Hurt/Comfort – stimmlos (fürs Team)
Sep. 24th, 2014 11:43 pmChallenge: Hurt/Comfort – stimmlos
Fandom: Attack on Titan
Wörter: 2073
Titel: Still (Teil 2) [Teil 1 findet sich hier]
Anmerkung: Spoiler für den Manga bis einschließlich Kapitel 59! (und es ignoriert Kapitel 60, da ich die Geschichte begonnen habe, bevor es veröffentlich wurde)
Baut direkt auf Teil 1 auf, deswegen sollte der vorher gelesen werden, da die Geschichte sonst nicht viel Sinn ergibt.
Die Freude seines Teams war offensichtlich. Ihre Gesichter hellten auf, als hätten sie die Strapazen der vergangenen Tage für einen Moment vergessen. Levi konnte es ihnen nicht verübeln. Es war definitiv das erste Mal, dass sich jemand, der als tot erklärt war, als lebendig herausstellte.
„Ich dachte, Sie seien tot!“ Arlerts Stimme war in seiner Aufregung so hoch, dass sie wie die eines Mädchens klang.
„Offiziell bin ich das auch,“ antwortete Erwin. Seine Hand rieb über seinen Nacken, auf dem ein roter Striemen deutlich zu sehen war. Das Seil des Galgens, dachte Levi mit einer Ruhe, die ihn selbst verwunderte. Die Uniform, die Erwin trug war zerknittert und alles andere als frisch, die Knöpfe am Kragen fehlten. Es musste die gewesen sein, die er zu seiner Hinrichtung getragen hatte.
„Nile ist es zu verdanken, dass ich noch hier bin. Offensichtlich hat er sich meine Worte zu Herzen genommen.“ Nile antwortete nicht darauf und sein Gesicht verriet, dass er sich nicht sonderlich überzeugt davon war, wie er nun in die Sache verwickelt war.
„Wie ist die Stimmung in Zentrum?“ fragte Hange.
„Aufgeheizt,“ antwortete Erwin. „Fürs erste können wir nur abwarten. Ich zweifle aber, dass wir das besonders lange tun müssen.“ Den Ausdruck auf seinem Gesicht kannte Levi nur zu gut; er bedeutete, dass mehr an der Sache dran war, als er nun bereit war zu sagen.
Levi für seinen Teil hatte genug für heute gehört. Wortlos verließ er den Kreis um Erwin und zog sich zurück, um sich schlafen zu legen.
„Levi. Guten Morgen.“ Die Tasse Tee, die Levi sich gerade gemacht hatte, kippte um, als er vor Schreck zusammenzuckte. Er fluchte murmelnd, sowohl wegen der Sauerei auf dem Tisch vor ihm als auch weil es lächerlich war, sich wegen so etwas so erschrecken. Und um seinen Tee war es auch schade.
Erwin beobachtete ihn ruhig, während er nach einem Taschentuch griff, um die Tischplatte sauber zu wischen. Hatte sich Erwins Abwesenheit falsch angefühlt, so kam ihm seine Anwesenheit nun wie ein Fremdkörper vor, so als gehöre er nicht hierher.
Ein Kloß bildete sich in Levis Hals, der es schwer machte ruhige zu atmen. Es war, als sei die Luft um ihn zu dünn, zu wenig, um seine Lungen zu füllen.
„Hange möchte nachher mit uns die Lage besprechen. Wir erwarten noch einen Boten aus Sina, aber bezweifle, dass er heute noch eintreffen wird. Nichtsdestotrotz sollten wir besprechen, wie wir in der Suche nach Eren und Historia weiter vorgehen wollen.“
Levis Mund war so trocken, dass es sich anfühlte, als könne er kaum seine Zunge bewegen. Er beließ es bei einem Nicken, seine Augen auf die Hand gerichtet, die immer noch über die Tischplatte wischte. Auch der Rest Tee in seiner Tasse half nur bedingt. Innerlich verfluchte er die Höhle, die sie gestern nach Eren und Historia durchsuchen mussten. Sie war ein verdammtes Dreckloch gewesen, kein Wunder, dass sein Hals heute noch kratzte. Vielleicht sollte er ihre beiden Mitbringsel zuerst gründlich schrubben, bevor sie sie verhörten. Schaden konnte es jedenfalls nicht.
Hange war nicht untätig gewesen in den letzten Tagen, wie es schien. Sie hatte Hinweise darauf, dass Lod Reiss vielleicht etwas mehr in die Sache verstrickt war, als sie annahmen. Mit den Ellbogen auf den Tisch gestützt tippte Erwin mit dem Zeigefinger gegen sein Kinn. Levi wusste, dass er die Finger vor seinem Kinn verschränkt hätte, hätte er noch beide Hände besessen. Es war deutliches Zeichen dafür, dass Erwin tief in Gedanken war und wahrscheinlich schon die nächsten zwanzig Schritte plante. Zugleich war es eines der wenigen Male, dass seine Gedanken wirklich an seinem Äußeren abzulesen waren. Levi fragte sich, ob Erwin sich dessen überhaupt bewusst war.
Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke, als Erwin bemerkte, wie Levi in seine Richtung sah. Levi wandte seine Augen ab.
Am Ende ihrer Besprechung erzählte Erwin, wie es ihm gelungen war, dass die Regierung ihn für tot hielt, wenn er es nicht war. Nile hatte ihm geholfen, eine Konstruktion aus einem Kleiderbügel zu zimmern und dafür gesorgt, dass er es war, der unter der Henkersmaske steckte. So konnte er die Schlaufe des Stricks hinten einhaken und so den Zug von Erwins Nacken nehmen. Hanges zufriedenes Gesicht verriet Levi, woher die Idee ursprünglich stammte, auch wenn er nicht wusste, welche Situation sie hervorgebracht hatte. Wie er Hange kannte, wollte er das auch gar nicht.
Die Stimmung im Volk war schon davor aufgeheizt, Erwins vermeintlicher Tod war der buchstäbliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Im resultierenden Chaos war es ein Leichtes, den Strick zu lösen und zusammen mit Erwin zu fliehen.
„Nur der Strick hätte etwas lockerer sitzen können,“ bemerkte Erwin und strich sich über den Hals. Selbst der Kragen seines Hemdes könnte die roten Schrammen nicht ganz verdecken.
Fast unbewusst bewegte sich Levis Hand ebenfalls zu seinem Kragen, um das Tuch um seinen Hals etwas zu lösen. Es saß nicht fester als sonst, dennoch glaubte Levi, nicht atmen zu können. Es war fast, als könnte er die Schlinge fühlen, die um Erwins gelegen hatte.
Der Blick des anderen wandte sich zu ihm, seine Augen ruhig, wie wenn er darüber nachdachte, wie er ein Problem lösen könnte. Levi ließ seine Hand wieder fallen und sah zu Hange und Moblit, das erstickende Gefühl um seinen Hals unverändert stark.
Das Gefühl eiskalter Hände um seinen Hals verließ Levi auch den Rest des Tages nicht. Jetzt da Erwin zurück war, war der kleine Raum, der an Hanges Büro grenzte für ihn ausgeräumt worden und Levi machte sich daran, die bemitleidenswerte Arbeit, die die Soldaten beim Saubermachen geleistet hatten, zu korrigieren. Manchmal fragte er sich, wie sie es schafften, ein 3DMG zu bedienen, wenn sie schon ein einfacher Besen zu überfordern schien.
Er war gerade damit beschäftigt, den Boden mit einem Tuch zu schrubben, als er Schritte hinter sich hörte.
„Ah, warum bin ich nicht überrascht?“
Erwin. Levi schrubbte weiter, obwohl das Putzmittel in seinen Augen biss und das Atmen schwer machte.
„Ich fürchte meine Stiefel sind etwas dreckig... Entschuldige, ich bin sofort wieder weg.“
Alles, was Levi hervorbrachte, war ein kurzes Nicken, seine Augen auf den Boden vor sich gerichtet.
Es war falsch, dass Erwin hier war, dachte er und hasste dich dafür.
Es war einfach.
Soldaten kamen in das Survey Corps. Viele davon starben. Die meisten davon starben. Jeder, der diesem Teil des Militärs beitrat wusste, dass er faktisch keine Zukunft hatte. Es machte den Moment, wenn es soweit war, nicht einfacher. Levi gab nicht vor, sich an jeden einzelnen Soldaten zu erinnern, die er in seinen Jahren hier verloren hatte. Er gedachte ihnen nicht, indem er sich an ihre Gesichter oder ihre Namen erinnerte, sondern dadurch, dass er seine gesamte Energie darauf verwandt, den einen Traum zur Wirklichkeit zu machen, den sie alle teilten: die Rettung der Menschheit.
Einiges blieben ihm aber sehr wohl im Gedächtnis. Isabels Lachen, Farlans Blick, als er das erste Mal die Mauern verließ, Petras Sanftheit, Oluos Unfähigkeit, gleichzeitig zu reiten und zu sprechen, Gunthers Vorsicht, Eld Stärke, Erwins Augen, die trotz aller Widrigkeiten immer geradeaus auf ihr Ziel blickten. Andere sterben zu sehen war nicht einfach, aber es war zur Gewohnheit geworden... selbst bei denen, die Levi näher standen als andere. Er war es gewohnt, sich von anderen verabschieden zu müssen, aber niemals hatte er jemanden wieder in sein Leben willkommen heißen können. Und er war sich nicht sicher, ob er wusste, wie das ging.
„Du warst still heute bei der Besprechung.“
Levi hob unbeeindruckt eine Augenbraue und fragte sich, ob Hange tatsächlich glaubte, dass er jemals sonderlich gesprächig gewesen war. Schweigend machte er sich wieder daran, den Eimer vor sich mit Wasser vollzupumpen. Ein Großteil der Wasseranschlüsse im Gebäude funktionierte zwar noch, aber das Wasser aus der Pumpe im Hof war um einiges kälter. Das kam ihm sehr gelegen.
„Hast du überhaupt schon mit Erwin geredet?“
„Hm,“ murmelte Levi statt eine Antwort zu geben. „Ich hab zu tun.“
Wie vorhergesagt hatten ihren beiden Freunden der Militärpolizei im Keller ein bisschen Wasser nicht geschadet. Und Levi fühlte sich nun um einiges besser.
„Ich weiß, dass du täglich Böden schrubbst, aber Gefangene sind neu.“ Levi hielt inne, als er die Stimme hinter sich hörte. Erwin, natürlich. Er beschloss, nur mit einem Schulterzucken zu antworten und konzentrierte sich darauf, Wischmop und Eimer ordentlich zurück in den Putzschrank zu stellen.
Es war nicht so, dass er nicht mit Erwin reden wollte, er konnte... er konnte nur nicht...
Hinter ihm schwieg Erwin, geduldig Levis Reaktion abwartend und er hätte ihn dafür an die Gurgel gehen können, weil er nicht derjenige war, der erst kürzlich am Galgen stand und –
Levi atmete tief aus und drehte sich dann um. Allein Erwins Anblick genügte, damit sich der Knoten in Levis Brust erneut schmerzend zusammenzog. Wortlos lief er an Erwin vorbei aus dem Raum. Er brauchte frische Luft.
Es war nicht nur das unangenehme Gefühl, dass Levi nach draußen getrieben hatte, sondern auch die Tatsache, dass Erwin wahrscheinlich schon wusste, was los war. Das letzte, dass er jetzt brauchte, war dass er ihn mit diesem einen Blick ansah – viele behaupteten, Erwins Gesicht sei meistens ausdruckslos, aber wer ihn länger kannte, der lernte schnell, Details zu deuten. Viel nervte Levi, auch an Erwin, obwohl er zugegebenermaßen von allen Menschen der am wenigsten nervige war. Trotz allem machte Levi dieser eine Gesichtsausdruck rasend, den Erwin immer dann hatte, wenn er mehr als Levi wusste, es ihm aber nicht so deutlich sagen wollte. Meistens weil er wollte, dass Levi selbst darauf kam, auch wenn das Schwachsinn war, denn es würde sehr viel schneller gehen ––
Levi atmete tief durch. Die letzten Tage über hatte er meist an all die Dinge gedacht, die ihn an Erwin störten. Er wusste, dass man angeblich nichts Schlechtes über Tote sagen sollte, aber er hielt es für Bullshit, denn nichts, was Levi sagte oder dachte, änderte auch nur irgendetwas an den Tatsachen. Und er war niemand, der sich selbst mit netten Gedanken verhätschelte, denn die Realität war nun einmal scheiße. Es war besser, dass zu akzeptieren und vorbereitet zu sein.
Es war einer der Gründe, warum Levi so gut in dem war, was er tat. Er erwartete Prinzipiell das schlechteste, weil es eben das war, was meistens eintrat. Illusionen halfen niemanden. Er war vorbereitet und deswegen hielt seine Überraschung, wenn der schlechtmöglichste Fall eintrat, immer nur kurz an.
Was den gegenteiligen Fall betraf, allerdings...
Erwin reagiert nicht, als Levi das Büro betrat, sein Rücken zur Tür gedreht und seinen Blick nach draußen durch das Fenster gewandt. Die Sonne war schon lange untergegangen und das Zimmer in das schwache Licht einer Lampe auf einem der Schreibtische getaucht. Erwins Silhouette zeichnete sich dunkel gegen die Fensterscheibe ab, das Licht des Mondes und der Sterne von draußen silbern im Dunkel des Nachthimmels.
Beim vertrauten Anblick des anderen zog sich Levis Brust in gewohnter Weise zusammen. Erwin war wieder da und es... es war... es war gut.
Levi schluckte gegen die plötzliche Trockenheit in seinem Mund. Aber es stimmte. Er war so unglaublich froh, aber er konnte sich nicht einfach glücklich darüber schätzen.
Er nahm einen tiefen Atemzug und trat näher an Erwin heran. Seine Hände bewegten sich wie von selbst zu Erwins leeren Hemdärmel an seiner rechten Seite, falteten ihn sorgfältig und steckten ihn dann fest. Die Klemmen dazu trug Levi seit kurz vor Erwins Verurteilung mit sich. Die Art, wie die leeren Ärmel neben Erwin hin- und herschlackerten machte Levi fast wahnsinnig und nicht einmal die Tatsache, dass er regelmäßig an Türklinken u. ä. hängen blieb, war Hinweis genug für ihn gewesen, vielleicht einmal etwas dagegen zu tun. Und so war es wieder an Levi hängen geblieben, auch wenn er bis jetzt keine Chance hatte zu– …
Levi atmete tief durch, seine Finger immer noch im Stoff von Erwins Hemd vergraben. Langsam ließ er seinen Kopf nach vorne fallen, bis seine Stirn gegen Erwin Schulterblatt ruhte. Die Rückenmuskeln bewegten sich unter Levis Fingern, als Erwin den Kopf drehte, um ihn über die Schulter hinweg anzusehen.
„Was würde ich nur ohne dich machen.“ Erwins Stimme klang amüsiert, aber Levi wusste, dass es kein Scherz gewesen war. Erwin meinte es ernst und es machte es leichter, denn wenn er ehrlicher zu sich selbst gewesen wäre, hätte er sich vielleicht etwas ganz ähnliches gefragt.
„Was würdest du nur ohne mich machen,“ sagte er und seine Finger griffen Erwins Hemd so fest sie konnten.