[identity profile] nessaniel.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Nutellasalat
Challenge: Situationen – Verwandlung/Metamorphose – fürs Team
Fandom: Original
Titel: Der Elefant
Inhalt: Ein Absturz, eine Spirale, die sich immer weiter nach unten dreht und enger wird, bis sie ihr die Luft abschneidet.
Warnung: Es wird das Thema Selbstmord angesprochen (und das Purple-Prose-O-Meter dürfte durch die Decke gegangen sein).


Der Elefant

Sie hasst es, wenn man über sie lacht, schon von klein auf. Wenn ihre Schwester sich über sie lustig macht, versteckt sie sich heulend im Schrank, und wenn ihre Eltern sie wegen irgendetwas ermahnen, liegt sie stundenlang wach, mit klopfendem Herzen. Fühlt sich nutzlos, grau und ungeliebt.
Später, in der Schule, wo alles ein klebriges Nest voll haarsträubender Lügen, Spottrufen und ständiger Lästerei ist, hat sie nur noch Angst.
Sie tut nie irgendetwas Auffälliges, spricht mit niemandem aus ihrer eigenen Klasse. Vergräbt sich hinter Büchern und ihrem Taschenrechner, wird gut in Physik und besser in Spanisch, bis irgendwer mal sagt, was für eine beschissene Streberin sie doch ist.
Das kleine Kartenhaus aus Selbstvertrauen wackelt bedrohlich, doch sie hält tapfer durch. Streberin ist in Ordnung, denkt sie, Streberin, das bezieht sich nur auf ihren Kopf und daran kann sie was machen. Sie kann dümmer oder klüger werden, ganz wie sie will.
Sie wird dumm, weil die Dummen seltener ausgelacht werden.
Doch dann fangen sie alle an zu wachsen, die Jungen werden erst schlaksig und dann schlank, die Mädchen werden runder, voller, doch nur sie hört nicht auf, wächst immer weiter, bis sie riesengroß ist, wie ein Elefant, und dann noch ein zweiter.
Ab da begleitet sie das Lachen wo auch immer sie hingeht, ihr ganzer Körper ist eine Zielscheibe, und sie reibt sich innerlich wund vom In-sich-selbst-Zurückziehen. Irgendwann kann sie nicht mehr zurückweichen, weil ihre Fersen schon im Freien schweben, über dem schwarzen Abgrund, tief drinnen in ihrem Herzen. Sie will mit den Armen rudern, um nicht abzustürzen, doch sie sieht die Wörter fette Sau um ihren Kopf schweben und presst die Hände fest an die Seite.
Kurz bevor sie hinunterfällt, ist plötzlich die Schule vorbei und das Lachen nimmt ein wenig ab. Sie hat einen Neuanfang vor sich, ein ganz unverbrauchtes, sauberes Leben und sie fühlt sich gut.
Doch weil sie so viel Zeit mit Rückwärtslaufen verbracht hat, weiß sie nicht, wie es in die andere Richtung geht.
Erst bekommt sie keinen Job, dann einen miesen. Sie verliert ihn und das nagt an ihr. Ein zweiter und ein dritter kommen, sie verliert beide, und irgendwo zwischendrin schwillt plötzlich ihr Bauch an und das Baby ist da.
Ein kleines Baby, hilflos, und geschlagen mit einer Elefantenmutter, die keine Arbeit findet.
Bis irgendwann der Mann vom Fernsehen kommt.
Er erzählt etwas von Reality TV, dem nächsten großen Hit, mit ihrem Körper, doch sie hört ihm nicht richtig zu, weil sie kaum etwas versteht. Sie sieht nur die Zahlen auf dem Vertrag, mehr in einem Monat, als sie im ganzen Jahr verdient hat, und sie kritzelt ihre Unterschrift auf die kleine Linie.
Als ein Freund sie dann im Fernsehen sieht, schüttelt er den Kopf. Das sei nicht sie selbst, sagt er, und warum sie das denn mache.
Für sie, sagt sie und deutet auf ihr Baby, wofür denn sonst, sie hat schließlich nichts anderes. Vor allem keine Leidenschaft mehr, für irgendwas. Sie hätte gern mal wieder Sex oder würde einfach nur gern wieder ein Buch lesen und dabei etwas anderes fühlen, als das Papier zwischen ihren Fingern.
Als die Kinder auf der Straße mit dem Finger auf sie zeigen und zu lachen anfangen, beginnt sie zu sterben.
Doch jedes Mal, wenn sie nach Hause kommt, ist ihr Baby da und sie findet neue Kraft, um nur noch einen Tag weiter zu machen.
Und noch einen und noch einen.
Irgendwann ist ein ganzes Jahr rum und sie ist endlich wieder frei. Sie hat das ganze Geld gespart, sie zieht um und weil die Fernsehsendung schlechte Quoten hatte, hat man ihr Gesicht bald vergessen.
Sie hätte jetzt Zeit, um endlich dieses Buch zu lesen, doch als es soweit ist, muss sie feststellen, dass sie vergessen hat, wie man glücklich ist.
Verzweifelt greift sie nach dem Messer und sticht sich in den Arm, doch ihre Elefantenhaut ist zu dick, sie kommt nicht durch und alles was zurückbleibt ist Scham, für immer durch die Narben auf ihrem Körper eingebrannt.
Wenn sie doch nur endlich fallen würde, denkt sie, in den Abgrund im Herzen, sie steht doch schon so lang am Rand. Doch ihr wächst ein Rüssel, der sich verzweifelt ums Gitterbettchen klammert.
Bis die Gitter verschwinden, weil ihr Baby nicht immer ein Baby bleiben kann und eines Tages geht es weg, verschwindet mit einem anderen Menschen, wütend und böse, weil es sein Leben lang vom dem Rüssel zerdrückt wurde.
Da lässt sie endlich los, kraftlos, müde, zu Tode erschöpft.
Der Wind rauscht an ihrem Kopf vorbei und reißt das Lachen heraus, das ihr seit Jahr und Tag die Ohren verstopft hat.
Wie schön die Welt auf einmal klingt, mit Elefantenohren.
Wenn sie sie nur ein bisschen länger hätte hören können.

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