Funkenflug

Aug. 31st, 2007 01:41 am
[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: NGE (End of Eva)
Challenge: #3 Feuertaufe
Personen: Kensuke Aida, Misato Katsuragi
Warnung: dark, angst, death, überhaupt blutig und gemein, gewissermaßen AU
Kommentar: Es ist ein ziemlich blödes "was-wäre-gewesen-wenn"-Ding, aber vielleicht wirkt es noch immer nach, dass es mich angekotzt hat, dass man in EoE überhaupt nicht wusste, was mit Kensuke zwischenzeitlich passiert ist. Nyah, typisches Random-Chara-Whining.

"Was soll das? Ich könnte sagen:
Du weißt, was ich erreichen will.
Eile dich, dein Zaudern zu unterbrechen,
Lass mich sterben oder lass mich leben!"
[Corvus Corax "Sol Solo"]


„Die Menschheit ist der Engel! Die Menschheit!“

Er wandte sich um und blendete sein Zittern gänzlich aus. Wenn er noch bebte, ignorierte er es. Sein Blut erschien ihn ohnehin ganz und gar gefroren. Aus den warmen Fingern des Nerv-Mitarbeiters mit dem zerschossenen Kopf wand er die Pistole und riss sie gerade in dem Moment hoch, als einer dieser schwarz vermummten Elitesoldaten um die Ecke kam, offensichtlich nicht auf ihn vorbereitet.

Wer hatte das geschrien? Was waren diese Engel genau und woher kamen sie?
Wie war er hierher gekommen?

Kensuke konnte sich nicht erinnern. Er war einfach aufgewacht in diesem Alptraum, den die gesamte Menschheit träumte. Nun nahm er seinen Platz in seiner ganz persönlichen Apokalypse ein.

Es war wie ein Computerspiel, weil genauso surreal.
So wirkte es nicht echt, als er auf den Mann schoss und dieser langsam und stöhnend in sich zusammensackte.

Wenn die Welt jetzt wirklich unterging, wenn es wirklich so war, so fühlte er sich auf eine seltsame Art und Weise vorbereitet. Oft genug hatte er trainiert. Dies war seine Zeit, das Schicksal, wer oder was auch immer es sein mochte, hatte ihn hierher gebracht.
„Vater sagte, ein Children macht nicht das Steuern von Eva aus.“, hatte Shinji einmal zu Kensuke gesagt.
„Sondern das Vernichten der Engel.“
Diese Worte hallten in dem Jungen nach.

Er wollte ein Children sein. Er wollte dazugehören, kämpfen, und wenn es das erste und letzte Mal zugleich sein würde.

Das Adrenalin hatte sämtliche Synapsen betäubt. Der Ruf der Menschheit als letzten Engel und der Angriff auf Nerv zerschmolz im Kopf zu einem unbeschreiblichen, schaumigen Brei.
Wahrscheinlich hätte jeder in dieser Situation behauptet, der Mut habe von ihm ergriffen. Oder gar der Wahnsinn.
In Wahrheit herrschte hier die pure Angst.

Kensuke stolperte weiter. In den Gängen lagen tote Menschen, er kannte keinen von ihnen. Der Gedanke, lediglich ein Ego-Shooter-Spiel zu spielen, machte es erheblich leichter. Er unterdrückte den Brechreiz und die Tränen. Die Dunkelheit, die in seinem Schatten stets hinterherkroch, flüsterte nicht mehr ganz so bedrohlich.

Er taumelte, schlich um die Ecke und hatte plötzlich in zehn Meter Entfernung Sichtkontakt mit Misato-san und Shinji.
Sie küssten sich.
Dann stieß sie Ikari in den Aufzug und sackte zusammen, ganz so wie der Soldat, den Kensuke soeben erschossen hatte.

Das Bild weckte den Jungen auf.
Das hier war ernst, kein Spiel, kein surreales RPG, aus welchem man fliehen konnte.
Alles war echt.

Er näherte sich, umfasste die verletzte Frau vorsichtig. Sie blutete aus dem Mund und hatte seltsam verklärte Augen.

Nerv war nicht mehr zu retten, das begriff er in jenem Augenblick.
Major Katsuragi war gefallen und der Rest des Geosektors versank bereits in Chaos. Durch die Gänge hallten immer wieder Schüsse, menschliche Schreie und diese hässlichen Geräusche, wenn Leiber auf dem harten Metall aufschlugen, leblos und dumpf.
Er war zu spät, zu spät für alles.

„Misato-san!“
Er strich ihr wirre Haare aus der Stirn.
„Was passiert hier?“
Er hoffte, sie würde auf seine Worte reagieren.
„Was sind Engel und wer sind diese Typen, die hier alle umbringen? Wo sind Shinji und die anderen?“
Er beugte sich ängstlich weiter über sie, ihre verwirrten, ergrauten Augen sahen ihn ruhelos an.
„Misato-san!“

In diesem Moment krachte in der Ferne etwas.
Shinji war im Aufzug irgendwohin gefahren, vielleicht würde Kensuke ihm folgen können. Aber was sollte er tun? Genau genommen gehörte er hier überhaupt nicht hin.

Misato Katsuragi hatte die Hand gehoben und sie an seine Wange gelegt.
„Vater?“, murmelte sie schwach. Sie sah aus als wäre sie blind.
„Papa, bist du das?“

Im nächsten Moment bohrte sich der Lauf eines Gewehres in Kensukes Schläfe.
„Aufstehen!“

Er wusste nicht, wohin mit der sterbenden Frau. Vielleicht würde sie mit sofortiger ärztlicher Hilfe überleben, vielleicht aber auch nicht. Seine Gedanken schossen wie winzige Stromstöße durch seinen überlasteten Kopf.
Er schaute langsam auf zu den zwei Soldaten.

„Wer bist du? Eva-Pilot?“

Sollte das seine Rolle gewesen sein?
Verkannt und verwechselt?
Hielten sie ihn für Shinji? Wer waren die überhaupt?
Er wünschte sich nichts sehnlicher als das Misato neben ihm wieder zu vollem Leben erwachen und diese Mistkerle über den Haufen schießen würde.
Das war die beschissenste Feuertaufe, die man sich je hätte denken können.

„Auf ausdrücklichen Befehl von Seele müssen wir dich exekutieren!“

Kensuke hatte gar nicht gemerkt, wie ihm die Tränen in die Augen gestiegen waren. Sie verschleierten seine Sicht, wenn auch nur ein klein wenig.
Eigentlich war das alles zum Lachen. Sie hielten ihn für ein Children, obwohl er nie einen Eva gesteuert hatte.
Doch es leuchtete ein.
Die Menschheit war der Engel. Und Engel gehörten vernichtet. Das hatte der Kommandant doch gesagt, oder?

Die Geräusche verhallten und wichen einer gespenstischen Stille, einer Stille, in der jeder Atemzug zum Kreischen im Kopf zwischen dem Blutrauschen gepeinigter Ohren wurde.
Als Kensuke ein letztes Mal nach Misato-san zu Boden sah, war sie weg und er saß in einer Pfütze aus Flüssigkeit, welche ganz genauso roch wie das Zeug, mit dem Shinjis Kapsel damals gefüllt gewesen war.

Er war ein Engel und ein Children.
Er hatte Action gewollt? Nun musste er sich mit dem zufrieden geben, was ihm das Schicksal vorwarf.
Kensuke fühlte sich zittern, vollkommen zittern, als er die Augen schloss und blitzschnell nach der Pistole griff.
So wie er es so oft mit unechten Waffen geübt hatte.

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