenge: "Mach dich nicht lächerlich"
Wörter: ~ 800
Personen: Er und seine Mutter und sein Freund Janosch
Warnung: Suizidgedanken?, Depressionen
Die Wohnung riecht nach Kaffee.
Es dauert tatsächlich eine Weile bis er das bemerkt, bis er sich fragt: Warum eigentlich.
Ah ja. Sonntag.
Sonntagsfrühstück.
Kaffee, Rührei, warmer Toast und Kräuterquark. Alles bio natürlich. Der Kaffee ist Fair Trade, die Eier aus der Freilandhaltung.
Alles ist frei und fair.
Er steht in der Küche und schaut aus dem Fenster in das Ewiggrau des Januar.
Jemand hat eine Folie aus Bedeutungslosigkeit über den Himmel gelegt.
Vor dem Balkon zittern die Zweigspitzen der Tannenkrone, als würde der Baum frieren.
Im Fernsehen läuft Werbung.
Er hat den Ton ausgeschaltet, weil ihm die hochgeputschten Stimmen der Sprecher Kopfschmerzen bereiten. Sie sind ein ewiges Klingeln in seinen Ohren, unendlich laut zwischen dem Brüllen, das dort seit Jahren wohnt und ihm die Tage zudröhnt mit Fragen nach verlorenem Sinn.
Auf dem Fluss schwimmen Eisschollen.
Er gießt sich Kaffee ein und stellt ihn auf den Tisch. Er nimmt den Toast – nachdem er sich daran die Finger verbrannt hat – arrangiert ihn mittig auf den Teller und stellt diesen dazu.
Er reiht dazu Quark und Käse und Eierbecher an.
Ein Frühstücksbataillon.
Alles frei und fair.
Er denkt an den Abend mit Janosch zurück. An das Treffen mit seiner Mutter.
Daran, wie er beiden gestanden hat, dass diese graue Folie am Himmel sich nicht mehr entfernen lässt.
Er findet die Lasche zum Abziehen nicht.
Alles, was er kann, ist am Rand kratzen wie man am Etikett einer Flasche kratzt, das man unbedingt abreißen will.
„Du bist doch noch jung“, hat seine Mutter gesagt.
Sie hat sich nach ihrem neuen Mann umgedreht, der griesgrämig vor dem Fernseher gesessen und Fußball geguckt hat und mit dem sie mehr streitet als zusammen lebt.
„Du hast doch studiert. Und so viele Möglichkeiten.“
Oh ja, denkt er, als er sich mit tauben Beinen an den Tisch setzt und merkt, dass er eigentlich gar keinen Hunger hat.
Aber jetzt steht das alles schon hier.
Freilandhühner haben sich für ihn Mühe gegeben.
Glückliche Freilandkühe haben für ihn Milch aus ihren fucking Eutern gedrückt.
Kolumbianische, bettelarme Menschen haben für ihn Kaffee geerntet.
Die haben nicht studiert und keine Möglichkeiten.
„Wie, du weißt nicht weiter?“, hat Janosch gesagt.
Es ist zwischen drei Bieren gewesen, und zwischen „Die zwei Türme“ und „Die Rückkehr des Königs“. Die Filme sind von vor zwölf und dreizehn Jahren. Warum kommt es einem so vor, als sei das erst gestern gewesen?
„Du musst halt mehr Initiativbewerbungen schreiben. Ein paar Frauen ansprechen, Mann. Ein bisschen mehr rausgehen. Von nüscht kommt nüscht.“
Vielleicht hat er Janosch im Vorspann des Films gestanden, dass er Angst vor allem hat. Dass er sich nicht auf dieses ganze freie und faire Leben vorbereitet fühlt.
Dass er sich endlich bestätigt sieht in den vorwurfsvollen Blicken seiner Verwandten, die eigentlich wollten, dass er Arzt wird. Oder Ingenieur. Oder wenigstens KFZ-Mechaniker.
Vielleicht hat Janosch ihn erst mitfühlend angeguckt und dann gesagt: „Mach dich nicht lächerlich, Mann! Du bist doch awesome. Du kannst doch alles sein, was du willst.“
Vielleicht hat er danach Janoschs gesamten Biervorrat leergetrunken und sich am Ende des Films gewünscht, auch mit einem Boot in den Westen fahren zu dürfen.
Er nippt am Kaffee und zappt sich durch die Fernsehkanäle. Irgendwo läuft Werbung für eine Casting-Show. „Hast du das Zeug zum Superstar?“, steht über den Bildschirm geschrieben. Johlende, schöne Menschen laufen unter den Lettern vorbei.
Drei Sender weiter berichten sie von Deutschlands geschönter Arbeitslosenquote, von Ingenieuren, die in Zeitarbeitsfirmen verrotten, davon, dass niemand sicher ist.
All das erinnert ihn an diesen Riss, der durch seinen Kopf geht, gezackt und scharfkantig wie die Schollen auf dem Fluss.
Du hast keine Chance. Nutze sie.
Und vielleicht liegt es daran, dass es Sonntagvormittag ist und dass im Fernsehen schlechte Musik läuft. Höchstwahrscheinlich ist die graue Folie am Himmel, an der Welt, der Grund.
Er erhebt sich und lässt den Fernseher laufen, den Kaffee dampfen, das Ei erkalten.
Auf dem Balkon schlägt ihm eisiger Wind entgegen.
Es ist faszinierend, wie es egal ist, ob er auf dem Boden steht oder hier oben im elften Stock: Der Himmel ist immer noch sinnleer. Man findet die Lasche zum Abziehen nicht.
Wie es wohl wäre, denkt er, während seine Zehen auf dem Asphaltboden langsam einfrieren, sich auf das Balkongeländer zu stellen und dem Wind die Entscheidung zu überlassen, in welche Richtung er ihn schlagen will. Nach vorne oder zurück. Hinab oder zurück in die Wohnung, in das ewige Grau, zum Kaffee und zum „Mach dich nicht lächerlich.“
Er schließt die Augen und lauscht auf das Säuseln der Luft.
Sie sagen, er könne alles sein, was er will.
Was, wenn er einfach nur tot sein will?
Aber das ist vermutlich nicht Superstar genug.
Challenge: "Mach dich nicht lächerlich"
Wörter: ~ 800
Personen: Er und seine Mutter und sein Freund Janosch
Warnung: Suizidgedanken?, Depressionen
Die Wohnung riecht nach Kaffee.
Es dauert tatsächlich eine Weile bis er das bemerkt, bis er sich fragt: Warum eigentlich.
Ah ja. Sonntag.
Sonntagsfrühstück.
Kaffee, Rührei, warmer Toast und Kräuterquark. Alles bio natürlich. Der Kaffee ist Fair Trade, die Eier aus der Freilandhaltung.
Alles ist frei und fair.
Er steht in der Küche und schaut aus dem Fenster in das Ewiggrau des Januar.
Jemand hat eine Folie aus Bedeutungslosigkeit über den Himmel gelegt.
Vor dem Balkon zittern die Zweigspitzen der Tannenkrone, als würde der Baum frieren.
Im Fernsehen läuft Werbung.
Er hat den Ton ausgeschaltet, weil ihm die hochgeputschten Stimmen der Sprecher Kopfschmerzen bereiten. Sie sind ein ewiges Klingeln in seinen Ohren, unendlich laut zwischen dem Brüllen, das dort seit Jahren wohnt und ihm die Tage zudröhnt mit Fragen nach verlorenem Sinn.
Auf dem Fluss schwimmen Eisschollen.
Er gießt sich Kaffee ein und stellt ihn auf den Tisch. Er nimmt den Toast – nachdem er sich daran die Finger verbrannt hat – arrangiert ihn mittig auf den Teller und stellt diesen dazu.
Er reiht dazu Quark und Käse und Eierbecher an.
Ein Frühstücksbataillon.
Alles frei und fair.
Er denkt an den Abend mit Janosch zurück. An das Treffen mit seiner Mutter.
Daran, wie er beiden gestanden hat, dass diese graue Folie am Himmel sich nicht mehr entfernen lässt.
Er findet die Lasche zum Abziehen nicht.
Alles, was er kann, ist am Rand kratzen wie man am Etikett einer Flasche kratzt, das man unbedingt abreißen will.
„Du bist doch noch jung“, hat seine Mutter gesagt.
Sie hat sich nach ihrem neuen Mann umgedreht, der griesgrämig vor dem Fernseher gesessen und Fußball geguckt hat und mit dem sie mehr streitet als zusammen lebt.
„Du hast doch studiert. Und so viele Möglichkeiten.“
Oh ja, denkt er, als er sich mit tauben Beinen an den Tisch setzt und merkt, dass er eigentlich gar keinen Hunger hat.
Aber jetzt steht das alles schon hier.
Freilandhühner haben sich für ihn Mühe gegeben.
Glückliche Freilandkühe haben für ihn Milch aus ihren fucking Eutern gedrückt.
Kolumbianische, bettelarme Menschen haben für ihn Kaffee geerntet.
Die haben nicht studiert und keine Möglichkeiten.
„Wie, du weißt nicht weiter?“, hat Janosch gesagt.
Es ist zwischen drei Bieren gewesen, und zwischen „Die zwei Türme“ und „Die Rückkehr des Königs“. Die Filme sind von vor zwölf und dreizehn Jahren. Warum kommt es einem so vor, als sei das erst gestern gewesen?
„Du musst halt mehr Initiativbewerbungen schreiben. Ein paar Frauen ansprechen, Mann. Ein bisschen mehr rausgehen. Von nüscht kommt nüscht.“
Vielleicht hat er Janosch im Vorspann des Films gestanden, dass er Angst vor allem hat. Dass er sich nicht auf dieses ganze freie und faire Leben vorbereitet fühlt.
Dass er sich endlich bestätigt sieht in den vorwurfsvollen Blicken seiner Verwandten, die eigentlich wollten, dass er Arzt wird. Oder Ingenieur. Oder wenigstens KFZ-Mechaniker.
Vielleicht hat Janosch ihn erst mitfühlend angeguckt und dann gesagt: „Mach dich nicht lächerlich, Mann! Du bist doch awesome. Du kannst doch alles sein, was du willst.“
Vielleicht hat er danach Janoschs gesamten Biervorrat leergetrunken und sich am Ende des Films gewünscht, auch mit einem Boot in den Westen fahren zu dürfen.
Er nippt am Kaffee und zappt sich durch die Fernsehkanäle. Irgendwo läuft Werbung für eine Casting-Show. „Hast du das Zeug zum Superstar?“, steht über den Bildschirm geschrieben. Johlende, schöne Menschen laufen unter den Lettern vorbei.
Drei Sender weiter berichten sie von Deutschlands geschönter Arbeitslosenquote, von Ingenieuren, die in Zeitarbeitsfirmen verrotten, davon, dass niemand sicher ist.
All das erinnert ihn an diesen Riss, der durch seinen Kopf geht, gezackt und scharfkantig wie die Schollen auf dem Fluss.
Du hast keine Chance. Nutze sie.
Und vielleicht liegt es daran, dass es Sonntagvormittag ist und dass im Fernsehen schlechte Musik läuft. Höchstwahrscheinlich ist die graue Folie am Himmel, an der Welt, der Grund.
Er erhebt sich und lässt den Fernseher laufen, den Kaffee dampfen, das Ei erkalten.
Auf dem Balkon schlägt ihm eisiger Wind entgegen.
Es ist faszinierend, wie es egal ist, ob er auf dem Boden steht oder hier oben im elften Stock: Der Himmel ist immer noch sinnleer. Man findet die Lasche zum Abziehen nicht.
Wie es wohl wäre, denkt er, während seine Zehen auf dem Asphaltboden langsam einfrieren, sich auf das Balkongeländer zu stellen und dem Wind die Entscheidung zu überlassen, in welche Richtung er ihn schlagen will. Nach vorne oder zurück. Hinab oder zurück in die Wohnung, in das ewige Grau, zum Kaffee und zum „Mach dich nicht lächerlich.“
Er schließt die Augen und lauscht auf das Säuseln der Luft.
Sie sagen, er könne alles sein, was er will.
Was, wenn er einfach nur tot sein will?
Aber das ist vermutlich nicht Superstar genug.