Übernatürliches – Telepathie (für’s Team)
Aug. 5th, 2014 11:52 pmTeam: Kalliope
Challenge: Übernatürliches – Telepathie
Fandom: Original
Wörter: 2539
Titel: Animus
Anmerkung: Habe für diese Challenge einen Geschichtenanfang, den ich irgendwann einmal niedergeschrieben habe, etwas ausgearbeitet. Sie ist meine neuste Original-Geschichte und wurde von einer Überdosis Marvel inspiriert. Die Idee dahinter ist, dass es "Wächter" mit den Kräften der Sternzeichen gibt (nicht original, aber hey, Superhelden). Im weiteren Verlauf würden dann also noch eine Menge weitere Charaktere auftreten. Obwohl ich Spaß an ihnen und an der Geschichte an sich habe, bezweifle ich, dass ich sie jemals weiter- geschweige denn fertigschreibe. Ich kenne mich doch.
Trigger Warnung (nur um sicher zu gehen): Schizophrenie (zumindest wird ziemlich deutlich darauf angespielt)
Es war ein leises, aber beständiges Wispern, das Faye weckte. Die Januarsonne schien schwach durch das Fenster an der Wand neben ihrem Bett und sie blinzelte und brauchte ein paar Momente, bevor sie erkannte, dass das Flüstern kein Überbleibsel aus ihren Träumen war. Es war vielmehr das undeutliche Stimmengewirr, das sie seit Jahren begleitete und das nichts bisher zum Schweigen gebracht hatte. Faye spürte, wie sich Panik in ihrer Brust ausbreitete und ihr langsam ihre Kehle zuschnürte. Das Wispern in ihrem Kopf war wie eine Decke, die den Klang ihrer eigenen Gedanken dumpf erscheinen ließ und es war schwer, den Stimmen nicht zu folgen. Noch waren sie verworren und undeutlich, aber Faye wusste, dass sie mit ein bisschen Konzentration ein klareres Bild erschaffen konnte, wenn auch zum Preis ihrer eigenen Aufmerksamkeit.
Sie schüttelte energisch ihren Kopf, als könne sie die Stimmen in ihr und um sie abschütteln. Sie war so weit gekommen, sie durfte nun nicht die Fehler wiederholen, die sie vor Jahren schon ihren Verstand gekostet hatten. Mit einem tiefen Atemzug zwang sie sich, die Stimmen zu ignorieren und stattdessen an etwas anderes zu denken... Gedichte vielleicht. Sie musste zugeben, dass sie keines wirklich auswendig konnte, aber darum ging es nicht. Sie musste es nur schaffen, ruhig zu bleiben, das alles unter Kontrolle zu bekommen. Alles andere würde sich schon klären. Hoffte sie.
Sie war so auf sich konzentriert, dass sie das Klopfen an der Tür nicht hörte. Erst als ihre Mutter direkt neben ihrem Bett stand, schreckte sie auf, während sich das scheppernde Echo der Stimmen in ihrem Kopf schmerzhaft mit der ihrer Mutter vermischte. Es war als hätte jemand die Lautstärke ihrer Umwelt ohne Warnung voll aufgedreht. In ihrem Kopf dröhnte es so sehr, dass sie das Gefühl hatte, er würde zerbersten und je mehr sie versuchte, das Geräusch in ihrem Kopf zu unterdrücken, desto stärker wurde das Gefühl. Es fühlte sich an, als würde sich alles in ihrem Schädel zusammenkrampfen und es schmerzte einfach so wahnsinnig. Faye setzte sich in ihrem Bett auf und presste beide Handballen gegen ihre Augen. Seit sie angefangen hatte, Stimmen zu hören, war das ihre Reaktion, wenn es zu viel wurde. Ohne Zweifel würde ihre Mutter sofort erkennen, was das Problem war, aber darüber versuchte sie nicht nachzudenken. Eins nach dem anderen, dachte sie sich. Zuerst musste sie sich selbst unter Kontrolle bekommen, nur keine Panikattacke.
Sie atmete einige Male tief durch und konzentrierte sich auf darauf, sich selbst zu fühlen, ihren Körper, den Pyjama auf ihrer Haut, die Matratze unter sich, die Kühle im Zimmer. Die Art und Weise, wie sich langsam ihre Muskeln wieder entspannten; zuerst die verkrampften Zehen, dann die Hände, die Muskeln in ihren Beinen und zuletzt die in ihrem Rücken. Der stechende Schmerz ebbte ab, bis nur noch ein dumpfer Druck übrig war, begleitet von dem undeutlichen Stimmengewirr, das seit Jahren ständiger Begleiter war. Die Stimme ihrer Mutter drückte sich unnachgiebig in ihr Bewusstsein, voll von Sorge und Unsicherheit, aber Faye war sich sicher, dass das, was sie hörte, nur Teil ihrer Einbildung war. Ihre Mutter wusste, dass sie in solchen Momenten Ruhe brauchte und würde nicht mit ihr sprechen.
Faye schluckte schwer. Sie nahm ihre Hände wieder von ihren Augen und atmete tief aus, die Stimme ihrer Mutter immer noch beharrlich in ihrem Kopf, so dass es schwer war, sie zu ignorieren.
„Deine Tabletten sind leer“, war das erste, was ihre Mutter zu ihr sagte. Wirklich sagte. Die Stimmen der Leute klangen klarer, wenn sie real waren. Inzwischen war es nicht mehr so schwer, sie zu unterscheiden.
„Ich weiß“, antwortete Fay.
„Wie viele Dosen hast du schon verpasst?“
Faye zögerte einen kurzen Moment. „Zwei“, sagte sie dann. „Gestern Morgen habe ich noch eine genommen, ich dachte, ich hätte die nächste Schachtel das letzte Mal in der Apotheke schon mitgenommen. Es ist mir erst gestern Nacht aufgefallen, dass ich mich getäuscht hatte. Ich muss nachher gleich zur Apotheke.“
Die Lippen ihrer Mutter waren zu einer dünnen Linie gepresst, während sie Faye musterte. Sie war offensichtlich misstrauisch, sielügtdochwarumlügtsieichwäreihrdochnichtböselügtsiemichan, sagte aber nichts.
„Es sind nur Kopfschmerzen“, versicherte Faye, „von den Entzugserscheinungen“. Nicht die beste Ausrede, aber offensichtlich eine Erklärung, mit der ihre Mutter leben konnte. Faye ignorierte geflissentlich den Restzweifel, den sie bei ihrer Mutter spürte. Es waren nur Projektionen, sagte sie sich. Alles, was sie hörte, war das Resultat ihrer eigenen Gedanken, wiederholte sie die Worte ihrer Therapeuten im Kopf. Die Stimmen, so hatte man ihr vor langer Zeit erklärt, seien akustische Halluzinationen und letztlich nur Projektionen ihrer eigenen Gedanken. Sie hatte sich nie mit dieser Erklärung zufrieden geben können, denn selbst wenn sie in ihrer Behandlung Trost fand, so hatte sie nie Heilung gefunden. Zumindest nicht so, wie sie sie hätte finden sollen.
Ihre Mutter bedeutete ihr, sich im Bad zu beeilen, damit sie frühstücken und anschließend so schnell wie möglich zur Apotheke gehen konnte. Faye nickte und schlüpfte ins Badezimmer. Sie schloss die Tür hinter sich und als sie ihre Mutter die Treppe hinuntergehen hörte, wurde ihr Kopf langsam klarer. Das Stimmengewirr wurde leiser und sie konnte sich endlich wieder einigermaßen konzentrieren. Miserabel fühlte sie sich nach wie vor, aber das war sie inzwischen fast schon gewohnt. In Wahrheit hatte sie ihre Medikamente schon vor über einer Woche abgesetzt. Die Stimme in ihrem Kopf, ihre eigene dieses Mal, wirklich, erinnerte sie daran, wie leichtsinnig ihr Unterfangen war. Aber die Sache war einfach… das Medikament hatte geholfen für Ruhe in ihrem Kopf zu schaffen, aber es hatte sie auch wie gelähmt zurückgelassen. Sie war einfach dermaßen betäubt gewesen, dass sie kaum noch imstande gewesen war, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Ihre Müdigkeit und Antriebslosigkeit waren so überwältigend gewesen, dass sie das Gefühl gehabt hatte, langsam in unerträglicher Dunkelheit zu versinken; als hätte man sie in ein leeres Zimmer mit gepolsterten Wänden gesperrt, in das kein Tageslicht kam. Sie hatte sich gefühlt, als hätte ein Teil von ihr gefehlt.
Wenn es nur um die Stimmen ging, so war es bisher die erfolgreichste aller Therapien gewesen; Faye hörte sie schlimmstenfalls nur dumpf und undeutlich, ähnlich als würde man ein Gespräch im Nachbarzimmer durch die Wand verfolgen. Andererseits hörte auch sonst nur noch wenig. Sie fühlte sich leer, wie ausgehöhlt, stumpf. Wie das befremdliche Gefühl eines betäubten Körperteils, von dem der nur Kopf weiß, dass es noch da ist, der Körper es aber nicht fühlen kann. Es war irgendwie bitter, das das einzige, was ihr wirklich zu helfen schien, sie gleichzeitig zerstörte.
Das aufgebrachte Klopfen ihrer Schwester an der Badezimmertür schreckte sie aus ihren Gedanken. Ihre Schwester, klein, aufbrausend und eine der wenigen, bei dem die Stimmen, die Faye hörte, exakt mit dem übereinstimmten, was ihre Schwester sagte. Nicht, dass das ihre Beziehung wirklich verbessert hätte, aber zumindest musste Faye ihr gegenüber nicht darauf achten, dass sie wirklich nur auf das Gesagte reagiert und nicht auf das, was sie in ihrem Kopf zu hören meinte. Wenn Leute noch nicht verunsichert waren, waren sie es spätestens, wenn Faye auf Dinge einging, die eigentlich gar nicht Thema des Gesprächs gewesen waren. Aber mit der Zeit würde sie auch das besser in den Griff bekommen. Vielleicht.
Nachdem sie sich begleitet vom wenig liebevollen Schimpfen ihrer Schwester im Hintergrund im Bad fertig gemacht hatte, ging Faye in das Erdgeschoss zum Frühstücken. Ihr schwirrte der Kopf ein bisschen von der Geschäftigkeit ihrer Mutter und von der Sorge, die Faye in ihrem Blick las; die Sorge, dass auch diese Therapie zu keinem Erfolg führte, dass schon wieder von vorne begonnen werden musste. Und natürlich, unterschwellig, die Sorge, dass es niemals besser werden würde.
Nach einem kurzen Frühstück schnappte sich Faye ihre Tasche und machte sich auf den Weg in die Apotheke. Das Angebot ihrer Mutter, dass sie sie auch schnell fahren könnte, hatte sie dankend abgelehnt und den Kommentar ihrer Schwester dazu ignoriert.
Nach über einer Woche im Haus war die Welt draußen unfassbar laut. Faye hatte es nicht riskieren wollen, sofort rauszugehen, nachdem sie ihre Medikamente abgesetzt hatte. Am Anfang war die Gegenwart ihrer Familie schon fast zu viel gewesen. Die ersten Stimmen erschreckten sie ein wenig, zu ungewohnt war es, nach Wochen der gedämpften Stille wieder das Flüstern zu hören, das sie über die Jahre hinweg begleitet hatte. Aber es war in Ordnung, sagte sie sich. Zumindest war das Gefühl der Angst, das sie früher konstant begleitet hatte, nicht mehr so stark. Und trotz ihrer Benommenheit fühlte sie sich endlich wieder wie sich selbst.
Sie brauchte nicht länger als zehn Minuten für den Weg, trotz allem fühlte sie sich danach wie erschlagen. Es war nicht angenehm, wenn man dauernd das Gefühl hatte, alle Welt wolle ihre Gedanken mit einem teilen. Es gab zig gute Gründe, das was sie tat, zu lassen. Trotz allem zögerte sie nur einen Moment auf dem Bürgersteig, nachdem sie die Apotheke mit ihrer neuen Medikamentendosis verlassen hatte. Sie wusste, dass sie leichtsinnig handelte... sie wusste aber auch, dass sie das nicht noch einmal durchmachen konnte. In den letzten Monaten waren die Stimmen immer lauter geworden, immer deutlicher. Gleichzeitig war aber ihre Angst vor ihnen gesunken. Vielleicht war sie abgestumpft, vielleicht lernte sie wirklich, mit ihnen zu leben.
Faye zog ihren Schal enger um ihr Gesicht und machte sich auf den Heimweg. Als sie sich umdrehte, stieß sie dabei um ein Haar mit einer Frau zusammen, die dicht hinter ihr gestanden hatte. Die Frau griff aber nur lachend ihr Handgelenk, um sie beide im Gleichgewicht zu halten. Faye gefiel es nicht, dass die Frau dabei ausgerechnet das Handgelenk berührte, das die Medikamentendose hielt, aber noch weniger hätte sie es gemocht, auf dem nass-feuchten Gehweg zu landen. Im gleichen Moment strömte ein undeutlicher Schwall von Worten, laut, leise, vollständige Sätze und Fragmente, in ihren Kopf und Faye hatte Mühe, nicht zurückzuzucken.
„Alles in Ordnung?“, fragte die Frau. Ihr Gesicht war von der großen Krempe des schwarzen Hutes zu sehen, den sie trug, fast vollständig verdeckt. Ihr Stimme klang wie die in Fayes Kopf.
„Ja, alles in Ordnung“, antwortete sie und zog ihr Handgelenk aus dem Griff der Frau. Sie mochte die Intensität, mit der die Aufmerksamkeit der anderen auf sie gerichtet war, nicht besonders.
„Hier.“ Die andere Frau streckte Faye einen gefalteten Flyer zu. Es war nicht zu erkennen, worum es ging, aber Faye bezweifelte, dass sie interessiert war. Sowieso wollte sie ein Gespräch mit der Frau vermeiden. Ihre Gedanken waren zwar ungewöhnlich still, aber Faye wollte lieber nicht testen, wie gut ihre Selbstbeherrschung war, wenn sie in ein unangenehmes Gespräch verwickelt wurde. Sie wehrte dankend ab und wandte sich zum Gehen, die Stimme der Frau, klarer und lauter als sie zuvor gesprochen hatte, ließ sie aber innehalten.
„Ich weiß, was du bist.“
Zögernd wandte sich Faye um. „Haben Sie etwas gesagt?“
Die andere Frau reagierte zuerst nicht, sondern beobachtete sie nur weiter unter der Krempe ihres Hutes hervor. Dann konnte Faye es wieder hören. Ich weiß, was du bist. So klar und deutlich, als hätte es die Frau ihr direkt ins Ohr gesprochen. Aber ihre Lippen hatten sich nicht bewegt. Du bildest dir das nicht ein, hörte Faye wieder und hab keine Angst und ich weiß es, ich weiß es, ich weiß es. Panik kam in Faye auf und es war ihr, als würden sich unsichtbare Hände um ihren Hals legen und langsam zudrücken. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, hier, mitten auf der Straße mit all den Stimmen um sie und der Stimme der Frau und der eigenen in ihrem Kopf, die ihr sagte, dass das nicht sein konnte, die ihr gebot, ruhig zu sein, die leise wisperte, wie viel Angst sie hatte. Und um sie herum all die Fetzen von zu spät und ich darf den Zucker nicht vergessen und was ein Wetter und – die Frau mit dem großen Hut hatte wieder ihr Handgelenk gefasst. Der Griff der Frau war nicht schmerzhaft, aber energisch genug, um Faye aus dem Chaos in ihrem Kopf zu reißen. Und zwischen ihren Fingern um ihr Handgelenk und dem unaufhörlichem Wispern in ihrem Kopf war Faye so erstarrt, dass sie rein gar nichts tun konnte.
„Nimm die Medikamente nicht“, sagte die Frau. So nah wie sie nun vor Faye stand, konnte diese erkennen, dass sie warme, hellbraune Augen hatte und ihre Wangen von bleichen Sommersprossen gesprenkelt waren. Einzelne braue Haarsträhnen lockten sich unter dem Hut hervor und umspielten die harten Konturen ihres Gesichts etwas. Die Falten um ihre Augen und ihre Mundpartie ließen Faye sie auf um die vierzig Jahre schätzen.
Trotz ihres Auftretens und ihres Verhaltens, trotz des großen Huts und des langen Mantels mit dem hohen Kragen, der praktisch unangenehmes Geheimnis brüllte, fühlte Faye sich nicht bedroht. So wie sie heute Morgen geglaubt hatte, die Sorge ihrer Mutter und die Wut ihrer Schwester zu spüren, so wie sie viel zu oft die Angst ihres Vaters spürte, so fühlte sie in der Gegenwart dieser Frau Erleichterung. Als hätte sie schon lange darauf gewartet, ausgerechnet das unscheinbare blasse Mädchen vor der Apotheke zu treffen.
„Nimm sie nicht“, wiederholte die Frau eindringlich. „Nimm das hier“ und drückte ihr den Flyer in die Hand. Drei Tage hörte Faye in ihrem Kopf und nun da sie keine Angst hatte, schmerzten die Worte sie nicht mehr so wie sie es sonst taten. Warte drei Tage und dann komm, wiederholte die andere Frau, begleitet von einem immerwährenden ich weiß ich weiß ich weiß und komm.
Mit einem letzten eindringlichen Blick ließ die Frau von Faye ab und wandte sich ab. Gemächlich schlenderte sie den Gehweg entlang, ohne sich noch einmal nach Faye umzuwenden. Der Flyer war nichts Besonderes, bloß eine Werbung für ein Café an der anderen Seite der Stadt, nicht weit von einem Park entfernt, in dem Faye schon einige Male gewesen war.
In den ersten Mülleimer, an dem sie vorbeikam, leerte Faye den Inhalt der Medikamentendose und füllte sie anschließend mit kleinen Minzbonons aus dem Supermarkt. Es würde genug sein, um sich den Fragen ihrer Mutter zu entziehen. Faye hasste es, ihre Mutter anzulügen, aber sie konnte sich in diesem Fall nicht dazu bringen, sich schlecht zu fühlen. Nach all den Jahren war das das erste Mal, dass sie sich richtig fühlte.
Drei Tage, dachte sie bei sich.
––––––––––––––––––––––––
Anmerkung: Nein, das ist keine implizite Aufforderung, dass ihr eure Psychopharmaka einfach wegwerfen und hinaus in die Welt laufen sollt, um euer Haar frei im Wind wehen zu lassen. Okay, außer der Part mit dem Haar, das frei im Wind weht. Das ist toll.
Challenge: Übernatürliches – Telepathie
Fandom: Original
Wörter: 2539
Titel: Animus
Anmerkung: Habe für diese Challenge einen Geschichtenanfang, den ich irgendwann einmal niedergeschrieben habe, etwas ausgearbeitet. Sie ist meine neuste Original-Geschichte und wurde von einer Überdosis Marvel inspiriert. Die Idee dahinter ist, dass es "Wächter" mit den Kräften der Sternzeichen gibt (nicht original, aber hey, Superhelden). Im weiteren Verlauf würden dann also noch eine Menge weitere Charaktere auftreten. Obwohl ich Spaß an ihnen und an der Geschichte an sich habe, bezweifle ich, dass ich sie jemals weiter- geschweige denn fertigschreibe. Ich kenne mich doch.
Trigger Warnung (nur um sicher zu gehen): Schizophrenie (zumindest wird ziemlich deutlich darauf angespielt)
Es war ein leises, aber beständiges Wispern, das Faye weckte. Die Januarsonne schien schwach durch das Fenster an der Wand neben ihrem Bett und sie blinzelte und brauchte ein paar Momente, bevor sie erkannte, dass das Flüstern kein Überbleibsel aus ihren Träumen war. Es war vielmehr das undeutliche Stimmengewirr, das sie seit Jahren begleitete und das nichts bisher zum Schweigen gebracht hatte. Faye spürte, wie sich Panik in ihrer Brust ausbreitete und ihr langsam ihre Kehle zuschnürte. Das Wispern in ihrem Kopf war wie eine Decke, die den Klang ihrer eigenen Gedanken dumpf erscheinen ließ und es war schwer, den Stimmen nicht zu folgen. Noch waren sie verworren und undeutlich, aber Faye wusste, dass sie mit ein bisschen Konzentration ein klareres Bild erschaffen konnte, wenn auch zum Preis ihrer eigenen Aufmerksamkeit.
Sie schüttelte energisch ihren Kopf, als könne sie die Stimmen in ihr und um sie abschütteln. Sie war so weit gekommen, sie durfte nun nicht die Fehler wiederholen, die sie vor Jahren schon ihren Verstand gekostet hatten. Mit einem tiefen Atemzug zwang sie sich, die Stimmen zu ignorieren und stattdessen an etwas anderes zu denken... Gedichte vielleicht. Sie musste zugeben, dass sie keines wirklich auswendig konnte, aber darum ging es nicht. Sie musste es nur schaffen, ruhig zu bleiben, das alles unter Kontrolle zu bekommen. Alles andere würde sich schon klären. Hoffte sie.
Sie war so auf sich konzentriert, dass sie das Klopfen an der Tür nicht hörte. Erst als ihre Mutter direkt neben ihrem Bett stand, schreckte sie auf, während sich das scheppernde Echo der Stimmen in ihrem Kopf schmerzhaft mit der ihrer Mutter vermischte. Es war als hätte jemand die Lautstärke ihrer Umwelt ohne Warnung voll aufgedreht. In ihrem Kopf dröhnte es so sehr, dass sie das Gefühl hatte, er würde zerbersten und je mehr sie versuchte, das Geräusch in ihrem Kopf zu unterdrücken, desto stärker wurde das Gefühl. Es fühlte sich an, als würde sich alles in ihrem Schädel zusammenkrampfen und es schmerzte einfach so wahnsinnig. Faye setzte sich in ihrem Bett auf und presste beide Handballen gegen ihre Augen. Seit sie angefangen hatte, Stimmen zu hören, war das ihre Reaktion, wenn es zu viel wurde. Ohne Zweifel würde ihre Mutter sofort erkennen, was das Problem war, aber darüber versuchte sie nicht nachzudenken. Eins nach dem anderen, dachte sie sich. Zuerst musste sie sich selbst unter Kontrolle bekommen, nur keine Panikattacke.
Sie atmete einige Male tief durch und konzentrierte sich auf darauf, sich selbst zu fühlen, ihren Körper, den Pyjama auf ihrer Haut, die Matratze unter sich, die Kühle im Zimmer. Die Art und Weise, wie sich langsam ihre Muskeln wieder entspannten; zuerst die verkrampften Zehen, dann die Hände, die Muskeln in ihren Beinen und zuletzt die in ihrem Rücken. Der stechende Schmerz ebbte ab, bis nur noch ein dumpfer Druck übrig war, begleitet von dem undeutlichen Stimmengewirr, das seit Jahren ständiger Begleiter war. Die Stimme ihrer Mutter drückte sich unnachgiebig in ihr Bewusstsein, voll von Sorge und Unsicherheit, aber Faye war sich sicher, dass das, was sie hörte, nur Teil ihrer Einbildung war. Ihre Mutter wusste, dass sie in solchen Momenten Ruhe brauchte und würde nicht mit ihr sprechen.
Faye schluckte schwer. Sie nahm ihre Hände wieder von ihren Augen und atmete tief aus, die Stimme ihrer Mutter immer noch beharrlich in ihrem Kopf, so dass es schwer war, sie zu ignorieren.
„Deine Tabletten sind leer“, war das erste, was ihre Mutter zu ihr sagte. Wirklich sagte. Die Stimmen der Leute klangen klarer, wenn sie real waren. Inzwischen war es nicht mehr so schwer, sie zu unterscheiden.
„Ich weiß“, antwortete Fay.
„Wie viele Dosen hast du schon verpasst?“
Faye zögerte einen kurzen Moment. „Zwei“, sagte sie dann. „Gestern Morgen habe ich noch eine genommen, ich dachte, ich hätte die nächste Schachtel das letzte Mal in der Apotheke schon mitgenommen. Es ist mir erst gestern Nacht aufgefallen, dass ich mich getäuscht hatte. Ich muss nachher gleich zur Apotheke.“
Die Lippen ihrer Mutter waren zu einer dünnen Linie gepresst, während sie Faye musterte. Sie war offensichtlich misstrauisch, sielügtdochwarumlügtsieichwäreihrdochnichtböselügtsiemichan, sagte aber nichts.
„Es sind nur Kopfschmerzen“, versicherte Faye, „von den Entzugserscheinungen“. Nicht die beste Ausrede, aber offensichtlich eine Erklärung, mit der ihre Mutter leben konnte. Faye ignorierte geflissentlich den Restzweifel, den sie bei ihrer Mutter spürte. Es waren nur Projektionen, sagte sie sich. Alles, was sie hörte, war das Resultat ihrer eigenen Gedanken, wiederholte sie die Worte ihrer Therapeuten im Kopf. Die Stimmen, so hatte man ihr vor langer Zeit erklärt, seien akustische Halluzinationen und letztlich nur Projektionen ihrer eigenen Gedanken. Sie hatte sich nie mit dieser Erklärung zufrieden geben können, denn selbst wenn sie in ihrer Behandlung Trost fand, so hatte sie nie Heilung gefunden. Zumindest nicht so, wie sie sie hätte finden sollen.
Ihre Mutter bedeutete ihr, sich im Bad zu beeilen, damit sie frühstücken und anschließend so schnell wie möglich zur Apotheke gehen konnte. Faye nickte und schlüpfte ins Badezimmer. Sie schloss die Tür hinter sich und als sie ihre Mutter die Treppe hinuntergehen hörte, wurde ihr Kopf langsam klarer. Das Stimmengewirr wurde leiser und sie konnte sich endlich wieder einigermaßen konzentrieren. Miserabel fühlte sie sich nach wie vor, aber das war sie inzwischen fast schon gewohnt. In Wahrheit hatte sie ihre Medikamente schon vor über einer Woche abgesetzt. Die Stimme in ihrem Kopf, ihre eigene dieses Mal, wirklich, erinnerte sie daran, wie leichtsinnig ihr Unterfangen war. Aber die Sache war einfach… das Medikament hatte geholfen für Ruhe in ihrem Kopf zu schaffen, aber es hatte sie auch wie gelähmt zurückgelassen. Sie war einfach dermaßen betäubt gewesen, dass sie kaum noch imstande gewesen war, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Ihre Müdigkeit und Antriebslosigkeit waren so überwältigend gewesen, dass sie das Gefühl gehabt hatte, langsam in unerträglicher Dunkelheit zu versinken; als hätte man sie in ein leeres Zimmer mit gepolsterten Wänden gesperrt, in das kein Tageslicht kam. Sie hatte sich gefühlt, als hätte ein Teil von ihr gefehlt.
Wenn es nur um die Stimmen ging, so war es bisher die erfolgreichste aller Therapien gewesen; Faye hörte sie schlimmstenfalls nur dumpf und undeutlich, ähnlich als würde man ein Gespräch im Nachbarzimmer durch die Wand verfolgen. Andererseits hörte auch sonst nur noch wenig. Sie fühlte sich leer, wie ausgehöhlt, stumpf. Wie das befremdliche Gefühl eines betäubten Körperteils, von dem der nur Kopf weiß, dass es noch da ist, der Körper es aber nicht fühlen kann. Es war irgendwie bitter, das das einzige, was ihr wirklich zu helfen schien, sie gleichzeitig zerstörte.
Das aufgebrachte Klopfen ihrer Schwester an der Badezimmertür schreckte sie aus ihren Gedanken. Ihre Schwester, klein, aufbrausend und eine der wenigen, bei dem die Stimmen, die Faye hörte, exakt mit dem übereinstimmten, was ihre Schwester sagte. Nicht, dass das ihre Beziehung wirklich verbessert hätte, aber zumindest musste Faye ihr gegenüber nicht darauf achten, dass sie wirklich nur auf das Gesagte reagiert und nicht auf das, was sie in ihrem Kopf zu hören meinte. Wenn Leute noch nicht verunsichert waren, waren sie es spätestens, wenn Faye auf Dinge einging, die eigentlich gar nicht Thema des Gesprächs gewesen waren. Aber mit der Zeit würde sie auch das besser in den Griff bekommen. Vielleicht.
Nachdem sie sich begleitet vom wenig liebevollen Schimpfen ihrer Schwester im Hintergrund im Bad fertig gemacht hatte, ging Faye in das Erdgeschoss zum Frühstücken. Ihr schwirrte der Kopf ein bisschen von der Geschäftigkeit ihrer Mutter und von der Sorge, die Faye in ihrem Blick las; die Sorge, dass auch diese Therapie zu keinem Erfolg führte, dass schon wieder von vorne begonnen werden musste. Und natürlich, unterschwellig, die Sorge, dass es niemals besser werden würde.
Nach einem kurzen Frühstück schnappte sich Faye ihre Tasche und machte sich auf den Weg in die Apotheke. Das Angebot ihrer Mutter, dass sie sie auch schnell fahren könnte, hatte sie dankend abgelehnt und den Kommentar ihrer Schwester dazu ignoriert.
Nach über einer Woche im Haus war die Welt draußen unfassbar laut. Faye hatte es nicht riskieren wollen, sofort rauszugehen, nachdem sie ihre Medikamente abgesetzt hatte. Am Anfang war die Gegenwart ihrer Familie schon fast zu viel gewesen. Die ersten Stimmen erschreckten sie ein wenig, zu ungewohnt war es, nach Wochen der gedämpften Stille wieder das Flüstern zu hören, das sie über die Jahre hinweg begleitet hatte. Aber es war in Ordnung, sagte sie sich. Zumindest war das Gefühl der Angst, das sie früher konstant begleitet hatte, nicht mehr so stark. Und trotz ihrer Benommenheit fühlte sie sich endlich wieder wie sich selbst.
Sie brauchte nicht länger als zehn Minuten für den Weg, trotz allem fühlte sie sich danach wie erschlagen. Es war nicht angenehm, wenn man dauernd das Gefühl hatte, alle Welt wolle ihre Gedanken mit einem teilen. Es gab zig gute Gründe, das was sie tat, zu lassen. Trotz allem zögerte sie nur einen Moment auf dem Bürgersteig, nachdem sie die Apotheke mit ihrer neuen Medikamentendosis verlassen hatte. Sie wusste, dass sie leichtsinnig handelte... sie wusste aber auch, dass sie das nicht noch einmal durchmachen konnte. In den letzten Monaten waren die Stimmen immer lauter geworden, immer deutlicher. Gleichzeitig war aber ihre Angst vor ihnen gesunken. Vielleicht war sie abgestumpft, vielleicht lernte sie wirklich, mit ihnen zu leben.
Faye zog ihren Schal enger um ihr Gesicht und machte sich auf den Heimweg. Als sie sich umdrehte, stieß sie dabei um ein Haar mit einer Frau zusammen, die dicht hinter ihr gestanden hatte. Die Frau griff aber nur lachend ihr Handgelenk, um sie beide im Gleichgewicht zu halten. Faye gefiel es nicht, dass die Frau dabei ausgerechnet das Handgelenk berührte, das die Medikamentendose hielt, aber noch weniger hätte sie es gemocht, auf dem nass-feuchten Gehweg zu landen. Im gleichen Moment strömte ein undeutlicher Schwall von Worten, laut, leise, vollständige Sätze und Fragmente, in ihren Kopf und Faye hatte Mühe, nicht zurückzuzucken.
„Alles in Ordnung?“, fragte die Frau. Ihr Gesicht war von der großen Krempe des schwarzen Hutes zu sehen, den sie trug, fast vollständig verdeckt. Ihr Stimme klang wie die in Fayes Kopf.
„Ja, alles in Ordnung“, antwortete sie und zog ihr Handgelenk aus dem Griff der Frau. Sie mochte die Intensität, mit der die Aufmerksamkeit der anderen auf sie gerichtet war, nicht besonders.
„Hier.“ Die andere Frau streckte Faye einen gefalteten Flyer zu. Es war nicht zu erkennen, worum es ging, aber Faye bezweifelte, dass sie interessiert war. Sowieso wollte sie ein Gespräch mit der Frau vermeiden. Ihre Gedanken waren zwar ungewöhnlich still, aber Faye wollte lieber nicht testen, wie gut ihre Selbstbeherrschung war, wenn sie in ein unangenehmes Gespräch verwickelt wurde. Sie wehrte dankend ab und wandte sich zum Gehen, die Stimme der Frau, klarer und lauter als sie zuvor gesprochen hatte, ließ sie aber innehalten.
„Ich weiß, was du bist.“
Zögernd wandte sich Faye um. „Haben Sie etwas gesagt?“
Die andere Frau reagierte zuerst nicht, sondern beobachtete sie nur weiter unter der Krempe ihres Hutes hervor. Dann konnte Faye es wieder hören. Ich weiß, was du bist. So klar und deutlich, als hätte es die Frau ihr direkt ins Ohr gesprochen. Aber ihre Lippen hatten sich nicht bewegt. Du bildest dir das nicht ein, hörte Faye wieder und hab keine Angst und ich weiß es, ich weiß es, ich weiß es. Panik kam in Faye auf und es war ihr, als würden sich unsichtbare Hände um ihren Hals legen und langsam zudrücken. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, hier, mitten auf der Straße mit all den Stimmen um sie und der Stimme der Frau und der eigenen in ihrem Kopf, die ihr sagte, dass das nicht sein konnte, die ihr gebot, ruhig zu sein, die leise wisperte, wie viel Angst sie hatte. Und um sie herum all die Fetzen von zu spät und ich darf den Zucker nicht vergessen und was ein Wetter und – die Frau mit dem großen Hut hatte wieder ihr Handgelenk gefasst. Der Griff der Frau war nicht schmerzhaft, aber energisch genug, um Faye aus dem Chaos in ihrem Kopf zu reißen. Und zwischen ihren Fingern um ihr Handgelenk und dem unaufhörlichem Wispern in ihrem Kopf war Faye so erstarrt, dass sie rein gar nichts tun konnte.
„Nimm die Medikamente nicht“, sagte die Frau. So nah wie sie nun vor Faye stand, konnte diese erkennen, dass sie warme, hellbraune Augen hatte und ihre Wangen von bleichen Sommersprossen gesprenkelt waren. Einzelne braue Haarsträhnen lockten sich unter dem Hut hervor und umspielten die harten Konturen ihres Gesichts etwas. Die Falten um ihre Augen und ihre Mundpartie ließen Faye sie auf um die vierzig Jahre schätzen.
Trotz ihres Auftretens und ihres Verhaltens, trotz des großen Huts und des langen Mantels mit dem hohen Kragen, der praktisch unangenehmes Geheimnis brüllte, fühlte Faye sich nicht bedroht. So wie sie heute Morgen geglaubt hatte, die Sorge ihrer Mutter und die Wut ihrer Schwester zu spüren, so wie sie viel zu oft die Angst ihres Vaters spürte, so fühlte sie in der Gegenwart dieser Frau Erleichterung. Als hätte sie schon lange darauf gewartet, ausgerechnet das unscheinbare blasse Mädchen vor der Apotheke zu treffen.
„Nimm sie nicht“, wiederholte die Frau eindringlich. „Nimm das hier“ und drückte ihr den Flyer in die Hand. Drei Tage hörte Faye in ihrem Kopf und nun da sie keine Angst hatte, schmerzten die Worte sie nicht mehr so wie sie es sonst taten. Warte drei Tage und dann komm, wiederholte die andere Frau, begleitet von einem immerwährenden ich weiß ich weiß ich weiß und komm.
Mit einem letzten eindringlichen Blick ließ die Frau von Faye ab und wandte sich ab. Gemächlich schlenderte sie den Gehweg entlang, ohne sich noch einmal nach Faye umzuwenden. Der Flyer war nichts Besonderes, bloß eine Werbung für ein Café an der anderen Seite der Stadt, nicht weit von einem Park entfernt, in dem Faye schon einige Male gewesen war.
In den ersten Mülleimer, an dem sie vorbeikam, leerte Faye den Inhalt der Medikamentendose und füllte sie anschließend mit kleinen Minzbonons aus dem Supermarkt. Es würde genug sein, um sich den Fragen ihrer Mutter zu entziehen. Faye hasste es, ihre Mutter anzulügen, aber sie konnte sich in diesem Fall nicht dazu bringen, sich schlecht zu fühlen. Nach all den Jahren war das das erste Mal, dass sie sich richtig fühlte.
Drei Tage, dachte sie bei sich.
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Anmerkung: Nein, das ist keine implizite Aufforderung, dass ihr eure Psychopharmaka einfach wegwerfen und hinaus in die Welt laufen sollt, um euer Haar frei im Wind wehen zu lassen. Okay, außer der Part mit dem Haar, das frei im Wind weht. Das ist toll.
no subject
Date: 2014-08-06 12:09 pm (UTC)Also: Wann hast du wieder Zeit zum Schreiben? XD
(Und so gerne ich manchmal dasselbe mit meinen Medis machen würde, das lasse ich lieber XD)