Adventskalender, 18. Türchen
Dec. 18th, 2014 08:29 amFandom: Bioshock
Challenge: Lichterglanz bzw. "Zwischen Weihnachten und Schnee gibt es vielleicht eine Korrelation, aber noch lange keine Kausalität."
Charaktere: Andrew Ryan, Bill McDonagh
Bills schwere Schritte auf der Metallbrücke hoch über den Lavabächen hallten hohl von den Wänden wider. Es war brütend heiß im Raum, aber das war in Hephaistos eigentlich immer der Fall und Bill hatte sich mit der Zeit daran gewöhnt. Ohne stehen zu bleiben zog er ein dunkelrot kariertes Stofftaschentuch aus seiner Tasche und wischte sich die schweißnasse Stirn ab. Es war schon nach sechs und eigentlich hatte Bill schon vor einer Stunde fertig sein wollen, aber dann hatte es heute am frühen Nachmittag in einer der Hauptpumpen einen Druckabfall gegeben und es hatte Ewigkeiten gedauert, bis sie das Leck gefunden hatten. Erst nachdem Bill selbst mit Hand angelegt hatte, hatten sie die Lage in den Griff bekommen und nun war es nur noch eine Frage entsprechender Muskelarbeit, bis alles wieder beim alten war.
Bill stapfte die schmalen Stufen zum Erdboden hinunter, ohne sich großartig mit dem Handlauf abzumühen. Dazu kannte er Rapture mittlerweile zu gut. Nach Jahren des Planens, Aufbauens, Ausbesserns war die Stadt unter dem Meer zu Bills Baby geworden, mit all ihren Makeln und Fehlern. Jeden Winkel kannte er wie seine Westentasche und es erfüllte ihn jeden Tag aufs Neue mit Stolz, dass er an solch einem Projekt mitwirken durfte. Mit einem lauten Klacken schob Bill die schwere Eisentür zum Kontrollraum auf, wo schon die nächste Schicht auf ihren Einsatz wartete. Es gab hier unten in Hephaistos kaum Platz, außer für die großen Maschinen, und so hatten sie mit der Zeit begonnen, den Kontrollraum mit den Überwachungsmonitoren zu einer Art Pausenraum umzugestalten. Jetzt saß nicht nur Danny O’Toole von der Nachtschicht hinter seinem Bildschirm, sondern auch die Arbeiter, die die Reparaturarbeiten verrichteten und reichten eine Flasche herum. Die helle Flüssigkeit darin war höchstwahrscheinlich kein Wasser und unter anderen Umständen hätte Bill seine Leute sofort zur Räson gerufen, aber am heutigen Abend machte er eine Ausnahme.
„Abend, Boss!“ wurde er begrüßt, sobald die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen und das laute Lärmen der Turbinen jäh unterbrochen worden war. Bill nickte den Männern zu und tippte sich kurz an die Mütze. Er trat hinter Danny, fragte nach weiteren Vorkommnissen und hinterließ dann ein paar Anweisungen für seine Ablösung, bevor er begann, seinen Blaumann aufzuknöpfen. Eigentlich hätte er auch gleich in der abgenutzten Jeans und dem Flanellhemd arbeiten können, die er darunter trug, aber Bill war nicht der Typ, der sich gerne von seinen Untergebenen absetzte. Er streifte den Arbeitsanzug nach unten und sah zu der großen Wanduhr, die über dem Ausgang hing auf. Ein paar Arbeiter hatten die Tür vor ein paar Tagen mit einer plumpen Kunststoffimitation von Tannenzweigen geschmückt und ein großer, automatischer Plastikweihnachtsmann begrüßte nun jeden Eintretenden mit einem lauten „Ho Ho Ho, wer will seine Geschenke?“. Innerlich schüttelte Bill jedes Mal den Kopf über diese Abnormität, aber es freute die Männer und wer war er ihnen das bisschen an Festtagsstimmung, das sie hier unten zustande bringen konnten, zu vermiesen?
Achtzehn Uhr Neunundvierzig. Dann würde er wohl auf sein Nickerchen verzichten und nur schnell unter die Dusche springen, bevor er sich zu Andrew Ryan aufmachte. Er überlegte kurz, ob er ihm eine Nachricht schicken sollte, dass er sich verspäten würde, aber als er aus dem Blaumann stieg und ihn an die Reihe Haken an der Wand hängte, beschloss er, dass Andrew sich wohl denken konnte, dass er bei einem solchen Zwischenfall gebraucht wurde. Bill nahm die Schirmmütze vom Kopf, hängte sie ebenfalls auf und wandte sich zum Gehen.
Der Anzug war eine Maßanfertigung, die er auf Andrews Anweisung hin bekommen hatte, und sie saß noch immer perfekt. Das weiße gestärkte Hemd verlieh selbst Bills eher gröberer Statur etwas Elegantes und der dunkelblaue Kummerbund hob das Blau seiner Augen ganz außergewöhnlich hervor. Die Fliege wählte er passend dazu, auch wenn er minutenlang vor dem Spiegel fluchte, bis sie endlich perfekt saß. Das Jackett war nach Tuxedo-Art lang geschnitten und vom gleichen tiefen Schwarz wie die Hose. Nur die goldenen Manschetten mit dem Relief Raptures stachen golden hervor. Bill nahm das etwa handflächengroße Päckchen vom Wohnzimmertisch und machte sich auf den Weg.
Er war froh, als er endlich in Andrew Ryans Vorzimmer ankam. Auf dem Weg durch die Stadt hatten ihn mehr als nur eine Handvoll Leute angesprochen, die meisten davon eindeutig Splicer, die die allgegenwärtigen Werbesaufrufe, die Liebsten der eigenen Zuneigung durch möglichst teure Präsente zu versichern, zum Anlass nahmen, jeden um Kleingeld anzubetteln, der sie nicht schnell genug beiseiteschob.
Im Gegensatz zu diesem Trubel war die lediglich von leisen Klaviertönen unterlegte Stille in Ryans Vorzimmer geradezu entspannend. Die deckenhohen Fenster gaben den atemberaubenden Blick auf das hell erleuchtete Rapture frei und tauchten alles in ihr eigenes feierliches Licht, aber es gab hier nicht die geringsten Anzeichen von Weihnachtsdekoration, wie geschmacklos und säkularisiert auch immer sie sein mochten.
Das Mädchen hinter dem Schreibtisch hatte er kaum eines Blickes gewürdigt. In letzter Zeit wechselte Ryan seine Sekretärinnen wie andere Leute ihre Unterwäsche. Immerhin war Elaine nicht in ihren alten Job zurückgekehrt, was ihnen einige unangenehme Begegnungen ersparte. Auch deswegen hatte Bill darauf bestanden, sie nach ihrer Trennung weiter finanziell zu unterstützen. Im Grunde war es bezeichnend, dass ihre Scheidung friedlicher verlaufen war, als alle vorangegangenen Ehejahre zusammen und auch heute, wenn er sie und ihre Kleine an den Wochenenden in ihrer neuen Wohnung am Apollo Square besuchte, gingen sie sich lediglich aus dem Weg.
Gerade wollte Bill die Tür zu Ryans Büro betreten, als das Blondchen aufsprang und ihm hinterherkam. „Sie können da jetzt nicht rein, Mr.Ryan ist beschäftigt!“
Bill seufzte. „Ich habe eine Verabredung mit ihm!“ Doch die Worte taten nicht ihre erwartete Wirkung. Die junge Frau schnalzte lediglich abfällig mit der Zunge.
„Mr. Ryan hat heute keine Termine mehr, da müssen Sie sich schon etwas anderes einfallen lassen.“ Bill war verwirrt. Sie hatten schon vor Tagen ausgemacht, dass sie heute Essen gehen wollten. Schon allein, weil sie sich in den letzten Wochen kaum noch gesehen hatten.
„Wer sind Sie überhaupt?“, fuhr sie schnippisch fort.
„Bill McDonagh. Ich bin der Grund, dass Sie überhaupt noch Luft haben, um mich hier so anzuraunzen. Und ich brauche keinen Termin.“ Das mochte früher gestimmt haben. Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte Bill nachts um drei in Andrews Schlafzimmer spazieren können, ohne dass der auch nur mit der Wimper gezuckt hätte. Jetzt…war er da nicht mehr so sicher. Doch sein selbstsicheres Auftreten schien tatsächlich überzeugend zu sein.
„Oh, Verzeihung, Mr.McDonagh, ich wusste nicht…“ Das Mädchen schien wirklich verängstigt. „Sie werden Mr.Ryan doch nichts-“
Bill winkte ab: „Ist schon in Ordnung“, und trat ein.
„Dann müssen Sie ihren Verdächtigen eben etwas mehr Feuer unterm Hintern machen, Sullivan.“ Es wäre zu viel gewesen zu sagen, dass Ryan in den Telefonhörer brüllte, aber Bill konnte förmlich sehen, wie viel es ihn kostete, das nicht zu tun. „Wenn einer tagtäglich Brosamen an die Armen verteilt, dann kann er das nicht ungesehen tun. Irgendjemand muss etwas wissen und – Was ist denn jetzt schon wieder?“
Die letzten Worte hatte Andrew Ryan tatsächlich geschrien, als er Bills Fußtritte auf dem dunkeln Holzboden hörte. Bill hob beschwichtigend die Hände und trat näher zum Schreibtisch. Ryan erkannte ihn und ein Lächeln trat auf sein Gesicht. Entschuldigend zuckte er die Achseln und bedeutet Bill, sich zu setzen.
„Nein, nicht Sie, Sullivan“, fuhr er fort, während er unruhig hinter seinem Schreibtisch auf und ab lief, so gut die Schnur des Telefons ihm dies erlaubt. Sullivan am andern Ende schien etwas zu erwidern und Andrew legte eine Hand auf die Muschel. „Dauert nicht mehr lange“, formte er mit den Lippen und Bill nickte verständnisvoll.
Ryan fuhr fort, auf Sullivan einzureden und Bill nutzte die Gelegenheit, den Gründer der Stadt eingehender zu begutachten. Andrew Ryan war noch immer die gleiche beeindruckende Persönlichkeit, als die er ihn vor Jahren kennengelernt hatte. Aufrecht, determiniert, ein Visionär. Es war kein Wunder, dass ihm so viele in die Tiefe gefolgt waren. Was Bill wirklich überraschte, waren die tiefen Augenringe, die sich in Ryans Gesicht abzeichneten. Selbst während des Baus, als Andrew nur drei Stunden pro Nacht geschlafen hatte, hatte er nicht so erschöpft gewirkt. Seine Stirn war von Sorgenfalten zerfurcht, die dort vor nur drei Wochen noch nicht gewesen waren und um seinen Mund hatte sich ein harter Zug gebildet, der Bill gänzlich fremd war.
„Bill, mein Freund, es tut mir Leid, aber mit Fontaines Leuten gibt es nur noch Ärger. Am liebsten würde ich das ganze Pack einlochen. Aber was gibt es bei dir Neues?“ Andrew hatte aufgelegt und war um den Schreibtisch herumgekommen, um Bill herzlich zu begrüßen. Der beeilte sich, Andrews Lächeln zu erwidern.
„Überall ist die Weihnachtsstimmung ausgebrochen“, begann Bill mit einer leichten Belustigung in der Stimme. „Selbst in Pauper’s Drop haben sie einen Baum aufgestellt, hab ich gehört.“
Andrews Miene verfinsterte sich. „Hör mir bloß damit auf! Jingle-Bells hier, Winterwonderland da…Ich hatte immer gehofft, hier unten vor diesem ganzen Wahnsinn sicher zu sein!“
„Nana, Mr. Grinch, da wird doch niemand Weihnachten stehlen wollen?“ Bill hatte über die Jahre gelernt, wie sehr Andrew das Weihnachtsfest verabscheute und auch, wenn er das nicht im Geringsten nachfühlen konnte, bemühte er sich, diese Abneigung mit Humor zu nehmen.
Andrew schnaubte. „Was heißt hier stehlen? Ich wünschte, ich könnte es einfach mit dem ganzen anderen abergläubischen Krempel verbieten. Aber dann hab ich den Einzelhandel auf den Barrikaden. Einkaufen können sie von mir aus ja, aber irgendwie scheint an Weihnachten jeder auf einmal seine wohltätige Seite zu entdecken.“
„Es ist kein Zufall, dass Santa rot trägt“, stimmte Bill zu. „Aber mach dir nichts draus. Die meisten denken bei Weihnachten doch eh nur an Truthahn und Schnee.“
„Den es hier unten nicht gibt! Und zwar egal wie oft du Let it snow singst“ Ryan schüttelte den Kopf. „Das Ganze ist irrational bis zum Geht-nicht-mehr. Selbst an der Oberfläche macht es keinen Sinn. Es mag ja eine Korrelation zwischen Weihnachten und Schnee geben, aber ganz gewiss keine Kausalität…“ Noch immer grummelte Andrew vor sich hin, aber Bill bemerkte, dass sein Ärger langsam aber sicher zu verrauchen schien. Wenn Andrew sich nur genug über die Dummheit der Massen aufregen konnte, ging es ihm gut.
„Vielleicht kann ich dir ja die Stimmung aufheitern, wenn wir-“ In diesem Augenblick klingelte erneut das Telefon. Sofort nahm Andrew ab.
„Sind Sie da sicher? Eine Messe? Ich bin auf dem Weg!“ Er legte auf und wandte sich an Bill: „Diesmal ist Lamb zu weit gegangen. Ich muss entschieden dagegen vorgehen. Tut mir Leid, wolltest du noch etwas?“ Andrew hatte bereits begonnen, sein Jackett anzuziehen.
Bill schluckte. „Nein, ist schon in Ordnung. Soll ich…“ Er sprach nicht zu Ende, sondern stand auf und trat an Andrew vorbei. Dann riss er sich zusammen. „Ich bestelle unseren Tisch dann einfach ab!“
Andrew Ryan stand wie vom Blitz getroffen da, als die Tür zu seinem Büro hinter Bill ins Schloss fiel.
[Alles was von seinem Freund geblieben war, war ein kleines Päckchen mit einer Karte. Obwohl er eben noch so erpicht gewesen war zu gehen, setzte er sich kurz und löste die schlampig gebundene Schleife.
„Lieber Andrew,
ich weiß, dass du diese Zeit des Jahres nicht besonders zu schätzen weist. Vergib mir also meine Sentimentalität und nimm den guten Willen für die Tat. Frohe Weihnachten von deinem Freund Bill McDonagh“
Anbei fand er ein silbernes Zigarettenetui. Es war geradlinig, schmucklos. Nur auf dem Deckel war etwas eingraviert.
Er schaltete kein Licht an, als er in seine Suite zurückkehrte, sondern ließ sich gleich in den schweren Ledersessel vor dem Fenster fallen und griff nach der Flasche Bourbon, die direkt daneben auf dem Tisch stand. Bill schenkte sich ein und führte das Glas zum Mund, setzte es dann aber wieder ab und starrte in die Leere. Manchmal fragte er sich, wie gut Rapture Ryan tat. Er hätte es ihm vermutlich niemals gesagt, aber in letzter Zeit war ihm öfter der Gedanke daran gekommen, dass Ryan vielleicht wie Frankenstein eine Kreatur geschaffen hatte, die letztendlich sein Untergang sein würde.
Ein Klopfen an der Tür riss Bill aus seinen Gedanken. Eigentlich wollte er heute Abend niemanden mehr sehen. Aber vielleicht war es etwas Wichtiges. Seufzend hievte er sich hoch und zur Tür.
„Nachricht an Mr. McDonagh!“ Der Botenjunge drückte ihm keuchend ein Telegramm in die Hand. Verdutzt starrte Bill ihn an, bevor er in seiner Tasche nach ein paar Münzen kramte, die der Kleine strahlend annahm.
Bill riss den Umschlag auf. „Einladung für B.McDonagh. Stop. Dreiundzwanzig Uhr fünfundvierzig. Stop. Tauchkugel bei Neptune’s Bounty. Stop.“ Kein Absender. Nur das Logo und der Briefkopf von Ryan Industries, also etwas Offizielles. So viel zum freien Abend. Dreiundzwanzig Uhr Fünfundvierzig. Da hatte er nicht mehr viel Zeit. Gut, dass er nicht viel getrunken hatte. Schnell ging er ins Schlafzimmer und begann, erneut seine Arbeitskleidung anzuziehen. Im Endeffekt war das vielleicht genau die Ablenkung, die er brauchte. So ungern sich Bill das auch eingestand, sein Apartment war eigentlich zu groß für ihn und wirkte dadurch nur umso leerer.
So spät am Abend war es ruhiger in Rapture, aber nicht unbedingt sicherer. Ganz gleich, wie viel Mühe Sullivan und seine Leute sich auch gaben, die Zahl der Abhängigen und Gauner in der Stadt wuchs, das war Bill bewusst und er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, nachts nur noch mit einem kleinen Revolver bewaffnet aus dem Haus zu gehen. Gerade am Hafen trieben sich Schmuggler herum und man konnte nie sicher genug sein. Er wollte lieber in nichts Zwielichtiges verwickelt werden, vor allem nicht, wenn es gerade so viel Ärger mit Fontaine und seinen Leuten gab. Bills Hals war trocken geworden und er schluckte hart. Als er endlich die Landeplätze der Tauchkugeln erreichte, atmete er erleichtert auf.
„Darf ich bitten, Mr. McDonagh?“ Bill zuckte zusammen. Aber was er im Zwielicht der Docks zunächst für einen grobschlächtigen Schlägertypen gehalten hatte, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ganz normaler Hafenarbeiter, der ihn in eine private Tauchkugel wies. Bill legte die Stirn in Falten.
„Darf ich zunächst erfahren, wer mich überhaupt hierher bestellt hat?“
„Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen, ich habe hier nur Nachtdienst.“ Bill überlegte kurz, ob es weise war, einfach so in eine fremde Tauchkugel zu steigen. Bevor er jedoch eine Entscheidung treffen konnte, gesellten sich zwei schrankhohe Kerle in dunklen Anzügen zu ihnen. Schwer bewaffnet und mit einem Gesichtsausdruck, als hätten sie noch nie in ihrem Leben gelacht. Das waren Leute von Ryan. Der Eine begann zu sprechen.
„Guten Abend, Mr. McDonagh!“ Der schwere Akzent machte es fast unmöglich, ihn zu verstehen. „Wir sind für Ihre…Sicherheit hier.“
Damit war die Entscheidung gefallen und Bill betrat die Tauchkugel. Was zur Hölle hatte das zu bedeuten? War er Andrew so sehr auf die Füße getreten, dass der ihn zu sich zitieren ließ? Oder liefen Sullivans Träume von einer eigenen Geheimpolizei jetzt ganz aus dem Ruder?
Bill versuchte zu erahnen, wohin sich die Tauchkugel bewegte, aber die einzige Richtung, die er mit Sicherheit feststellen konnte, war oben. Sie stiegen immer höher und für einen Moment fragte er sich, ob er irgendetwas getan hatte, dass ihm einen Verweis aus Rapture hätte einbringen können.
Aber Verweise gab es nicht, das wusste er nur zu gut. Bill fragte sich, warum er nicht mehr Angst verspürte, aber im Augenblick war er vor allem verwirrt. Dann durchbrach die Tauchkugel die Wasseroberfläche und durch das beschlagene Bullauge konnte Bill den Treppenaufgang im Innern des Leuchtturms erkennen. Zischend öffnete sich das Schott, sodass Bill aus der schwankenden Kugel steigen konnte. Niemand war zu sehen. Mit fragendem Blick sah sich Bill nach seinen Begleitern um, aber die beiden Hünen waren zurück geblieben.
„Man erwartet Sie beim Licht!“
Bill ließ seinen Blick über die Banner schweifen und las erneut die altbekannten Slogans. Er hatte nicht damit gerechnet, noch einmal in seinem Leben die Oberfläche zu sehen. Der Lichtraum war nur über eine schmale Wendeltreppe erreichbar, sie hatten nie geplant, ihn groß zu benutzen. Während er nach oben stieg, versuchte Bill, schlau aus dem zu werden, was hier geschah. Offensichtlich war das hier kein Reparaturauftrag und verhaftet hatte ihn wohl auch niemand. Also doch Schmuggler? Glaubten Fontaines Leute, ihn auf ihre Seite ziehen zu können?
Gespannt stieß Bill die Tür auf und trat in die Dachstube des Leuchtturms.
„Frohe Weihnachten, Bill!“ Vor ihm stand Andrew Ryan. Bill blieb wie angewurzelt stehen. Andrew machte einen Schritt auf ihn zu und blieb dann wieder stehen. „Ich hab es einfach vergessen, Bill. Das sollte dich nicht verletzen.“
Über ihren Köpfen rotierte das Licht um sich selbst in der dunkeln Nacht und erfüllte den Raum mit unruhigen Schatten.
„Du hättest das nicht tun müssen, Andrew“ Bill wusste nicht, ob er gerührt oder beleidigt sein sollte. „Ich kann manchmal etwas sentimental werden, aber…“
„Das ist vollkommen in Ordnung!“, vollendete Andrew seinen Satz. „Wirklich. Es ist eine der Eigenschaften, die ich so an dir schätze.“ Er trat zur Seite und nun konnte Bill die Felle sehen, die den Boden des Raumes bedeckten. „Setz dich! Wir haben Punsch und Truthahnsandwiches und etwas Pudding, falls du diese Gewalttat gegen den guten Geschmack auch unbedingt brauchst!“
Je länger Bill auf eine Antwort warten ließ, desto unruhiger wurde Andrew. Er konnte sich nicht sicher sein, doch es schien, als versuchte Andrew Ryan ernsthaft sich zu entschuldigen. Bills Maske der Unbeteiligtheit zerbrach und er lachte. Kopfschüttelnd trat er neben Andrew und ließ sich auf die Felle sinken. „Und was machen wir hier jetzt?“
Andrew reichte ihm eine Decke und zuckte die Achseln. „Das, was sonst keiner in Rapture heute Nacht tun kann. Auch wenn sie alle davon träumen. Sterne gehören doch zu eurem Weihnachten noch dazu, oder?“
Der Raum war beheizt worden, aber vor ihren Gesichtern waren die Scheiben des Leuchtturms leicht beschlagen und an manchen Stellen zierten Eisblumen das dünne Glas. Die Nacht war sternenklar und rund um den Turm erstreckte sich der schwarze eisige Nordatlantik bis zum Horizont. Der Wind türmte die Wellen hoch auf, aber unter dem Dunkel des Wassers konnte man von Zeit zu Zeit die hellen Lichter der versunkenen Stadt unter ihnen erahnen. Ein Schauer lief Bills Rücken hinab und er rückte näher zu Andrew.
„Fröhliche Weihnachten, Andrew!“ Andrew schnaubte und streckte den Arm aus, um einen Knopf zu drücken. Bill hörte hinter ihnen das vertraute Klicken eines Tonarms, der sich auf eine Platte senkte und das unweigerliche Knacken und Rauschen, das darauf folgte. Er schloss die Augen und lehnte seinen Kopf an Andrews Schulter, als Vaughn Monroe zu singen begann.
Oh, the weather outside is frightful…
Challenge: Lichterglanz bzw. "Zwischen Weihnachten und Schnee gibt es vielleicht eine Korrelation, aber noch lange keine Kausalität."
Charaktere: Andrew Ryan, Bill McDonagh
Zusammenfassung: Für alle, die Bioshock nicht kennen: Der Self-made-Milliardär Andrew Ryan lässt Ende der Vierziger die Stadt Rapture tief unten im Nordatlantik bauen. Hier hofft er ein säkulares, gänzlich kapitalistisches Utopia aufzubauen. Soziale Ungerechtigkeiten, kriminelle Machenschaften und Konsum von übermenschliche-Kräfte-verleihenden Drogen bringen die Stadt immer näher an den Abgrund. Andrew Ryans engster Vertrauter ist sein Klempner und Bauingenieur Bill McDonagh, den er aus der Arbeitslosigkeit geholt und zu seiner rechten Hand gemacht hat. Diese Story spielt vor dem Untergang Raptures, auch wenn die Fassade schon am Bröckeln ist.
Bills schwere Schritte auf der Metallbrücke hoch über den Lavabächen hallten hohl von den Wänden wider. Es war brütend heiß im Raum, aber das war in Hephaistos eigentlich immer der Fall und Bill hatte sich mit der Zeit daran gewöhnt. Ohne stehen zu bleiben zog er ein dunkelrot kariertes Stofftaschentuch aus seiner Tasche und wischte sich die schweißnasse Stirn ab. Es war schon nach sechs und eigentlich hatte Bill schon vor einer Stunde fertig sein wollen, aber dann hatte es heute am frühen Nachmittag in einer der Hauptpumpen einen Druckabfall gegeben und es hatte Ewigkeiten gedauert, bis sie das Leck gefunden hatten. Erst nachdem Bill selbst mit Hand angelegt hatte, hatten sie die Lage in den Griff bekommen und nun war es nur noch eine Frage entsprechender Muskelarbeit, bis alles wieder beim alten war.
Bill stapfte die schmalen Stufen zum Erdboden hinunter, ohne sich großartig mit dem Handlauf abzumühen. Dazu kannte er Rapture mittlerweile zu gut. Nach Jahren des Planens, Aufbauens, Ausbesserns war die Stadt unter dem Meer zu Bills Baby geworden, mit all ihren Makeln und Fehlern. Jeden Winkel kannte er wie seine Westentasche und es erfüllte ihn jeden Tag aufs Neue mit Stolz, dass er an solch einem Projekt mitwirken durfte. Mit einem lauten Klacken schob Bill die schwere Eisentür zum Kontrollraum auf, wo schon die nächste Schicht auf ihren Einsatz wartete. Es gab hier unten in Hephaistos kaum Platz, außer für die großen Maschinen, und so hatten sie mit der Zeit begonnen, den Kontrollraum mit den Überwachungsmonitoren zu einer Art Pausenraum umzugestalten. Jetzt saß nicht nur Danny O’Toole von der Nachtschicht hinter seinem Bildschirm, sondern auch die Arbeiter, die die Reparaturarbeiten verrichteten und reichten eine Flasche herum. Die helle Flüssigkeit darin war höchstwahrscheinlich kein Wasser und unter anderen Umständen hätte Bill seine Leute sofort zur Räson gerufen, aber am heutigen Abend machte er eine Ausnahme.
„Abend, Boss!“ wurde er begrüßt, sobald die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen und das laute Lärmen der Turbinen jäh unterbrochen worden war. Bill nickte den Männern zu und tippte sich kurz an die Mütze. Er trat hinter Danny, fragte nach weiteren Vorkommnissen und hinterließ dann ein paar Anweisungen für seine Ablösung, bevor er begann, seinen Blaumann aufzuknöpfen. Eigentlich hätte er auch gleich in der abgenutzten Jeans und dem Flanellhemd arbeiten können, die er darunter trug, aber Bill war nicht der Typ, der sich gerne von seinen Untergebenen absetzte. Er streifte den Arbeitsanzug nach unten und sah zu der großen Wanduhr, die über dem Ausgang hing auf. Ein paar Arbeiter hatten die Tür vor ein paar Tagen mit einer plumpen Kunststoffimitation von Tannenzweigen geschmückt und ein großer, automatischer Plastikweihnachtsmann begrüßte nun jeden Eintretenden mit einem lauten „Ho Ho Ho, wer will seine Geschenke?“. Innerlich schüttelte Bill jedes Mal den Kopf über diese Abnormität, aber es freute die Männer und wer war er ihnen das bisschen an Festtagsstimmung, das sie hier unten zustande bringen konnten, zu vermiesen?
Achtzehn Uhr Neunundvierzig. Dann würde er wohl auf sein Nickerchen verzichten und nur schnell unter die Dusche springen, bevor er sich zu Andrew Ryan aufmachte. Er überlegte kurz, ob er ihm eine Nachricht schicken sollte, dass er sich verspäten würde, aber als er aus dem Blaumann stieg und ihn an die Reihe Haken an der Wand hängte, beschloss er, dass Andrew sich wohl denken konnte, dass er bei einem solchen Zwischenfall gebraucht wurde. Bill nahm die Schirmmütze vom Kopf, hängte sie ebenfalls auf und wandte sich zum Gehen.
„Ein gesegnetes Christfest, Mr. McDonagh.“ Die Worte fuhren ihm in Mark und Bein und für eine Sekunde sah Bill sich wieder in der schmutzigen Gasse in der Lower Eastside stehen, damals als er noch ein Dreikäsehoch gewesen war und sie an Heiligabend immer seine Großeltern besucht hatten. Sein Großvater hatte die Grußformel benutzt, solange er ihn kannte, da hatte man ihm das irische Erbe nie austreiben können. In New York hatte Bill schnell gelernt, weniger konfessionsgebunden eine besinnliche Weihnacht zu wünschen und hier in Rapture…Nun, er war sich nicht sicher, hier überhaupt jemals zu diesem Anlass eine Postkarte bekommen zu haben. Aber auch wenn die Worte altbacken waren, so ließen sie Bill doch ein wenig nostalgisch werden. Er blieb stehen, wandte sich noch einmal um und sagte dann, nicht ohne einen gewissen Vorwurf in der Stimme: „Ich wünsche dir auch frohe freie Tage, Sam“, bevor er endlich in den verdienten Feierabend verschwand.
In seinem Apartment ließ Bill sich nicht allzu viel Zeit. Er duschte, um endlich den Gestank von Schmieröl und Ruß loszuwerden, rasierte sich die Stoppeln aus dem Gesicht und kämmte sich die dunkeln Haare ordentlich mit einem Kamm und etwas Wasser zur Seite. Dann holte er seinen besten Anzug aus dem Schrank. Es waren seine einzigen Kleidungsstücke, die nicht an irgendeiner Stelle geflickt waren, denn wenngleich er sicherlich zu Raptures betuchteren Einwohnern zählte, brachte Bill es nicht übers Herz, das so stolz wie die meisten seiner Bekannten zur Schau zu tragen. Nur für die Ratssitzungen oder größere Feste putzte er sich wirklich heraus und er war dankbar, dass Andrew ihn kommentarlos gewähren ließ, auch wenn Bill sicher war, dass viele seiner Freunde die Nase darüber gerümpft hätten.Der Anzug war eine Maßanfertigung, die er auf Andrews Anweisung hin bekommen hatte, und sie saß noch immer perfekt. Das weiße gestärkte Hemd verlieh selbst Bills eher gröberer Statur etwas Elegantes und der dunkelblaue Kummerbund hob das Blau seiner Augen ganz außergewöhnlich hervor. Die Fliege wählte er passend dazu, auch wenn er minutenlang vor dem Spiegel fluchte, bis sie endlich perfekt saß. Das Jackett war nach Tuxedo-Art lang geschnitten und vom gleichen tiefen Schwarz wie die Hose. Nur die goldenen Manschetten mit dem Relief Raptures stachen golden hervor. Bill nahm das etwa handflächengroße Päckchen vom Wohnzimmertisch und machte sich auf den Weg.
Er war froh, als er endlich in Andrew Ryans Vorzimmer ankam. Auf dem Weg durch die Stadt hatten ihn mehr als nur eine Handvoll Leute angesprochen, die meisten davon eindeutig Splicer, die die allgegenwärtigen Werbesaufrufe, die Liebsten der eigenen Zuneigung durch möglichst teure Präsente zu versichern, zum Anlass nahmen, jeden um Kleingeld anzubetteln, der sie nicht schnell genug beiseiteschob.
Im Gegensatz zu diesem Trubel war die lediglich von leisen Klaviertönen unterlegte Stille in Ryans Vorzimmer geradezu entspannend. Die deckenhohen Fenster gaben den atemberaubenden Blick auf das hell erleuchtete Rapture frei und tauchten alles in ihr eigenes feierliches Licht, aber es gab hier nicht die geringsten Anzeichen von Weihnachtsdekoration, wie geschmacklos und säkularisiert auch immer sie sein mochten.
Das Mädchen hinter dem Schreibtisch hatte er kaum eines Blickes gewürdigt. In letzter Zeit wechselte Ryan seine Sekretärinnen wie andere Leute ihre Unterwäsche. Immerhin war Elaine nicht in ihren alten Job zurückgekehrt, was ihnen einige unangenehme Begegnungen ersparte. Auch deswegen hatte Bill darauf bestanden, sie nach ihrer Trennung weiter finanziell zu unterstützen. Im Grunde war es bezeichnend, dass ihre Scheidung friedlicher verlaufen war, als alle vorangegangenen Ehejahre zusammen und auch heute, wenn er sie und ihre Kleine an den Wochenenden in ihrer neuen Wohnung am Apollo Square besuchte, gingen sie sich lediglich aus dem Weg.
Gerade wollte Bill die Tür zu Ryans Büro betreten, als das Blondchen aufsprang und ihm hinterherkam. „Sie können da jetzt nicht rein, Mr.Ryan ist beschäftigt!“
Bill seufzte. „Ich habe eine Verabredung mit ihm!“ Doch die Worte taten nicht ihre erwartete Wirkung. Die junge Frau schnalzte lediglich abfällig mit der Zunge.
„Mr. Ryan hat heute keine Termine mehr, da müssen Sie sich schon etwas anderes einfallen lassen.“ Bill war verwirrt. Sie hatten schon vor Tagen ausgemacht, dass sie heute Essen gehen wollten. Schon allein, weil sie sich in den letzten Wochen kaum noch gesehen hatten.
„Wer sind Sie überhaupt?“, fuhr sie schnippisch fort.
„Bill McDonagh. Ich bin der Grund, dass Sie überhaupt noch Luft haben, um mich hier so anzuraunzen. Und ich brauche keinen Termin.“ Das mochte früher gestimmt haben. Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte Bill nachts um drei in Andrews Schlafzimmer spazieren können, ohne dass der auch nur mit der Wimper gezuckt hätte. Jetzt…war er da nicht mehr so sicher. Doch sein selbstsicheres Auftreten schien tatsächlich überzeugend zu sein.
„Oh, Verzeihung, Mr.McDonagh, ich wusste nicht…“ Das Mädchen schien wirklich verängstigt. „Sie werden Mr.Ryan doch nichts-“
Bill winkte ab: „Ist schon in Ordnung“, und trat ein.
„Dann müssen Sie ihren Verdächtigen eben etwas mehr Feuer unterm Hintern machen, Sullivan.“ Es wäre zu viel gewesen zu sagen, dass Ryan in den Telefonhörer brüllte, aber Bill konnte förmlich sehen, wie viel es ihn kostete, das nicht zu tun. „Wenn einer tagtäglich Brosamen an die Armen verteilt, dann kann er das nicht ungesehen tun. Irgendjemand muss etwas wissen und – Was ist denn jetzt schon wieder?“
Die letzten Worte hatte Andrew Ryan tatsächlich geschrien, als er Bills Fußtritte auf dem dunkeln Holzboden hörte. Bill hob beschwichtigend die Hände und trat näher zum Schreibtisch. Ryan erkannte ihn und ein Lächeln trat auf sein Gesicht. Entschuldigend zuckte er die Achseln und bedeutet Bill, sich zu setzen.
„Nein, nicht Sie, Sullivan“, fuhr er fort, während er unruhig hinter seinem Schreibtisch auf und ab lief, so gut die Schnur des Telefons ihm dies erlaubt. Sullivan am andern Ende schien etwas zu erwidern und Andrew legte eine Hand auf die Muschel. „Dauert nicht mehr lange“, formte er mit den Lippen und Bill nickte verständnisvoll.
Ryan fuhr fort, auf Sullivan einzureden und Bill nutzte die Gelegenheit, den Gründer der Stadt eingehender zu begutachten. Andrew Ryan war noch immer die gleiche beeindruckende Persönlichkeit, als die er ihn vor Jahren kennengelernt hatte. Aufrecht, determiniert, ein Visionär. Es war kein Wunder, dass ihm so viele in die Tiefe gefolgt waren. Was Bill wirklich überraschte, waren die tiefen Augenringe, die sich in Ryans Gesicht abzeichneten. Selbst während des Baus, als Andrew nur drei Stunden pro Nacht geschlafen hatte, hatte er nicht so erschöpft gewirkt. Seine Stirn war von Sorgenfalten zerfurcht, die dort vor nur drei Wochen noch nicht gewesen waren und um seinen Mund hatte sich ein harter Zug gebildet, der Bill gänzlich fremd war.
„Bill, mein Freund, es tut mir Leid, aber mit Fontaines Leuten gibt es nur noch Ärger. Am liebsten würde ich das ganze Pack einlochen. Aber was gibt es bei dir Neues?“ Andrew hatte aufgelegt und war um den Schreibtisch herumgekommen, um Bill herzlich zu begrüßen. Der beeilte sich, Andrews Lächeln zu erwidern.
„Überall ist die Weihnachtsstimmung ausgebrochen“, begann Bill mit einer leichten Belustigung in der Stimme. „Selbst in Pauper’s Drop haben sie einen Baum aufgestellt, hab ich gehört.“
Andrews Miene verfinsterte sich. „Hör mir bloß damit auf! Jingle-Bells hier, Winterwonderland da…Ich hatte immer gehofft, hier unten vor diesem ganzen Wahnsinn sicher zu sein!“
„Nana, Mr. Grinch, da wird doch niemand Weihnachten stehlen wollen?“ Bill hatte über die Jahre gelernt, wie sehr Andrew das Weihnachtsfest verabscheute und auch, wenn er das nicht im Geringsten nachfühlen konnte, bemühte er sich, diese Abneigung mit Humor zu nehmen.
Andrew schnaubte. „Was heißt hier stehlen? Ich wünschte, ich könnte es einfach mit dem ganzen anderen abergläubischen Krempel verbieten. Aber dann hab ich den Einzelhandel auf den Barrikaden. Einkaufen können sie von mir aus ja, aber irgendwie scheint an Weihnachten jeder auf einmal seine wohltätige Seite zu entdecken.“
„Es ist kein Zufall, dass Santa rot trägt“, stimmte Bill zu. „Aber mach dir nichts draus. Die meisten denken bei Weihnachten doch eh nur an Truthahn und Schnee.“
„Den es hier unten nicht gibt! Und zwar egal wie oft du Let it snow singst“ Ryan schüttelte den Kopf. „Das Ganze ist irrational bis zum Geht-nicht-mehr. Selbst an der Oberfläche macht es keinen Sinn. Es mag ja eine Korrelation zwischen Weihnachten und Schnee geben, aber ganz gewiss keine Kausalität…“ Noch immer grummelte Andrew vor sich hin, aber Bill bemerkte, dass sein Ärger langsam aber sicher zu verrauchen schien. Wenn Andrew sich nur genug über die Dummheit der Massen aufregen konnte, ging es ihm gut.
„Vielleicht kann ich dir ja die Stimmung aufheitern, wenn wir-“ In diesem Augenblick klingelte erneut das Telefon. Sofort nahm Andrew ab.
„Sind Sie da sicher? Eine Messe? Ich bin auf dem Weg!“ Er legte auf und wandte sich an Bill: „Diesmal ist Lamb zu weit gegangen. Ich muss entschieden dagegen vorgehen. Tut mir Leid, wolltest du noch etwas?“ Andrew hatte bereits begonnen, sein Jackett anzuziehen.
Bill schluckte. „Nein, ist schon in Ordnung. Soll ich…“ Er sprach nicht zu Ende, sondern stand auf und trat an Andrew vorbei. Dann riss er sich zusammen. „Ich bestelle unseren Tisch dann einfach ab!“
Andrew Ryan stand wie vom Blitz getroffen da, als die Tür zu seinem Büro hinter Bill ins Schloss fiel.
[Alles was von seinem Freund geblieben war, war ein kleines Päckchen mit einer Karte. Obwohl er eben noch so erpicht gewesen war zu gehen, setzte er sich kurz und löste die schlampig gebundene Schleife.
„Lieber Andrew,
ich weiß, dass du diese Zeit des Jahres nicht besonders zu schätzen weist. Vergib mir also meine Sentimentalität und nimm den guten Willen für die Tat. Frohe Weihnachten von deinem Freund Bill McDonagh“
Anbei fand er ein silbernes Zigarettenetui. Es war geradlinig, schmucklos. Nur auf dem Deckel war etwas eingraviert.
„No Gods or Kings. Only Men. And Friends.“ Andrew seufzte.]
Bill war sich nicht sicher, warum er eigentlich enttäuscht war. Es war nur ein zwangloses Abendessen gewesen und wenn es wichtige Dinge zu erledigen gab, dann war das eben so. Hätte es irgendwo einen Rohrbruch gegeben, wäre er selbst vermutlich ebenso schnell verschwunden gewesen.Er schaltete kein Licht an, als er in seine Suite zurückkehrte, sondern ließ sich gleich in den schweren Ledersessel vor dem Fenster fallen und griff nach der Flasche Bourbon, die direkt daneben auf dem Tisch stand. Bill schenkte sich ein und führte das Glas zum Mund, setzte es dann aber wieder ab und starrte in die Leere. Manchmal fragte er sich, wie gut Rapture Ryan tat. Er hätte es ihm vermutlich niemals gesagt, aber in letzter Zeit war ihm öfter der Gedanke daran gekommen, dass Ryan vielleicht wie Frankenstein eine Kreatur geschaffen hatte, die letztendlich sein Untergang sein würde.
Ein Klopfen an der Tür riss Bill aus seinen Gedanken. Eigentlich wollte er heute Abend niemanden mehr sehen. Aber vielleicht war es etwas Wichtiges. Seufzend hievte er sich hoch und zur Tür.
„Nachricht an Mr. McDonagh!“ Der Botenjunge drückte ihm keuchend ein Telegramm in die Hand. Verdutzt starrte Bill ihn an, bevor er in seiner Tasche nach ein paar Münzen kramte, die der Kleine strahlend annahm.
Bill riss den Umschlag auf. „Einladung für B.McDonagh. Stop. Dreiundzwanzig Uhr fünfundvierzig. Stop. Tauchkugel bei Neptune’s Bounty. Stop.“ Kein Absender. Nur das Logo und der Briefkopf von Ryan Industries, also etwas Offizielles. So viel zum freien Abend. Dreiundzwanzig Uhr Fünfundvierzig. Da hatte er nicht mehr viel Zeit. Gut, dass er nicht viel getrunken hatte. Schnell ging er ins Schlafzimmer und begann, erneut seine Arbeitskleidung anzuziehen. Im Endeffekt war das vielleicht genau die Ablenkung, die er brauchte. So ungern sich Bill das auch eingestand, sein Apartment war eigentlich zu groß für ihn und wirkte dadurch nur umso leerer.
So spät am Abend war es ruhiger in Rapture, aber nicht unbedingt sicherer. Ganz gleich, wie viel Mühe Sullivan und seine Leute sich auch gaben, die Zahl der Abhängigen und Gauner in der Stadt wuchs, das war Bill bewusst und er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, nachts nur noch mit einem kleinen Revolver bewaffnet aus dem Haus zu gehen. Gerade am Hafen trieben sich Schmuggler herum und man konnte nie sicher genug sein. Er wollte lieber in nichts Zwielichtiges verwickelt werden, vor allem nicht, wenn es gerade so viel Ärger mit Fontaine und seinen Leuten gab. Bills Hals war trocken geworden und er schluckte hart. Als er endlich die Landeplätze der Tauchkugeln erreichte, atmete er erleichtert auf.
„Darf ich bitten, Mr. McDonagh?“ Bill zuckte zusammen. Aber was er im Zwielicht der Docks zunächst für einen grobschlächtigen Schlägertypen gehalten hatte, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ganz normaler Hafenarbeiter, der ihn in eine private Tauchkugel wies. Bill legte die Stirn in Falten.
„Darf ich zunächst erfahren, wer mich überhaupt hierher bestellt hat?“
„Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen, ich habe hier nur Nachtdienst.“ Bill überlegte kurz, ob es weise war, einfach so in eine fremde Tauchkugel zu steigen. Bevor er jedoch eine Entscheidung treffen konnte, gesellten sich zwei schrankhohe Kerle in dunklen Anzügen zu ihnen. Schwer bewaffnet und mit einem Gesichtsausdruck, als hätten sie noch nie in ihrem Leben gelacht. Das waren Leute von Ryan. Der Eine begann zu sprechen.
„Guten Abend, Mr. McDonagh!“ Der schwere Akzent machte es fast unmöglich, ihn zu verstehen. „Wir sind für Ihre…Sicherheit hier.“
Damit war die Entscheidung gefallen und Bill betrat die Tauchkugel. Was zur Hölle hatte das zu bedeuten? War er Andrew so sehr auf die Füße getreten, dass der ihn zu sich zitieren ließ? Oder liefen Sullivans Träume von einer eigenen Geheimpolizei jetzt ganz aus dem Ruder?
Bill versuchte zu erahnen, wohin sich die Tauchkugel bewegte, aber die einzige Richtung, die er mit Sicherheit feststellen konnte, war oben. Sie stiegen immer höher und für einen Moment fragte er sich, ob er irgendetwas getan hatte, dass ihm einen Verweis aus Rapture hätte einbringen können.
Aber Verweise gab es nicht, das wusste er nur zu gut. Bill fragte sich, warum er nicht mehr Angst verspürte, aber im Augenblick war er vor allem verwirrt. Dann durchbrach die Tauchkugel die Wasseroberfläche und durch das beschlagene Bullauge konnte Bill den Treppenaufgang im Innern des Leuchtturms erkennen. Zischend öffnete sich das Schott, sodass Bill aus der schwankenden Kugel steigen konnte. Niemand war zu sehen. Mit fragendem Blick sah sich Bill nach seinen Begleitern um, aber die beiden Hünen waren zurück geblieben.
„Man erwartet Sie beim Licht!“
Bill ließ seinen Blick über die Banner schweifen und las erneut die altbekannten Slogans. Er hatte nicht damit gerechnet, noch einmal in seinem Leben die Oberfläche zu sehen. Der Lichtraum war nur über eine schmale Wendeltreppe erreichbar, sie hatten nie geplant, ihn groß zu benutzen. Während er nach oben stieg, versuchte Bill, schlau aus dem zu werden, was hier geschah. Offensichtlich war das hier kein Reparaturauftrag und verhaftet hatte ihn wohl auch niemand. Also doch Schmuggler? Glaubten Fontaines Leute, ihn auf ihre Seite ziehen zu können?
Gespannt stieß Bill die Tür auf und trat in die Dachstube des Leuchtturms.
„Frohe Weihnachten, Bill!“ Vor ihm stand Andrew Ryan. Bill blieb wie angewurzelt stehen. Andrew machte einen Schritt auf ihn zu und blieb dann wieder stehen. „Ich hab es einfach vergessen, Bill. Das sollte dich nicht verletzen.“
Über ihren Köpfen rotierte das Licht um sich selbst in der dunkeln Nacht und erfüllte den Raum mit unruhigen Schatten.
„Du hättest das nicht tun müssen, Andrew“ Bill wusste nicht, ob er gerührt oder beleidigt sein sollte. „Ich kann manchmal etwas sentimental werden, aber…“
„Das ist vollkommen in Ordnung!“, vollendete Andrew seinen Satz. „Wirklich. Es ist eine der Eigenschaften, die ich so an dir schätze.“ Er trat zur Seite und nun konnte Bill die Felle sehen, die den Boden des Raumes bedeckten. „Setz dich! Wir haben Punsch und Truthahnsandwiches und etwas Pudding, falls du diese Gewalttat gegen den guten Geschmack auch unbedingt brauchst!“
Je länger Bill auf eine Antwort warten ließ, desto unruhiger wurde Andrew. Er konnte sich nicht sicher sein, doch es schien, als versuchte Andrew Ryan ernsthaft sich zu entschuldigen. Bills Maske der Unbeteiligtheit zerbrach und er lachte. Kopfschüttelnd trat er neben Andrew und ließ sich auf die Felle sinken. „Und was machen wir hier jetzt?“
Andrew reichte ihm eine Decke und zuckte die Achseln. „Das, was sonst keiner in Rapture heute Nacht tun kann. Auch wenn sie alle davon träumen. Sterne gehören doch zu eurem Weihnachten noch dazu, oder?“
Der Raum war beheizt worden, aber vor ihren Gesichtern waren die Scheiben des Leuchtturms leicht beschlagen und an manchen Stellen zierten Eisblumen das dünne Glas. Die Nacht war sternenklar und rund um den Turm erstreckte sich der schwarze eisige Nordatlantik bis zum Horizont. Der Wind türmte die Wellen hoch auf, aber unter dem Dunkel des Wassers konnte man von Zeit zu Zeit die hellen Lichter der versunkenen Stadt unter ihnen erahnen. Ein Schauer lief Bills Rücken hinab und er rückte näher zu Andrew.
„Fröhliche Weihnachten, Andrew!“ Andrew schnaubte und streckte den Arm aus, um einen Knopf zu drücken. Bill hörte hinter ihnen das vertraute Klicken eines Tonarms, der sich auf eine Platte senkte und das unweigerliche Knacken und Rauschen, das darauf folgte. Er schloss die Augen und lehnte seinen Kopf an Andrews Schulter, als Vaughn Monroe zu singen begann.
Oh, the weather outside is frightful…
no subject
Date: 2014-12-18 02:39 pm (UTC)Ich mochte die kleinen Hinweise darauf, dass in Rapture längst nicht mehr alles Friede-Freude-Eierkuchen ist und vor allem, wie Ryan seinen dicken Fauxpax wieder gutgemacht hat. Trotz seiner Abneigung gegen alles Religiöse, obwohl sein kleines Utopia langsam auseinanderfällt, hat er sich einen Ruck gegeben. Ein sehr schönes, stimmungsvolles Ende!
Ein kleiner Hinweis aber: Du wechselst einmal sehr abrupt von Bills Perspektive zu Andrews, das hat mich im ersten Moment sehr verwirrt, zumal es im Grunde nicht besonders wichtig war. Die Art, wie Andrew sich entschuldigt hat, hat gut genug gezeigt, wie betroffen er von seiner eigenen Nachlässigkeit war.
no subject
Date: 2014-12-22 01:51 pm (UTC)Alles, alles Liebe
von M.
no subject
Date: 2014-12-19 11:42 am (UTC)aber sehr süß auf jeden fall, fand das ende auch adorable *^* <3
no subject
Date: 2014-12-22 10:02 pm (UTC)