Übernatürliches - Gottheit (für's Team)
Jul. 28th, 2014 09:29 pmTeam: Kalliope
Challenge: Übernatürliches - Gottheit
Fandom: Historische Personen, Ilias
Charaktere: Achilles/Patroklos, Apollo
Wörter: ca. 2000
Titel: Kein Wesen so eitel wie der Mensch
Anmerkung: Nach zehn Jahren Krieg sind Trojaner und Griechen gleichermaßen zermürbt. Achilles, Griechenlands größter Held, könnte die Entscheidung herbeiführen, doch der liegt mit dem griechischen Heerführer im Streit. Als sein Geliebter Patroklos beschließt einzugreifen, ahnen beide nicht, dass sie im Gott Apoll einen mächtigen Feind haben. Warning: character death
Mitten in der Nacht. Lagerfeuer. Lachende, singende, tanzende Menschen. Welches Fest? Keine Ahnung. Pandia oder Dionysien, wen kümmerte das? Wein in rauen Mengen. Patroklos. Patroklos in seinem Arm. Weiche Lippen. Bronzene Haut. Süßes Gebäck und noch süßere Küsse.
Dann ein Fremder. Blondes Haar. Blaue Augen. Schön, wie ein junger Gott. Er selbst, zu betrunken, um wirklich zu verstehen. Fremde Hände, die nach Patroklos greifen. Nach seinem Patroklos. Wut.
„Ach, komm schon Achilles! Ein Tanz, was ist dabei?“ Woher kennt der Fremde seinen Namen? Egal. Nicht einen Tanz. Grob schlägt er die fremden Hände fort. Soll es nicht wagen, ihn noch einmal anzufassen.
Von Ferne drangen die Geräusche des Kampfes an sein Ohr und erneut drehte Achilles sich auf die andere Seite, um das zu ignorieren. Es widerstand ihm, seine Kampfgefährten bei diesen widrigen Bedingungen alleine den Heerscharen des Feindes, die nun schon seit drei Tagen ununterbrochen gegen ihre Verteidigungswälle brandeten, zu überlassen. Wenn es doch nur nicht so schrecklich schwül gewesen wäre. An Hitze waren die tapferen Griechen gewohnt, aber die Feuchtigkeit, die in der Luft hing, raubte einem den Atem und selbst im Lager zu sitzen, bedeutete schon schweißnass gebadet zu sein.
Achilles schloss die Augen und atmete langsam und gleichmäßig durch. Er hörte auf den Herzschlag in seinen Adern und ließ die Geräusche des eigenen Lagers, der fernen Stadt und des Kampfgetöses verschwimmen, um stattdessen auf die leiseren, wenigen Klänge der Natur um sie herum zu lauschen. Manchmal, je nachdem wie der Wind drehte, konnte er das Meer rauschen hören und unvermeidlich, ununterbrochen und alles begleitend zirpten über allem die Zikaden, die wie Kitharaspieler ihre menschlichen Tragödien untermalten.
Ein dumpfes Grollen und Achilles zuckte zusammen. Offensichtlich war er doch ein wenig eingenickt. Wieder donnerte es in der Ferne. Vielleicht hatte Zeus ja doch noch Erbarmen mit den Griechen und sandte ihnen den kühlen Regen, den die Männer schon so lange her beteten.
Achilles setzte sich auf und griff nach dem Krug, der auf dem tiefen, flachen Tischchen vor ihm stand. Noch immer war ihm heiß und seine Zunge fühlte sich beinahe wie ein Fremdkörper in seinem Mund an. Er schenkte sich einen Becher Wasser ein und leerte ihn in einem Zug. Das lauwarme Nass verschaffte ihm kaum Linderung, aber wenigstens fühlte er sich nicht mehr ganz so, als müsse er gleich verdursten. Er strich sich mit der Hand die scheißnassen Strähnen aus der Stirn und beugte sich nach vorne.
Die Arme auf den Knien abgestützt und die Hände vor sich in einander verschränkt starrte er eine Weile ins Leere. Nur zu gerne wäre er aufgestanden, um sich zwischen den Zelten ein wenig die Beine zu vertreten, aber die Gefahr, dass das, was er dort vorfinden würde, ihm die letzten friedlichen Gedanken rauben könnte, war zu groß. Unschlüssig saß Achilles, Sohn des Peleus, Aiakide und größter Krieger Griechenlands, in seinem Zelt und wusste sich nicht zu helfen.
Als Patroklos den Vorhang zum Zelt aufriss, ohne sich auch nur anzukündigen, geschweige denn um Erlaubnis zu fragen, war Achilles beinahe erleichtert. Erschöpft und hoffnungsvoll zugleich sah er zu Patroklos auf, bevor er aufsprang und einige Schritte auf ihn zutat.
„Patroklos, Liebster, ich hatte dich schon erwartet!“, überspielte mit Leichtigkeit den zermürbenden Zustand, in dem er die Nacht verbracht hatte. Doch der Jüngere schüttelte nur seinen dunklen Lockenschopf und schob Achilles unwirsch beiseite, um sich nun seinerseits auf den Diwan fallen zu lassen.
Achilles ließ ihn gewähren, wusste er doch, wie sehr ihre momentane Situation an den Nerven des Jünglings zehrte. Er war sich ziemlich sicher, dass Patroklos einzig und alleine aus Loyalität zu ihm heute den Kämpfen halbwegs ferngeblieben war und wirklich nur am Rande in einige Scharmützel eingegriffen hatte. Vielleicht war es weise, ihn zumindest ein wenig zu besänftigen und ihn wissen zu lassen, wie sehr er diese Unterstützung schätzte.
Lächelnd kniete Achilles sich halb neben, halb vor den jungen Krieger, der bedeutend mitgenommener aussah als er selbst, und löste ihm die Lederriemen seiner Sandalen. Als er beide Füße von ihrer Last befreit hatte und Patroklos erleichtert aufseufzte, ließ Achilles seine Hände auf Patroklos‘ nackter Haut verweilen und sah ihn verschmitzt von unten herauf an.
„Was liegt dir auf dem Gemüt, Patroklos? Warum verschmäht der Geliebte seinen Liebhaber?“ Er lehnte sich vor und streckte die Hand nach Patroklos‘ Wange aus. Dass der andere die Berührung zuließ, wertete er vorerst als Erfolg. Dann ergriff Patroklos das Wort und Achilles‘ Hoffnungen zerschlugen sich.
„Wie kannst du das fragen?“ Patroklos schien mehr entsetzt und enttäuscht, als wütend, aber das schmerzte nicht weniger. Der Junge hatte Achilles schon bewundert, lange bevor sie zueinander gefunden und sich bloße Zuneigung in abgöttische Liebe verwandelt hatten. Nun blickten ihn diese wunderschönen, treuen braunen Augen an, als sei er ein Unmensch. „Sind dir unsere Brüder denn ganz gleich? Schert es dich nicht, dass die Trojaner sie zu hunderten abschlachten?“
Nun kam doch etwas Erregung in Patroklos‘ Stimme und Achilles stand auf, um sich ein wenig zurück zu ziehen. Er seufzte genervt. Wie er diese Diskussion verabscheute.
„Nein, Patroklos, gewiss nicht. Es ist mir nicht gleich, wie sich unser Schicksal und das unserer Freunde wendet. Aber mein Ausbleiben beim Kampf hat nicht das geringste damit zu tun, dass mir das alles nicht nah ginge. Es ist einzig und allein eine Sache zwischen mir und Agamemnon!“
„Pah!“ Nun hatte sich auch Patroklos wieder erhoben und wütend standen sie einander gegenüber. „Das ist eine lächerliche Ausrede! Dass du deinen kindischen Streit mit Agamemnon entscheiden lässt, was du tust, ist unwürdig, Achilles.“
„Das ist nicht deine Entscheidung! Geh und kämpfe, wenn du willst, ICH werde mich nicht einen Schritt in Rüstung vor dieses Zelt bewegen!“
„Wie kannst du nur so unehrenhaft sein? Dein Zorn entbehrt jeglichen Maßes!“
„Wag es nicht, meine Ehre infrage zu stellen, Patroklos!“ Langsam musste Achilles an sich halten. Für gewöhnlich bemühte er sich, einen Ausgleich zu dem jungen Hitzkopf darzustellen, aber auch er selbst war nicht der kühlste Kopf und gerade im Streit miteinander, fiel es ihm schwer, sich zurück zu nehmen.
„Du hast mich noch nicht ernstlich zornig in diesem Krieg gesehen und mögen die Götter verhindern, dass du es tust!“ Doch Patroklos schien seine Worte nicht ernst zu nehmen. Die eigene Rage hatte ihm für einen Moment die Sprache verschlagen, aber die Blicke, die er Achilles zuwarf, waren vernichtend.
Erst jetzt bemerkte Achilles die nassen Spuren auf Patroklos‘ Wangen. Er war irritiert und in seiner Verwirrung tat er das einzige, was ihm einfiel. Achilles lachte.
„Hast du geweint? Ich wusste ja schon immer, dass du der zarter besaitete von uns bist, aber Tränen, Patroklos? Wie ein kleines Mädchen, dass sich an Mutters Rockzipfel klammert!“
Für einen Moment befürchtete er, sein Versuch, die angespannte Stimmung zu entschärfen, könne nach hinten losgehen und Patroklos erst recht erzürnen, aber mit einem Mal schien aller Kampfeswille aus dem jungen Lokroier. Verbittert wandte er den Blick ab.
„Sie verbrennen die Schiffe, Achilles.“ Seine Stimme war nun so leise, dass Achilles sich anstrengen musste, um sie zu vernehmen.
„Was?“ Die Implikationen des Satzes waren erschreckend und Achilles konnte nicht verhindern, dass sich das Entsetzen in seiner Nachfrage wiederspiegelte.
„Du hast mich schon richtig verstanden, Achilles.“ Patroklos zeigte keine Schwäche. „Die Trojaner stecken unsere Schiffe in Brand. Das ist unser Untergang. Wir werden nie wieder nach Hause kommen.“
Es lag keine Panik in den Worten, sie war eine reine Feststellung. Offenbar hatte Patroklos schon Zeit gehabt, sich an den Gedanken zu gewöhnen, was Achilles nur noch mehr erschütterte. Er hatte gewusst, dass die Griechen ihn brauchten, aber dass es so schlecht stand, war ihm nicht klar gewesen. Was hatte er noch alles verpasst? Er trat um den Tisch herum wieder auf Patroklos zu und nahm ihn bei der Hand.
„Ich würde ja gerne helfen“, Achilles schluckte, „aber Patroklos, ich kann nicht, ohne mein Wort zu brechen. Die Beleidigung, die mir widerfahren ist, ist ungeheuerlich!“ Kurz sah es so aus, als wolle Patroklos ihm in diesem Punkt widersprechen, doch dann schüttelte er beinahe unmerklich den Kopf und sah Achilles an. Immerhin hatte er ihm nicht die Hand entzogen.
„Gib mir deine Rüstung, Liebster!“ Achilles sah ihn überrascht an.
„Bitte? Warum meine Rüstung? Was soll das bringen?“ Er war nicht zornig oder abweisend, sondern ernstlich interessiert, auch wenn er sich keinen Reim darauf machen konnte.
Patroklos antwortete. „Wenn sie deine Rüstung sehen, müssen die Trojaner jeden Mut verlieren. Lass mich sie in die Schlacht tragen, damit vielleicht wenigstens ein paar unserer Leute gerettet werden können!“
Achilles war perplex. Dann sammelte er sich. „Patroklos, du kannst nicht ernsthaft an der Spitze des Heeres in die Schla-“
„Dann geh du!“ Patroklos war ihm ins Wort gefallen. „Geh du und hör auf, mich zu bevormunden!“
Schweigen. Alles, was er jetzt noch dagegen sagen konnte, musste Patroklos unweigerlich weiter gegen ihn aufbringen. Achilles überlegte. Dann nickte er.
Und schließlich wird Patroklos wieder kommen. Das hat er ihm versprochen, irgendwann zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang in den geflüsterten Worten der Liebhaber. Achilles hat ihm viel beigebracht. Er wird sicher sein.
Wieder, oder noch immer, klingt das Kampfgeschrei hinüber, das so sehr Teil ihres Alltags geworden ist. Achilles dreht sich um und versucht, noch einmal einzuschlafen. Das tut er oft in letzter Zeit, das kann er gut.
Die Sonne hat ihren Zenit bereits überschritten, als Achilles schließlich vor das Zelt tritt. Das helle Licht blendet ihn und für einen Augenblick ist er geblendet. Das Gewitter der letzten Nacht hat sich verzogen, ohne auch nur einen Tropfen Regen zur Erde zu senden und alles ist so drückend wie zuvor.
Rastlos wandert er schließlich durch die langen Reihe der Zelte, ohne dass jemand es wagte, ihn anzusprechen. Mit Genugtuung sieht er, dass sie an den Schiffen nicht mehr kämpfen. Er muss auf eine leichte Anhöhe steigen, um das Geschehen überblicken zu können.
Tausende Männer kämpfen zu seinen Füßen um ihr Leben. Die Rüstungen glänzen im Sonnenlicht, ihnen einen trügerischen Schein von Leichtigkeit verleiht. Aber das Rot, das alle gleichermaßen befleckt, zeugt von der Wahrheit. Der Tod ist überall und kennt weder Freund noch Feind, macht keinen Unterschied zwischen Griechen und Trojanern. In der Ferne wehen die zerfetzten und staubigen Banner der Heerführer, auch seines.
Achilles‘ Herz schlägt schneller, als er es erblickt. Solange das Banner weht, kann es dem Anführer nicht allzu schlecht gehen. Er versucht, in der Menge Patroklos auszumachen und weiß, dass der Versuch zum Scheitern verurteilt ist. Mit zusammengekniffenen Augen lässt Achilles seinen Blick über die Streiter wandern.
Mit einem Mal ist es, als hätte all der Kampfeslärm abrupt innegehalten. Es ist so still, dass Achilles glaubt, er sei taub geworden. Dann kann er endlich einzelne Personen in der Ferne ausmachen. Sein Atem stockt. Blondes Haar. Blaue Augen. Schön wie ein junger Gott.
Der Fremde schreitet durch die Massen, als könne ihn nichts berühren. Niemand sonst scheint von ihm Notiz zu nehmen. Er blickt nicht nach rechts und links und hat nur sein Ziel vor Augen. Als er schließlich vor einem der Krieger stehen bleibt und ihm die Waffen aus der Hand schlägt, so einfach, als hätte der sie ihm höflich entgegen gehalten, weiß Achilles genau, dass es Patroklos ist.
Ein Aufschrei entfährt seiner Kehle und der Lärm setzt wieder ein.
Von Weitem kann Achilles sehen, wie Patroklos zu Boden geht.
Challenge: Übernatürliches - Gottheit
Fandom: Historische Personen, Ilias
Charaktere: Achilles/Patroklos, Apollo
Wörter: ca. 2000
Titel: Kein Wesen so eitel wie der Mensch
Anmerkung: Nach zehn Jahren Krieg sind Trojaner und Griechen gleichermaßen zermürbt. Achilles, Griechenlands größter Held, könnte die Entscheidung herbeiführen, doch der liegt mit dem griechischen Heerführer im Streit. Als sein Geliebter Patroklos beschließt einzugreifen, ahnen beide nicht, dass sie im Gott Apoll einen mächtigen Feind haben. Warning: character death
Mitten in der Nacht. Lagerfeuer. Lachende, singende, tanzende Menschen. Welches Fest? Keine Ahnung. Pandia oder Dionysien, wen kümmerte das? Wein in rauen Mengen. Patroklos. Patroklos in seinem Arm. Weiche Lippen. Bronzene Haut. Süßes Gebäck und noch süßere Küsse.
Dann ein Fremder. Blondes Haar. Blaue Augen. Schön, wie ein junger Gott. Er selbst, zu betrunken, um wirklich zu verstehen. Fremde Hände, die nach Patroklos greifen. Nach seinem Patroklos. Wut.
„Ach, komm schon Achilles! Ein Tanz, was ist dabei?“ Woher kennt der Fremde seinen Namen? Egal. Nicht einen Tanz. Grob schlägt er die fremden Hände fort. Soll es nicht wagen, ihn noch einmal anzufassen.
„Ich bekomme immer, was ich will, Achilles, immer. Merk dir das!“
Seltsam, dass ihm genau diese Episode jetzt im Kopf herum spukt.
Seufzend warf sich Achilles auf seinem Diwan umher. Längst hatte sich die Nacht über die Zeltstadt der Griechen gesenkt, aber noch immer war die Hitze, die in der Luft lag, drückend und machte ihm den Schlaf unmöglich. Er war es gewohnt, die Sommer in großer Hitze zu verbringen, aber seit sie damals vor zehn Jahren die ersten Julitage vor den Toren Trojas verbracht hatten, sehnte er sich beinahe nach den sengenden Nachmittagen Thessaliens zurück, an denen er nichts getan hatte, als mit Freunden dem süßen Müßiggang zu frönen und im Schatten einer Platane oder eines Olivenbaums mit dem würzigen Wein seines Vaters alle Sorgen fortzuschwemmen.Seltsam, dass ihm genau diese Episode jetzt im Kopf herum spukt.
Von Ferne drangen die Geräusche des Kampfes an sein Ohr und erneut drehte Achilles sich auf die andere Seite, um das zu ignorieren. Es widerstand ihm, seine Kampfgefährten bei diesen widrigen Bedingungen alleine den Heerscharen des Feindes, die nun schon seit drei Tagen ununterbrochen gegen ihre Verteidigungswälle brandeten, zu überlassen. Wenn es doch nur nicht so schrecklich schwül gewesen wäre. An Hitze waren die tapferen Griechen gewohnt, aber die Feuchtigkeit, die in der Luft hing, raubte einem den Atem und selbst im Lager zu sitzen, bedeutete schon schweißnass gebadet zu sein.
Achilles schloss die Augen und atmete langsam und gleichmäßig durch. Er hörte auf den Herzschlag in seinen Adern und ließ die Geräusche des eigenen Lagers, der fernen Stadt und des Kampfgetöses verschwimmen, um stattdessen auf die leiseren, wenigen Klänge der Natur um sie herum zu lauschen. Manchmal, je nachdem wie der Wind drehte, konnte er das Meer rauschen hören und unvermeidlich, ununterbrochen und alles begleitend zirpten über allem die Zikaden, die wie Kitharaspieler ihre menschlichen Tragödien untermalten.
Ein dumpfes Grollen und Achilles zuckte zusammen. Offensichtlich war er doch ein wenig eingenickt. Wieder donnerte es in der Ferne. Vielleicht hatte Zeus ja doch noch Erbarmen mit den Griechen und sandte ihnen den kühlen Regen, den die Männer schon so lange her beteten.
Achilles setzte sich auf und griff nach dem Krug, der auf dem tiefen, flachen Tischchen vor ihm stand. Noch immer war ihm heiß und seine Zunge fühlte sich beinahe wie ein Fremdkörper in seinem Mund an. Er schenkte sich einen Becher Wasser ein und leerte ihn in einem Zug. Das lauwarme Nass verschaffte ihm kaum Linderung, aber wenigstens fühlte er sich nicht mehr ganz so, als müsse er gleich verdursten. Er strich sich mit der Hand die scheißnassen Strähnen aus der Stirn und beugte sich nach vorne.
Die Arme auf den Knien abgestützt und die Hände vor sich in einander verschränkt starrte er eine Weile ins Leere. Nur zu gerne wäre er aufgestanden, um sich zwischen den Zelten ein wenig die Beine zu vertreten, aber die Gefahr, dass das, was er dort vorfinden würde, ihm die letzten friedlichen Gedanken rauben könnte, war zu groß. Unschlüssig saß Achilles, Sohn des Peleus, Aiakide und größter Krieger Griechenlands, in seinem Zelt und wusste sich nicht zu helfen.
Als Patroklos den Vorhang zum Zelt aufriss, ohne sich auch nur anzukündigen, geschweige denn um Erlaubnis zu fragen, war Achilles beinahe erleichtert. Erschöpft und hoffnungsvoll zugleich sah er zu Patroklos auf, bevor er aufsprang und einige Schritte auf ihn zutat.
„Patroklos, Liebster, ich hatte dich schon erwartet!“, überspielte mit Leichtigkeit den zermürbenden Zustand, in dem er die Nacht verbracht hatte. Doch der Jüngere schüttelte nur seinen dunklen Lockenschopf und schob Achilles unwirsch beiseite, um sich nun seinerseits auf den Diwan fallen zu lassen.
Achilles ließ ihn gewähren, wusste er doch, wie sehr ihre momentane Situation an den Nerven des Jünglings zehrte. Er war sich ziemlich sicher, dass Patroklos einzig und alleine aus Loyalität zu ihm heute den Kämpfen halbwegs ferngeblieben war und wirklich nur am Rande in einige Scharmützel eingegriffen hatte. Vielleicht war es weise, ihn zumindest ein wenig zu besänftigen und ihn wissen zu lassen, wie sehr er diese Unterstützung schätzte.
Lächelnd kniete Achilles sich halb neben, halb vor den jungen Krieger, der bedeutend mitgenommener aussah als er selbst, und löste ihm die Lederriemen seiner Sandalen. Als er beide Füße von ihrer Last befreit hatte und Patroklos erleichtert aufseufzte, ließ Achilles seine Hände auf Patroklos‘ nackter Haut verweilen und sah ihn verschmitzt von unten herauf an.
„Was liegt dir auf dem Gemüt, Patroklos? Warum verschmäht der Geliebte seinen Liebhaber?“ Er lehnte sich vor und streckte die Hand nach Patroklos‘ Wange aus. Dass der andere die Berührung zuließ, wertete er vorerst als Erfolg. Dann ergriff Patroklos das Wort und Achilles‘ Hoffnungen zerschlugen sich.
„Wie kannst du das fragen?“ Patroklos schien mehr entsetzt und enttäuscht, als wütend, aber das schmerzte nicht weniger. Der Junge hatte Achilles schon bewundert, lange bevor sie zueinander gefunden und sich bloße Zuneigung in abgöttische Liebe verwandelt hatten. Nun blickten ihn diese wunderschönen, treuen braunen Augen an, als sei er ein Unmensch. „Sind dir unsere Brüder denn ganz gleich? Schert es dich nicht, dass die Trojaner sie zu hunderten abschlachten?“
Nun kam doch etwas Erregung in Patroklos‘ Stimme und Achilles stand auf, um sich ein wenig zurück zu ziehen. Er seufzte genervt. Wie er diese Diskussion verabscheute.
„Nein, Patroklos, gewiss nicht. Es ist mir nicht gleich, wie sich unser Schicksal und das unserer Freunde wendet. Aber mein Ausbleiben beim Kampf hat nicht das geringste damit zu tun, dass mir das alles nicht nah ginge. Es ist einzig und allein eine Sache zwischen mir und Agamemnon!“
„Pah!“ Nun hatte sich auch Patroklos wieder erhoben und wütend standen sie einander gegenüber. „Das ist eine lächerliche Ausrede! Dass du deinen kindischen Streit mit Agamemnon entscheiden lässt, was du tust, ist unwürdig, Achilles.“
„Das ist nicht deine Entscheidung! Geh und kämpfe, wenn du willst, ICH werde mich nicht einen Schritt in Rüstung vor dieses Zelt bewegen!“
„Wie kannst du nur so unehrenhaft sein? Dein Zorn entbehrt jeglichen Maßes!“
„Wag es nicht, meine Ehre infrage zu stellen, Patroklos!“ Langsam musste Achilles an sich halten. Für gewöhnlich bemühte er sich, einen Ausgleich zu dem jungen Hitzkopf darzustellen, aber auch er selbst war nicht der kühlste Kopf und gerade im Streit miteinander, fiel es ihm schwer, sich zurück zu nehmen.
„Du hast mich noch nicht ernstlich zornig in diesem Krieg gesehen und mögen die Götter verhindern, dass du es tust!“ Doch Patroklos schien seine Worte nicht ernst zu nehmen. Die eigene Rage hatte ihm für einen Moment die Sprache verschlagen, aber die Blicke, die er Achilles zuwarf, waren vernichtend.
Erst jetzt bemerkte Achilles die nassen Spuren auf Patroklos‘ Wangen. Er war irritiert und in seiner Verwirrung tat er das einzige, was ihm einfiel. Achilles lachte.
„Hast du geweint? Ich wusste ja schon immer, dass du der zarter besaitete von uns bist, aber Tränen, Patroklos? Wie ein kleines Mädchen, dass sich an Mutters Rockzipfel klammert!“
Für einen Moment befürchtete er, sein Versuch, die angespannte Stimmung zu entschärfen, könne nach hinten losgehen und Patroklos erst recht erzürnen, aber mit einem Mal schien aller Kampfeswille aus dem jungen Lokroier. Verbittert wandte er den Blick ab.
„Sie verbrennen die Schiffe, Achilles.“ Seine Stimme war nun so leise, dass Achilles sich anstrengen musste, um sie zu vernehmen.
„Was?“ Die Implikationen des Satzes waren erschreckend und Achilles konnte nicht verhindern, dass sich das Entsetzen in seiner Nachfrage wiederspiegelte.
„Du hast mich schon richtig verstanden, Achilles.“ Patroklos zeigte keine Schwäche. „Die Trojaner stecken unsere Schiffe in Brand. Das ist unser Untergang. Wir werden nie wieder nach Hause kommen.“
Es lag keine Panik in den Worten, sie war eine reine Feststellung. Offenbar hatte Patroklos schon Zeit gehabt, sich an den Gedanken zu gewöhnen, was Achilles nur noch mehr erschütterte. Er hatte gewusst, dass die Griechen ihn brauchten, aber dass es so schlecht stand, war ihm nicht klar gewesen. Was hatte er noch alles verpasst? Er trat um den Tisch herum wieder auf Patroklos zu und nahm ihn bei der Hand.
„Ich würde ja gerne helfen“, Achilles schluckte, „aber Patroklos, ich kann nicht, ohne mein Wort zu brechen. Die Beleidigung, die mir widerfahren ist, ist ungeheuerlich!“ Kurz sah es so aus, als wolle Patroklos ihm in diesem Punkt widersprechen, doch dann schüttelte er beinahe unmerklich den Kopf und sah Achilles an. Immerhin hatte er ihm nicht die Hand entzogen.
„Gib mir deine Rüstung, Liebster!“ Achilles sah ihn überrascht an.
„Bitte? Warum meine Rüstung? Was soll das bringen?“ Er war nicht zornig oder abweisend, sondern ernstlich interessiert, auch wenn er sich keinen Reim darauf machen konnte.
Patroklos antwortete. „Wenn sie deine Rüstung sehen, müssen die Trojaner jeden Mut verlieren. Lass mich sie in die Schlacht tragen, damit vielleicht wenigstens ein paar unserer Leute gerettet werden können!“
Achilles war perplex. Dann sammelte er sich. „Patroklos, du kannst nicht ernsthaft an der Spitze des Heeres in die Schla-“
„Dann geh du!“ Patroklos war ihm ins Wort gefallen. „Geh du und hör auf, mich zu bevormunden!“
Schweigen. Alles, was er jetzt noch dagegen sagen konnte, musste Patroklos unweigerlich weiter gegen ihn aufbringen. Achilles überlegte. Dann nickte er.
„Also gut!“ Seine Stimme klang leise: Eine Eingeständnis seiner Niederlage. „Du wirst meine Rüstung tragen. Aber sei vorsichtig!“
Am nächsten Morgen steht Achilles nicht mit Patroklos auf, als der sich seiner Umarmung entwindet. Er wird heute weder selbst ein Schwert in die Hand nehmen, noch wie eine brave Ehefrau dem stolzen Krieger hinterher winken, der in die Schlacht zieht, um sie zur Witwe und ihre Kinder zu Waisen zu machen.Und schließlich wird Patroklos wieder kommen. Das hat er ihm versprochen, irgendwann zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang in den geflüsterten Worten der Liebhaber. Achilles hat ihm viel beigebracht. Er wird sicher sein.
Wieder, oder noch immer, klingt das Kampfgeschrei hinüber, das so sehr Teil ihres Alltags geworden ist. Achilles dreht sich um und versucht, noch einmal einzuschlafen. Das tut er oft in letzter Zeit, das kann er gut.
Die Sonne hat ihren Zenit bereits überschritten, als Achilles schließlich vor das Zelt tritt. Das helle Licht blendet ihn und für einen Augenblick ist er geblendet. Das Gewitter der letzten Nacht hat sich verzogen, ohne auch nur einen Tropfen Regen zur Erde zu senden und alles ist so drückend wie zuvor.
Rastlos wandert er schließlich durch die langen Reihe der Zelte, ohne dass jemand es wagte, ihn anzusprechen. Mit Genugtuung sieht er, dass sie an den Schiffen nicht mehr kämpfen. Er muss auf eine leichte Anhöhe steigen, um das Geschehen überblicken zu können.
Tausende Männer kämpfen zu seinen Füßen um ihr Leben. Die Rüstungen glänzen im Sonnenlicht, ihnen einen trügerischen Schein von Leichtigkeit verleiht. Aber das Rot, das alle gleichermaßen befleckt, zeugt von der Wahrheit. Der Tod ist überall und kennt weder Freund noch Feind, macht keinen Unterschied zwischen Griechen und Trojanern. In der Ferne wehen die zerfetzten und staubigen Banner der Heerführer, auch seines.
Achilles‘ Herz schlägt schneller, als er es erblickt. Solange das Banner weht, kann es dem Anführer nicht allzu schlecht gehen. Er versucht, in der Menge Patroklos auszumachen und weiß, dass der Versuch zum Scheitern verurteilt ist. Mit zusammengekniffenen Augen lässt Achilles seinen Blick über die Streiter wandern.
Mit einem Mal ist es, als hätte all der Kampfeslärm abrupt innegehalten. Es ist so still, dass Achilles glaubt, er sei taub geworden. Dann kann er endlich einzelne Personen in der Ferne ausmachen. Sein Atem stockt. Blondes Haar. Blaue Augen. Schön wie ein junger Gott.
Der Fremde schreitet durch die Massen, als könne ihn nichts berühren. Niemand sonst scheint von ihm Notiz zu nehmen. Er blickt nicht nach rechts und links und hat nur sein Ziel vor Augen. Als er schließlich vor einem der Krieger stehen bleibt und ihm die Waffen aus der Hand schlägt, so einfach, als hätte der sie ihm höflich entgegen gehalten, weiß Achilles genau, dass es Patroklos ist.
Ein Aufschrei entfährt seiner Kehle und der Lärm setzt wieder ein.
Von Weitem kann Achilles sehen, wie Patroklos zu Boden geht.
no subject
Date: 2014-07-29 09:41 am (UTC)Aber diese Episode macht es nur noch deutlicher. Ich finde es toll, wie du es geschafft hast, den alten Helden Leben einzuhauchen und sie trotz aller Makel so darzstellen, wie man sie sich vorstellt.
Tja... Archilles hätte lieber nicht so schmollen sollen und mal über seinen Schatten springen. Aber wir wissen ja, was für ein Ende er nimmt, also dürfen wir zumindest hoffen, dass er später wieder mit Patroklos vereint ist. *hüstel*
no subject
Date: 2014-07-29 10:43 am (UTC)Der war low, Achilles, der war low.
Ich finds großartig, dass du dich den beiden gewidmet hast! :) Du hast die ATmosphäre vor dem Kampf wunderbar eingefangen und die Sturheit des Achilles wirklich schön beschrieben. In meinem persönlichen Headcanon wird er immer blond sein, weil so blöd, den eigenen Geliebten in der eigenen Rüstung in den Kampf gehen zu lassen, muss man erst einmal sein. Wirklich eine tolle Geschichte zum Thema "Gottheit", die dezent, aber durchaus treffend vorhanden ist, ohne, dass du die Magie dadurch zerstörst, dass du zuviel erklärst!
no subject
Date: 2014-07-29 12:24 pm (UTC)Und natürlich weiß man ja, wie die Geschichte ausgeht, trotzdem hatte ich beim Lesen die ganze Zeit gehofft, dass Patroklos es sich anders überlegt oder Achilles ihn zur Vernunft bringen kann... *sigh*