[identity profile] ayawinner.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Thalia
Challenge: Angst - Atemlos
Titel: ... und das Schiff geht unter.
Fandom: Elisabeth (Musical) (ich bräuchte einen neuen tag, bitte!)
Charaktere: Franz Joseph, der Tod (angedeutet)
Warnungen: ungebetat
Anmerkungen: Ich habe selbst keine Ahnung, was ich damit sagen will. Kein Anspruch auf historical correctness.

Zum ersten Mal in seinem langen Leben kann er nicht mit Sicherheit sagen, ob er träumt oder wacht, ob er lebt oder doch schon gestorben ist. Vielleicht ist es ein Stadium zwischen Traum und Wirklichkeit, eine Station zwischen Leben und Tod.

Vielleicht hat seine Sisi ihr ganzes Leben so verbracht; vielleicht war sie deshalb immer so melancholisch, so rastlos, so unnahbar.

Er versucht, zu atmen, und kann es nicht. Es ist gerade so, wie auf einem hohen Berg zu stehen, auf dem man schwindelig wird, weil die Luft nicht reicht. Vielleicht muss er in dieser Welt aber auch gar nicht atmen können.

Um ihn herum, so fühlt es sich an, ist alles stehen geblieben. Still, dunkel, bedrohlich, wie in einem Alptraum, in dem man weiß, dass etwas Schlimmes geschehen wird, in dem man die Katastrophe antizipiert, hilflos, machtlos – ohnmächtig.

Er kennt dieses Gefühl. In seinem Leben sind schon zu viele Katastrophen geschehen; er glaubt, die Vorboten erkennen zu können.

Und er erkennt sie doch nicht.

Er hat sie nicht erkannt, als seine Kinder gestorben sind, und auch nicht, als seine Sisi gestorben ist. Nicht einmal jetzt, da sein Reich in einem Krieg versinkt, dessen Ausmaß nicht einzuschätzen ist.

Nicht deine Sisi, niemals deine Sisi, sagt etwas in seinem Kopf; und: sieh auf dein Reich und sieh, wie es zerbricht.

Das Schiff geht unter.


Er kennt diese prophetischen Alpträume, die ihn bis zu ihrem Tod sein Leben lang geplagt haben. Er bemerkt jetzt erst, dass er sich an keinen derartigen Traum aus den letzten achtzehn Jahren erinnern kann. Aber das bedeutet nichts; er kann sich an Vieles aus den letzten achtzehn Jahren nicht erinnern.

Armer alter Mann.

Er möchte sich empören; wie sprechen Sie mit dem Kaiser! Aber er hat keinen Atem, um etwas zu sagen.

Da ist eine Erinnerung, eine entfernte Erinnerung, wie aus einem anderen Leben, an einen Saal, und an Gäste, und an das Gefühl der Ohnmacht und des Stillstands. Eine Erinnerung daran, wie gelähmt daneben zu stehen und zuzusehen, wie sich eine Katastrophe anbahnt. Er erinnert sich an Kerzenschein, schrille Musik, an Spiegel, an Champagner und Grauen.

Diese Erinnerung ist neu, sie erschreckt ihn.

Unsichtbare Augen.

Nein, sichtbare Augen auf einer unsichtbaren Szene. Er sieht sie vor sich, seine Sisi, wie wunderschön und jung sie an diesem Tag war, und er erinnert sich plötzlich an das Gefühl des Verlustes, das ihm bisher nicht bewusst gewesen ist. An diesem Tag vor so vielen Jahren hat er nicht an Verlust gedacht, dessen ist er sich ganz sicher. Dieser Tag symbolisiert für ihn pure Glückseligkeit.

Der Schatten war allerdings schon damals über ihr. Sie hat ihn mit sich gebracht aus ihrem beschaulichen kleinen Reich, mit in die Welt, die viel zu groß für sie war, zu groß und gleichzeitig zu eng, und er hat sie erstickt, dieser Schatten, so wie er ihn jetzt zu ersticken droht.

Ja, der Schatten ist an jenem Tag schon zwischen ihnen gewesen, und er ist mit der Zeit nur größer geworden, bis er eine unüberwindbare Kluft zwischen sie geschlagen hat. Er kennt diesen Schatten nur von ihr.

Du kennst mich.

Nein.

Dein Reich kennt mich.

Nein.

Es wird mit dir untergehen.

Der Schatten umringt ihn und er kann in seiner Ohnmacht nichts dagegen tun. Er sieht es vor sich, sein Reich, sein Leben, dem Untergang geweiht und nichts, nichts, nichts wird ihn aufhalten. Er kommt von allen Seiten und zerschlägt es, dieses blühende, große Reich, in viele kleine Katastrophen.

Er hofft, diese größte aller Katastrophen nicht miterleben zu müssen.

Der Schatten ist nah, ganz nah, und sein Reich, sein gottgegebenes Reich, scheint ihm plötzlich so fern, als sei es schon vor Jahrhunderten untergegangen.

Der Glanz ist verblasst. Es gibt nichts, was dich hier hält.

Er versteht nicht, wie dieser Schatten jemals so viel Faszination auf seine Sisi ausüben können. Ein zerstörerisches Wesen, ein unbarmherziges Wesen.

Er fühlt Atem auf seinem Gesicht, als beuge sich jemand zu ihm, um ihn zu küssen…

… und erwacht keuchend in der nächtlichen Hofburg, während sich um ihn herum die Welt für immer verändert.

Date: 2014-07-29 11:12 am (UTC)
From: [identity profile] nessaniel.livejournal.com
Mir egal, ob du keine Ahnung hast, was du damit sagen willst, ich find es umwerfend.

Es ist so kalt und herrlich düster, wie ein Alptraum eben ist, du hast den Angst-Part absolut großartig getroffen.

Er erinnert sich an Kerzenschein, schrille Musik, an Spiegel, an Champagner und Grauen.
Bester Satz, hands down. Die Gegenüberstellung gefällt mir so gut, der eigentliche schöne Ball wird dadurch plötzlich ebenfalls so richtig gruselig und unangenehm, PERFEKT, OKAY, EINFACH PERFEKT. <333

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