[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Teen Wolf
Personen: Stiles & Scott
Challenge: Blut, Schweiß und Tränen
Wörter: ~ 800
Warnung: dark, gore (ja, das ist eine wirklich ernstgemeinte Warnung!), viel hurt mit wenig comfort, angsty Angst
Anmerkung: Ja, ich bin die lame Tante, die ihren eigenen Prompt beantwortet, und das auch noch mit so sinnlosem hurt. Nun ja. Es war wohl mal wieder an der Zeit.

Stiles weiß nur eins: Alles tut weh. Kreischender Schmerz läuft von seinen gefesselten Handgelenken über die zum Bersten angespannten Schultern, nach vorn und hinten bis in den Solarplexus, bis dorthin, wo anscheinend alles Fühlen und Verstehen sitzt. Unter seiner Haut kriecht das Grauen wie tausend mikroskopisch winzige Insekten. Es fühlt sich schwarz und spitz an – oder es liegt daran, dass er den düsteren Schatten, der vor ihm hin und herschwebt und dabei Schlieren aus Finsternis hinter sich herzieht, schon viel zu lange angebrüllt hat. Er ist nicht der Typ, der viel schreit.

Aber Schreien ist manchmal das einzige, was er noch kann.

Inzwischen kann er nicht einmal mehr das.

Scott hat soeben das Bewusstsein verloren. Die Art, wie sein Körper in den Seilen, die ihn an die gegenüberliegende Wand drücken, zusammensackte, ist die eines Sterbenden, eines Toten. Seine Augen sind mit tausendfacher Erschöpfung erst erloschen, dann zugefallen. Wie die eines kleinen Kindes, das viel zu lange wegen einer Banalität geweint hat. Im Dämmerlicht des zweidimensionalen Raumes glitzert Schweiß auf seiner Stirn und sind feuchte Spuren auf seinen Wangen zu sehen.

Der schwarze Schatten hat ihn als das enttarnt, was er unter all den Lagen aus Zähnen, Klauen, Leidenschaft und Werwolfmuskeln ist: Verwundbares Fleisch. Rote Materie.
Gefühle strömen aus seinem Bauch in eine ekelerregende scharlachfarbene Pfütze. Es können nur Gefühle sein. Stiles kann sich sonst nicht erklären, warum er sich erst jetzt nach vorn auf den Boden unter sich übergibt, als er das Geräusch einer Klinge, die durch Fleisch schneidet, hört. Scotts ausblutende Gefühle müssen ihn irritiert haben.

„Letztlich nur ein ordinärer Mensch“, flüstert der schwarze Schatten und die Kutte zittert ein wenig.

Stiles kann Scotts Herz sehen.

Nicht als grässlich schlechte Metapher, wie sie so gern von mittelmäßig begabten Autoren gebraucht wird.

Er kann durch den geöffneten Brustkorb das schüchtern kleine, ängstlich bebende Organ sehen, lebensrot und geisterhaft. Es zieht sich zusammen und pulsiert so ruhig, so lustlos, dass Stiles' Magen sich erneut umdreht.

Stiles blinzelt, weil er durch den nassen Farbenschleier nichts mehr sehen kann, und seine Handgelenke sind mit einem Mal frei, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, als sei er in eine ungeahnte Szene gestolpert. Es ist dunkel, so dunkel, warm und er hört ein verzweifeltes Wimmern. Scott – Gott, was, wenn Scott wirklich-?

„Stiles!“
Seine Augen flattern schwer vor Tränen und er bemerkt erst jetzt, dass dieses Wimmern aus seiner eigenen Kehle kommt, dass Scott direkt neben ihm liegt und die immerwarmen Hände an seine Schläfen gelegt hat. Scotts Augen sind riesig, wild und voller Angst.
„Alles ist gut, Stiles“, sagt er heiser, so heiser, dass für einen Augenblick alles aus den letzten Sekunden mit diesem dunklen, warmen Bild verschwimmt. Stiles kann sich nicht gegen das erstickte Geräusch, das durch seine Lippen schlüpft, wehren. Fahrig schlägt er die Bettdecke zurück und zerrt Scotts Schlafshirt am Saum hoch. Seine zitternden Finger befühlen seidenweiche Haut, die im Dunkeln cremig aussieht. Keine Wunde, kein Blut, kein Schweiß. Auf Scotts Zügen liegt nur Sorge und in seinen Gliedern bleiern die Bettschwere.
Und Stiles atmet zum ersten Mal seit Sekunden aus. Tonnenschweren Atem.

In diesem Augenblick wünscht er sich, dass Scott ihn nie wieder loslassen möge. Er spürt die übermenschliche Kraft in den Armen, in der Brust auflodern und ausglühen. Er versteckt sein Gesicht unter Scotts Kinn und hält das Ohr an die Stelle zwischen Scotts Schulter, Brust, Schlüsselbein und den Halsansatz, um den Puls nicht zu verlieren.
„Das ist beschissen“, murmelt Scott in seine Haare und er streichelt seinen Rücken in einem unendlich langsamen Rhythmus.
„Überall kann ich mit dir mitkommen. Aber ausgerechnet im Traum ist man ganz allein.“
Stiles schließt die Augen.
Es ist ein zorniger Puls. Er lächelt. Zorn ist gut. Zorn bedeutet Leben.
„Du warst da. Das war das Problem.“
„Ich bin jetzt auch da. Hey, Stiles. Ich bin hier.“

Und Stiles hat nicht den Mut, seinem besten Freund zu sagen, dass ihm im Traum eine Wahrheit verraten worden ist, die er wie den Wald vor Bäumen nicht gesehen hat. Vielleicht, weil er unbedarft ist. Vielleicht, weil er das Offensichtlichste so gern übersieht.

Scott ist nichts anderes als Materie aus Fasern, Blut und Knochen. Der Werwolf ändert nichts daran.
Er kann sterben. Er wird sterben.

Es ist ein so simpler Fakt, der Stiles vollkommen aus der Bahn wirft. Was zweifellos an der Nacht und am Schlafmangel liegt. An den Alpträumen.

Scott ist schon längst wieder eingeschlafen, als Stiles noch immer dem Herzschlag an seinem Ohr lauscht. Mit geschlossenen Augen, mit offenen Sinnen, mit lauwarmer Erschöpfung und heißer Sorge.
„Nicht aufhören“, murmelt er dem Puls zu, bevor die Finsternis ihn erneut in sich aufnimmt.

„Nicht aufhören.“

Date: 2014-01-11 09:44 am (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Dazu habe ich vier sehr gute Fragen, Wino.
Why?!
WHY???
WHYY?!
WHYYYYYYYYYY?!

Oh Gott... der Anfang ...
Weil du eine grausame Autorin bist (und das meine ich auf die denkbar komplimenthafteste Art und Weise ever) habe ich dir total zugetraut, dass es echt ist und OH GOTT. *stirbt innerlich ein wenig*
Stiles kann Scotts Herz sehen.
Es hätte viel mehr "eeew" sein sollen, aber es war einfach so ... unglaublich bitter und toll und eine phantastische nicht metaphorische Metapher.

„Überall kann ich mit dir mitkommen. Aber ausgerechnet im Traum ist man ganz allein.“
DON'T GO WHERE I CAN'T FOLLOW!
*sobbing*

Und das Ende hat mich minimal getröstet und davon abgehalten vor Schmerz aus dem Fenster zu springen. Aber nur minimal.
Er kann sterben. Er wird sterben.
SAG DAS DOCH NICHT EINFACH SO! *schluchz* Scott darf nicht sterben. Scott wird nicht sterben. Sie werden zusammen uralt werden und sich gegenseitig den Rollator klauen und mit ihren Gehstöcken Star Wars nachspielen und NICHTS IN DER WELT WIRD MICH DAVON ÜBERZEUGEN, DASS ES NICHT SO KOMMEN WIRD.

Date: 2014-01-11 04:45 pm (UTC)
luinaldawen: (whisper)
From: [personal profile] luinaldawen
Hattest du nen richtig miesen Tag oder so? O_O
Krass! Was für ein abartiger Alptraum! >_<
Eigentlich habe ich Reis Kommentar nichts mehr hinzuzufügen. Es war so... lebendig, grausam, genial!
Ich unterschreibe einfach mal Reis Worte und verbeuge mich vor deinem Talent.

Profile

120_minuten: (Default)
Die Uhr läuft ... jetzt!

Most Popular Tags

January 2026

M T W T F S S
   1 234
567891011
12131415 161718
19202122232425
262728293031 

Style Credit

Powered by Dreamwidth Studios