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Autor: Jenchan
Challenge: Auf dünnem Eis/Glatteis
Titel: Winterglück
Fandom: Original
Charaktere: Tobias Meinfeld
Wörter: ~1790
Warnings: unbetaed, unkorrigiert

Kommentar: Das hier ist ein neuer Charakter, an dem ich arbeite. Er hakt halt noch an allen Ecken und Enden, aber es macht unglaublichen Spaß, an ihm zu schleifen. Das ist der erste Versuch, tatsächlich etwas zu ihm zu schreiben.

Winterglück

Es war ein unglaublich frostiger Winter. Die Temperaturen lagen seit Wochen bei knapp minuse zehn grad und die Straßen, Felder und Wälder waren mit einer weißen Schneedecke benetzt. In der Stadt waren das Klima nicht so extrem, wobei Tobias durchaus wusste, dass es frostiger auch noch ging. Er wäre zu gerne mal an einen der Pole gereist. Ins ewige Eis.
Er wäre ja sogar zufrieden gewesen mit einer Eishöhle oder einem Gletscher. Aber das war nie für ihn vorgesehen gewesen. Seit er denken konnte wurde er von der Behörde beobachtet und kontrolliert. Er hatte nie genau verstanden, warum.
Man hatte es ihm nie gesagt.
Seit er sich erinnern konnte, waren die Kontrollorgane der Behörde bei ihnen ein und aus gegangen. Er hatte anfangs sogar Privatunterricht erhalten.
Der einzige Grund: Er war ein Begabter.
So wurden von der Welt diejenigen genannt, die besondere Fähigkeiten besaßen. Fähigkeiten, die sonst kein normaler Mensch beherrschte. Die einen konnten Dinge bewegen, ohne sie zu berühren, andere hatten ein Gehör, dass sogar Ultraschallwellen erfassen konnten. Wieder andere konnten mit dem Wind spielen.
Er konnte Schneemänner bauen. Und hatte das in seiner Kindheit sogar sehr oft tun müssen. Er konnte sie in jeder Form und größe produzieren und egal zu welcher Jahreszeit.
Tobias war sich bis heute nicht sicher, warum er ausgerechnet Schneemänner machen musste, aber es hatte ihm zumindest beigebracht, mit seiner Begabung umzugehen. Allerdings durfte er sie nicht verwenden. Nicht in der Öffentlichkeit und am besten überhaupt nicht.
Er wurde streng überwacht und genauso restriktiv war seine Erziehung gewesen. Er musste sich bedeckt halten, niemand durfte erfahren, dass er ein Begabter war und schon gar nicht, welche Begabung er hatte. Mit so etwas prahlte man nicht.
Abgesehen davon hatte er während seiner Gymnasialzeit und auch während des Studiums öfters mitbekommen, was passierte, wenn normale Menschen erfuhren, dass man begabt war.
Die gängige Meinung war nämlich ohnehin, dass man sie wegsperren sollte. Alle. Ohne Ausnahme.
Er war froh, dass die Gesetze nicht so lagen und er ein richtiges Leben führen konnte.

Tobias ließ seinen Blick schweifen. Im Frühjahr war er hergezogen. Die Behörde hatte befunden, dass er in der großen Fleischverarbeitungsfabrik am besten aufgehoben war, und hatten ihm dort eine Stelle organisiert. Er hatte die Entscheidung hingenommen, seine Sachen gepackt und hatte die Stadt verlassen, um am Land sein Arbeitsleben zu beginnen.
Sein Traumberuf war es allerdings bei weitem nicht. Er konnte sich wirklich besseres vorstellen, als tagtäglich in der kalten Fabrik tote Tiere zu zerlegen. Es war eine anstrengende und frustrierende Arbeit und er hatte im letzten Jahr festgestellt, dass auch sein Appetit nach Fleisch sehr nachgelassen hatte. Nicht, dass es für einen erwachsenen Menschen besonders wichtig war, Fleisch zu sich zu nehmen. Aber er hatte bestimmte Fleischgerichte doch sehr gerne gegessen.
Aber es war nicht alles schlecht. Seine Kollegen waren nett und er hatte auch so recht schnell in der Gemeinde Anschluss gefunden. Natürlich wusste niemand, dass er ein Begabter war und er hatte auch vor, dass es so blieb. Schon allein deshalb blieb er manchmal einfach nur für sich und brachte sich in Gesprächsrunden nur selten ein. Er teilte seine Meinung nicht gerne mit anderen. Das konnte teilweise sehr unangenehm sein. Stattdessen hatte er sich irgendwann die Erlaubnis geholt, das Bauernhofgelände nach Lust und Laune betreten zu dürfen. Das waren die angrenzenden Felder und Koppeln zum Fabriksgelände.
Er persönlich fand es ja doch etwas Makaber, dass die Tiere, die sie verarbeiteten, direkte Nachbarn waren. Aber natürlich sagte er das nicht. Es ging niemanden etwas an, was er dachte.
Für den heutigen recht trüben und für ihn freien Tag hatte er sich einen langen ausgibigen Spaziergang vorgenommen. Er wollte sich ein bisschen gehen lassen. Ein paar Schneemänner tief im Wald bauen.
Wahrscheinlich hatten die Beobachter nichts dagegen. Denen würde einfach nur kalt werden, weil ihn persönlich störte diese Eiseskälte ganz und gar nicht. Das hieß, er würde den ganzen Tag draußen verbringen und er konnte nur für die Beamten hoffen, dass sie das auch taten.
So setzte er sich wieder in Bewegung und brach Richtung Wald auf. Natürlich war die Forststraße nicht geräumt, aber ihn störte das nicht. Ein kleiner Trampelpfad entstand direkt vor seinen Füßen und netterweise ließ er ihn auch für die Beobachter offen. Er hätte ihn zu gerne ein paar Hindernisse in den Weg gelegt, aber er wusste auch, dass der Schuss schnell nach hinten losgehen konnte. Er wollte sich nicht mit den Regierungsbeamten anlegen, sondern viel lieber seinen freien Tag genießen.
Als er tief genug im Wald war - er war irgendwann bewusst vom Weg abgewichen, damit seine Schneemänner nicht gefunden wurden. Oh er freute sich schon so sehr darauf, wieder etwas seine Begabung rauszulassen. Im Winter war es nicht verwunderlich, wenn man an allen Ecken und Enden Schneemänner fand.
Er brauchte nur einfach nicht so lange, sie zu bauen.

Tobi suchte sich eine hübsche Stelle, lockerte ein wenig seine Finger und schloss dann die Augen. Die meiste Zeit war er unglaublich angespannt, aber mit einem tiefen Durchatmen ließ er nun etwas von dieser Spannung fallen. Er machte ein paar wischende Bewegungen und grinste. Oh ja, es fühlte sich gut an, endlich wieder etwas seine kribbelnde Fingerspitzen zu beschäftigen.
Erst war er nach ein wenig vorsichtig und stellte nur einen kleinen Schneemann auf. Aber das reichte ihm einfach nicht. Das war einfach zu langweilig. Das hatte er schon mit fünf Jahren beherrscht.
Er brauchte etwas fordernderes.
Und da begann seine Fantansie mit ihm durchzugehen.
Der Platz war begrenzt, aber das hinderte Tobias kein bisschen daran, sich einen kleinen Spaß zu erlauben. Er ließ eine Bahn aus blanken Glatteis durch die Bäume seiner Umgebung schlängeln. Am Ende dieses kugelbahnähnlichen Gebildes hatte er eine Rampe entstehen lassen und schickte nun den ersten Schneemann auf die Reise. Er hatte natürlich mit einem Schubs aus eisigem Wind nachgeholfen und beobachtete verzückt, wie der Schneemann zwischen den Bäumen durchraste und am Ende hoch in die Luft geschleudert wurde.
Dann machte es 'ploff' und der Schneemann verpuffte in er Wolke und wurde wieder Teil von dem Tiefschnee, der rund um Tobias den Waldboden bedeckte. Das war herrlich!
Er sah sich um und wollte sehen, ob es die Beobachter auch gesehen hatte, aber wie immer waren die nicht wirklich zum Entdecken. Mitunter waren sie ihm auch gar nicht gefolgt?
Innerlich schüttelte Tobias den Kopf. Die Typen waren IMMER da. IMMER. Ohne Ausnahme. Er sollte sich gar keine Hoffnungen machen, dass er sich richtig auslassen konnte.
Aber es hinderte ihn nicht daran, weitere Schneemänner die Eisbahn hinabzuschicken und schließlich noch eine zweite Bahn zu bauen. Die endete direkt gegenüber von der anderen Rampe und er schickte zwei Schneemänner gleichzeitig auf die Reise.
Sie trafen sich in der Luft und zerstoben in weißen Pulverschnee, der langsam zu Boden flockte. Herrlich! Wirklich ausgezeichnet!
Er spürte, wie der Wind etwas auffrischte und grinste dem schlechten Wetter entgegen. Sollte doch der Schneesturm auftauchen, ihn kratzte das wenig. Er würde noch weiter Schneemänner in ihren sicheren Tod schicken und sich an dem Anblick ergötzen, wie sie in der Luft explodierten.
Er machte dieses sinnlose und ein paar weitere noch sinnlosere Spiele bis der Tag ein Ende fand. Er merkte, dass es immer dunkler wurde und er letztlich kaum mehr etwas erkennen konnte. Erst da trat er seine Heimreise an.

Der Schnee stob mit dicken Flocken vom Himmel, als Tobias aus dem Badezimmer kam und sich die Haare mit einem flauschigen Handtuch trockenrubbelte. Die Beamten hatte ihn nicht aufgehalten, also nahm er an, dass sie ihm seine Spielerei verziehen. Sie konnten doch schließlich nicht erwarten, dass die Begabten ihre Fähigkeiten nie benutzen würden.
Selbst in seiner Arbeit war es manchmal ein wirklich angenehmes Plus, das er besaß. Zum einen störte es ihn überhaupt nicht, wenn er mal länger in der Tiefkühlkammer sein musste (im Gegenteil - er nutzte das immer gleich ein wenig aus, weil ihn dorthin die Beamten auf keinen Fall folgten), und zum Anderes konnte er das Fleisch gut gekühlt halten, wenn das Zerlegen unerwartet länger dauerte.
Die Fabrik hatte zwar flauschige siebzehn Grad Standard, aber das halft natürlich wenig, wenn man die Teile in der Hand hatte. Und die Arbeit war oft genug derartig anstrengend, dass man trotz der Kälte ins Schwitzen geriet.
"Du hast deine Fähigkeit benutzt."
Erschrocken wirbelte Tobias herum und hielt sich sein rasendes Herz. Er war unfähig etwas zu sagen, während sich der Beamte leise erhob und ihn ernst ansah. Oder kalt. Manchmal fragte sich Tobias ob sie überhaupt Gefühle besaßen, die Leute von der Regierung.
Schnell schob er die kritischen Gedanken wieder zur Seite und räusperte sich leicht. "Ich habe alle Spuren beseitig. Niemand außer Sie und ich wissen, was dort passiert ist."
Das Gesicht des Beamten blieb unbewegt, was Tobias unglaublich verunsicherte. Also verteidigte er sich weiter: "Außerdem muss ich doch gelegentlich üben, um die Gabe weiterhin unter Kontrolle zu haben. Mir jedenfalls wurde gesagt, dass ich sie immer wieder mal benutzen und mich darauf besinnen soll, was in mir steckt." Auch wenn er keinen blassen Dunst hatte, WAS in ihm steckte. Eigentlich war eine solche Fähigkeit - ein Begabter zu sein - doch ein richtiger Fluch. Wenn man nicht das tun durfte, was man tun konnte und vielleicht sogar am liebsten täte.
"Treiben Sie es nicht zu weit Herr Meinfeld. Sie wissen, was Ihnen für das Zuwiderhandeln der Gesetze blüht. Das wollen Sie doch nicht, oder?"
Ergeben schüttelte Tobias den Kopf. Niemand wollte gerne für solche Nichtigkeiten sterben müssen. Und auch wenn es offiziell hieß, dass Begabte, die sich nicht in die Gesellschaft eingliedern konnte, in eine spezielle Erziehungseinrichtung kamen, hatte Tobias keine Zweifel daran, was wirklich mit diesen Menschen passierte. Denn wenn jemand seine Fähigkeiten unkontrolliert auslebte, wie sollten ihn dann Normalsterbliche unter Kontrolle halten können? Das war schon immer etwas, das ihn an dieser speziellen Einrichtung besonders gestört hatte.
Er wollte nicht herausfinden, ob er mit seiner Theorie Recht hatte. "Ich werde vorsichtig sein und die Gesetze weiterhin achten." Die wurden ihm zur Genüge eingetrichtert, dass er sie im Schlaf beherrschte. Er fand nur einfach nichts dabei, wenn er sich in einem schneereichen Winter ein bisschen beschäftigte. Es war die einzige Jahreszeit, in der er das tun konnte.
Dafür nahm er auch diese Warnung in Kauf.
Scheinbar hatte diese Bestätigung auch dem Beamten gereicht, den der wünschte ihm nur noch einen angenehmen Abend und verließ die Wohnung. Tobias atmete erleichtert auf, als der Mann weg war und ließ sich auf das Sofa fallen. Der Tag war superanstregend gewesen, aber auf gewisse Weise auch unglaublich erfüllend. Er hoffte wirklich, dass sie ihm diese gelegentlichen Ausflüge in die Tiefen der umliegenden Wälder ließen. Er tat es ja ohnehin nur im Winter. Aber er wollte nicht für das Killen ein paar hunderter Schneemänner seinen eigenen Kopf riskieren. Das war es ganz und gar nicht Wert.

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