20. Türchen
Dec. 20th, 2013 08:48 amAutor: Mondwolf
Challenge: 2.) Weihnachtseinkäufe sind nichts für Weicheier 3.) „Es war keine Lüge! Es war nur … eine andere Interpretation der Tatsachen.“
Fandom: Original
Genre: Fluff (trotz der zum Teil recht schmutzigen Fantasie der beiden Herren)
Wörter: ca. 3300
Anmerkung: Habe mal wieder kein Ende gefunden - und doch die tollen Challenges nur gestreift. Trotzdem viel Spaß beim Lesen!
Aufgetaut
Der Schnee fiel in großen, schweren Flocken zur Erde. Manchmal wurden sie von heftigen Windböen so sehr von ihrem Weg abgebracht, dass sie fast waagerecht schwebten. Bereits seit dem Mittag war das Schneetreiben immer dichter geworden, und es gab keine Anzeichen dafür, dass es in absehbarer Zeit weniger werden würde.
Nicht zum ersten Mal war Silas froh, dass er sich an diesem Tag gar nicht erst raus getraut hatte. Jetzt, am späten Nachmittag, stand er am Wohnzimmerfenster und hielt nach Percy Ausschau, der sich doch tatsächlich am Morgen aufgemacht hatte, um alle – aber auch wirklich alle, wie er betont hatte – Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Silas hatte ihn ziehen lassen, ohne die Ambitionen seines Freundes zu kommentieren. Er ahnte bereits, dass sie nur in einer Beinahekatastrophe münden konnten. Mindestens. Und dann würde Percy jemanden brauchen, der die Scherben aufsammelte.
Und dieser Jemand würde Silas sein.
Ob das im Guten oder im Bösen enden würde, konnte Silas natürlich noch nicht sagen. Vielleicht erhielt er ja so die Gelegenheit, endlich ehrlich mit sich selbst und auch mit Percy zu sein. Das wäre in Silas‘ Augen geradezu perfekt.
Jetzt bekam Silas bei der Erinnerung aber erst einmal ganz heiße Ohren, als er daran dachte, wie er einige Tage zuvor bei Percy vor der Tür gestanden hatte. Von einem Wasserschaden und einer defekten Heizung hatte er erzählt, die ihn aus seiner eigenen Wohnung vertrieben hatten. Percy - guter Freund, der er war - hatte Silas vorübergehenden Unterschlupf gewährt und ihm das Gästezimmer überlassen.
Je länger Silas sich jedoch in Percys unmittelbarer Nähe aufhielt, desto mehr bereute er seinen Entschluss. Er hatte einfach nicht bedacht, was es bedeutete, praktisch jede wache Minute mit dem Menschen zu verbringen, der ihn seit geraumer Zeit bereits in seinen Schlaf und in seine Träume verfolgte. Hatte sich nie auszumalen gewagt, wie es sein könnte, Percy noch näher zu sein, als zu ihrer Studentenzeit, zu der sie sich ein winziges 2-Zimmer-Appartement geteilt hatten.
Aber sich jetzt mit ihm die Wohnung – Percys geradezu riesiges Loft – zu teilen, war noch einmal etwas völlig anderes. Plötzlich schienen kleine, alltägliche Szenen bedeutungsschwer. Und Silas‘ ohnehin schon nicht gerade untätige Fantasie lief auf Hochtouren, wenn Percy ihm nur einen Kaffee anbot.
Das konnte doch nur an der Jahreszeit liegen, dass er so wahnsinnig sensibel und sentimental war. Ja, genau. Das war des Rätsels Lösung. Er musste es sich nur immer wieder selbst vorsagen, dass seine verwirrenden Gefühle nur etwas mit dem bevorstehenden Weihnachtsfest zu tun hatten. Und nicht etwa damit, dass er sich in Percy verliebt hatte. Nein, das war ganz sicher nicht der Fall Niemals.
Diese Taktik hatte für eine Weile tatsächlich funktioniert – etwas, wovon Silas selbst am meisten überrascht war, wenn er ehrlich war. Aber dann war da vor zwei Tagen das sehr verunglückte Plätzchenbacken unter Alkoholeinfluss gewesen.
Bei der Erinnerung daran wurde Silas abwechselnd heiß und kalt – und dann beides gleichzeitig.
Um sich abzulenken, zog er die Vorhänge wieder vor das Fenster und kehrte auf das Sofa zurück. Das war allerdings keine gute Idee, wie er augenblicklich feststellte. Denn auf dem niedrigen Tisch vor ihm stand ein Teller mit den noch verbliebenen kläglichen Überresten der nächtlichen Backaktion. Seufzend rieb Silas sich mit beiden Händen über das Gesicht. Es half alles nichts; Erinnerungen und Gefühle ließen sich heute nicht so einfach vertreiben.
Weder Percy noch er selbst hatte auch nur ein Wort darüber verloren, was passiert war, nachdem Percy mitten in der Nacht und nach eindeutig zu viel alkoholhaltigen Getränken auf die Idee gekommen war, Plätzchen backen zu wollen. Sie hatten nicht darüber gesprochen, was sich nach Mehlexplosionen, zerbrochenen Eiern, Verbrennungen (von Haut und Backwaren) und einem Schokoladendesaster im Badezimmer ereignet hatte.
Hatten den Kuss, den sie unter der Dusche geteilt hatten, nicht mehr erwähnt.
Was – und ob überhaupt irgendetwas – danach passiert war, konnte Silas nicht mit Bestimmtheit sagen, da auch er bei der ganzen Aktion nicht bei so klarem Verstand gewesen war, wie es wünschenswert gewesen wäre. Und ob das nun an dem einen oder anderen Bier oder an seiner diffusen Sehnsucht nach eben dieser Zärtlichkeit mit Percy gelegen hatte, konnte Silas auch nicht sicher sagen. Sicher war nur, dass er am nächsten Morgen mit einem erstaunlich hartnäckigen Kater aufgewacht war – alleine und in seinem Bett. Für einige Momente war er sogar soweit gewesen, alles nur für einen Traum zu halten. Aber dann hatte er die noch immer geröteten und schmerzhaft sensiblen Stellen an seinen Händen bemerkt, mit denen er dem heißen Backblech zu nahe gekommen war. Und dann waren da ja auch noch die Plätzchen, die sie mit viel Schokolade halbwegs genießbar gemacht hatten. Zumindest das war also kein Traum gewesen. Aber was war mit dem Kuss?
Silas‘ Gedanken wurden sehr wirkungsvoll abgelenkt, als er hörte, wie die Wohnungstür mit sehr viel mehr Kraft als notwendig ins Schloss geworfen wurde. Er verzog das Gesicht, als er hörte, wie der Keramikengel, den Percy in einem Anfall von Weihnachtsstimmung an ihr angebracht hatte, gefährlich hart gegen das Holz schepperte; hoffentlich überstand er Percys Heimkehr unbeschadet.
Silas wartete nicht ab, bis sich die Quelle des leisen Fluchens und Meckerns aus dem Flur bis ins Wohnzimmer und zu ihm vorgearbeitet hatte, sondern ging ihr entgegen. Nicht ohne eine gewisse Belustigung, sah er vom Türrahmen und aus vermeintlich sicherer Entfernung dabei zu, wie Percy einige Momente einfach nur inmitten von geschätzten tausend Tüten dastand, und mit geschlossenen Augen tief Luft holte.
Jetzt geht’s richtig los, dachte Silas und wappnete sich innerlich gegen das, was jetzt kommen musste.
„Sechs Stunden!“, wütete Percy jetzt denn auch mit einem erstaunlich bösartigen Funkeln in den Augen. „Sechs endlos furchtbare Stunden in diesem – diesem Irrenhaus! Und ich habe mehr als die Hälfte davon damit verbracht, den Ausgang zu finden!“ Erst jetzt ließ er an Ort und Stelle die zahlreichen Tüten und Taschen fallen, mit denen er behangen war, und strich sich die verschwitzten Haare aus dem Gesicht, die sich unter der schneebedeckten Mütze hervor gestohlen hatten. „Diese ganzen hyperventilierenden Mütter mit ihren schreienden, quengelnden und zeternden Kindern, die sich allesamt auf die letzte Barbie, den letzten Toaster oder das letzte Feuerwehrauto stürzen. Und zwischendrin Väter, die sich über den Lärm hinweg verständlich machen wollen, während sie am Handy hängen und ihre eigenen Gedanken nicht mehr hören können. Und – “
An diesem Punkt angekommen, musste Percy endlich nach Luft schnappen. Erst jetzt schien er Silas zu bemerken, der noch immer an den Türrahmen gelehnt dastand und erstaunlich geduldig und mit einer Mischung aus Sympathie und Belustigung das Ende von Percys Ausbruch abwartete.
„Nächstes Jahr erledigst du die Weihnachtseinkäufe“, entschied Percy und beendete damit seine Tirade ein wenig antiklimatisch. „Oder ich bestelle alles im Internet. Ja, genau, das werde ich machen“, fügte er entschlossen hinzu. Mit einer müden Bewegung schob er seinen Mantel von den Schultern und ließ ihn achtlos im Flur zu Boden fallen.
Silas entging das Ausmaß der Bedeutung von Percys Worten völlig. Vielleicht wollte er es auch gar nicht mitbekommen. „Ich habe meine Weihnachtseinkäufe für dieses Jahr erledigt“, erklärte er ruhig und kam Percy entgegen. Er wollte lediglich ein wenig von dem Durcheinander beseitigen, das Percy gerade im Flur angerichtet hatte – den Mantel aufhängen, die im Schirmständer gelandete Mütze retten und die Taschen und Tüten aus dem Weg räumen (und vielleicht den einen oder anderen neugierigen Blick riskieren). Womit er nicht gerechnet hatte, war, was dann passierte.
Denn ehe er sich versah, fand er sich in einer Umarmung wieder, die er aus einem Reflex heraus erwiderte. Er erschauerte leicht, als Percy seine kalte Wange an seinen Hals drückte.
„Schön warm“, flüsterte Percy, und Silas fühlte ihn träge lächeln und bemerkte, dass sein Freund sich sofort entspannte.
Im nächsten Augenblick machte Percy einen Schritt zurück, und Silas blieb nichts anderes übrig, als ihn freizugeben – wenn auch äußerst widerwillig. Er räusperte sich angestrengt, um sich selbst zur Ordnung zu rufen.
Als hätte es den kurzen Moment der Vertrautheit nicht gegeben, fragte Percy mit einem viel zu unschuldigen Lachen: „Und? Verrätst du mir jetzt, was du gestern auf dieser netten Seite im Internet für mich bestellt hast?”
Silas schnaubte. „Ha, netter Versuch“, versetzte er und wechselte das Thema. „Häng' deinen Mantel auf.“ Etwas unsicheren Schrittes wandte er Percy den Rücken zu und ging in Richtung Küche davon. In seinem Magen schienen sich tausende Schmetterlinge am Weihnachtspunsch betrunken zu haben, so aufgeregt flatterten sie durcheinander. Das konnte nicht gut sein.
Ohne Murren hob Percy Mantel und Schal vom Boden auf und hängte beides an die Garderobe. Dann ging er ins Wohnzimmer. Als er sich genüsslich strecken wollte, winselte er kläglich. Weihnachtseinkäufe waren wahrlich nur was für ganz harte Kerle. Wenigstens hatte Percy bewiesen, dass er kein Weichei war. Trotzdem wusste er nicht zu sagen, was ihm mehr wehtat: Beine oder Arme. Außerdem konnte er seine Zehen nicht fühlen, so kalt waren seine Füße. Glücklicherweise war Silas eine wahre Frostbeule, so dass er die Wohnung sehr ordentlich geheizt hatte. Percy fühlte sich bereits nach ein paar Minuten im Warmen wie ein neuer Mensch.
„Hier, trink das.“ Silas drückte ihm einen Becher in die Hand.
Percy blinzelte. Dann lächelte er dankbar. Er musste keinen tiefen Atemzug nehmen, um den angenehm süßlich schweren Duft der heißen Schokolade zu erkennen. „Oh, du hast meine Gedanken gelesen.“ Damit ließ er sich erschöpft in die Sofakissen sinken. „Danke. Du bist ein Schatz.”
Silas zuckte ein wenig linkisch mit den Schultern und bemühte sich gleichzeitig redlich, so unschuldig wie möglich dreinzuschauen. Um sich abzulenken, griff er nach seinem eigenen Becher, den er auf der Anrichte vergessen hatte und dessen Inhalt schon seit einer Weile abgekühlt war. Als er einen tiefen Schluck von dem süßen Kakao nahm, stellte er fest, dass ihm ein Bier lieber gewesen wäre, ganz gleich, wie sehr er sich vorgenommen hatte, einen klaren Kopf zu behalten.
Um nicht zu lange bei Gedanken zu bleiben, die ihm ohnehin nicht weiterbrachten, beschloss er schließlich, ein – wie er hoffte – unverfängliches Gespräch zu beginnen. „Hast du die Handschuhe für deinen Vater bekommen, nach denen du gesucht hast? Oder – “
„Si, bitte!“ Percy schloss die Augen und lehnte sich zurück. Mit seiner freien Hand rieb er sich über die Schläfe. „Nicht jetzt. Ich möchte gerade nur noch das traumatischste Erlebnis meines Lebens vergessen, in Ordnung?“
Silas musste lachen, als er sich neben Percy setzte – immer darauf bedacht, einen gewissen Sicherheitsabstand zu wahren. „Alte Dramaqueen.“
Percy hielt nichts von Sicherheitsabstand. Er rückte ungeniert näher – so nah, dass nicht einmal mehr ein Blatt Papier zwischen sie gepasst hätte.
Hmmm. Strahlte Silas Wärme aus oder war das die heiße Schokolade? Percy fühlte, wie seine Wangen sich aufwärmten. Seine schmerzenden Muskeln entspannten sich langsam, und er sank noch ein wenig tiefer in die weichen Sofakissen – und legte seinen Kopf an Silas‘ Schulter. „Dramaqueen, ja?“, er schnaubte abschätzig. „Du hast ja keine Ahnung, wie schlimm das war. Also sei still. Ich taue gerade auf.“
„Damit könnte ich dir sicher behilflich sein“, entfuhr es Silas. Für einen Bruchteil einer Sekunde wusste er nicht, ob er die Worte nur gedacht oder tatsächlich laut ausgesprochen hatte. Falls letzteres der Fall war, dann sollte sich jetzt bitte ein tiefes Loch vor ihm auftun, in dem er sich auf Nimmerwiedersehen verkriechen konnte. Besten Dank.
Es tat sich jedoch kein Loch auf.
Einige Momente war es sehr still in dem Raum. Nur das Heulen des eisigen Windes draußen war zu hören und er schien sauer zu sein, dass Percy ihm entkommen war, denn er rüttelte ziemlich heftig an den Fensterscheiben.
„Oh“, machte Percy schließlich und versuchte Silas ins Gesicht zu sehen.
Verdammt!, fluchte Silas stumm und machte Anstalten, die Flucht zu ergreifen. Aber Percy wollte ihn nicht so einfach davon kommen lassen.
„Wenn du schon so etwas Verlockendes sagst, dann musst du deinen Worten auch Taten folgen lassen“, forderte er.
Silas schluckte schwer. „Sag mal, Percy, an wie viel Glühweinständen hast du auf deinem Weg Halt gemacht?“, wollte er wissen, um Zeit zu schinden. Er musste aus der Nummer irgendwie wieder rauskommen – und das ohne noch mehr Schaden anzurichten.
„Der eine oder andere wird’s schon gewesen sein“, meinte Percy mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen, das Silas einen nicht gänzlich unangenehmen Schauer über den Rücken jagte. „Sonst hätte ich das wohl kaum durchgestanden. Aber betrunken bin ich ganz sicher nicht, wenn du das mit deiner Frage wissen wolltest. Also?“ Er schaute Silas auffordernd an, und Silas blinzelte wie eine Eule.
Als auch noch einigen Sekunden nichts passierte, lehnte Percy seinen Kopf wieder gegen die Sofalehne und schloss die Augen, während er langsam seinen Kakao trank.
Das konnte doch nicht wahr sein!, schoss es Silas durch den Kopf. Wie konnte er sich eine solche Chance entgehen lassen? Percy hatte sich ihm praktisch angeboten und – genau da lag das Problem. Es fühlte sich einfach nicht richtig an.
„Du denkst zu laut.“
„Was?!“, machte Silas perplex.
„Trau dich – ich beiße nicht“, sagte Percy langsam. Falls die Worte beruhigend gemeint waren, so hatten sie auf Silas jedoch den gegenteiligen Effekt.
„Du weißt schon, was du da sagst?“
„Ich bin ja nicht blöd. Glaubst du, ich merke nicht, wie du seit Wochen um mich herumscharwenzelst?“ Noch immer machte Percy keinerlei Anstalten, Silas auch nur anzusehen, was Silas ziemlich irritierend fand. „Glaubst du, ich weiß nicht, dass du mich angelogen hast?“
„Was?!“
Percy lachte leise, sagte dann aber ruhig: „Deiner Wohnung geht‘s gut.“ Er spürte wie Silas den Atem anhielt. „Es ist okay, Si. Du hättest mich nicht anlügen müssen.“
„Ich habe dich nicht angelogen, ich habe bloß -“ Silas‘ Stimme überschlug sich fast, so hastig versuchte er sich zu verteidigen.
„Du hast nur was? Die Tatsachen anders interpretiert?“, fragte Percy amüsiert. „Oder hast du unter einer kurzzeitigen Wahrnehmungsverschiebung gelitten? Bitte, Si. Wenn du es schon nicht über dich bringst, zu mir ehrlich zu sein, dann gesteh dir wenigstens selbst ein, weshalb du zu Weihnachten nicht allein sein willst und warum du zu mir gekommen bist.“
Silas durchfuhr ein Zittern bei den Worten seines Freundes, die er ja selbst schon gedacht hatte. „Aber – wir sind doch Freunde?“, versuchte Percy es mit einem ziemlich wackligen Argument.
„Eben.“
Jetzt verstand Silas endgültig nichts mehr.
Percy seufzte tief – ganz so, als würde er nun etwas tun müssen, was er ganz und gar nicht tun wollte. Dann rappelte er sich mehr schlecht als recht auf, brachte seine Tasse in Sicherheit und schaute Silas abwartend an. Der erwiderte den Blick jedoch nur fragend – bis Percy sich zu ihm beugte und ihn auf den Mund küsste.
„Das war es doch, was du tun wolltest, oder?“, fragte er kurz darauf überflüssigerweise und grinste schief.
Silas‘ rationales Denken setzte völlig aus, als alle Puzzleteile an ihren Platz fielen. „Nicht ganz“, korrigierte er und kam Percy nun von sich aus näher und küsste ihn leidenschaftlich.
Falls Percy überrascht war, so zeigte er es nicht. Als Silas nun dem ersten Kuss eine ganze Reihe weiterer folgen ließ, gab Percy stattdessen leise Laute der Zufriedenheit von sich. Mit jedem Kuss breitete sich die Wärme weiter in ihm aus. Und dann machte sich eine sehr entschlossene Hand unter seinem Sweatshirt daran, ihm das Hemd aus der Hose zu ziehen.
Zu dumm, dass Percy sich noch immer nicht so richtig rühren konnte. Oder wollte. Seine bleischweren Gliedmaßen wollten einfach nicht so, wie er es gern gehabt hätte und die Situation es erforderte. Aber das war ja auch kein Wunder. Immerhin war er den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, und auch wenn das hier ganz nett – nein, ganz wunderbar – war, so konnte er einfach nicht die Energie aufbringen, um Silas‘ liebevolle Bemühungen angemessen zu erwidern.
„Si – hey, ich rede mit dir!“, brachte Percy mit Mühe zustande. Er fragte sich unwillkürlich, ob Silas den Kakao mit einem Schuss Hochprozentigem versetzt hatte. Denn irgendwie war ihm Silas gerade doch etwas zu enthusiastisch.
„Ich hör dir zu“, murmelte Silas und machte sich erneut an Percys Hemd zu schaffen.
Percy wusste, er würde sich später dafür hassen – und sie würden später ein nicht allzu kurzes Gespräch führen müssen, dass seit zwei Tagen überfällig war –, trotzdem gebot er Silas‘ Hand Einhalt, als sie sich schließlich unter das Hemd schob.
Als Silas aufschaute, sagte Percy: „Bitte, Silas. Es tut mir leid, aber ich bin wirklich total erschlagen. Und meine Zehen scheinen erfroren zu sein. Bevor wir weitermachen, musst du mich wohl erst in die Mikrowelle stecken, um mich aufzutauen. Oder mir wenigstens die Gelegenheit zu einem kleinen Schläfchen geben.“
Silas schaute seinen Freund einen Moment unschlüssig an. Percys Worte hatten wie ein Eimer sprichwörtliches eiskaltes Wasser auf ihn gewirkt. Wie konnte Percy das machen?! Erst ermunterte er ihn und dann – nichts! Aber um nichts in der Welt würde er Percy zu etwas zwingen, was dieser nicht wollte. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich von Percy zu lösen, an etwas wirklich – wirklich – Unattraktives zu denken und zu hoffen, dass er das gerade nicht nur geträumt hatte.
„Okay”, verkündete Silas schließlich leise und stand auf. Dann reichte er Percy eine Hand. „Komm mit. Ich habe eine Idee, die dir gefallen wird.“
„Was hast du vor?“, fragte Percy, plötzlich misstrauisch geworden. Er ließ sich aber trotzdem bereitwillig von Silas vom Sofa hochziehen.
„Ich bringe dich ins Bett“, antwortete Silas schließlich, als sie die Schlafzimmertür erreicht hatten. „Und sorge dafür, dass du auftaust.“
Percy machte erst große Augen, dann lächelte er. „Das habe ich bei dir offensichtlich endlich geschafft, was?“
Silas sah ihn verwirrt an. Als er die Bedeutung der Worte begriff, wurde er rot. „Ich wollte dir nur eine Wärmflasche bringen“, beteuerte er.
„Oh, auch gut. Fürs Erste.“ Ein leichtes Lächeln umspielte seinen Mund, das Silas einen nicht gänzlich unangenehmen Schauer über den Rücken rieseln ließ.
„Runter mit den Klamotten und ab unter die Decke“, befahl Silas dann gar nicht scheu, was Percy zum Lachen brachte.
Nach einem schnellen Kuss, verschwand Silas aus dem Schlafzimmer und ließ einen nachdenklichen Percy zurück.
Was er zu Silas gesagt hatte, war die Wahrheit gewesen. Er hatte schon länger den Verdacht gehabt, dass Silas sich über etwas mehr Gedanken machte, als sonst. Und dass er, Percy, eine sehr große Rolle in diesen Gedanken einnahm. Auch wenn seine Worte und Taten vielleicht gerade etwas spontan und ein wenig unbedacht gewesen waren, so nahm er es nicht auf die leichte Schulter, dass sein Freund offensichtlich Gefühle für ihn entwickelt hatte, die ihre Freundschaft doch in einem etwas anderen Licht erschienen ließen. Zwar wäre Percy dieser Veränderung nicht gerade abgeneigt, aber sie würden definitiv darüber reden müssen.
„Später“, entschied er, nachdem ein herzhaftes Gähnen und ein unangenehmes Frösteln ihm wieder seine momentane Unpässlichkeit in Erinnerung gerufen hatten. Vielleicht würde Silas ihn ja wirklich etwas schlafen lassen.
Nur ein kleines Nickerchen – danach würde alles schon ganz anders aussehen. Kaum hatte er sich unter die Decken verkrochen, fielen ihm auch schon die Augen zu.
Als Silas mit der Wärmflasche ins Zimmer kam, fand er einen schlafenden Percy vor, der jedoch auch im Schlaf und trotz gefühlten tausend Decken noch immer zu frieren schien.
Es gab eine ganze Menge, worüber Silas in den vergangenen Minuten nachgedacht hatte – und worüber er noch eine ganze Weile länger nachdenken würde müssen –, aber als er sich jetzt seiner Hose und seines Pullovers entledigte und samt Wärmflasche vorsichtig zu Percy ins Bett kroch, dachte er nicht nach. Auch, als er behutsam ganz nah an den Schlafenden heranrückte, verschwendete er nicht einen Gedanken an mögliche Konsequenzen.
Der verfrorene Schläfer musste gespürt haben, dass sich eine Wärmequelle in seiner unmittelbaren Nähe befand, denn er rückte instinktiv näher und schlang sogar seine Arme um die lebensgroße Wärmflasche in Silas-Form. Ihm entfuhr ein wohliges Seufzen und er drückte sich ganz nah an sie, streckte sich lang aus, um nur ja jeden Zentimeter auszukosten.
Das war der Moment, als Silas sich mühsam einen erschrockenen Aufschrei verbeißen musste.
Percy hatte nicht gelogen, als er behauptet hatte, seine Beine und Füße wären halb erfroren. Er hatte veritable Eisbeine, wie Silas – nun ebenfalls fröstelnd – feststellte, als Percy in unbewussten kleinen Bewegungen seine unterkühlten nackten Füße gegen Silas‘ (noch) warme bloße Beine rieb.
Silas‘ Augen wurden groß, als er im nächsten Moment noch etwas feststellte: Percy hatte seine Aufforderung, seine Klamotten loszuwerden, bis zum letzten Kleidungsstück befolgt.
Dies war allerdings eine Feststellung, die Silas richtig warme Gedanken bescherte. Und nicht nur die. Jetzt musste er nur noch hoffen, dass der Funke – im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinne – auch auf Percy übersprang.
Challenge: 2.) Weihnachtseinkäufe sind nichts für Weicheier 3.) „Es war keine Lüge! Es war nur … eine andere Interpretation der Tatsachen.“
Fandom: Original
Genre: Fluff (trotz der zum Teil recht schmutzigen Fantasie der beiden Herren)
Wörter: ca. 3300
Anmerkung: Habe mal wieder kein Ende gefunden - und doch die tollen Challenges nur gestreift. Trotzdem viel Spaß beim Lesen!
Aufgetaut
Der Schnee fiel in großen, schweren Flocken zur Erde. Manchmal wurden sie von heftigen Windböen so sehr von ihrem Weg abgebracht, dass sie fast waagerecht schwebten. Bereits seit dem Mittag war das Schneetreiben immer dichter geworden, und es gab keine Anzeichen dafür, dass es in absehbarer Zeit weniger werden würde.
Nicht zum ersten Mal war Silas froh, dass er sich an diesem Tag gar nicht erst raus getraut hatte. Jetzt, am späten Nachmittag, stand er am Wohnzimmerfenster und hielt nach Percy Ausschau, der sich doch tatsächlich am Morgen aufgemacht hatte, um alle – aber auch wirklich alle, wie er betont hatte – Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Silas hatte ihn ziehen lassen, ohne die Ambitionen seines Freundes zu kommentieren. Er ahnte bereits, dass sie nur in einer Beinahekatastrophe münden konnten. Mindestens. Und dann würde Percy jemanden brauchen, der die Scherben aufsammelte.
Und dieser Jemand würde Silas sein.
Ob das im Guten oder im Bösen enden würde, konnte Silas natürlich noch nicht sagen. Vielleicht erhielt er ja so die Gelegenheit, endlich ehrlich mit sich selbst und auch mit Percy zu sein. Das wäre in Silas‘ Augen geradezu perfekt.
Jetzt bekam Silas bei der Erinnerung aber erst einmal ganz heiße Ohren, als er daran dachte, wie er einige Tage zuvor bei Percy vor der Tür gestanden hatte. Von einem Wasserschaden und einer defekten Heizung hatte er erzählt, die ihn aus seiner eigenen Wohnung vertrieben hatten. Percy - guter Freund, der er war - hatte Silas vorübergehenden Unterschlupf gewährt und ihm das Gästezimmer überlassen.
Je länger Silas sich jedoch in Percys unmittelbarer Nähe aufhielt, desto mehr bereute er seinen Entschluss. Er hatte einfach nicht bedacht, was es bedeutete, praktisch jede wache Minute mit dem Menschen zu verbringen, der ihn seit geraumer Zeit bereits in seinen Schlaf und in seine Träume verfolgte. Hatte sich nie auszumalen gewagt, wie es sein könnte, Percy noch näher zu sein, als zu ihrer Studentenzeit, zu der sie sich ein winziges 2-Zimmer-Appartement geteilt hatten.
Aber sich jetzt mit ihm die Wohnung – Percys geradezu riesiges Loft – zu teilen, war noch einmal etwas völlig anderes. Plötzlich schienen kleine, alltägliche Szenen bedeutungsschwer. Und Silas‘ ohnehin schon nicht gerade untätige Fantasie lief auf Hochtouren, wenn Percy ihm nur einen Kaffee anbot.
Das konnte doch nur an der Jahreszeit liegen, dass er so wahnsinnig sensibel und sentimental war. Ja, genau. Das war des Rätsels Lösung. Er musste es sich nur immer wieder selbst vorsagen, dass seine verwirrenden Gefühle nur etwas mit dem bevorstehenden Weihnachtsfest zu tun hatten. Und nicht etwa damit, dass er sich in Percy verliebt hatte. Nein, das war ganz sicher nicht der Fall Niemals.
Diese Taktik hatte für eine Weile tatsächlich funktioniert – etwas, wovon Silas selbst am meisten überrascht war, wenn er ehrlich war. Aber dann war da vor zwei Tagen das sehr verunglückte Plätzchenbacken unter Alkoholeinfluss gewesen.
Bei der Erinnerung daran wurde Silas abwechselnd heiß und kalt – und dann beides gleichzeitig.
Um sich abzulenken, zog er die Vorhänge wieder vor das Fenster und kehrte auf das Sofa zurück. Das war allerdings keine gute Idee, wie er augenblicklich feststellte. Denn auf dem niedrigen Tisch vor ihm stand ein Teller mit den noch verbliebenen kläglichen Überresten der nächtlichen Backaktion. Seufzend rieb Silas sich mit beiden Händen über das Gesicht. Es half alles nichts; Erinnerungen und Gefühle ließen sich heute nicht so einfach vertreiben.
Weder Percy noch er selbst hatte auch nur ein Wort darüber verloren, was passiert war, nachdem Percy mitten in der Nacht und nach eindeutig zu viel alkoholhaltigen Getränken auf die Idee gekommen war, Plätzchen backen zu wollen. Sie hatten nicht darüber gesprochen, was sich nach Mehlexplosionen, zerbrochenen Eiern, Verbrennungen (von Haut und Backwaren) und einem Schokoladendesaster im Badezimmer ereignet hatte.
Hatten den Kuss, den sie unter der Dusche geteilt hatten, nicht mehr erwähnt.
Was – und ob überhaupt irgendetwas – danach passiert war, konnte Silas nicht mit Bestimmtheit sagen, da auch er bei der ganzen Aktion nicht bei so klarem Verstand gewesen war, wie es wünschenswert gewesen wäre. Und ob das nun an dem einen oder anderen Bier oder an seiner diffusen Sehnsucht nach eben dieser Zärtlichkeit mit Percy gelegen hatte, konnte Silas auch nicht sicher sagen. Sicher war nur, dass er am nächsten Morgen mit einem erstaunlich hartnäckigen Kater aufgewacht war – alleine und in seinem Bett. Für einige Momente war er sogar soweit gewesen, alles nur für einen Traum zu halten. Aber dann hatte er die noch immer geröteten und schmerzhaft sensiblen Stellen an seinen Händen bemerkt, mit denen er dem heißen Backblech zu nahe gekommen war. Und dann waren da ja auch noch die Plätzchen, die sie mit viel Schokolade halbwegs genießbar gemacht hatten. Zumindest das war also kein Traum gewesen. Aber was war mit dem Kuss?
Silas‘ Gedanken wurden sehr wirkungsvoll abgelenkt, als er hörte, wie die Wohnungstür mit sehr viel mehr Kraft als notwendig ins Schloss geworfen wurde. Er verzog das Gesicht, als er hörte, wie der Keramikengel, den Percy in einem Anfall von Weihnachtsstimmung an ihr angebracht hatte, gefährlich hart gegen das Holz schepperte; hoffentlich überstand er Percys Heimkehr unbeschadet.
Silas wartete nicht ab, bis sich die Quelle des leisen Fluchens und Meckerns aus dem Flur bis ins Wohnzimmer und zu ihm vorgearbeitet hatte, sondern ging ihr entgegen. Nicht ohne eine gewisse Belustigung, sah er vom Türrahmen und aus vermeintlich sicherer Entfernung dabei zu, wie Percy einige Momente einfach nur inmitten von geschätzten tausend Tüten dastand, und mit geschlossenen Augen tief Luft holte.
Jetzt geht’s richtig los, dachte Silas und wappnete sich innerlich gegen das, was jetzt kommen musste.
„Sechs Stunden!“, wütete Percy jetzt denn auch mit einem erstaunlich bösartigen Funkeln in den Augen. „Sechs endlos furchtbare Stunden in diesem – diesem Irrenhaus! Und ich habe mehr als die Hälfte davon damit verbracht, den Ausgang zu finden!“ Erst jetzt ließ er an Ort und Stelle die zahlreichen Tüten und Taschen fallen, mit denen er behangen war, und strich sich die verschwitzten Haare aus dem Gesicht, die sich unter der schneebedeckten Mütze hervor gestohlen hatten. „Diese ganzen hyperventilierenden Mütter mit ihren schreienden, quengelnden und zeternden Kindern, die sich allesamt auf die letzte Barbie, den letzten Toaster oder das letzte Feuerwehrauto stürzen. Und zwischendrin Väter, die sich über den Lärm hinweg verständlich machen wollen, während sie am Handy hängen und ihre eigenen Gedanken nicht mehr hören können. Und – “
An diesem Punkt angekommen, musste Percy endlich nach Luft schnappen. Erst jetzt schien er Silas zu bemerken, der noch immer an den Türrahmen gelehnt dastand und erstaunlich geduldig und mit einer Mischung aus Sympathie und Belustigung das Ende von Percys Ausbruch abwartete.
„Nächstes Jahr erledigst du die Weihnachtseinkäufe“, entschied Percy und beendete damit seine Tirade ein wenig antiklimatisch. „Oder ich bestelle alles im Internet. Ja, genau, das werde ich machen“, fügte er entschlossen hinzu. Mit einer müden Bewegung schob er seinen Mantel von den Schultern und ließ ihn achtlos im Flur zu Boden fallen.
Silas entging das Ausmaß der Bedeutung von Percys Worten völlig. Vielleicht wollte er es auch gar nicht mitbekommen. „Ich habe meine Weihnachtseinkäufe für dieses Jahr erledigt“, erklärte er ruhig und kam Percy entgegen. Er wollte lediglich ein wenig von dem Durcheinander beseitigen, das Percy gerade im Flur angerichtet hatte – den Mantel aufhängen, die im Schirmständer gelandete Mütze retten und die Taschen und Tüten aus dem Weg räumen (und vielleicht den einen oder anderen neugierigen Blick riskieren). Womit er nicht gerechnet hatte, war, was dann passierte.
Denn ehe er sich versah, fand er sich in einer Umarmung wieder, die er aus einem Reflex heraus erwiderte. Er erschauerte leicht, als Percy seine kalte Wange an seinen Hals drückte.
„Schön warm“, flüsterte Percy, und Silas fühlte ihn träge lächeln und bemerkte, dass sein Freund sich sofort entspannte.
Im nächsten Augenblick machte Percy einen Schritt zurück, und Silas blieb nichts anderes übrig, als ihn freizugeben – wenn auch äußerst widerwillig. Er räusperte sich angestrengt, um sich selbst zur Ordnung zu rufen.
Als hätte es den kurzen Moment der Vertrautheit nicht gegeben, fragte Percy mit einem viel zu unschuldigen Lachen: „Und? Verrätst du mir jetzt, was du gestern auf dieser netten Seite im Internet für mich bestellt hast?”
Silas schnaubte. „Ha, netter Versuch“, versetzte er und wechselte das Thema. „Häng' deinen Mantel auf.“ Etwas unsicheren Schrittes wandte er Percy den Rücken zu und ging in Richtung Küche davon. In seinem Magen schienen sich tausende Schmetterlinge am Weihnachtspunsch betrunken zu haben, so aufgeregt flatterten sie durcheinander. Das konnte nicht gut sein.
Ohne Murren hob Percy Mantel und Schal vom Boden auf und hängte beides an die Garderobe. Dann ging er ins Wohnzimmer. Als er sich genüsslich strecken wollte, winselte er kläglich. Weihnachtseinkäufe waren wahrlich nur was für ganz harte Kerle. Wenigstens hatte Percy bewiesen, dass er kein Weichei war. Trotzdem wusste er nicht zu sagen, was ihm mehr wehtat: Beine oder Arme. Außerdem konnte er seine Zehen nicht fühlen, so kalt waren seine Füße. Glücklicherweise war Silas eine wahre Frostbeule, so dass er die Wohnung sehr ordentlich geheizt hatte. Percy fühlte sich bereits nach ein paar Minuten im Warmen wie ein neuer Mensch.
„Hier, trink das.“ Silas drückte ihm einen Becher in die Hand.
Percy blinzelte. Dann lächelte er dankbar. Er musste keinen tiefen Atemzug nehmen, um den angenehm süßlich schweren Duft der heißen Schokolade zu erkennen. „Oh, du hast meine Gedanken gelesen.“ Damit ließ er sich erschöpft in die Sofakissen sinken. „Danke. Du bist ein Schatz.”
Silas zuckte ein wenig linkisch mit den Schultern und bemühte sich gleichzeitig redlich, so unschuldig wie möglich dreinzuschauen. Um sich abzulenken, griff er nach seinem eigenen Becher, den er auf der Anrichte vergessen hatte und dessen Inhalt schon seit einer Weile abgekühlt war. Als er einen tiefen Schluck von dem süßen Kakao nahm, stellte er fest, dass ihm ein Bier lieber gewesen wäre, ganz gleich, wie sehr er sich vorgenommen hatte, einen klaren Kopf zu behalten.
Um nicht zu lange bei Gedanken zu bleiben, die ihm ohnehin nicht weiterbrachten, beschloss er schließlich, ein – wie er hoffte – unverfängliches Gespräch zu beginnen. „Hast du die Handschuhe für deinen Vater bekommen, nach denen du gesucht hast? Oder – “
„Si, bitte!“ Percy schloss die Augen und lehnte sich zurück. Mit seiner freien Hand rieb er sich über die Schläfe. „Nicht jetzt. Ich möchte gerade nur noch das traumatischste Erlebnis meines Lebens vergessen, in Ordnung?“
Silas musste lachen, als er sich neben Percy setzte – immer darauf bedacht, einen gewissen Sicherheitsabstand zu wahren. „Alte Dramaqueen.“
Percy hielt nichts von Sicherheitsabstand. Er rückte ungeniert näher – so nah, dass nicht einmal mehr ein Blatt Papier zwischen sie gepasst hätte.
Hmmm. Strahlte Silas Wärme aus oder war das die heiße Schokolade? Percy fühlte, wie seine Wangen sich aufwärmten. Seine schmerzenden Muskeln entspannten sich langsam, und er sank noch ein wenig tiefer in die weichen Sofakissen – und legte seinen Kopf an Silas‘ Schulter. „Dramaqueen, ja?“, er schnaubte abschätzig. „Du hast ja keine Ahnung, wie schlimm das war. Also sei still. Ich taue gerade auf.“
„Damit könnte ich dir sicher behilflich sein“, entfuhr es Silas. Für einen Bruchteil einer Sekunde wusste er nicht, ob er die Worte nur gedacht oder tatsächlich laut ausgesprochen hatte. Falls letzteres der Fall war, dann sollte sich jetzt bitte ein tiefes Loch vor ihm auftun, in dem er sich auf Nimmerwiedersehen verkriechen konnte. Besten Dank.
Es tat sich jedoch kein Loch auf.
Einige Momente war es sehr still in dem Raum. Nur das Heulen des eisigen Windes draußen war zu hören und er schien sauer zu sein, dass Percy ihm entkommen war, denn er rüttelte ziemlich heftig an den Fensterscheiben.
„Oh“, machte Percy schließlich und versuchte Silas ins Gesicht zu sehen.
Verdammt!, fluchte Silas stumm und machte Anstalten, die Flucht zu ergreifen. Aber Percy wollte ihn nicht so einfach davon kommen lassen.
„Wenn du schon so etwas Verlockendes sagst, dann musst du deinen Worten auch Taten folgen lassen“, forderte er.
Silas schluckte schwer. „Sag mal, Percy, an wie viel Glühweinständen hast du auf deinem Weg Halt gemacht?“, wollte er wissen, um Zeit zu schinden. Er musste aus der Nummer irgendwie wieder rauskommen – und das ohne noch mehr Schaden anzurichten.
„Der eine oder andere wird’s schon gewesen sein“, meinte Percy mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen, das Silas einen nicht gänzlich unangenehmen Schauer über den Rücken jagte. „Sonst hätte ich das wohl kaum durchgestanden. Aber betrunken bin ich ganz sicher nicht, wenn du das mit deiner Frage wissen wolltest. Also?“ Er schaute Silas auffordernd an, und Silas blinzelte wie eine Eule.
Als auch noch einigen Sekunden nichts passierte, lehnte Percy seinen Kopf wieder gegen die Sofalehne und schloss die Augen, während er langsam seinen Kakao trank.
Das konnte doch nicht wahr sein!, schoss es Silas durch den Kopf. Wie konnte er sich eine solche Chance entgehen lassen? Percy hatte sich ihm praktisch angeboten und – genau da lag das Problem. Es fühlte sich einfach nicht richtig an.
„Du denkst zu laut.“
„Was?!“, machte Silas perplex.
„Trau dich – ich beiße nicht“, sagte Percy langsam. Falls die Worte beruhigend gemeint waren, so hatten sie auf Silas jedoch den gegenteiligen Effekt.
„Du weißt schon, was du da sagst?“
„Ich bin ja nicht blöd. Glaubst du, ich merke nicht, wie du seit Wochen um mich herumscharwenzelst?“ Noch immer machte Percy keinerlei Anstalten, Silas auch nur anzusehen, was Silas ziemlich irritierend fand. „Glaubst du, ich weiß nicht, dass du mich angelogen hast?“
„Was?!“
Percy lachte leise, sagte dann aber ruhig: „Deiner Wohnung geht‘s gut.“ Er spürte wie Silas den Atem anhielt. „Es ist okay, Si. Du hättest mich nicht anlügen müssen.“
„Ich habe dich nicht angelogen, ich habe bloß -“ Silas‘ Stimme überschlug sich fast, so hastig versuchte er sich zu verteidigen.
„Du hast nur was? Die Tatsachen anders interpretiert?“, fragte Percy amüsiert. „Oder hast du unter einer kurzzeitigen Wahrnehmungsverschiebung gelitten? Bitte, Si. Wenn du es schon nicht über dich bringst, zu mir ehrlich zu sein, dann gesteh dir wenigstens selbst ein, weshalb du zu Weihnachten nicht allein sein willst und warum du zu mir gekommen bist.“
Silas durchfuhr ein Zittern bei den Worten seines Freundes, die er ja selbst schon gedacht hatte. „Aber – wir sind doch Freunde?“, versuchte Percy es mit einem ziemlich wackligen Argument.
„Eben.“
Jetzt verstand Silas endgültig nichts mehr.
Percy seufzte tief – ganz so, als würde er nun etwas tun müssen, was er ganz und gar nicht tun wollte. Dann rappelte er sich mehr schlecht als recht auf, brachte seine Tasse in Sicherheit und schaute Silas abwartend an. Der erwiderte den Blick jedoch nur fragend – bis Percy sich zu ihm beugte und ihn auf den Mund küsste.
„Das war es doch, was du tun wolltest, oder?“, fragte er kurz darauf überflüssigerweise und grinste schief.
Silas‘ rationales Denken setzte völlig aus, als alle Puzzleteile an ihren Platz fielen. „Nicht ganz“, korrigierte er und kam Percy nun von sich aus näher und küsste ihn leidenschaftlich.
Falls Percy überrascht war, so zeigte er es nicht. Als Silas nun dem ersten Kuss eine ganze Reihe weiterer folgen ließ, gab Percy stattdessen leise Laute der Zufriedenheit von sich. Mit jedem Kuss breitete sich die Wärme weiter in ihm aus. Und dann machte sich eine sehr entschlossene Hand unter seinem Sweatshirt daran, ihm das Hemd aus der Hose zu ziehen.
Zu dumm, dass Percy sich noch immer nicht so richtig rühren konnte. Oder wollte. Seine bleischweren Gliedmaßen wollten einfach nicht so, wie er es gern gehabt hätte und die Situation es erforderte. Aber das war ja auch kein Wunder. Immerhin war er den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, und auch wenn das hier ganz nett – nein, ganz wunderbar – war, so konnte er einfach nicht die Energie aufbringen, um Silas‘ liebevolle Bemühungen angemessen zu erwidern.
„Si – hey, ich rede mit dir!“, brachte Percy mit Mühe zustande. Er fragte sich unwillkürlich, ob Silas den Kakao mit einem Schuss Hochprozentigem versetzt hatte. Denn irgendwie war ihm Silas gerade doch etwas zu enthusiastisch.
„Ich hör dir zu“, murmelte Silas und machte sich erneut an Percys Hemd zu schaffen.
Percy wusste, er würde sich später dafür hassen – und sie würden später ein nicht allzu kurzes Gespräch führen müssen, dass seit zwei Tagen überfällig war –, trotzdem gebot er Silas‘ Hand Einhalt, als sie sich schließlich unter das Hemd schob.
Als Silas aufschaute, sagte Percy: „Bitte, Silas. Es tut mir leid, aber ich bin wirklich total erschlagen. Und meine Zehen scheinen erfroren zu sein. Bevor wir weitermachen, musst du mich wohl erst in die Mikrowelle stecken, um mich aufzutauen. Oder mir wenigstens die Gelegenheit zu einem kleinen Schläfchen geben.“
Silas schaute seinen Freund einen Moment unschlüssig an. Percys Worte hatten wie ein Eimer sprichwörtliches eiskaltes Wasser auf ihn gewirkt. Wie konnte Percy das machen?! Erst ermunterte er ihn und dann – nichts! Aber um nichts in der Welt würde er Percy zu etwas zwingen, was dieser nicht wollte. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich von Percy zu lösen, an etwas wirklich – wirklich – Unattraktives zu denken und zu hoffen, dass er das gerade nicht nur geträumt hatte.
„Okay”, verkündete Silas schließlich leise und stand auf. Dann reichte er Percy eine Hand. „Komm mit. Ich habe eine Idee, die dir gefallen wird.“
„Was hast du vor?“, fragte Percy, plötzlich misstrauisch geworden. Er ließ sich aber trotzdem bereitwillig von Silas vom Sofa hochziehen.
„Ich bringe dich ins Bett“, antwortete Silas schließlich, als sie die Schlafzimmertür erreicht hatten. „Und sorge dafür, dass du auftaust.“
Percy machte erst große Augen, dann lächelte er. „Das habe ich bei dir offensichtlich endlich geschafft, was?“
Silas sah ihn verwirrt an. Als er die Bedeutung der Worte begriff, wurde er rot. „Ich wollte dir nur eine Wärmflasche bringen“, beteuerte er.
„Oh, auch gut. Fürs Erste.“ Ein leichtes Lächeln umspielte seinen Mund, das Silas einen nicht gänzlich unangenehmen Schauer über den Rücken rieseln ließ.
„Runter mit den Klamotten und ab unter die Decke“, befahl Silas dann gar nicht scheu, was Percy zum Lachen brachte.
Nach einem schnellen Kuss, verschwand Silas aus dem Schlafzimmer und ließ einen nachdenklichen Percy zurück.
Was er zu Silas gesagt hatte, war die Wahrheit gewesen. Er hatte schon länger den Verdacht gehabt, dass Silas sich über etwas mehr Gedanken machte, als sonst. Und dass er, Percy, eine sehr große Rolle in diesen Gedanken einnahm. Auch wenn seine Worte und Taten vielleicht gerade etwas spontan und ein wenig unbedacht gewesen waren, so nahm er es nicht auf die leichte Schulter, dass sein Freund offensichtlich Gefühle für ihn entwickelt hatte, die ihre Freundschaft doch in einem etwas anderen Licht erschienen ließen. Zwar wäre Percy dieser Veränderung nicht gerade abgeneigt, aber sie würden definitiv darüber reden müssen.
„Später“, entschied er, nachdem ein herzhaftes Gähnen und ein unangenehmes Frösteln ihm wieder seine momentane Unpässlichkeit in Erinnerung gerufen hatten. Vielleicht würde Silas ihn ja wirklich etwas schlafen lassen.
Nur ein kleines Nickerchen – danach würde alles schon ganz anders aussehen. Kaum hatte er sich unter die Decken verkrochen, fielen ihm auch schon die Augen zu.
Als Silas mit der Wärmflasche ins Zimmer kam, fand er einen schlafenden Percy vor, der jedoch auch im Schlaf und trotz gefühlten tausend Decken noch immer zu frieren schien.
Es gab eine ganze Menge, worüber Silas in den vergangenen Minuten nachgedacht hatte – und worüber er noch eine ganze Weile länger nachdenken würde müssen –, aber als er sich jetzt seiner Hose und seines Pullovers entledigte und samt Wärmflasche vorsichtig zu Percy ins Bett kroch, dachte er nicht nach. Auch, als er behutsam ganz nah an den Schlafenden heranrückte, verschwendete er nicht einen Gedanken an mögliche Konsequenzen.
Der verfrorene Schläfer musste gespürt haben, dass sich eine Wärmequelle in seiner unmittelbaren Nähe befand, denn er rückte instinktiv näher und schlang sogar seine Arme um die lebensgroße Wärmflasche in Silas-Form. Ihm entfuhr ein wohliges Seufzen und er drückte sich ganz nah an sie, streckte sich lang aus, um nur ja jeden Zentimeter auszukosten.
Das war der Moment, als Silas sich mühsam einen erschrockenen Aufschrei verbeißen musste.
Percy hatte nicht gelogen, als er behauptet hatte, seine Beine und Füße wären halb erfroren. Er hatte veritable Eisbeine, wie Silas – nun ebenfalls fröstelnd – feststellte, als Percy in unbewussten kleinen Bewegungen seine unterkühlten nackten Füße gegen Silas‘ (noch) warme bloße Beine rieb.
Silas‘ Augen wurden groß, als er im nächsten Moment noch etwas feststellte: Percy hatte seine Aufforderung, seine Klamotten loszuwerden, bis zum letzten Kleidungsstück befolgt.
Dies war allerdings eine Feststellung, die Silas richtig warme Gedanken bescherte. Und nicht nur die. Jetzt musste er nur noch hoffen, dass der Funke – im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinne – auch auf Percy übersprang.