Hurt/Comfort- Notaufnahme (für mich)
Jul. 19th, 2014 02:56 amChallenge: Hurt/Comfort- Notaufnahme (für mich)
Fandom: Digimon 2/AU
Kommentar: gehört hierzu: http://120-minuten.livejournal.com/948953.html
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„Hey. Ich kann grade nicht, sprich nach dem Piep!“
Ken war kurz davor, einen solchen Ausbruch von Hysterie und Zerstörungswut hinzulegen, wie er ihn schon seit seinem eigenen, elften Lebensjahr nicht mehr gespürt hatte-... und fluchend sein Handy, zusammen mit ein paar anderen Dingen die gerade ungünstig im Weg herum standen, an die nächstbeste Wand zu werfen.
Er kam sich vollkommen deplatziert vor.
Er sollte nicht hier sein, und er war völlig hilflos.
Es war ein Albtraum. Hiroshi lag inzwischen weiß und wimmernd auf einer papierbedeckten Liege, hatte sich noch mal übergeben, bebte vor Schüttelfrost, Ken konnte es sich eigentlich gar nicht leisten, nicht bei der Arbeit zu sein- sein Team wartete auf die angekündigte Besprechung, er bekam Daisuke einfach nicht ans Telefon und das überarbeitete Krankenhaus- Personal gab ihm noch vollends den Rest.
„Er hat Schmerzen!“, brüllte er eine Schwester an, die ihm gar nichts getan hatte, „Jetzt tun sie doch irgendwas!“
Ungute Erinnerungen kamen auf, mischten sich mit Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen. Die blanke Angst saß ihm im Nacken, und sie wurde mit jedem Atemzug größer.
Schließlich nahm ihn ein besorgter Assistenzarzt beiseite, und er schluckte widerstandslos und mit zitternden Händen den Becher mit Beruhigungsmittel, den man ihm unter die Nase hielt.
Dann sackte er auf den Stuhl neben das vorübergehend verwaiste Kind.
Der Kleine hatte inzwischen eine Infusion bekommen, jemand hatte Blut abgenommen, an ihm herum gedrückt, und plötzlich hieß es, sie mussten schnell operieren.
Als man ihn nach Krankenversicherung und Vormundschaft fragte, wusste Ken nicht, ob er hysterisch lachen oder in Tränen ausbrechen sollte. Irgendwie bekam er heraus, dass er mit dem Kleinen weder verwandt noch verschwägert war.
„Aber wie stehen sie mit ihm in Beziehung? Wir brauchen die Unterschrift eines Erziehungsberechtigten!“
Ken Ichijouji sah den Assistenzarzt mit weiten Augen an, die Wände kamen mit einem Mal dichter, in seinem Kopf hallte ein Pfeifton und er hatte das Gefühl, hier und jetzt in der Notaufnahme zu hyperventilieren, weil er sich so vollkommen überfordert und in die Enge getrieben fühlte.
„Ich-...“, krächzte er mühsam hervor, „Sein Vater-... er... wir sind...“
„Sie und sein Vater sind was?!“
Kein Tropfen Wasser war mehr in seinem Mund. Er konnte kaum die Zunge bewegen.
„B-... befreundet“
Ihm war so schlecht, dass er das Gefühl hatte, sich gleich ebenfalls übergeben zu müssen.
„Sie sind mit seinem Vater befreundet?“
„J-... ja, wir... wir sind... uh... Bekannte... alte Bekannte... wir... kennen uns“
Der sehr einfühlsame Mann im weißen Kittel ging vor ihm in die Hocke, legte ihm die Hände auf seine Knie und erklärte ihm, dass Hiroshi vermutlich einen entzündeten Blinddarm hatte der kurz vor dem Durchbruch stand oder vielleicht auch schon durchgebrochen war. Sie mussten ihn in Narkose legen und jetzt handeln. Es sei im Interesse aller Beteiligten, und die einzig vernünftige Option. Ken sollte ein paar Minuten jetzt gar nichts tun als ruhig auszuatmen, ein paar Schlucke zu trinken und sich zu beruhigen. Hiroshi wäre in guten Händen. Sie würden ihr Bestes tun, und er selbst habe auch schon getan was er konnte. Später sollte er nur versuchen, den leiblichen Vater noch einmal zu kontaktieren.
Irgendwie ließ sich plötzlich klären, dass die Großeltern des Jungen gesundheitlich im Moment auch nicht auf der Höhe waren und er deshalb vermutlich keine andere Anlaufstelle gehabt hatte, als die vage Vorstellung davon, wo Ken Ichijouji arbeitete und als was: nämlich als stellvertretende Leitung der örtlichen Kriminalpolizei.
Vielleicht war es das Beruhigungsmittel, aber Ken wäre dem Arzt, der sich die Zeit für ihn nahm, am liebsten weinend um den Hals gefallen.
Er fühlte sich völlig zerschmettert.
Wieder passierte etwas Schlimmes mit jemandem, von dem er gewünscht hatte, dass er einfach verschwinden sollte. Und es war Daisukes einziger Sohn, um Himmels Willen. Was war er nur für ein Mensch?
In der Wartezeit saß er hauptsächlich zusammengekauert auf einem der Stühle im Empfangsbereich und weinte verzweifelt, so leise wie es nur irgendwie möglich war.
Ab und an schickten ihm mitfühlende Eltern einen betroffenen Blick.
Als der Arzt ihm schließlich später sagte, es sei alles gut verlaufen, nickte er reserviert, versuchte sich zusammen zu reißen und einfach "Danke" zu sagen, aber er bekam fast kein Wort heraus-... und als der Mediziner fürsorglich einen Arm um ihn legte, stürzten die Tränen gleich noch einmal.
„Sie haben das Richtige getan“, sagte der Mann zu ihm, rieb ihm den Rücken und reichte ihm auch ein Taschentuch, „Dass alles so gut verlaufen ist, lag sicher auch mit an ihnen. Sie sind her gefahren und haben dafür gesorgt, dass er Hilfe bekommt. Sein Vater hätte sich keinen besseren Freund wünschen können.“
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no subject
Date: 2014-07-20 01:00 pm (UTC)Kens wiederaufkommende Gefühle, von denen er weiß, dass sie falsch sind, sie aber trotzdem nicht abstellen kann und dass er seine Schuldgefühle immer noch nicht ganz verwunden hat, das kam alles so wunderbar rüber. Und die Panikattacke war extrem unangenehm zu lesen (also im positiven Sinne).
Bin total gespannt wie's weitergeht :)
no subject
Date: 2014-07-21 12:43 am (UTC)LG!