11. Türchen
Dec. 11th, 2013 01:16 amFandom: Original
Wörter: ~1200
Anmerkung: Verzeiht mir die nicht aufkommende Weihnachtsstimmung in meinen Texten - immerhin gibt es in dieser Geschichte einen kurzen Augenblick heimlicher Gemütlichkeit in Großmutters Küche. Zwischen entlaufenen Häftlingen, die ohne Namen irgendwo in einer Eiswüste umher irren.
Es war der elfte Tag ihrer Reise, und immer noch war kein Ende zu sehen. Kein Ende der Wüste. Kein Ende der ewigen Weiten windverworfener Schneewehen. Kein Ende der brennenden Kälte in Fingern und Zehen. Kein Ende der schlaflosen Nächte, weil man sich noch so dicht aneinander drängen konnte, wärmer wurde es doch nicht.
Zu fünft hatten sich auf den Weg gemacht, jetzt liefen sie nur noch zu zweit. Keiner von ihnen besaß einen Namen – wo sie herkamen waren sie keine Namen wert gewesen, und sie hatten so lange dort gelebt, dass sie ihre alten Namen vergessen hatten. Sie benannten ihre Toten nach der Reihenfolge in der sie gestorben waren.
Nummer Eins, am vierten Tag ihrer Flucht. Sie hätte überhaupt niemals mit ihnen kommen sollen, da waren sich die Übrigen einig. Es gab solche, denen es gelungen war aus dem Leben – dem Leben das sie nun hinter sich gelassen hatten – eine neue, eine ganz eigene Kraft zu ziehen. Und es gab die, denen es die Knochen brach und die Wangen aushöhlte, tiefer noch als der Schnee und das Eis es hier draußen vermochten.
Eins hatte zu ihnen gehört, zu den Schwächlingen. Eins war clever gewesen. Darum hatten sie sie mit sich genommen. Eins war es gewesen, die einen Weg hinaus gefunden hatte, eine bedacht geknüpfte Linie, die von einem toten Winkel der Kameras zu dem nächsten führte.
Eins hatte sie da raus gebracht und darum war Eins ganz selbstverständlich mit ihnen gekommen. Sie hatte sich keine Hoffnungen gemacht ihre Flucht lange zu überleben.
Mit Zweis Tod hatte niemand gerechnet. Zwei war ein Bär gewesen, ein Schrank, ein Baumstamm. Jemand an dem man sich anlehnen, der zwei seiner Gefährten auf dem Arm und noch einen Rucksack auf dem Rücken tragen konnte, ohne dass ihm eine einzige Schweißperle auf die Stirn trat.
Wenn einer diesen langen, beschwerlichen Weg der vor ihnen lag hätte überleben sollen, wäre es Zwei gewesen. Aber dann kamen die Schneehyänen, und Zwei – der Baumstamm, der Bär, der Beschützer der Gruppe – verscheuchte sie, jagte sie fort. Seine Arme und Beine perforierten sie ihm mit ihren Zähnen, aber Zwei verzog keine Miene, wanderte stoisch weiter, wanderte stoisch weiter, bis die Entzündung sich endlich zu seinem Herzen durch gefressen hatte, und er mit dem Gesicht voran im Schnee landete.
Drei starb nicht vor ihren Augen, aber er ließ ihnen wenig sonst, das sie vermuten könnten.
Nach einer schlaflosen Nacht, in der sie dicht an dicht vor der Kälte Schutz suchten, stand er auf, mit so einem Glänzen in den Augen, das die letzten beiden nie zuvor gesehen hatten. Drei hatte sehr helle Augen, weder grün noch blau, türkies, aber auch das nicht so eindeutig. Er lachte.
Dann begann er, sich Kleider vom Leib zu reißen, schleuderte sie einfach so in den Himmel, egal wie sehr seine Kameraden auf ihn einredeten.
Splitterfasernackt tollte er durch den Schnee und tollte ihnen letztendlich davon. Die andern beiden hatten keine andere Wahl, als seine Kleider aufzusammeln und weiter zu gehen.
Danach begannen sie damit, sich Vier und Fünf zu nennen. Sie hatten einander nicht gekannt, vor ihrer Flucht, wussten nichts über den anderen als das, was sie in der vergangenen Woche in Erfahrung gebracht hatten, und doch waren sie sich einig, so einig, dass Fünf beinahe ein schlechtes Gewissen darüber bekam, wer von ihnen zuerst den anderen folgen würde.
Seit sie die Mauern hinter sich gelassen hatten, waren sie einem Licht, einem Stern gefolgt. Eins hatte diesen Stern ausgesucht, denn niemand sonst von ihnen wusste irgend etwas über Sterne. Eins hatte diesen Stern ausgesucht und ihnen erklärt, solange sie diesem Stern folgten, würden sie irgendwann, nach vielen, vielen Kilometern, endlich das Ende der Eiswüste erreichen.
Nach ihrem Tod hatte es bald Streit gegeben, war man sich uneinig gewesen, welcher Stern nun der richtige wäre, bis sie schließlich auf Zickzackwegen umher irrten. Einmal erblickten sie sogar, weit am Horizont entfernt und von Nebel umhüllt, wieder die Mauern, die selben Mauern aus denen sie sich davon gestohlen hatten. Vier und Fünf gelang es schließlich einen Stern zu finden, vielleicht nicht den Richtigen, denjenigen den Eins für sie auserwählt hatte, vielleicht auch doch. Immerhin war es ein Stern, ein fixer Punkt, dem sie folgen konnten.
Bis Drei in den Schneedünen verschwunden war, hatten die beiden kein Wort miteinander gewechselt, und auch jetzt taten sie es nur dann, wenn es unbedingt nötig war. Die meiste Zeit verbrachten sie schweigsam blinzelnd, die Lippen fest aufeinander gepresst und tief in dem Kragen ihrer Jacken vergraben, als ob das gegen die Kälte helfen könnte.
Am Abend des elften Tags ihrer Reise griff Vier nach Fünfs Arm und zeigte mit matter Geste zum Horizont. Überhaupt waren Viers Bewegungen in den letzten Stunden sehr viel matter geworden, und Fünf hatte mehrfach darüber nachgedacht ihn zurück zu lassen – alleine würde er das Ende der Wüste vielleicht schneller erreichen – aber, ohne so recht zu begreifen weshalb, konnte er sich nicht dazu überwinden. Ja, er verlangsamte seine Schritte und ging sogar, als Vier den Halt zu verlieren drohte, so weit einen Arm um ihn zu schlingen, um ihm eine Stütze zu sein.
„Und am Ende gehen wir beide drauf“, dachte er dabei, und erschrak, weil dieser Gedanke ihm den eisigen Wind zum ersten Mal seit ihrer Flucht erträglich machte.
Fünf blickte in die Richtung, die Vier ihm mit seinem Ausgestreckten Arm – die Finger konnte er schon gar nicht mehr aus der Faust, in die sie sich geflüchtete hatten, lösen – zeigte. Sehr lange sah er nichts, nur Weiß in Weiß in Weiß.
Dann entdeckte er auf dem Rücken eines Hügels, einer Anhöhe, einer Schneewehe – wie er geglaubt hatte – entdeckte er einen Zylinder, ein Rohr das dort aus dem Schnee ragte, und auf diesem Rohr ein kleines Dach und unter diesem Dach quoll, in dem Nebel verwehter Eiskristalle fast unsichtbar, Rauch hervor. Der Rauch eines Kamins.
Ferne und verzerrte Bilder tanzten vor Fünfs Augen. Er selbst als Kind, mit einem Namen den er irgendwo auf dem Weg verloren hatte, vor dem Ofen seiner Großmutter. Er blickt durch die runde Glasscheibe und beobachtet die Bartäpfel, sieht zu wie ihre pralle, rote Schale allmählich braun wird, in sich zusammenfällt und Falten wirft, schrumplig und alt wird.
Fünf schüttelte den Kopf und seine Gedanken beiseite. Viers Arm war inzwischen wieder gesunken, Vier selbst sank etwas tiefer in den Schnee, hing etwas schwerer in Fünfs Armen.
Mit letzter Kraft, mit blauen Lippen und Eiskristallen auf den Wimpern, blickte er zu Fünf auf.
„Wir hätten es beinah geschafft“, flüsterte er. Wenigstens waren es diese Worte, die Fünf verstand.
„Da ist sie – die Zivilisation“, fuhr er fort, bemächtigte sich seiner Stimme noch einmal, formte die Worte klar und verständlich.
„Sieh zu, dass ich noch eine Weile auf dich warten muss – Fünf.“
Dann brach er in sich zusammen, so vorhersehbar und doch so überraschend – für Fünf – dass es ihn mit in die Knie, in den Schnee, riss.
Keine hundert Meter vor ihnen lag die Hütte, lag versteckt im Schnee.
„Von wegen, auf mich warten“, stieß Fünf hervor, stemmte sich selbst wieder auf die Beine und zog Vier zu sich hoch. Wenn er seine Augen nur genug anstrengte, konnte er in dem Hügel kleine Fenster erkennen. Sogar eine Tür.
Es könnte ein Wachposten sein. Oder aber – der Anfang der Zivilisation.
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Date: 2013-12-11 10:47 am (UTC)no subject
Date: 2013-12-11 12:12 pm (UTC)Das freut mich sehr. Ganz besonders, wenn der Bratapfelkontrast so funktioniert.
no subject
Date: 2013-12-12 12:53 pm (UTC)Dass sie sich nach der Reihenfolge nennen, in der sie sterben/gestorben sind fand ich äußerst passend und wahnsinnig makaber. Und dann musste ich mir vorstellen wie Vier und Fünf sich ansehen und überlegen, wer wohl der Nächste ist - und vor allem natürlich, wer wohl der letzte ist, der übrig bleibt.
Sehr melancholisch und nachdenklich, aber toll geschrieben.
no subject
Date: 2013-12-12 03:28 pm (UTC)Achso, und ich glaube, ich muss mir Vier und Fünf irgendwann noch mal vornehmen. Mit diesen Namen haben sie sich ja gewissermaßen geschworen so lange zusammen zu bleiben, bis einer von ihnen tatsächlich stirbt.