[identity profile] turwaith.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten

Team: Kalliope
Challenge: Hurt/Comfort – mentale Erschöpfung

Titel: Es war einmal...
Fandom: Historische Personen, Literaturwissenschaft
Charaktere: Jacob/Wilhelm Grimm

Wörter: 1256

Warnung: unerwiderte Liebe/angedeuteter Inzest
Anmerkungen: Und für diese Geschichte habe ich mir einen speziellen Platz in der Hölle verdient. Dass die Gebrüder Grimm eine sehr innige Beziehung zueinander pflegten, ist hinreichend bekannt. Was jedoch niemand ahnt – während Wilhelm einfach nur die Nähe zu seinem älteren Bruder genießt, empfindet dieser mehr für ihn, als gut für ihn wäre. Nichts explizites, nur sehr viel hurt gepaart mit angst.



Es war spät in der Nacht, als Jacob von dem Geräusch leiser Schritte auf dem Gang geweckt wurde, obgleich sich jemand Mühe gab, so leise wie möglich zu sein. Wenig später öffnete sich die Tür und ein fahler Lichtstrahl erhellte den kleinen Raum, in dem er schlief, gab den Blick frei auf die Gestalt, die allmählich näher kam und an seinem Bett stehen blieb.

Jacob?“

Er musste nicht einmal die Augen öffnen um zu wissen, wer vor ihm stand.

Jacob, bist du wach?“

Der Ältere der Grimms setzte sich halb auf und nickte leicht. „Jetzt schon“, sagte er, halb im Vorwurf, halb im Scherz, bevor sich ein sanftes Lächeln auf seine Lippen schlich. Er hatte Wilhelm noch nie einen Wunsch abschlagen können und lange böse konnte er ihm ebenfalls nie sein. „Hattest du wieder einen Alptraum?“ Schon als Kinder war Wilhelm der kränklichere von beiden gewesen, den häufiger einmal Fieberträume plagten, aus denen er schweißgebadet erwachte. Sie hatten sich als Knaben lange Jahre ein Bett geteilt, weshalb Jacob derjenige war, der seinen kleinen Bruder dann immer sanft in seine Arme gezogen und beruhigt hatte. Nun waren Sie älter, sie waren keine Kinder mehr. Und dennoch – Wilhelm stand im Halbdunkeln vor ihm, die Arme vor seiner eigenen Brust verschränkt und den Blick aus verschlafenen Augen auf ihn gerichtet. „Darf ich... zu dir kommen?“

Jacob schluckte hart. Es hatte seine Gründe, wieso er förmlich in sein Studium geflohen war, warum er versucht hatte, sich von Wilhelm zu distanzieren, auch wenn es ihm schier das Herz gebrochen hatte. Doch Wilhelm hatte es sich zum Ziel gemacht, seinem Bruder zu folgen, bis ans Ende der Welt, wenn nötig. Je mehr Jacob versuchte, ihm zu entkommen, desto mehr wurden sie zueinander hingezogen und er konnte nicht von ihm lassen. Er wollte ihn noch immer beschützen und aus der Ferne über ihn wachen, während Wilhelm das bestmögliche aus seinem Leben machte. Dass sie noch immer zusammenlebten, hatte die Gesellschaft schon mehr als einmal vor den Kopf gestoßen, man tat es jedoch als die Eigenart der beiden Brüder ab und nannte sie meist auch in einem Atemzug. Selten war von Jacob und Wilhelm Grimm die Rede, meist waren Sie nur „Die Gebrüder Grimm“.

Er nickte schwach und rückte zur Seite, um seine Bettdecke aufzuschlagen und ihn hinein zu lassen. Wilhelm kletterte ohne ein weiteres Wort zu ihm und Jacob breitete die Decke über ihn, wenig später spürte er, wie ein schlanker Arm sich um seine Körpermitte legte und ihn an sich zog. Wilhelm bettete seinen Kopf auf Jacobs Schulter und schloss mit einem erleichterten Seufzen die Augen. „Danke...“, raunte er nahe an seinem Ohr, bevor nur noch die gleichmäßigen Atemzüge des Schlafenden zu vernehmen waren. Für Jacob jedoch wurde diese Nacht zu einer Höllenqual. Sie waren keine Kinder mehr, für die eine solche Geste etwas völlig normales war. Er wusste, wie sehr Wilhelm ihn schätzte und dass er niemals vorhatte, mit seinem älteren Bruder zu brechen, doch er wusste auch, dass seine Gefühle anderer Natur waren als seine eigenen. Dem Mann, den er mehr als alles andere auf der Welt liebte, so nahe zu sein, raubte ihm beinahe den Verstand. Er spürte, wie sich all jene verdrängten Gefühle an einer Stelle seines Körpers zu sammeln begannen und er hatte alle Mühe, sein Becken so weit wie möglich von Wilhelm wegzudrehen, sodass dieser am Ende nicht doch etwas bemerken würde. Er spürte Wilhelms Nähe, dessen heißer Atem auf seiner Haut, die niedlichen Locken, welchen ihn bei jeder Bewegung seines Bruder kitzelten. Jacob beugte sich vor und hauchte einen kurzen, aber innigen Kuss auf Wilhelms Stirn, nein, er durfte ihn niemals wissen lassen, welche Gefühle er in ihm erweckte. Er hasste sich selbst für das, was er ihnen beiden antat, seine Gefühle für Wilhelm waren falsch, wider jeder Natur und doch fühlten sie sich so richtig an. Jene Nacht schlief Jacob kaum und als er endlich doch die Augen schloss, waren bereits die Vögel draußen zu hören und die ersten Sonnenstrahlen fielen durch die Spalten der Holzläden in sein Zimmer.

Im Schutz der Dunkelheit machte sich eine Gestalt auf in eine weniger freundliche Ecke der Stadt. Er hatte einen langen, schwarzen Mantel übergeworfen, der Kragen war gegen den Wind aufgestellt und ein schwarzer Dreispitz war tief in sein Gesicht gezogen, sodass man ihn im Halbdunkeln nur schwerlich hätte erkennen können. Unruhig sah er über seinen Schultern, ob auch niemand ihm gefolgt war, bevor er in einem der Häuser verschwand, in welchen noch Licht brannte. Das Innere zeigte schon auf den ersten Blick recht deutlich, in welcher Art Etablissement er sich befand. Eine Dirne mit schmutzigem blonden Haar kam auf ihn zu, ihr Mieder war so eng geschnürt, dass man nur schwer über ihre Oberweite hinwegsehen konnte und auch der Rock zeigte mehr als er verbarg. Sie kam auf ihn zu und zog ihn am Kragen näher zu sich.

Guten Abend, schöner Mann. Für fünf Gulden gehöre ich euch“, gurrte sie auf verführerische Weise und ließ ihre Finger über seinen Gehrock hinab in seinen Schritt wandern. Jacob jedoch schob sie unwirsch zur Seite und schüttelte den Kopf. „Habt dank, aber ich suche nach Konrad, könnt Ihr mir sagen, wo er sich befindet?“ Die junge Frau verrollte die Augen und seufzte tief. „Wieso müssen es immer die hübschen jungen Männer sein?“, fragte sie und deutete den Gang entlang zu einer Treppe. „Er ist oben, zweite Tür links.“

Jacob griff in seine Tasche und holte einen Gulden heraus, den er ihr wortlos zu schnippte, bevor er seinen Weg nach oben fortsetzte und an der Tür des Zimmers klopfte, in welchem er Konrad vermutete. Der junge Mann, der öffnete, war eine Augenweide. Er hatte kurze, hübsche Locken, strahlende wache Augen... und er war das Ebenbild seines kleinen Bruders, Wilhelm Grimms. Der junge Mann lächelte, als er erkannte, wer ihn mit einem Besuch beehrte. „Jacob! Was kann ich für dich tun?“ Jacob blieb einen Moment mit klopfendem Herzen vor jener Tür stehen und musterte Konrad mit einem Blick wie ein Ertrinkender das rettende Land. Jene Nacht, mit Wilhelm an seiner Seite, hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen, hatte ihn mit einer Sehnsucht zurückzulassen, mit der alleine er nicht fähig war, zurecht zu kommen. Heute brauchte er mehr, brauchte er jemanden, an dessen Schulter er sich anlehnen konnte und das war eine Bürde, die er Wilhelm nicht aufladen konnte. Er war mental völlig am Ende, die Mischung aus Erschöpfung und unerfüllter Liebe, welcher er niemals würde nachgeben können, hatten ihn zermürbt.

Nach einer Weile des Schweigens fragte er mit rauer Stimme. „Was kostet die ganze Nacht?“ Konrad schenkte ihm ein amüsiertes Lächeln und ergriff Jacobs Hut, um ihm diesen abzunehmen und ihn am Kragen näher zu sich zu ziehen. „Was bist du bereit, mir zu bieten?“, fragte er verführerisch und leckte sich anzüglich über die Lippen. Jacob zog einen kleinen Lederbeutel aus der Tasche und reichte ihn Konrad, dieser öffnete ihn und sichtete den Inhalt, bevor er ihn mit einem zufriedenen Nicken wegsteckte. „Dafür, mein Lieber, bekommst du noch so einiges mehr als nur eine Nacht“, raunte er und zog Jacob in das Zimmer hinein, seine Lippen verschlossen Jacobs mit seinen eigenen in einem innigen, sehr geschickten Kuss. Jacob seufzte ergeben und schloss die Augen, endlich konnte er sich fallen lassen und zog den Jüngeren in seine Arme, um ihn an seinen Leib zu drücken. „Konrad...“, keuchte er leise, als er dessen Hand in tieferen Regionen spürte. Konrad schüttelte den Kopf und leckte über Jacobs volle Lippen.

Wilhelm“, sagte er, „heute Nacht bin ich Wilhelm.“

Date: 2014-07-02 06:23 pm (UTC)
From: [identity profile] tsutsumi.livejournal.com
Huhu =) Ich freue mich über deine ersten Beiträge!
Ich habe dir gerade deinen Autoren-tag erstellt und würde dich bitten, deine Einträge auch alle damit zu taggen zusätzlich zum Fandom (bzw. mit "original", wenn du Originals schreibst) und zum Team. Auf diese Weise kann jeder, der gezielt deine Posts lesen möchte, diese wiederfinden. :)

Ich tagge dir hier schon mal deinen Autoren-tag nach. :)

Date: 2014-07-02 06:48 pm (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
Die Brüder wären vermutlich schockiert ... aber der Gedanke ist nicht völlig abwegig *hust*

Date: 2014-07-03 03:40 pm (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
Und Wilhelm heiratet, nachdem die Schwester gestorben ist, die ihnen den Haushalt geführt hat - als hätten sie gelost, wer jetzt für Ersatz sorgen muß ;) Nein, im Ernst, daß die beiden den gemeinsamen Haushalt auch nach Wilhelms Eheschließung beibehalten, finde ich schon etwas ungewöhnlich.

Date: 2014-07-02 08:31 pm (UTC)
From: [identity profile] mrsmoriarty.livejournal.com
Du...kriegst deinen eigenen Kreis in der Hölle:-) Aber ich mag das angstige Setting<3 Der arme Kerl...Und dafür, dass es Inzest-belastet ist, bist du wirklich noch stilvoll damit umgegangen, was ich super finde!

Date: 2014-07-05 08:41 am (UTC)
From: [identity profile] freaky-nea.livejournal.com
Oh! Wie unerwartet und toll! Hach, Brüder! Meine Schwachstelle!
(deleted comment)

Date: 2014-07-07 07:22 pm (UTC)
From: [identity profile] nadjeschda.livejournal.com
Ach, dein Platz in der Hölle, den du bekommen wirst, ist sicherlich kuschelig warm :D

Außerdem werde ich bei dir sitzen, denn ich fand die Geschichte echt gut. Ich habe eine Schwäche für diesen unerwiderte-Liebe-ich-suche-Nähe-bei-nem-Platzhalter-Zeug. Das sorgt dafür, dass das Messer in der Brust erst richtig einrastet :D

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