[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Erato
Challenge: Angst - Trennungsangst/Trennung (für mich)
Fandom: Teen Wolf
Personen: Stiles, Erwähnung von so ziemlich allen anderen
Warnungen: dark, Erwähnung von expliziter Gewalt, düstere Dystopie-AU
Wörter: ~1.400
Anmerkung: Fortsetzung hiervon. Je nachdem, was die Umsetzung so sagt, kommen da wahrscheinlich noch zwei-drei weitere Teile. Und ja, es wird auf Sciles hinauslaufen. Etwas anderes kann ich derzeit gar nicht.

Misses Golding hat eine Frisur, die aussieht wie Beton. Stiles kann sich nicht helfen, bei jeder Sitzung diesen Vergleich zu ziehen. Ihre grauen Haare haften perfekt in dieser alte-Damen-Aufmachung zusammen und passen zu ihrer goldenen Kette und den Oma-Ohrsteckern, in deren Mitte eine falsche Perle eingefasst ist.
Es ist nicht einmal so, dass er Misses Golding nicht leiden kann. In einer besseren Welt wäre sie eine ganz normale alte Dame, die jeden Mittwoch Abend zum Bingospielen gehen und den Zeitungsjungen Kekse backen würde.

Sie sitzt hinter dem schlecht verarbeiteten, wackligen Schreibtisch und schaut unglücklich auf Stiles' blutig gescheuerte und nun verschorfte Handgelenke. Fünf Tage Einzelhaft ohne Licht mit Etappen dazwischen, in denen man ihn stundenlang angeschrien und getreten hat, waren nicht gerade die Erholung, die ihn auf die Sitzung heute vorbereiteten.
„Ich habe nichts zu sagen“, murmelt er und versucht den Schwindel wegzublinzeln, der ihn dazu bringen möchte, im Stuhl vorne überzukippen.
„Nichts Neues.“

„Wieso machen Sie es sich so schwer, Mister Stilinski?“, fragt Misses Golding und für einige Sekunden fragt Stiles sich genau dasselbe.
„Sie sind doch eigentlich kein so schwerer Fall wie manch andere hier. Alles, was Sie tun müssen, ist sich für die richtige Seite zu entscheiden.“

„Psychologische Betreuung“ nennt man es offiziell im B-Lager. Die Insassen nennen es Gehirnwäsche. Weil sich die neue Regierung nach dem Backlash gnädigerweise dazu entschlossen hat, dass Gottes Gnade es zulässt, dass die Tatsache, dass man dasselbe Geschlecht liebt, dass man ein anderes Geschlecht hat als das, mit dem man geboren wurde, heilbar sein kann. Er hat es an genügend Mithäftlingen gesehen. Die emotionalen Strapazen, die sie irgendwann gebrochen haben, bis sie weinend beim Duschen, beim Essen, in der „Betreuung“ zusammengesunken sind und unter Tränen beteuerten, geheilt zu sein.
Wer das sagt, wird mit zweifelhaften Methoden getestet und, sofern man die Tester überzeugen kann, auf Probe entlassen.

Zwei Wochen nach dem Gespräch mit Misses Golding bricht Caitlin zusammen. Es ist kurz nach dem Mittagessen während des Freigangs, als sie zu Stiles, der wie immer am Zaun in Blickrichtung zum A-Lager steht (nur, dass es es nicht mehr viel zu sehen gibt, weil sie nach der Sache mit Scott einen Sichtschutz errichtet haben), kommt und ihm unangekündigt einen tiefen Kuss aufdrückt.

„Wir können sagen, dass wir uns ineinander verliebt haben“, fleht sie ihn unter Tränen an. Ihre Hände fassen so fest nach seinen, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortreten.
„Wir haben Glück, Stiles, uns glauben sie doch! Wir haben Glück!“

Stiles denkt bitter daran, dass Menschen wie Caitlin und er vor dem Backlash dafür gekämpft haben, nicht unsichtbar zu sein, nicht einfach in hetero oder homo eingeteilt zu werden und er hält die schluchzende Frau lange in seinen Armen, beteuert flüsternd, dass er ihre Bitte nicht erfüllen kann.

Drei Tage und mehrere „Tests“ später darf sie nach Hause gehen.




Nicht die Folter und das Eingesperrtsein sind das schlimmste an der Inhaftierung. Es ist das Alleinsein. Das lehrt Stiles Caitlins Verschwinden bald. Die meisten Männer meiden ihn, weil sie keinen Ärger wollen. Weil er im gesamten Lager inzwischen als der Unruhestifter schlechthin verschrien ist, kann er es verstehen. Er versucht, sich mit einigen Frauen und Mädchen anzufreunden, doch auch das klappt nur bedingt.
Sein Auftritt am Zaun, seine offensichtliche Allianz mit den Insassen vom A-Lager hat ihm unehrenhafte Berühmtheit eingebracht.

Er vermisst.

Oh, wie er vermisst. Er schlägt sich die Nächte um die Ohren, in denen er von der Vergangenheit wachträumt. Von Zeiten, in denen seine größten Probleme darin bestanden, Lacrosse-Spiele zu gewinnen, es irgendwie auf Lydias Radar zu schaffen und Scotts neugeborenen inneren Wolf zu bändigen.
Wenn er schläft, sieht er Scott mit blutigen Händen und flackernden Augen vor sich knien, versucht ihn zu fassen und in seine Arme zu ziehen, aber die Bilder verschwimmen jedesmal.
Er wacht schluchzend auf und in seinem Kopf hämmern die Worte seines alten und inzwischen toten Chemielehrers Mister Harris:
„Ich denke, Sie und Mister McCall würden von einer gewissen Distanz nur profitieren.“

Natürlich könnte er lügen, denkt Stiles.
Er ist Weltmeister im Täuschen und könnte wahrscheinlich sogar einem Lügendetektor glaubhaft machen, dass er Männer nicht ansatzweise anziehend findet. Er könnte womöglich innerhalb weniger Stunden aus dem Lager marschieren.

Doch er bringt es nicht über sich.
Der Gedanke, noch weiter von Lydia, Malia und den anderen entfernt zu sein, macht ihn wahnsinnig. Der Gedanke, noch weiter getrennt von Scott zu sein, bereitet ihm physischen Schmerz. Hier kann er sich mittags an den Zaun stellen und am Gitter auf- und absprinten, bis sein Herz vor Anstrengung hart gegen seinen Brustkorb wummert, und hoffen, dass Scott es hört.

„Junge“, sagt sein Vater besorgt, der ihn zum ersten Mal seitdem Stiles im B-Lager ist, besuchen darf. Seine Haare sind inzwischen alle grau, seine Augen liegen tief in den Höhlen und sehen noch kleiner aus als sonst.
„Du hilfst niemandem, wenn du hier drin bist.“
Zwischen ihnen ist eine Scheibe aus Panzerglas und ein kleines Loch, durch das man sprechen kann, und Stiles fühlt sich daran zerbrechen, dass er seinen Vater nicht in den Arm nehmen kann.
Das hier ist nicht seine Welt. Das hier hat er nicht bestellt.

„Ich kann nicht“, sagt er und fühlt seine Stimme schwinden.
„Ich kann Scott nicht allein lassen.“
Und mehr muss er nicht sagen, um seinen Vater verstehen zu lassen, was das eigentliche Problem ist. Er ist ein Lügner mit zu vielen Gefühlen.

Sein Vater schaut ihn lange aus seinen traurigen, wasserblauen Augen an, fährt sich mit den Händen über sein Gesicht.
„Stiles“, sagt er leise.
„Scott ist allein.“




An diesem Nachmittag sitzt Stiles mit rotgeweinten Augen vor Misses Goldings Betonfrisur und schluchzt, wie sehr er seinen Dad vermisst, dass er sich entschieden hat, dass er natürlich nur Frauen liebt, dass er immer zu viel Aufmerksamkeit wollte, dass er doch nur besonders sein wollte, dass er nach Hause möchte.
Er lässt die Worte wie Platzregen von seinen Lippen fallen, bedient sich aller ignoranten Abscheulichkeiten, die ihm biphobe Menschen je entgegengeschleudert haben, verwandelt ihre Spitzen in Waffen und Lügen. Echt sind nur die Tränen, weil er Scott nicht helfen kann.


Wie dumm er war, denkt Stiles, als sie ihm drei Tests und zwei Tage später erlauben, sich das weiße T-Shirt, die Jeans und das grün karierte Hemd anzuziehen – die Kleidung, in der sie ihn hierher geschleppt haben – ihm einen Stempel in seine Papiere drücken („temporär entlassen“) und sein Vater vor den Toren des B-Lagers im aufgewirbelten Wüstensand auf ihn wartet.

Es ist Krieg und er hat Scott allein gelassen.

Der Trennungsschmerz zerrt an seiner Brust, als Stiles im Auto sitzt und sich immer weiter von den Lagern entfernt. Er ist nur ein Mensch, und doch schreit der Instinkt, seinen Alpha zu beschützen, mit jedem Kilometer lauter in ihm.

„Glaub mir, es ist besser so“, sagt sein Vater in das lange Schweigen hinein, kurz nachdem sie die Ausweiskontrolle an der Grenze zu Kalifornien passiert haben. Und Stiles ist müde, viel zu müde, um ihn für diese scheußliche Plattitüde anzuschreien.
Irgendwann schläft er erschöpft auf dem Beifahrersitz ein und träumt von Scotts krallenlosen Händen, von Lydias spitzen Schreien, von Malias blau leuchtenden Augen, von Isaac, von Kira, von Derek.

Schweigend liegt das Stilinski-Haus vor ihnen in einem Licht, das ihm vorgaukelt, dass alles noch immer wie früher war. Es trägt dieselben Kratzer im Putz, knarrt und quietscht an denselben Stellen und Türscharnieren. Stiles betritt sein Zimmer und hat sofort das Gefühl, zu ersticken.
Er lässt seinen halbvollen Rucksack, in dem nur Reiseproviant und sein Handy sind, auf den Boden sacken.

Es ist die einzigartige Präsenz auf seinem Bett, die ihn davon abhalten, schreiend mit den Fäusten gegen die nächste Wand zu hämmern.

Sein Herz hüpft, als sei es aus einem langen Traum aufgewacht.

„Sag mir, dass du echt bist“, presst er hervor. Die Worte fühlen sich verdorrt zwischen seinen Lippen an.

Oh, er war viel zu lange weggeschlossen. Sie haben ihm offenbar zu oft auf den Schädel geschlagen. Sie haben ihm zu oft Stromschläge verpasst.
Denn mit einem Mal versteht er das Verhalten und die leeren Worthülsen seines Vaters.
Natürlich. Ja, natürlich.

„Ich bin echt“, entgegnet Allison und steht langsam vom Bett auf.

Sie gibt keinen Laut von sich, als Stiles sie in seine Arme zieht. Alles an ihr ist Schweigen und stoische Erschöpfung.

(To be continued)

Date: 2014-07-06 03:15 pm (UTC)
From: [identity profile] peterhforalpha.livejournal.com
Das war zwar nicht viel besser als der letzte Teil, aber ich liebe es dennoch und ich will definitiv mehr davon lesen.
Ich hätte heulen können, als Caitlin zusammen gebrochen ist, wirklich!
Oh man, ist das eine fiese und eklige Welt, in der das ganze spielt.
Trotzdem will ich mehr.
Und vielen, vielen Dank für dieses Ende. Zumindest eine schöne Sache zum Schluss. Zumindest haben sich Stiles und Allison wieder :)

Date: 2014-07-07 05:34 pm (UTC)
luinaldawen: (Default)
From: [personal profile] luinaldawen
Du bist grausam und genau dafür liebe ich so! ;_; Armer Stiles... Hach, Scott... Was tust du ihnen allen nur an? So eine Welt will ich mir gar nicht vorstellen, aber das erschreckende ist, dass es nicht mal sooo weit von der Realität weg ist.
Aber... ganzganz viel Liebe für Allison! ;_; Was ist bei ihr bloß passiert? Und die Szene mit Stiles und seinem Dad... ich habe mich gerade gefragt, wie der Sheriff damit klarkommt, dann kommt sowas!
Schreib weiter! Schnell!

Date: 2014-07-07 05:40 pm (UTC)
ext_184151: (Master)
From: [identity profile] nyx-chan.livejournal.com
*dreckiges Lachen aus dem Off mit kurzen Unterbrechungen für tiefe Schluzer*
Krieg, Krieg, gib uns Krieg! UND OH DANKE FÜR ALLISON! <3<3<3 Ich will Avenger!Stiles/Allison-Bromance *-*
Yeah~ Wir haben dich im WiP-Sog - muahahahaaa!

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