Suspense _ Tatort (Für's Team)
Jul. 16th, 2014 04:41 pmTeam: Kalliope
Challenge: Suspense - Tatort
Fandom: Soko Donau/Wien
Charaktere: Helmuth Nowak, Carl Ribarski
Wörter: ca. 1700
Titel: Zivilcourage ist eine Tugend
Anmerkung: Helmuth lebt schon seit Ewigkeiten auf der Straße und wird Zeuge eines Verbrechens. Carl versucht, ihn zur Aussage zu überreden, doch wird er darauf eingehen? Nennen wir es mal ein Sandler AU.
Für Anfang Oktober war es schon erschreckend kalt und Helmuth stellte sich auf einen harten Winter ein. Er seufzte. Im Park konnte er dann wohl nicht bleiben, was äußerst ärgerlich war. In den Unterführungen war die Chance von sogenannten Leidensgenossen ausgeraubt zu werden einfach zu groß und in den Bahnhöfen und Einkaufspassagen patrouillierten mittlerweile Tag und Nacht private Hilfssheriffs, die nur allzu gern die Sandler der Stadt zurück nach draußen in die Kälte schickten. In ein, zwei Wochen würde er wohl oder übel versuchen müssen, in einem der Heime unter zu kommen. Mit Grauen dachte Helmuth an die Enge, die deprimierenden Gespräche und die zweifelhafte Gesellschaft. Vielleicht hatte er Glück und konnte irgendwo eine leere Lagerhalle ausfindig machen. Gefährlicher und weniger luxuriös, aber immerhin war er dann für sich selbst verantwortlich.
Den zweiten zu verlassen kam für den alt eingesessenen Wiener jedenfalls nicht infrage. Es war damals keine Option gewesen, als sein Vater und sein älterer Bruder wegen eines schief gegangenen Bruchs festgesetzt worden waren, nicht als seine ewig betrunkene Mutter ihren Job verloren hatte, nicht als Julia Schluss gemacht hatte, nicht als er selbst endlich ausm Häfn raus kommn war. Ein frischer Winter würde ihn jetzt nicht aus seiner Heimat vertreiben!
Helmuth zog sich die Jacke enger um die Schultern, rieb sich die Hände in der Hoffnung, dass die Bewegung ein wenig die Kälte vertreiben würde, und starrte eine Weile in die Ferne auf das hell erleuchtete Riesenrad, das ein wenig Licht in die frühe Abenddämmerung brachte.
Vermutlich sollte er sich neue Handschuhe besorgen. Die alten waren so fadenscheinig, dass sie selbst an den Handflächen nicht mehr wärmten, als an den freiliegenden Fingern. Vorerst jedoch musste der Fusel gegen die Steifheit in den Knochen helfen. Er gab sich ja Mühe, nicht allzu oft, dem Alkohol zu frönen, wirklich. Aber wenn der Sommer zu Ende ging und die Welt ebenso wie die Gedanken grauer wurden, wusste er sich an manchen Abenden nicht anders zu helfen. Wie hatte es nur so weit kommen können?
Um die Grübelei zu stoppen, nahm Helmuth einen tiefen Schluck aus der Flasche und sah zu dem Fremden auf, der sich neben ihn auf die Parkbank gesetzt hatte.
Auch der hatte, ebenso wie Helmuth, schulterlanges Haar, nur war es bei ihm klar, dass es sich dabei um eine modische Entscheidung handelte und bei Helmuth nicht. Er musterte kurz das lässig lederne Outfit und den angedeuteten Dreitagebart des Mannes neben ihm und sah dann weg. Was kümmerten ihn andere Leute, noch dazu so gut bürgerliche?
„Ist es dafür nicht noch ein bisschen früh?“ Höfliche Zurückhaltung gegenüber fremden Leuten war wohl nicht jedermanns Sache. Helmuth zog seinen Jackenärmel zurück und warf einen Blick auf seine nicht vorhandene Armbanduhr. Sarkastisch gab er zurück: „Na geh, sowas! Das wär mer jetzt beinah entfalln. Dank recht schön für den Hinweis, Klugscheißer!“
Der Andere griff wortlos in die Innentasche seiner Lederjacke, zückte seinen Geldbeutel und hielt Helmuth einen Fetzen Papier unter die Nase. Der seufzte. Zum Weglaufen war es jetzt eh zu spät.
„Was wollts denn jetz scho widder von mia?“ Er hatte schon länger keinen Ärger mehr mit der Polizei gehabt und legte eigentlich keinen großen Wert darauf, das zu ändern.
Der Fremde hob beschwichtigend die Hand. „Nur reden! Es gab gestern Abend einen Mord, ein paar hundert Meter von hier. Ich bin übrigens Carl!“ Helmuth sah überrascht auf die Hand, die der Andere ihm hingestreckt hatte.
„Sind denen die Wiener ausganga, dass sie jetz auch Piefkes nehmen?“ Carl sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an, sagte aber nichts und zog auch seine Hand nicht zurück. Helmuth ergriff sie.
„War net so gmant! Helmuth!“ Carl nickte.
„Schon recht. Heute schon Abend gegessen?“
Helmuth schnaubte verächtlich.
„Gut, dann können wir das Gespräch ja an die nächste Pommesbude verlegen!“ Er stand auf, aber Helmuth blieb sitzen. Nach einigen Schritten drehte Carl sich um.
„Na, was is jetzt? Ich hab ne Zehnstundenschicht hinter mir und verhungere so langsam.“ Helmuths erster Impuls war, dem arroganten Arsch ins Gesicht zu sagen, wo er sich seine Pommes hinschieben konnte, doch das Knurren seines Magens erinnerte ihn nur zu gut daran, wie schlecht die letzten Tage gelaufen waren. Stöhnend erhob er sich. Er wurde alt.
Schweigend liefen sie nebeneinander her.
Dankenswerterweise hielt der Piefke Wort und Helmuth konnte nicht verhindern, dass er einige Minuten später seine Currywurst mehr in sich hineinschlang als aß. Man merkte den Hunger immer dann am schlimmsten, wenn man endlich wieder etwas zu Essen in die Finger bekam. Als er sich schließlich die Reste der Soße von den Fingern wischte, sprach Carl ihn wieder an.
„Also, wir haben die Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Dahinten in einem Gebüsch."
Er zeigte grob in Richtung des Riesenrades und fuhr fort: „Angeblich hatte sie Streit mit ihrem Freund. Hast du irgendeinen von den beiden gesehen? Das war letzte Nacht, so zwischen zwölf und zwei."
Noch bevor der andere ihm die Fotos zuschieben konnte, schüttelte Helmuth den Kopf. „Ganz gewiss net."
Carl schien mit einem Mal ungehalten. „Kannst du dir vielleicht wenigstens die Bilder mal anschauen?"
„Unnötig! Um die Uhrzeit kannsd di um den Teil vom Park nua an weitn Bogn machn!"
Nun schien er doch interessiert. „Aha. Und warum, wenn ich fragen darf?"
„Weil da nachts die Russenmafia rumschleicht. Wenn i des richtig seh, gehts da um Drogn. Da würdn mich kane zehn Pferde hinbringa!"
„Drogen? Ganz sicher? Das Mädel war Zahnarzttochter. Privatschule, Villa, der ganze Krempel!"
Helmuth lachte. „Des hast ga nix! Und wenns do umanand gschlichn is, würd i mein Hut drauf verwetten, dass des feine Frollein Tochta sich net nur für die schöne Aussicht interessiert hat."
„Hast du irgendeine Ahnung, wer der Anführer von denen ist?" Offensichtlich hatte die Kripo wirklich noch nicht in diese Richtung ermittelt, was Helmuth bei diesen Pappnasen nicht gerade wunderte. Er zuckte die Schultern.
„Den Namen kenn I net, aber wemma Nachschub braucht, geht ma wohl m besten ins Cafe Zum Stern, hab ich gehört. Gehört irgedso anem Georgier, da kannst dann di richtign Leit kennen lern."
„Würdest du die bei einer Gegenüberstellung wiedererkennen?"
Helmuth zuckte die Achseln. "Wahrscheinlich schon. Nur würd i kane Gegenüberstellung machn. I bin ja net lebensmüd!"
Carl schwieg. Dann griff er wieder nach seinem Geldbeutel. Er steckte Helmuth eine Visitenkarte zu und bemerkte bereits im Gehen. „Wenn dir doch noch was einfällt, du dein Rückgrat wiederfindest oder ich irgendwie helfen kann, sag Bescheid!"
Damit war er verschwunden und Helmuth blieb alleine zurück. Leise fluchend wandte auch er sich um. Was fiel diesem Penner eigentlich ein? Der konnte sich gut daheim verschanzen. Der musste sich ja nicht darum kümmern, sich halbwegs gut mit seiner Nachbarschaft zu stellen.
Drei Tage lang hörte Helmuth gar nichts mehr über irgendwelche Mordfälle. Dann saß Carl wieder neben ihm.
„Habts ia immer noch keine brauchbarn Zeugen?“
„Doch. Einen. Aber der kooperiert nicht.“
Helmuth lachte kurz auf. „Na, des is ja net. Da bringns a unschuldigs Madel um und iagend so a Oarsch is sich zu fein,…“
Carl hatte den Kopf gedreht und sah Helmuth eindringlich an.
„Na. Komm, jetz her auf! Bei mia is des wos andres! Iagend si am Sandler glaubt doch sowieso kann Schwein vor Gericht. Außerdem is mei Smoking grad in der Reinigung!“
Widerwillig grinste Carl. „Den leih‘ ich dir!“ Schweigen.
„Habt’s ia denn kane gscheitn Zeugn, dass ia mich braucht?“
„Du bist so gut, wie jeder andere!“
„Pfff. Joa, is recht…Na, im Ernst…“ Helmuth hielt inne. „I…ich übalegs mia, okay? Ehrlich. Kommst morgn früh wieder vorbei. Ich schlaf a Nacht drüber und morgen komm i mit aufs Revier!“
Carl sah ihn an, als versuchte er, in Helmuths Gesicht zu lesen, ob das sein Ernst war. „Bist du sicher, dass du die Nacht hier verbringen willst?“
Helmuth grinste. „Geh! Mia kennen uns doch kaum. So aner bin i net!“ Er sah Carls vorwurfsvollen Blick und wurde wieder ernst. „Na, im Ernst. Des basst scho! Bloß ka falsches Mitleid!“
Es schien, als wollte Carl etwas erwidern, dann akzeptierte er aber Helmuths Standpunkt. „Wie du meinst. Morgen um elf hol ich dich ab!“ Er stand auf und reichte Helmuth die Hand. Als er einschlug, zog Carl ihn an sich und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Danke, Mann.“
Für eine Sekunde war Helmuth peinlich berührt. Als er jedoch Carl nachsah, wie der hinter den Bäumen verschwand, stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Manchmal fehlte ihm verlässliche Freundschaft einfach.
Es war mitten in der Nacht, als Helmuth von lauten Stimmen geweckt wurde. Er fluchte leise, drehte sich, ohne die Augen zu öffnen, auf der Bank um und deckte sich mit der verrutschten Zeitung zu. Dann hörte er die Schüsse.
Schlagartig setzte Helmuth sich auf. Er wusste sofort, wo der Aufruhr herkam. Leise stand er auf und schlich sich durch den dunklen Park. Bei jedem Schritt fragte er sich, was er da eigentlich tat und trotzdem ging er immer weiter. Der Pavillon lag verlassen da, nur noch ein paar Reste der gelben Absperrbänder erinnerten daran, dass hier vor ein paar Tagen ein Mord stattgefunden hatte. Helmuth hielt den Atem an, als er die Gestalten sah, die sich mit ein paar Taschenlampen einige Meter weiter im Dunkel abplagten.
Offensichtlich stimmte es, dass der Täter immer an den Tatort zurückkehrte. Vielleicht hatten sie etwas verloren und hofften nun, eventuelle Spuren verwischen zu können? Ganz gleich, was hier los war, Helmuth sollte schnellstmöglich hier verschwinden.
Vorsichtig tapste er durch die Büsche zurück. Jeder Schritt kam ihm unendlich laut vor und das trockene Herbstlaub überall machte nichts besser. Hoffentlich bemerkten sie ihn nicht. Als er endlich wieder auf den geschotterten Parkweg trat, atmete Helmuth tief durch. Warum hatte er sich nur in so etwas verwickeln lassen? Seine Finger schlossen sich fester um die Visitenkarte, die er noch immer in der Tasche trug. Er drehte sich kurz um und versuchte, sich zu orientieren.
Dann ging er entschlossen nach links und zur nächsten Telefonzelle. Er musste Carl informieren. Mit zitternden Fingern kramte er das Kleingeld hervor. Immerhin hatte man das in seinem Arbeitsbereich immer zur Hand. Es klingelte. Einmal, zweimal, dreimal. Verdammt, wie tief schlief der Kerl? Vierm- Das fünfte Klingeln hörte Helmuth schon nicht mehr. Die Kugel, die man ihm von hinten durch den Kopf gejagt hatte, war vollkommen lautlos und effizient. Helmuth war tot, bevor er auf dem Boden aufschlug.
Challenge: Suspense - Tatort
Fandom: Soko Donau/Wien
Charaktere: Helmuth Nowak, Carl Ribarski
Wörter: ca. 1700
Titel: Zivilcourage ist eine Tugend
Anmerkung: Helmuth lebt schon seit Ewigkeiten auf der Straße und wird Zeuge eines Verbrechens. Carl versucht, ihn zur Aussage zu überreden, doch wird er darauf eingehen? Nennen wir es mal ein Sandler AU.
Für Anfang Oktober war es schon erschreckend kalt und Helmuth stellte sich auf einen harten Winter ein. Er seufzte. Im Park konnte er dann wohl nicht bleiben, was äußerst ärgerlich war. In den Unterführungen war die Chance von sogenannten Leidensgenossen ausgeraubt zu werden einfach zu groß und in den Bahnhöfen und Einkaufspassagen patrouillierten mittlerweile Tag und Nacht private Hilfssheriffs, die nur allzu gern die Sandler der Stadt zurück nach draußen in die Kälte schickten. In ein, zwei Wochen würde er wohl oder übel versuchen müssen, in einem der Heime unter zu kommen. Mit Grauen dachte Helmuth an die Enge, die deprimierenden Gespräche und die zweifelhafte Gesellschaft. Vielleicht hatte er Glück und konnte irgendwo eine leere Lagerhalle ausfindig machen. Gefährlicher und weniger luxuriös, aber immerhin war er dann für sich selbst verantwortlich.
Den zweiten zu verlassen kam für den alt eingesessenen Wiener jedenfalls nicht infrage. Es war damals keine Option gewesen, als sein Vater und sein älterer Bruder wegen eines schief gegangenen Bruchs festgesetzt worden waren, nicht als seine ewig betrunkene Mutter ihren Job verloren hatte, nicht als Julia Schluss gemacht hatte, nicht als er selbst endlich ausm Häfn raus kommn war. Ein frischer Winter würde ihn jetzt nicht aus seiner Heimat vertreiben!
Helmuth zog sich die Jacke enger um die Schultern, rieb sich die Hände in der Hoffnung, dass die Bewegung ein wenig die Kälte vertreiben würde, und starrte eine Weile in die Ferne auf das hell erleuchtete Riesenrad, das ein wenig Licht in die frühe Abenddämmerung brachte.
Vermutlich sollte er sich neue Handschuhe besorgen. Die alten waren so fadenscheinig, dass sie selbst an den Handflächen nicht mehr wärmten, als an den freiliegenden Fingern. Vorerst jedoch musste der Fusel gegen die Steifheit in den Knochen helfen. Er gab sich ja Mühe, nicht allzu oft, dem Alkohol zu frönen, wirklich. Aber wenn der Sommer zu Ende ging und die Welt ebenso wie die Gedanken grauer wurden, wusste er sich an manchen Abenden nicht anders zu helfen. Wie hatte es nur so weit kommen können?
Um die Grübelei zu stoppen, nahm Helmuth einen tiefen Schluck aus der Flasche und sah zu dem Fremden auf, der sich neben ihn auf die Parkbank gesetzt hatte.
Auch der hatte, ebenso wie Helmuth, schulterlanges Haar, nur war es bei ihm klar, dass es sich dabei um eine modische Entscheidung handelte und bei Helmuth nicht. Er musterte kurz das lässig lederne Outfit und den angedeuteten Dreitagebart des Mannes neben ihm und sah dann weg. Was kümmerten ihn andere Leute, noch dazu so gut bürgerliche?
„Ist es dafür nicht noch ein bisschen früh?“ Höfliche Zurückhaltung gegenüber fremden Leuten war wohl nicht jedermanns Sache. Helmuth zog seinen Jackenärmel zurück und warf einen Blick auf seine nicht vorhandene Armbanduhr. Sarkastisch gab er zurück: „Na geh, sowas! Das wär mer jetzt beinah entfalln. Dank recht schön für den Hinweis, Klugscheißer!“
Der Andere griff wortlos in die Innentasche seiner Lederjacke, zückte seinen Geldbeutel und hielt Helmuth einen Fetzen Papier unter die Nase. Der seufzte. Zum Weglaufen war es jetzt eh zu spät.
„Was wollts denn jetz scho widder von mia?“ Er hatte schon länger keinen Ärger mehr mit der Polizei gehabt und legte eigentlich keinen großen Wert darauf, das zu ändern.
Der Fremde hob beschwichtigend die Hand. „Nur reden! Es gab gestern Abend einen Mord, ein paar hundert Meter von hier. Ich bin übrigens Carl!“ Helmuth sah überrascht auf die Hand, die der Andere ihm hingestreckt hatte.
„Sind denen die Wiener ausganga, dass sie jetz auch Piefkes nehmen?“ Carl sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an, sagte aber nichts und zog auch seine Hand nicht zurück. Helmuth ergriff sie.
„War net so gmant! Helmuth!“ Carl nickte.
„Schon recht. Heute schon Abend gegessen?“
Helmuth schnaubte verächtlich.
„Gut, dann können wir das Gespräch ja an die nächste Pommesbude verlegen!“ Er stand auf, aber Helmuth blieb sitzen. Nach einigen Schritten drehte Carl sich um.
„Na, was is jetzt? Ich hab ne Zehnstundenschicht hinter mir und verhungere so langsam.“ Helmuths erster Impuls war, dem arroganten Arsch ins Gesicht zu sagen, wo er sich seine Pommes hinschieben konnte, doch das Knurren seines Magens erinnerte ihn nur zu gut daran, wie schlecht die letzten Tage gelaufen waren. Stöhnend erhob er sich. Er wurde alt.
Schweigend liefen sie nebeneinander her.
Dankenswerterweise hielt der Piefke Wort und Helmuth konnte nicht verhindern, dass er einige Minuten später seine Currywurst mehr in sich hineinschlang als aß. Man merkte den Hunger immer dann am schlimmsten, wenn man endlich wieder etwas zu Essen in die Finger bekam. Als er sich schließlich die Reste der Soße von den Fingern wischte, sprach Carl ihn wieder an.
„Also, wir haben die Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Dahinten in einem Gebüsch."
Er zeigte grob in Richtung des Riesenrades und fuhr fort: „Angeblich hatte sie Streit mit ihrem Freund. Hast du irgendeinen von den beiden gesehen? Das war letzte Nacht, so zwischen zwölf und zwei."
Noch bevor der andere ihm die Fotos zuschieben konnte, schüttelte Helmuth den Kopf. „Ganz gewiss net."
Carl schien mit einem Mal ungehalten. „Kannst du dir vielleicht wenigstens die Bilder mal anschauen?"
„Unnötig! Um die Uhrzeit kannsd di um den Teil vom Park nua an weitn Bogn machn!"
Nun schien er doch interessiert. „Aha. Und warum, wenn ich fragen darf?"
„Weil da nachts die Russenmafia rumschleicht. Wenn i des richtig seh, gehts da um Drogn. Da würdn mich kane zehn Pferde hinbringa!"
„Drogen? Ganz sicher? Das Mädel war Zahnarzttochter. Privatschule, Villa, der ganze Krempel!"
Helmuth lachte. „Des hast ga nix! Und wenns do umanand gschlichn is, würd i mein Hut drauf verwetten, dass des feine Frollein Tochta sich net nur für die schöne Aussicht interessiert hat."
„Hast du irgendeine Ahnung, wer der Anführer von denen ist?" Offensichtlich hatte die Kripo wirklich noch nicht in diese Richtung ermittelt, was Helmuth bei diesen Pappnasen nicht gerade wunderte. Er zuckte die Schultern.
„Den Namen kenn I net, aber wemma Nachschub braucht, geht ma wohl m besten ins Cafe Zum Stern, hab ich gehört. Gehört irgedso anem Georgier, da kannst dann di richtign Leit kennen lern."
„Würdest du die bei einer Gegenüberstellung wiedererkennen?"
Helmuth zuckte die Achseln. "Wahrscheinlich schon. Nur würd i kane Gegenüberstellung machn. I bin ja net lebensmüd!"
Carl schwieg. Dann griff er wieder nach seinem Geldbeutel. Er steckte Helmuth eine Visitenkarte zu und bemerkte bereits im Gehen. „Wenn dir doch noch was einfällt, du dein Rückgrat wiederfindest oder ich irgendwie helfen kann, sag Bescheid!"
Damit war er verschwunden und Helmuth blieb alleine zurück. Leise fluchend wandte auch er sich um. Was fiel diesem Penner eigentlich ein? Der konnte sich gut daheim verschanzen. Der musste sich ja nicht darum kümmern, sich halbwegs gut mit seiner Nachbarschaft zu stellen.
Drei Tage lang hörte Helmuth gar nichts mehr über irgendwelche Mordfälle. Dann saß Carl wieder neben ihm.
„Habts ia immer noch keine brauchbarn Zeugen?“
„Doch. Einen. Aber der kooperiert nicht.“
Helmuth lachte kurz auf. „Na, des is ja net. Da bringns a unschuldigs Madel um und iagend so a Oarsch is sich zu fein,…“
Carl hatte den Kopf gedreht und sah Helmuth eindringlich an.
„Na. Komm, jetz her auf! Bei mia is des wos andres! Iagend si am Sandler glaubt doch sowieso kann Schwein vor Gericht. Außerdem is mei Smoking grad in der Reinigung!“
Widerwillig grinste Carl. „Den leih‘ ich dir!“ Schweigen.
„Habt’s ia denn kane gscheitn Zeugn, dass ia mich braucht?“
„Du bist so gut, wie jeder andere!“
„Pfff. Joa, is recht…Na, im Ernst…“ Helmuth hielt inne. „I…ich übalegs mia, okay? Ehrlich. Kommst morgn früh wieder vorbei. Ich schlaf a Nacht drüber und morgen komm i mit aufs Revier!“
Carl sah ihn an, als versuchte er, in Helmuths Gesicht zu lesen, ob das sein Ernst war. „Bist du sicher, dass du die Nacht hier verbringen willst?“
Helmuth grinste. „Geh! Mia kennen uns doch kaum. So aner bin i net!“ Er sah Carls vorwurfsvollen Blick und wurde wieder ernst. „Na, im Ernst. Des basst scho! Bloß ka falsches Mitleid!“
Es schien, als wollte Carl etwas erwidern, dann akzeptierte er aber Helmuths Standpunkt. „Wie du meinst. Morgen um elf hol ich dich ab!“ Er stand auf und reichte Helmuth die Hand. Als er einschlug, zog Carl ihn an sich und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Danke, Mann.“
Für eine Sekunde war Helmuth peinlich berührt. Als er jedoch Carl nachsah, wie der hinter den Bäumen verschwand, stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Manchmal fehlte ihm verlässliche Freundschaft einfach.
Es war mitten in der Nacht, als Helmuth von lauten Stimmen geweckt wurde. Er fluchte leise, drehte sich, ohne die Augen zu öffnen, auf der Bank um und deckte sich mit der verrutschten Zeitung zu. Dann hörte er die Schüsse.
Schlagartig setzte Helmuth sich auf. Er wusste sofort, wo der Aufruhr herkam. Leise stand er auf und schlich sich durch den dunklen Park. Bei jedem Schritt fragte er sich, was er da eigentlich tat und trotzdem ging er immer weiter. Der Pavillon lag verlassen da, nur noch ein paar Reste der gelben Absperrbänder erinnerten daran, dass hier vor ein paar Tagen ein Mord stattgefunden hatte. Helmuth hielt den Atem an, als er die Gestalten sah, die sich mit ein paar Taschenlampen einige Meter weiter im Dunkel abplagten.
Offensichtlich stimmte es, dass der Täter immer an den Tatort zurückkehrte. Vielleicht hatten sie etwas verloren und hofften nun, eventuelle Spuren verwischen zu können? Ganz gleich, was hier los war, Helmuth sollte schnellstmöglich hier verschwinden.
Vorsichtig tapste er durch die Büsche zurück. Jeder Schritt kam ihm unendlich laut vor und das trockene Herbstlaub überall machte nichts besser. Hoffentlich bemerkten sie ihn nicht. Als er endlich wieder auf den geschotterten Parkweg trat, atmete Helmuth tief durch. Warum hatte er sich nur in so etwas verwickeln lassen? Seine Finger schlossen sich fester um die Visitenkarte, die er noch immer in der Tasche trug. Er drehte sich kurz um und versuchte, sich zu orientieren.
Dann ging er entschlossen nach links und zur nächsten Telefonzelle. Er musste Carl informieren. Mit zitternden Fingern kramte er das Kleingeld hervor. Immerhin hatte man das in seinem Arbeitsbereich immer zur Hand. Es klingelte. Einmal, zweimal, dreimal. Verdammt, wie tief schlief der Kerl? Vierm- Das fünfte Klingeln hörte Helmuth schon nicht mehr. Die Kugel, die man ihm von hinten durch den Kopf gejagt hatte, war vollkommen lautlos und effizient. Helmuth war tot, bevor er auf dem Boden aufschlug.
no subject
Date: 2014-07-19 01:16 pm (UTC)Sagt man in Österreich Sandler statt Berber?