[identity profile] unverdorben.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Kalliope
Fandom: Original
Challenges: Angst (Totgeglaubt)
Wörter: 840


Es ist die letzte Möglichkeit. Ich habe alles versucht. Ich war bei Ärzten und Spezialisten und das zu allererst. Natürlich. Schließlich konnte man mir ja gar nicht genug dazu raten. Aber was hat es mir am Ende gebracht? Nichts.

Meine ach so schönen Vitalwerte haben sie mir trotzdem vorgerechnet. Und meine Temperatur haben sie genommen und mir ihre defekten Gerätschaften unter die Nase gehalten, als würde die poplige, kleine Zahl darauf irgendetwas beweisen. Einer von ihnen hat sogar darauf bestanden, dass ich mir sein Stethoskop selbst in die Ohren zwänge und lausche, wie er mit dem Stethoskopkopf gegen meine Brust klopft. Ich habe ihm gesagt, dass das so nicht funktioniert und er hat seine Unfähigkeit damit überspielt, dass er mich für dumm erklärt hat. Anders kann man eine Überweisung in die Psychiatrie kaum deuten.

Die Ärzte dort spinnen allesamt selber. Man sagt ja auch, dass viele Psychologiestudenten dieses Fach vor allem deswegen wählen, weil sie ihren eigenen Wahnsinn verstehen wollen. Von mir aus könnten sie ihre Sitzungen gern mit sich selbst abhalten und mich in Ruhe lassen. Ich habe dem ersten von dieser Bande gleich auf den Kopf zu gesagt, dass ich bei ihm falsch bin und er nur seine Zeit vergeudet. Er hat nur verständnisvoll genickt.

Wenn es überhaupt irgendetwas gibt, dass diese Quacksalber können, dann ist es das. Nicken. Und Tabletten verschreiben, von denen einem im Kopf kotzübel wird. Sie haben gesagt, das wäre ein gutes Zeichen. Ich habe gesagt, ich brauche diesen Mist genauso wenig wie die ausgewogene Ernährung, die sie mir aufdrücken wollten, und das schale Wasser aus ihrem verkeimten Designerspender. Ich kann doch gar nicht essen oder trinken – ist das denn so schwer zu verstehen?

Zu den Therapiesitzungen bin ich von meinen besorgten Angehörigen gezwungen worden, aber da ich erstens gesetzlich und zweitens mies versichert bin, hatte ich die Hoffnung, die weißen Wackeldackel schnell wieder los zu sein. „Aber wenn wir Ihnen nicht helfen können, was gedenken Sie denn dann zu tun?“, hat mich der Therapeut natürlich fragen müssen. Und ich Idiot habe ihm geantwortet. Die Folge waren drei Monate auf der Geschlossenen und der Vorsatz, fortan keinem mehr zu erzählen, was ich vorhabe. Die Aufregung habe ich sowieso nicht verstanden. Es war und ist doch die letzte Möglichkeit, nicht die erste. Ich habe doch etwas ändern wollen. Ich will es noch, aber gegen Krebs verschreibt ja auch keiner eine Kunsttherapie.

Nachdem ich also mit den Ärzten fertig war, habe ich den Rat einer mitleidigen Schwester ausprobiert und einfach mal gelebt. Ich habe alles genauestens im Vorfeld recherchiert und mir eine Liste gemacht. Viel versprochen habe ich mir davon nichts, aber Wunder soll es ja immer wieder gegeben. Ich habe im Stroboskopgewitter zwischen schwitzenden Menschen gestanden. Ich habe Alkohol in mich hineingeschüttet, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie ich ihn hinterher wieder hinaus bekommen sollte. Ich habe mich an ein Seil binden lassen und bin von einer Brücke gefallen. Ich habe im Wasser gelegen mit Teelichter und Rosenblättern rings herum und so weiter und so fort. Ein Wunder ist nicht passiert.

Also bin ich gleich am nächsten Tag zum Bestatter marschiert, was mir eine Bekanntschaft mit der Polizei und einen weiteren Kurzurlaub in der Psychiatrie eingebracht hat. Am liebsten hätte ich an diesem Punkt schon aufgegeben. Mein Umfeld dagegen sich beinahe überschlagen bei dem Versuch, größtmögliche Besorgnis zu heucheln. Vollstopfen wollten sie mich mit ihrem Müll, den sie gesund und wichtig nennen. Du brauchst doch Vitamine, hat es ständig geheißen. Ich brauche vieles, aber ganz sicher nicht diesen Dreck, den sie Essen nennen.

Ich habe versucht, es ihnen zu erklären. Als das nichts geholfen hat, hatte die abgehobene Hoffnung, dass sie mir endlich glauben würden, wenn sie es mit eigenen Augen sehen, aber man unterschätze niemals die Dummheit der Menschen. Vier Tage lang habe ich auf meinem Bett gewartet und alles, was ihnen eingefallen ist, war mir Betrügereien zu unterstellen. Ich hätte mir heimlich Essen beschafft. Ich wäre nachts auf die Toilette geschlichen. Ich habe es so satt, mich unter diesen warmen, feuchten Schmarotzer zu bewegen.

Gesagt habe ich es ihnen natürlich nicht. Auf weitere drei Monate mit den Dackeln kann ich getrost verzichten und verstehen tut es eh keiner, da bin ich mir mittlerweile sicher. Ich habe wirklich alles versucht, aber hier ist einfach nicht mein Platz. Also bleibt nur diese letzte Möglichkeit. Die Ausführung läuft zwar etwas anders ab als sonst, aber am Ende zählt nur das Ergebnis. Ich habe auch gar nicht lange gebraucht, um alles zusammenzubekommen. Spaten bekommt man schließlich in jedem Baumarkt und statt der klassischen Holzkiste tut’s auch ein Leichensack. Hab ich übers Internet in den USA bestellt. Heute Morgen hab ich dann endlich mein Sparkonto aufgelöst und den Grabplatz gekauft, links außen, fast unter der großen Ulme. Ich hab keine Ahnung, wer die Erde auch mich schütten wird, wenn ich dann im Loch liege, aber irgendeiner wird sich schon finden. Ich meine, andere Tote machen keinen einzigen Handschlag und werden trotzdem sauber eingegraben – da hab ich mir das bisschen Hilfe auf den letzten Metern doch mehr als verdient.


Date: 2014-08-31 02:43 pm (UTC)
From: [identity profile] nessaniel.livejournal.com
Jetzt musste ich tatsächlich googlen, was Cotard ist, weil ich davon noch nie was gehört hatte (wie bist du darauf gekommen? xD)

Und WOAH was für eine tolle Story, das gefällt mir ganz unglaublich gut. Mir gefällt die Mischung aus Angst, beißendem Galgenhumor und dieser generellen Unklarheit, worin genau das Problem liegt. Es ist unheimlich, zum Lachen, deprimierend und einfühlsam? Also ich wollte am Ende selbst die Schippe in die Hand nehmen, um ihr/ihm zu helfen. ;^;

Ganz großes Kino, wirklich! <33333

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