10. Türchen
Dec. 10th, 2013 12:28 amTitel Erinnerungssplitter
Rating: P 6
Genre: Slash, est. rel., Weihnachtskitsch
120-Minuten-Prompt: Christbaumkugelsplitter
Bingo-Prompt: Essen
Fandom: Tatort Münster
Personen: Thiel, Boerne, Herbert
Handlung: alte und neue Traditionen
Warnungen: Weihnachtskitsch steht nicht umsonst unter Genre ;) Das Prompt hat mich sentimental gemacht. Alle drei sind ordentlich OOC … sorry folks
Länge: ~ 850 Wörter
Zeit: ~ 70 Minuten
„Frank?“
Boerne war ihm in die Küche gefolgt, und er tat hastig so, als hätte er etwas am Herd zu tun.
„Stimmt was nicht?“
„Was soll denn nicht stimmen? Bleib lieber im Wohnzimmer und paß auf, daß Herbert die Weinflasche nicht schon vorm Essen leermacht.“
Boernes besorgter Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein Lächeln. „Ah.“
„Was, ah?“
„Dir geht dein Vater mit seinen Geschichten aus deiner Kindheit auf die Nerven.“ Boerne grinste. „Hast du Angst, daß ich all deine dunklen Geheimnisse erfahre?“
„Pfff …“ Er starrte angestrengt in den Topf und hoffte, daß Boerne nicht weiter nachbohren und ihn in Ruhe lassen würde. Dann würden sie diesen Tag irgendwie über die Bühne bringen, und er würde sich garantiert nicht noch einmal darauf einlassen, seinen Vater zu den Festtagen einzuladen.
„Weißt du …“, Finger schlossen sich um die Hand, in der er den Löffel hielt, und er sah überrascht auf, „… ich verstehe vielleicht nicht allzuviel vom Kochen, aber ich weiß schon, daß es keinen Grund gibt, aus dem du jetzt minutenlang in der Soße rühren müßtest.“
…
„Die eigenen Eltern sind einem immer ein bißchen peinlich.“ Boerne ignorierte geflissentlich, daß er überhaupt keine Antwort erhalten hatte, und redete einfach weiter. „Aber das ist nur ein subjektiver Eindruck, ich finde es eigentlich gerade ganz nett.“
„Ganz nett.“ Thiel befreite seine Hand und rührte energisch weiter. „Wirklich witzig, diese Geschichte mit der Christbaumkugel.“
„Ich konnte dem durchaus eine humoristische Note –“
Er schnaubte. Daran war gar nichts komisch gewesen. Überhaupt nichts. Er konnte sich an die Angst und die Schuldgefühle erinnern, als wäre es gestern gewesen. Weil er genau gewußt hatte, daß er das nicht hätte tun sollen. Nicht um den Baum rennen, hatte sein Vater gesagt, du reißt noch den ganzen Schmuck runter. Und dann war es passiert, da lag sie, die letzte der Christbaumkugeln, die seine Mutter noch von ihrer Mutter hatte, zersplittert in tausend Stücke. Er hatte verzweifelt versucht, alle Spuren zu beseitigen, obwohl er doch genau gewußt hatte, daß es ihnen auffallen würde, daß sie merken mußten, daß die Kugel fehlte. Das war mit Abstand das furchtbarste Weihnachtsfest seiner Kindheit gewesen, noch schlimmer als das erste Weihnachten ohne seinen Vater. Die ganze Zeit hatte er darauf gewartet, daß sein Vater oder seine Mutter den Baum näher betrachten und feststellen würden, was passiert war. Und jetzt erzählte sein Vater gut gelaunt, wie sie die Splitter noch Wochen später an verschiedenen Stellen in der Wohnung entdeckt hatten, als wäre das alles ein einziger großer Witz –
„Frank …“ Boerne sah ihn an. „Ich kann mir vorstellen, daß das damals für dich nicht lustig war. Aber das ist vierzig Jahre her … Und Herbert erinnert sich anders daran als du, das ist doch normal.“ Eine Hand kletterte an seinem Arm nach oben bis zur Schulter und er ließ sich in die Arme nehmen, obwohl er sich gerade reichlich albern vorkam, sich so aufzuregen wegen so einer alten Geschichte, und obwohl er gar nicht so genau wußte, warum ihm das jetzt eben eigentlich derartig den Boden unter den Füßen weggezogen hatte. Das war doch alles nicht nur schon vierzig Jahre her, er hatte auch fast ebenso lange nicht mehr daran gedacht. „Alles wieder in Ordnung?“ murmelte Boerne, den Mund in seinen Haaren, aber bevor er antworten konnte, öffnete sich die Küchentür ein zweites Mal.
„Jungs, wo bleibt Ihr -“ Herbert warf ihnen einen Blick zu und räusperte sich. „Stör ich?“
„Ach woher“, sagte Boerne und ließ ihn los. „Ich glaube, das Essen ist dann auch so weit.“
„Du kannst die Kartoffeln abschütten und in die Schüssel füllen.“ Seine Stimme klang immer noch ein bißchen belegt, und sein Vater sah ihn neugierig an, sagte aber ausnahmsweise mal nichts, sondern machte sich an die Arbeit. Thiel konzentrierte sich derweil auf den Braten und merkte erst nach einigen Minuten, daß Boerne am Rand stand und ihnen dabei zusah, wie Herbert und er das Essen auf den Tisch brachten. Ein bißchen wie früher, dachte Thiel. Am ersten Weihnachtsfeiertag hatte immer sein Vater gekocht, und er hatte geholfen. Und seine Mutter hatte die Füße hochgelegt und sich vom Streß der Vorweihnachtszeit erholt. Nur daß es diesmal umgekehrt war, er hatte gekocht und Herbert hatte geholfen. Und daß jetzt Herbert das Glas hob, als sie wieder am Tisch saßen, und „Ein Hoch auf den Koch“ sagte und ihm dabei zuzwinkerte.
„Auf alte und neue Traditionen“, sagte Boerne und lächelte. Natürlich hatte Herbert auch vom Kochen am ersten Weihnachtsfeiertag erzählt. Und von tausend anderen Dingen. Wie sie damals in dem Winter, als er arbeitslos und das Geld knapp gewesen war, auf dem städtischen Friedhof im Schutz der Dunkelheit ein Tännchen geklaut hatten. Und wie die ganze Wohnung nach Zimt gerochen hatte, als sie mit der Beute zurückgekommen waren, weil seine Mutter Zimtsterne gebacken hatte. Und wie er in diesem Jahr so viele Zimtsterne gegessen hatte, daß ihm drei Tage schlecht gewesen war. Zimt ist in hohen Dosen durchaus gefährlich für den menschlichen Organismus, vor allem bei Kindern, hatte Boerne eingeworfen. Ich glaube, er hat sich einfach nur überfressen, hatte Herbert geantwortet.
„Vielleicht sollten wir das nächstes Jahr wieder machen“, sagte er, und überraschte sich selbst damit am meisten.
Rating: P 6
Genre: Slash, est. rel., Weihnachtskitsch
120-Minuten-Prompt: Christbaumkugelsplitter
Bingo-Prompt: Essen
Fandom: Tatort Münster
Personen: Thiel, Boerne, Herbert
Handlung: alte und neue Traditionen
Warnungen: Weihnachtskitsch steht nicht umsonst unter Genre ;) Das Prompt hat mich sentimental gemacht. Alle drei sind ordentlich OOC … sorry folks
Länge: ~ 850 Wörter
Zeit: ~ 70 Minuten
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„Frank?“
Boerne war ihm in die Küche gefolgt, und er tat hastig so, als hätte er etwas am Herd zu tun.
„Stimmt was nicht?“
„Was soll denn nicht stimmen? Bleib lieber im Wohnzimmer und paß auf, daß Herbert die Weinflasche nicht schon vorm Essen leermacht.“
Boernes besorgter Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein Lächeln. „Ah.“
„Was, ah?“
„Dir geht dein Vater mit seinen Geschichten aus deiner Kindheit auf die Nerven.“ Boerne grinste. „Hast du Angst, daß ich all deine dunklen Geheimnisse erfahre?“
„Pfff …“ Er starrte angestrengt in den Topf und hoffte, daß Boerne nicht weiter nachbohren und ihn in Ruhe lassen würde. Dann würden sie diesen Tag irgendwie über die Bühne bringen, und er würde sich garantiert nicht noch einmal darauf einlassen, seinen Vater zu den Festtagen einzuladen.
„Weißt du …“, Finger schlossen sich um die Hand, in der er den Löffel hielt, und er sah überrascht auf, „… ich verstehe vielleicht nicht allzuviel vom Kochen, aber ich weiß schon, daß es keinen Grund gibt, aus dem du jetzt minutenlang in der Soße rühren müßtest.“
…
„Die eigenen Eltern sind einem immer ein bißchen peinlich.“ Boerne ignorierte geflissentlich, daß er überhaupt keine Antwort erhalten hatte, und redete einfach weiter. „Aber das ist nur ein subjektiver Eindruck, ich finde es eigentlich gerade ganz nett.“
„Ganz nett.“ Thiel befreite seine Hand und rührte energisch weiter. „Wirklich witzig, diese Geschichte mit der Christbaumkugel.“
„Ich konnte dem durchaus eine humoristische Note –“
Er schnaubte. Daran war gar nichts komisch gewesen. Überhaupt nichts. Er konnte sich an die Angst und die Schuldgefühle erinnern, als wäre es gestern gewesen. Weil er genau gewußt hatte, daß er das nicht hätte tun sollen. Nicht um den Baum rennen, hatte sein Vater gesagt, du reißt noch den ganzen Schmuck runter. Und dann war es passiert, da lag sie, die letzte der Christbaumkugeln, die seine Mutter noch von ihrer Mutter hatte, zersplittert in tausend Stücke. Er hatte verzweifelt versucht, alle Spuren zu beseitigen, obwohl er doch genau gewußt hatte, daß es ihnen auffallen würde, daß sie merken mußten, daß die Kugel fehlte. Das war mit Abstand das furchtbarste Weihnachtsfest seiner Kindheit gewesen, noch schlimmer als das erste Weihnachten ohne seinen Vater. Die ganze Zeit hatte er darauf gewartet, daß sein Vater oder seine Mutter den Baum näher betrachten und feststellen würden, was passiert war. Und jetzt erzählte sein Vater gut gelaunt, wie sie die Splitter noch Wochen später an verschiedenen Stellen in der Wohnung entdeckt hatten, als wäre das alles ein einziger großer Witz –
„Frank …“ Boerne sah ihn an. „Ich kann mir vorstellen, daß das damals für dich nicht lustig war. Aber das ist vierzig Jahre her … Und Herbert erinnert sich anders daran als du, das ist doch normal.“ Eine Hand kletterte an seinem Arm nach oben bis zur Schulter und er ließ sich in die Arme nehmen, obwohl er sich gerade reichlich albern vorkam, sich so aufzuregen wegen so einer alten Geschichte, und obwohl er gar nicht so genau wußte, warum ihm das jetzt eben eigentlich derartig den Boden unter den Füßen weggezogen hatte. Das war doch alles nicht nur schon vierzig Jahre her, er hatte auch fast ebenso lange nicht mehr daran gedacht. „Alles wieder in Ordnung?“ murmelte Boerne, den Mund in seinen Haaren, aber bevor er antworten konnte, öffnete sich die Küchentür ein zweites Mal.
„Jungs, wo bleibt Ihr -“ Herbert warf ihnen einen Blick zu und räusperte sich. „Stör ich?“
„Ach woher“, sagte Boerne und ließ ihn los. „Ich glaube, das Essen ist dann auch so weit.“
„Du kannst die Kartoffeln abschütten und in die Schüssel füllen.“ Seine Stimme klang immer noch ein bißchen belegt, und sein Vater sah ihn neugierig an, sagte aber ausnahmsweise mal nichts, sondern machte sich an die Arbeit. Thiel konzentrierte sich derweil auf den Braten und merkte erst nach einigen Minuten, daß Boerne am Rand stand und ihnen dabei zusah, wie Herbert und er das Essen auf den Tisch brachten. Ein bißchen wie früher, dachte Thiel. Am ersten Weihnachtsfeiertag hatte immer sein Vater gekocht, und er hatte geholfen. Und seine Mutter hatte die Füße hochgelegt und sich vom Streß der Vorweihnachtszeit erholt. Nur daß es diesmal umgekehrt war, er hatte gekocht und Herbert hatte geholfen. Und daß jetzt Herbert das Glas hob, als sie wieder am Tisch saßen, und „Ein Hoch auf den Koch“ sagte und ihm dabei zuzwinkerte.
„Auf alte und neue Traditionen“, sagte Boerne und lächelte. Natürlich hatte Herbert auch vom Kochen am ersten Weihnachtsfeiertag erzählt. Und von tausend anderen Dingen. Wie sie damals in dem Winter, als er arbeitslos und das Geld knapp gewesen war, auf dem städtischen Friedhof im Schutz der Dunkelheit ein Tännchen geklaut hatten. Und wie die ganze Wohnung nach Zimt gerochen hatte, als sie mit der Beute zurückgekommen waren, weil seine Mutter Zimtsterne gebacken hatte. Und wie er in diesem Jahr so viele Zimtsterne gegessen hatte, daß ihm drei Tage schlecht gewesen war. Zimt ist in hohen Dosen durchaus gefährlich für den menschlichen Organismus, vor allem bei Kindern, hatte Boerne eingeworfen. Ich glaube, er hat sich einfach nur überfressen, hatte Herbert geantwortet.
„Vielleicht sollten wir das nächstes Jahr wieder machen“, sagte er, und überraschte sich selbst damit am meisten.
~*~ Fin ~*~
no subject
Date: 2013-12-10 05:54 am (UTC)Und zu kitschig geht doch in der Adventszeit kaum. Man hat ja ein Jahr Zeit, sich von Zimtsternen (die lassen dich bei den beiden nicht los, gelle?) und Marzipankartoffeln wieder zu erholen. *gg*
no subject
Date: 2013-12-10 09:29 pm (UTC)puh, beruhigend ... ich fand's ja schon ein wenig strapaziert ;) Aber in der Tat, die fortschreitende Adventszeit fordert ihren Tribut ...
die lassen dich bei den beiden nicht los, gelle?
*grins*
Das liegt alles an noctuabundas Zimtsterngeschichte, seitdem denke ich bei den beiden an nichts anderes. Also, wenn ich an Thiel, Boerne & Weihnachtsgebäck denke ...
no subject
Date: 2013-12-10 08:04 pm (UTC)Und eigentlich ist das ziemlich kitschig und ziemlich schön und etwas, was ich den dreien wirklich, wirklich gönnen würde (weniger Thiels unangenehme Erinnerungen, mehr Familie), also… Wunderbar!
no subject
Date: 2013-12-10 09:32 pm (UTC)Wohl wahr, zum guten und zum schlechten.
ziemlich kitschig und ziemlich schön und etwas, was ich den dreien wirklich, wirklich gönnen würde
Mehr Familie wär' schon nicht schlecht, für jeden der drei. Naja, zumindest so ab und zu, zur Weihnachtszeit zum Beispiel ;) Man muß es ja nicht übertreiben ...
no subject
Date: 2013-12-12 11:59 am (UTC)Das Beste war daran, dass ich beim Lesen richtig die Stimmen gehört haben. Ich guck den Münsteraner Tatort ab und an ja ganz gerne und ich konnte mir Boernes dozierenden Tonfall genau vorstellen. *lach*
Eine wunderschöne Geschichte. <3
no subject
Date: 2013-12-12 05:25 pm (UTC)Für mein Gefühl war es zwar eine meiner wirklich schwächeren Geschichten, aber dann hat es sich ja trotzdem gelohnt.
Weihnachtskitsch von seiner besten Seite!
Ich geb's zu, eigentlich hab' ich auch gar nix gegen Weihnachtskitsch ;)
Dein Icon! Die zwei habe ich ja auch mal eine ganze Weile geslasht.
no subject
Date: 2013-12-14 03:57 pm (UTC)Ich bin schockiert! ;)
Nein, ernsthaft ... das finde ich sehr schön, daß du trotzdem reingelesen hast und es Dir gefallen hat (obwohl ich selbst das für eine meiner schwächeren Münster-Geschichten halte). Schon lustig, in meiner Drei-Fernsehprogramme-Kindheit bzw. Jugend hätte es kaum passieren können, daß man den Tatort gar nicht kennt, aber heutzutage gibt es natürlich viel mehr Konkurrenz. Ich selbst habe auch mit Thiel/Boerne wieder angefangen intensiv zu schauen ...
Herbert ist in der Tat nicht so schlimm und eigentlich ganz lustig, ich mag den Charakter sehr gerne. Als Vater allerdings ... Das ist was anderes, und auch die Canon-Vater-Sohn-Beziehung ist ein klein wenig angespannt. Ein ganz klein wenig ...
Wenn Du Lust und Interesse und Zeit hast, kannst Du dir hier ein "Fandvideo" der ARD anschauen, das gibt einen ganz hübschen Eindruck und dauert ca. 8 Minuten:
Best of Tatort Münster (http://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/tatort/sendung/2012/das-wunder-von-wolbeck-100.html)