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Team: Kalliope
Challenge: Angst – Joker: Gebrochene Herzen

Fandom: Attack On Titan
Charaktere: Levi POV

Wörter: 2094

Titel: Still (Teil 1) [Teil 2 findet sich hier]

Anmerkung: Spoiler für den Manga bis einschließlich Kapitel 59! (und es ignoriert Kapitel 60, da ich die Geschichte begonnen habe, bevor es veröffentlich wurde)


Die Nachricht von Erwins Tod erreichte sie einen Tag nach seiner Hinrichtung. Nur zwei der Soldaten des Survey Corps waren direkt vor Ort gewesen, um Hange später Bericht zu erstatten. Ihre Nummern waren zu gering, um mehr Leute zu entbehren und auch wenn die Stimmung der Bevölkerung langsam umschlug, so konnten sie keine Konfrontation mit der Militärpolizei riskieren. Sie konnten von Glück sprechen, dass Trost inzwischen sicher genug für sie war, um einen temporären Stützpunkt in einer alten Schule aufzubauen. Sie mussten sich sammeln, um ihre nächsten Schritte zu planen. Levi würde sich mit seiner Einheit weiter auf die Rettung von Eren und Historia konzentrieren; alle Hinweise deuteten momentan darauf, dass die beiden von der Regierung selbst beschützt wurden, was die Rettungsaktion damit auch zum Politikum machte. Die Stimmung im Volk war am Wendepunkt, sie durften ihre Chance nun nicht durch eine vorschnelle Aktion riskieren.

Die Stimmen der beiden Soldaten zitterten, als sie Bericht erstatteten, auch wenn sie mehr Fassung bewahrten als Levi vermutet hätte. Etwas, das er weder von seinem Team noch von der handvoll Hanges Männern behaupten konnte, die bei ihnen waren. Auf allen ihren Gesichtern zeichnete sich ab, wie sehr sie diese Neuigkeit erschütterte und Levi fragte sich, wie sie tatsächlich noch auf einen anderen Ausgang gehofft haben konnten. Vielleicht machte es einen Unterschied, dass sie noch nicht so viele Menschen hatten sterben sehen wie Levi, vielleicht lag es daran, dass sie tief in ihrem Inneren doch noch Kinder waren... oder die Perversion, die diese Welt anstelle von Kindern hatte.

Levi störte sich nicht an ihrer Trauer – Trauer ging vorüber, das tat sie immer. Schlimmer waren die Hoffnungslosigkeit und der Zweifel, die sich in ihren Augen abbildeten, die gefährlichsten Gefühle für Mitglieder der Survey Corps. Hoffnungslosigkeit lähmte, Zweifel raubte die Fähigkeit, die Entscheidungen zu treffen, die unweigerlich auf sie zukommen würden. Jeans Zögern hatte ihn fast das Leben gekostet, seine Zweifel, ob er wirklich einen anderen Menschen töten konnte, ob er wirklich einen anderen Menschen töten wollte, war fast zu seinem Verhängnis geworden. Sie sollten wissen, dass sie sich solche Emotionen nicht leisten konnten, wenn sie überleben wollten; sie waren zwar jung, hatten aber schon mehr Grauen gesehen als die meisten Mitglieder der Militärpolizei in Jahrzehnten erlebten.

Hange gab ihnen den Abend frei, obwohl sie sich Levis missbilligen Blicks bewusst sein musste. Sie hatten noch eine Menge zu planen, selbst mit den Unruhen in Trost war ihre Lage kaum sicher. Erwins Tod machte ihr Zeitproblem nur noch dringender.

Du weißt genauso gut wie ich, dass wir uns keinen freien Abend leisten können,“ murrte er, während er zusah, wie die Soldaten den Raum verließen. Neben Hange war nur noch Moblit zurückgeblieben, der seine Aufmerksamkeit wieder einem Stapel Notizen zugewandt hatte. Anders als Hange blickte er kurz auf als Levi sprach, wandte dann den Blick zur Kommandantin und schließlich wieder zurück auf die Papiere in seiner Hand. Offensichtlich hielt er es für klüger, sich vorerst rauszuhalten.

Lieber geben wir ihnen jetzt etwas Zeit und sie sind morgen wieder bei der Sache als dass sie heute irgendeinen halbgaren Mist machen und es uns am Ende noch mehr Leute kostet.“ Auch wenn sie ihn nicht ansah, war es offensichtlich, dass sie die Nachricht von Erwins Tod getroffen hatte. Trotz allem war ihre Haltung aufrecht und sprach von ihrem ungebrochenen Willen. Sie war so anders als Erwin, dessen Gesicht nie seine Gedanken verriet, solange er nicht explizit wollte, dass sein Gegenüber von ihnen erfuhr. Was sie mit Erwin gemeinsam hatte, war die Entschlossenheit und der feste Glaube an das, was sie taten. Levi war nicht überrascht, dass sie zur neuen Kommandantin ernannt worden war.

Es ist Zeit, die Eren und Historia nicht haben.“ Er verstand Hanges Punkt, aber es war nicht so als würde er seinem Team keine Pause gönnen.

Es ist ein Befehl, Levi.“ Eine Pause. „Ich muss noch den Rest des Corps informieren.“

Levis Mund verzog sich in eine schmale Linie. Er vertraute Hange mit seinem Leben und vertraute ihren Entscheidungen als Kommandantin ebenso wie er Erwin vertraut hatte, dennoch fiel es ihm schwer, seine Kritik herunterzuschlucken. Sie waren in keiner Lage, in der sie es sich leisten konnten, einen gesamten Abend mit Nichtstun zu verschwenden.

Levi nahm einen tiefen Atemzug. „Ihr habt die Kommandantin gehört,“ sagte er dann zur Tür gewandt, direkt hinter der, natürlich rein zufällig, sein gesamtes Team auf ihn ‚wartete‘.

Im Büro des Kommandanten gab es eine Liste, die Erwin an dem Tag begonnen hatte, an dem er den Posten übernahm. In sie wurde jedes einzelne Mitglied des Survey Corps, das auf einer Mission starb, eingetragen. Natürlich gab es das offizielle Register des Militärs, in dem die biographischen Daten jedes einzelnen festgehalten waren, trotzdem hatte Erwin nach jeder Mission die Namen der gefallenen Soldaten eingetragen.

Sie sind Menschen,“ hatte er Levi erklärt, „und sollten mehr sein als ein Name in den Mühlen unserer Bürokratie.“

Levi verstand, was er meinte. Niemand der Angestellten, die die Militärregister führten, kannte die Personen hinter der Akte, niemand von ihnen war klar, was sie täglich sahen. Niemand wusste, wofür sie gestorben waren. Für die meisten waren sie Narren, die ihr Leben für einen aussichtslosen Kampf riskierten. Aber hier bei ihnen war ihr Name mehr als ein Eintrag in einer Akte, hier bedeutete er etwas.

Die Liste umfasste inzwischen mehrere Seiten.

Erwin Smith‘ fügte Levi an diesem Abend hinzu.

Keiner von ihnen besaß viel persönliche Dinge. Ein paar Notizbücher vielleicht, ein Foto der Familie, ein paar Kleidungsstücke außer der vom Militär gestellten Uniform. Levi wusste, dass Erwin eine Decke aus weichem Material besaß, auch wenn er ihn nie gefragt hatte, ob sie ein Geschenk gewesen war oder er sie selbst gekauft hatte. Er hatte sie aber oft genug gewaschen, um zu wissen, dass sie sich sehr viel angenehmer anfühlte als die Bettwäsche des Militärs.

Einige der Bücher in Erwins Büro waren wahrscheinlich seine eigenen – das abgegriffen aussehende mit den Landkarten der Städte innerhalb der Mauern, das große über die Geschichte der Nation gehörten sicherlich dazu. In nichts von alldem konnte Levi wirklich Erwin erkennen, nichts war charakteristisch für ihn, nichts verriet, dass der andere genau hier jahrelang gelebt hatte.

Am Ende verstaute Levi die Decke zusammen mit Erwins Kleidern in eine Kiste, um sie in den Lagerraum zu räumen. Er zögerte einen Moment als er dabei war, den grünen Umhang des Survey Corps zusammenzulegen. Das Corps trug diese Umhänge während Missionen und Erwin hatte seinen nicht mehr getragen, seit er seinen rechten Arm verloren hatte. Und erst recht nicht diesen hier – Levi hatte persönlich dafür gesorgt, dass Erwins gesamte Uniform, die er während betreffender Mission getragen hatte, verbrannt wurde.

Er legte den Umhang beiseite und schloss die Kiste.

Der Umhang zeigte allzu deutlich, dass Erwin einen guten Kopf größer als Levi gewesen war, und etwas breiter gebaut. Reichte der Saum seines eigenen bis zu seinen Hüftknochen, so reichte der von Erwins bis zu Levis Oberschenkeln. Der sowieso schon großzügige Schnitt wirkte um Levi noch weiter, so dass er zugeben musste, dass er fast aussah als trüge er ein Kleid. Ein extrem unvorteilhaft geschnittenes Kleid.

Aber Erwins Umhang fühlte sich wärmer an als sein eigener und so behielt er ihn.

Es war seltsam, wie deutlich man Abwesenheit fühlen konnte. Und es war noch seltsamer, wie schnell man sich daran gewöhnte. Erwins war wie ein Dorn in Levis Seite während der ersten Tage, an denen er unweigerlich an Erwin dachte, wenn er das weitere Vorgehen plante. Jahrelang war er es gewesen, dem Levi gefolgt war und selbst wenn sich an seinem Rang und seiner Position im Corps nichts geändert hatte, wog die Verantwortung auf seinen Schultern doppelt so schwer. Die Stränge, die im Moment bei ihnen zusammenliefen – Eren, Historia, die Militärpolizei, Ackermann, die Titantenshifter, scheiße, alles – waren genug, um seinen Kopf mit konstanten Schmerzen zu plagen. Er wusste, er war gut, aber Erwin war der Taktiker gewesen. Hange war intelligent, aber Erwin war derjenige, der immer fünf Schritte voraus gedacht hatte. Sein Tod mochte dazu verholfen haben, die Stimmung des Volkes zu ihren Gunsten zu kippen, das änderte nichts daran, dass sie ihn jetzt wirklich gebraucht hätten. Levi wusste, dass Erwin diesen Weg niemals beschritten wäre, wenn er nicht darauf vertraut hätte, dass Hange und er seine Arbeit bestmöglich fortführen würden... aber in manchen Momenten, wenn er müde war oder einfach nicht weiterkam, spürte er dieselbe Leere, die er bisweilen in den Augen seines Squads sah.

Aber wie alles im Survey Corps hielt auch das Gefühl nicht lange. Als sie auszogen, um Eren und Historia zu befreien war Erwins Tod nur noch ein Gedanke von vielen in Levis Kopf. Sie waren alle vergänglich und alle von ihnen erwartete das gleiche Schicksal. Levi hatte das vor vielen Jahren akzeptiert und begrüßte die Schnelligkeit, mit der die Trauer verblasste, stattdessen.

Die Mission war ein einziger Misserfolg. Historia und Eren waren nicht mehr in der Höhle, in der sie sie vermutet hatten, stattdessen wurden sie von einer Gruppe der Militärpolizei erwartet. Vier von ihnen fielen im Kampf, zwei von ihnen ließen sie laufen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass sie nichts wussten. Am vielversprechensten waren die, von denen Levi annahm, dass sie die beiden Anführer der Gruppe waren; allerdings waren sie auch sture Bastarde. Da Levi nicht riskieren wollte, dass sie hier draußen auf Verstärkung der Militärpolizei stießen, beschloss er die beiden kurzerhand mit zu nehmen. Sollte sich Hange um sie kümmern, sie hatte Talent dafür, überzeugend zu sein.

Sie konnten von Glück sagen, dass sie nicht wieder auf Ackermann gestoßen waren. Auch wenn er inzwischen in die Jahre gekommen war, hatte er nichts von seiner Gefährlichkeit eingebüßt... und dass er wusste, wie Levi dachte und kämpfte, machte die Sache nicht leichter. Levi wünschte, er hätte noch einmal mit Erwin sprechen können. Er dachte anders als jeder, den Levi kannte und hätte eine Strategie ausgeklügelt, um sie vor Ackermann zu schützen. Nun würde er mit Hange darüber reden müssen... nichts, worauf er sich freute. Hange war eine Freundin, sofern Levi so etwas überhaupt besaß, aber Erwin war immer schon... anders gewesen. Viele waren verunsichert davon, wie wenig sich Erwin von Dingen um ihn beeindrucken ließ. Egal, ob ihn Zivilisten auf der Straße beschimpften oder die Regierung davon sprach, ihm die Mittel zu kürzen, immer war sein Gesicht ruhig. Für Levi hatte es es immer schon einfacher gemacht, mit ihm zu sprechen.

Sein linker Knöchel pochte, als sie ihre temporäres Hauptquartier erreichten. Das Verhör ihrer beiden Gefangenen würde Levi für heute ganz Hange und ihren Leuten überlassen. Das ständige Gewimmere der beiden war ihm den gesamten Rückweg ziemlich auf die Nerven gefallen und er konnte nicht garantieren, dass er sich soweit im Griff hatte, zuerst zu fragen und dann zuzuschlagen.

Ich sehe, du hast mir etwas mitgebracht. Wie aufmerksam,“ begrüßte die Kommandantin sie. Levi murmelte etwas Undeutliches als Antwort und rutschte aus dem Sattel seines Pferdes.

Sie sind uns zuvor gekommen, was?“ hakte Hange nach.


„Sind sie. Sie können aber noch nicht lange weg gewesen sein. Decken, Lampen und eine Kiste waren noch vor Ort. Offensichtlich sind sie überstürzt weitergereist.“ Hange nickte in Gedanken, ihre Gesicht nachdenklich.

Wie dem auch sei, wir werden sehen, was die beiden Mitbringsel zu sagen haben. Bis dahin, sollten du und sein Team sich ausruhen.“ Eine Pause. „Das ist ein Befehl.“

Levi rollte seine Augen, mehr zu Show als im Ernst. Er war wirklich müde, sowohl körperlich als auch geistig; letzteres vor allem, da ihm immer noch die Ohren von dem Gejammer der beiden Gefangenen klingelten. Als wäre der Tag auch ohne das nicht schon anstrengend genug gewesen. „Ihr habt die Kommandantin gehört,“ sagte er zu seinem Squad gewandt. Obwohl die Müdigkeit ihnen ins Gesicht geschrieben stand, bewunderte er die Standhaftigkeit, mit der sie ihm salutierten, bevor sie wegtraten. Fast nichts mehr war von den Rekruten zu sehen, die sie vor noch nicht allzu langer Zeit gewesen waren. Im Survey Corps wurde jeder erwachsen, der lange genug überlebte – viel zu schnell.

Im Inneren traf Levi auf einen der Männer, die er am wenigsten erwartet hätte.

Nile,“ murrte er. „Heute bleibt wir auch wirklich nichts erspart.“

Bevor der andere ihm antworten konnte, wurden sie aber von einer Stimme unterbrochen. „So gerechtfertigt deine Kritik sonst an ihm ist, bitte ich, ihm heute etwas zu schonen. Wir hatten... nun ja, ein paar recht lange Tage.“

Levi erstarrte.

Kälte durchfuhr ihn und er brauchte ein paar Sekunden, bis er wieder Luft holen konnte. Er kannte die Stimme, auch wenn er heute morgen noch geschworen hätte, dass er ihren Klang schon vergessen hatte.

Hinter ihm stand Erwin.


Date: 2014-10-04 12:52 pm (UTC)
From: [identity profile] tsutsumi.livejournal.com
Hallochen, Mod hier :)

Ich bin gerade beim Gegenzählen der Punkte für den Endstand.

Kannst du bei dem Joker bitte noch ergänzen, welche Challenge du dafür verwendet hast? Bzw. welche Geschichte, wenn es eine Inspirations-Challenge war?

Date: 2014-10-04 03:15 pm (UTC)
From: [identity profile] tsutsumi.livejournal.com
Prima, vielen Dank! :)

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