Original: Der Misanthrop
Aug. 16th, 2007 09:02 pmTitel: Der Misanthrop
Autor:
jarienn
Fandom: Original
Charaktere: Adam Richmond und Sal Dean.
Wordcount: ~ 1700
Rating: PG-13
Challenge: # 1 Subtilität
Der Misanthrop
Ich bleibe auf dem schmalen Treppenabsatz stehen, bis sich die Kneipentür hinter mir schließt und einen Teil des Lärmes und Gestankes, der im Innern des Brazen Barrel herrscht, von der Außenwelt abschneidet. Nach einem ersten und letzten tiefen Atemzug, der mir wieder bewusst macht, warum ich die Winter in Port Darren so sehr verabscheut, fische ich in den Taschen meines Mantels nach dem obligatorischen Feuerzeug und der Packung Zigaretten. Während ich die drei ausgetretenen Stufen auf den Gehsteig hinunterschreite, gebe ich mir alle Mühe, mir eine Zigarette anzuzünden. Als langjährigem Raucher hätte das für mich ein Leichtes sein sollen, doch der schneidend kalte Wind, der sich zwischen den Lagerhäusern am Containerhafen fängt, macht es mir schwer, die Flamme am Verlöschen zu hindern. Als hohle Hand und Hauswand keinen genügenden Schutz zu bieten imstande sind, gebe ich schließlich auf. Warum sollte an diesem Tag auch nur irgendetwas klappen?
Mit der nutzlosen Zigarette im Mundwinkel stapfte ich durch den Schneematsch in Richtung meiner kleinen Wohnung am Rande des Crowsloft. Es ist noch nicht spät, gerade mal zehn Uhr durch, und eigentlich sollte mir nach Feiern zumute sein. Schließlich ist heute der fünfte Teil meiner Reportage in der Port Darren Gazette erschienen. Aber wie auch die vier anderen Male erschöpft sich das Feiern in einem Bier – dann ist es höchste Zeit, dass ich erneut der Gesellschaft von Menschen entfliehe. Ich ziehe die Einsamkeit meiner Wohnung entschieden allem anderen vor.
Mein Name ist Adam Richmond. Ich bin 42 Jahre alt und ein erfolgreicher freier Journalist. Andere Menschen sind mir ein Gräuel. Und ich ihnen. Soviel ist offensichtlich.
Und doch reißen sich die Zeitungen von einer Küste zur anderen darum, dass ich für sie Artikel schreibe. Welcher Irrsinn! Ich kann mir aussuchen, welche Angebote ich annehme und welche nicht; in den letzten zwei Jahren habe ich nur ein einziges Angebot angenommen. Das Ergebnis erscheint alle drei Monate im sogenannten Feuilleton. Ich erhalte sogar Fanpost – die postwendend in den Papierkorb wandert. Also könnten die Briefe genauso gut Hassbotschaften enthalten. Wen kümmert’s? Mich sicherlich nicht. Pro Folge meiner Serie über die Leben von Menschen, die es nicht so gut getroffen haben, erhalte ich zwanzigtausend Dollar. Die Menschen, über die ich schreibe, sehen davon keinen Cent; sie müssen sich mit der einen oder anderen warmen Mahlzeit zufrieden geben. Wenn ich gute Laune habe.
Ohne es zu merken, wähle ich die Abkürzung durch das hiesige Rotlichtviertel. Praktischerweise ist es die Grenze zwischen den beiden schäbigsten Gegenden von Port Darren: dem Dike, oder auch Devil’s Dike genannt, womit das beständig wachsende Viertel gemeint ist, in dem Armut und Kriminalität jegliche Statistiken sprengen, und den Sands, dem weitläufigen Hafengelände, das für seine Bars und billigen Absteigen bekannt ist.
Da es noch zu früh in der Nacht ist – und außerdem lausig kalt – sind nur wenige Leute unterwegs, deren natürlicher Lebensraum sich zwischen Bordellen, Oben-ohne-Bars und Stundenhotels befindet. Ihre nächsten Nachbarn, mit denen sie in nicht immer friedlicher Koexistenz leben, sind Zuhälter, Drogendealer und Türsteher. Ihre Beute: weibliche wie männliche Prostituierte. Aber sie haben auch Feinde – die Angehörigen der Polizei und das Tageslicht; letzteres entlarvt die prüden Banker und treusorgenden Familienväter, die des nachts auf Beutezug gehen. Heuchler, allesamt. Wundert es da noch jemanden, dass ich mit ihnen nichts zu tun haben will? Besten Dank. Ich bin wenigstens so ehrlich, mir einzugestehen, was ich tue. Und ich bin der einzige, dem ich Rechenschaft über mein Verhalten ablegen muss. Keine Familie, keine Freunde, vor denen ich mich rechtfertigen, für die ich eine Fassade der Rechtschaffenheit aufrecht erhalten müsste. Ich bin keine Mogelpackung; what you see is what you get. Nicht mehr und nicht weniger.
An diesem Abend fällt es mir nicht schwer, den vermeintlichen Lockungen der Prostituierten zu widerstehen. Und so schlage ich den Kragen meines Mantels hoch und gebe vor, sie nicht zu hören, nicht zu sehen – und vor allem nicht zu riechen. Es sollte verboten werden, in Parfüm zu baden. Nach vier Blocks ist der olfaktorische Spießrutenlauf zuende, und die mich umgebenden Häuser werden langsam ansehnlicher; ich nähere mich dem Crowsloft. Bevor ich dann jedoch in die Straße einbiegen kann, die mich auf direktem Wege zu meiner Wohnung führt, werde ich grob angerempelt und hart gegen eine Häuserwand gestoßen. Ich verliere meine Zigarette und beinahe auch mein Gleichgewicht. Ich fluche. Die Zigarette ist in einer Pfütze aus Schneematsch gelandet und damit ungenießbar geworden. Dies ist heute definitiv nicht mein Tag.
Ich schaue dem Burschen hinterher, der mich um meine Zigarette gebracht hat, sehe, wie er um eine Ecke verschwindet, als mich jemand am Arm fasst. Wie kann er es wagen?!
„Haben Sie einen Jungen gesehen? Er muss hier vorbeigekommen sein!“ Der Mann ist wütend, außer Atem – und für die herrschenden Temperaturen entschieden zu luftig angezogen; sein Hemd ist nur halb zugeknöpft, und als ich an dem mir nicht einmal bis zur Schulter reichenden Mann herunterschaue, sehe ich, dass er keine Socken in den nachlässig zugebundenen Schuhen trägt. Möge er sich den Tod holen.
Ich tue ihm den Gefallen und schicke ihn auf die richtige Fährte. Alles, damit ich so schnell wie möglich wieder alleine bin. Ohne ein Wort des Dankes wetzt er davon, rutscht einige Male fast aus; schade, dass er es nicht tut. Er verschwindet schließlich um dieselbe Ecke wie der Junge vor ihm, und ich setze meinen Weg fort.
Als ich an den kleinen Durchgang zwischen zwei Häuserzeilen komme, in den der Junge und sein Verfolger kurz zuvor verschwunden sind, höre ich einen Schrei, dann noch einen. Offensichtlich hat sich der Junge nicht die Mühe gemacht, weiterzulaufen als unbedingt notwendig, denn sonst hätte er längst über alle Berge sein müssen. Beim dritten, deutlich leiseren Schrei, beschließe ich, dass es sich nicht gut in meinem polizeilichen Führungszeugnis macht, wenn man mir nachweisen kann, dass ich bei einem Mord, einer Vergewaltigung oder beidem zugeschaut habe. Ich mag zwar meinen Mitmenschen nicht das Beste wünschen, aber ich werde mir an ihren jeweiligen Schicksalen auch ganz sicher nicht die Hände schmutzig machen, in keiner Weise.
Mit einem resigniertem Seufzer biege ich in die schmale Gasse ein und sehe schon bald, wie der Mann auf den am Boden liegenden Jungen eintritt. Ich mache mich durch ein leises Räuspern bemerkbar. Augenblicklich wirbelt der Mann zu mir herum, hört mit den Tritten auf. Mission erfüllt. Oder nicht?
„Halten Sie sich hier raus, Mann!“, bellt der aufgebrachte Mann mich an. „Der Kerl hat mir die Brieftasche geklaut. Und jetzt hol ich sie mir zurück.“ Noch einmal tritt er nach dem Jungen, der sich diesmal jedoch so zusammenkrümmt, dass nur sein Bein getroffen wird. Außer einem Aufkeuchen gibt er keinen Laut von sich.
Ich bleibe, wo ich bin, sehe schweigend zu, wie der Mann sich offensichtlich endlich traut, die Taschen der fadenscheinigen Jacke und ebenso ramponierten Hose des Jungen zu durchsuchen. Der Junge hat dem nichts mehr entgegenzusetzen, lässt es sich gefallen – muss es sich gefallen lassen. Schließlich richtet sich der Mann auf und hält triumphieren seine Brieftasche in der Hand.
An den Jungen gewandt sagt er: „Lass dich ja nie wieder hier in der Gegend blicken, Bürschchen! Wenn ich dich noch einmal in meinem Laden erwische, dann Gnade dir Gott!“ Damit verschwindet er aus der Gasse.
Auch ich will endlich den Rest des Weges zu meiner Wohnung hinter mich bringen. Allerdings muss ich feststellen, dass ich es nicht vermag. Ich schaffe es nicht, mich einfach umzudrehen, und den Jungen seinem Schicksal zu überlassen. Mit einem erneuten Seufzen und dem Vorsatz, dass es das letzte Mal ist, dass ich mich altruistisch verhalte, ziehe ich den Jungen am Schlafittchen seiner Jacke hoch.
„Kannst du aufstehen?”, frage ich überflüssigerweise. Der Junge wimmert leise auf und klammert sich an meinen Arm, um sich halbwegs aufrecht zu halten. Erst jetzt sehe ich sein Gesicht im Schein der Straßenlaterne; und trotz der blutigen Nase und diverser blauer Flecken erkenne ich das Gesicht. „Scheiße”, fluche ich murmelnd und wenig mitfühlend, als ich den Jungen mit mir ziehe. Sal Dean, so der Name des Jungen, hat keine andere Wahl als mir zu folgen.
„Wolltest du nicht bis Ende des Jahres von der Straße weg sein?” Sals Antwort ist so leise, dass ich sie nicht verstehe. Aber das ist auch nicht nötig, denn ich weiß auch so, was er gesagt hat; schließlich ist es ja nicht das erste Mal, dass ich ihn auflese. Und auch dieses Mal hoffe ich, dass es das letzte Mal ist – natürlich nur um meinetwillen. „Wie du meinst.”
Ohne weiteren Zwischenfall erreichen wir mein Apartment. Ohne viele oder gar überflüssige Worte zu wechseln, verfrachte ich den durchgefrorenen und ziemlich mitgenommen aussehenden Neunzehnjährigen unter die Dusche. Ich stutze ein wenig, als ich aus der untersten Schublade meiner Schlafzimmerkommode den Jogginganzug nehme, den ich inzwischen als seinen Jogginanzug betrachte. „Unsinn!”, schelte ich mich selbst. 'Schluss mit der Gefühlsduselei! Der Anzug hat mir nie gepasst, und als ich Sal vor sechs Monaten interviewt habe, wollte ich ihm das Ding eh geben, aber er hat abgelehnt.'
Während Sal – sauber und aufgewärmt – eine kleine warme Mahlzeit zu sich nimmt, richte ich das Schlafsofa her. Zuvor habe ich Sal meinen Erste-Hilfe-Koffer zur Verfügung gestellt, und ich weiß, dass er inzwischen Übung darin hat, seine Blessuren zu verarzten; Hilfe will er nicht – und Hilfe bekommt er nicht – nicht von mir.
Sal ist ist nicht dumm, das muss ich ihm lassen, und deshalb versucht er nicht, ein Gespräch mit mir anzufangen. Guter Junge.
In den frühen Morgenstunden höre ich, wie sich jemand im Apartment bewegt. Ja, Sal hat definitiv dazu gelernt seit unserem ersten Treffen. Er weiß, dass er nicht auf ein Frühstück hoffen darf.
Als ich einige Stunden später aufstehe, bin ich alleine. Gott sei Dank. Noch bevor ich ins Badezimmer gehe, um meiner üblichen Routine nach zu gehen, tapse ich barfuß und nur in Shorts in die Diele. Mein Blick fällt auf das kleine Tischchen, auf dem normalerweise meine Post liegt.
Bevor ich gestern ins Bett gegangen bin, habe ich etwas anderes auf das Tischchen gelegt. Die beiden Gegenstände – der Zweitschlüssel zu meinem Apartment und eine Zehn-Dollarnote – sind nun fort.
Ich seufze resigniert. Es sieht so aus als würde es sich nicht vermeiden lassen, dass sich Sals und mein Weg erneut kreuzen. Mir bleibt aber auch gar nichts erspart...
Autor:
Fandom: Original
Charaktere: Adam Richmond und Sal Dean.
Wordcount: ~ 1700
Rating: PG-13
Challenge: # 1 Subtilität
Der Misanthrop
Ich bleibe auf dem schmalen Treppenabsatz stehen, bis sich die Kneipentür hinter mir schließt und einen Teil des Lärmes und Gestankes, der im Innern des Brazen Barrel herrscht, von der Außenwelt abschneidet. Nach einem ersten und letzten tiefen Atemzug, der mir wieder bewusst macht, warum ich die Winter in Port Darren so sehr verabscheut, fische ich in den Taschen meines Mantels nach dem obligatorischen Feuerzeug und der Packung Zigaretten. Während ich die drei ausgetretenen Stufen auf den Gehsteig hinunterschreite, gebe ich mir alle Mühe, mir eine Zigarette anzuzünden. Als langjährigem Raucher hätte das für mich ein Leichtes sein sollen, doch der schneidend kalte Wind, der sich zwischen den Lagerhäusern am Containerhafen fängt, macht es mir schwer, die Flamme am Verlöschen zu hindern. Als hohle Hand und Hauswand keinen genügenden Schutz zu bieten imstande sind, gebe ich schließlich auf. Warum sollte an diesem Tag auch nur irgendetwas klappen?
Mit der nutzlosen Zigarette im Mundwinkel stapfte ich durch den Schneematsch in Richtung meiner kleinen Wohnung am Rande des Crowsloft. Es ist noch nicht spät, gerade mal zehn Uhr durch, und eigentlich sollte mir nach Feiern zumute sein. Schließlich ist heute der fünfte Teil meiner Reportage in der Port Darren Gazette erschienen. Aber wie auch die vier anderen Male erschöpft sich das Feiern in einem Bier – dann ist es höchste Zeit, dass ich erneut der Gesellschaft von Menschen entfliehe. Ich ziehe die Einsamkeit meiner Wohnung entschieden allem anderen vor.
Mein Name ist Adam Richmond. Ich bin 42 Jahre alt und ein erfolgreicher freier Journalist. Andere Menschen sind mir ein Gräuel. Und ich ihnen. Soviel ist offensichtlich.
Und doch reißen sich die Zeitungen von einer Küste zur anderen darum, dass ich für sie Artikel schreibe. Welcher Irrsinn! Ich kann mir aussuchen, welche Angebote ich annehme und welche nicht; in den letzten zwei Jahren habe ich nur ein einziges Angebot angenommen. Das Ergebnis erscheint alle drei Monate im sogenannten Feuilleton. Ich erhalte sogar Fanpost – die postwendend in den Papierkorb wandert. Also könnten die Briefe genauso gut Hassbotschaften enthalten. Wen kümmert’s? Mich sicherlich nicht. Pro Folge meiner Serie über die Leben von Menschen, die es nicht so gut getroffen haben, erhalte ich zwanzigtausend Dollar. Die Menschen, über die ich schreibe, sehen davon keinen Cent; sie müssen sich mit der einen oder anderen warmen Mahlzeit zufrieden geben. Wenn ich gute Laune habe.
Ohne es zu merken, wähle ich die Abkürzung durch das hiesige Rotlichtviertel. Praktischerweise ist es die Grenze zwischen den beiden schäbigsten Gegenden von Port Darren: dem Dike, oder auch Devil’s Dike genannt, womit das beständig wachsende Viertel gemeint ist, in dem Armut und Kriminalität jegliche Statistiken sprengen, und den Sands, dem weitläufigen Hafengelände, das für seine Bars und billigen Absteigen bekannt ist.
Da es noch zu früh in der Nacht ist – und außerdem lausig kalt – sind nur wenige Leute unterwegs, deren natürlicher Lebensraum sich zwischen Bordellen, Oben-ohne-Bars und Stundenhotels befindet. Ihre nächsten Nachbarn, mit denen sie in nicht immer friedlicher Koexistenz leben, sind Zuhälter, Drogendealer und Türsteher. Ihre Beute: weibliche wie männliche Prostituierte. Aber sie haben auch Feinde – die Angehörigen der Polizei und das Tageslicht; letzteres entlarvt die prüden Banker und treusorgenden Familienväter, die des nachts auf Beutezug gehen. Heuchler, allesamt. Wundert es da noch jemanden, dass ich mit ihnen nichts zu tun haben will? Besten Dank. Ich bin wenigstens so ehrlich, mir einzugestehen, was ich tue. Und ich bin der einzige, dem ich Rechenschaft über mein Verhalten ablegen muss. Keine Familie, keine Freunde, vor denen ich mich rechtfertigen, für die ich eine Fassade der Rechtschaffenheit aufrecht erhalten müsste. Ich bin keine Mogelpackung; what you see is what you get. Nicht mehr und nicht weniger.
An diesem Abend fällt es mir nicht schwer, den vermeintlichen Lockungen der Prostituierten zu widerstehen. Und so schlage ich den Kragen meines Mantels hoch und gebe vor, sie nicht zu hören, nicht zu sehen – und vor allem nicht zu riechen. Es sollte verboten werden, in Parfüm zu baden. Nach vier Blocks ist der olfaktorische Spießrutenlauf zuende, und die mich umgebenden Häuser werden langsam ansehnlicher; ich nähere mich dem Crowsloft. Bevor ich dann jedoch in die Straße einbiegen kann, die mich auf direktem Wege zu meiner Wohnung führt, werde ich grob angerempelt und hart gegen eine Häuserwand gestoßen. Ich verliere meine Zigarette und beinahe auch mein Gleichgewicht. Ich fluche. Die Zigarette ist in einer Pfütze aus Schneematsch gelandet und damit ungenießbar geworden. Dies ist heute definitiv nicht mein Tag.
Ich schaue dem Burschen hinterher, der mich um meine Zigarette gebracht hat, sehe, wie er um eine Ecke verschwindet, als mich jemand am Arm fasst. Wie kann er es wagen?!
„Haben Sie einen Jungen gesehen? Er muss hier vorbeigekommen sein!“ Der Mann ist wütend, außer Atem – und für die herrschenden Temperaturen entschieden zu luftig angezogen; sein Hemd ist nur halb zugeknöpft, und als ich an dem mir nicht einmal bis zur Schulter reichenden Mann herunterschaue, sehe ich, dass er keine Socken in den nachlässig zugebundenen Schuhen trägt. Möge er sich den Tod holen.
Ich tue ihm den Gefallen und schicke ihn auf die richtige Fährte. Alles, damit ich so schnell wie möglich wieder alleine bin. Ohne ein Wort des Dankes wetzt er davon, rutscht einige Male fast aus; schade, dass er es nicht tut. Er verschwindet schließlich um dieselbe Ecke wie der Junge vor ihm, und ich setze meinen Weg fort.
Als ich an den kleinen Durchgang zwischen zwei Häuserzeilen komme, in den der Junge und sein Verfolger kurz zuvor verschwunden sind, höre ich einen Schrei, dann noch einen. Offensichtlich hat sich der Junge nicht die Mühe gemacht, weiterzulaufen als unbedingt notwendig, denn sonst hätte er längst über alle Berge sein müssen. Beim dritten, deutlich leiseren Schrei, beschließe ich, dass es sich nicht gut in meinem polizeilichen Führungszeugnis macht, wenn man mir nachweisen kann, dass ich bei einem Mord, einer Vergewaltigung oder beidem zugeschaut habe. Ich mag zwar meinen Mitmenschen nicht das Beste wünschen, aber ich werde mir an ihren jeweiligen Schicksalen auch ganz sicher nicht die Hände schmutzig machen, in keiner Weise.
Mit einem resigniertem Seufzer biege ich in die schmale Gasse ein und sehe schon bald, wie der Mann auf den am Boden liegenden Jungen eintritt. Ich mache mich durch ein leises Räuspern bemerkbar. Augenblicklich wirbelt der Mann zu mir herum, hört mit den Tritten auf. Mission erfüllt. Oder nicht?
„Halten Sie sich hier raus, Mann!“, bellt der aufgebrachte Mann mich an. „Der Kerl hat mir die Brieftasche geklaut. Und jetzt hol ich sie mir zurück.“ Noch einmal tritt er nach dem Jungen, der sich diesmal jedoch so zusammenkrümmt, dass nur sein Bein getroffen wird. Außer einem Aufkeuchen gibt er keinen Laut von sich.
Ich bleibe, wo ich bin, sehe schweigend zu, wie der Mann sich offensichtlich endlich traut, die Taschen der fadenscheinigen Jacke und ebenso ramponierten Hose des Jungen zu durchsuchen. Der Junge hat dem nichts mehr entgegenzusetzen, lässt es sich gefallen – muss es sich gefallen lassen. Schließlich richtet sich der Mann auf und hält triumphieren seine Brieftasche in der Hand.
An den Jungen gewandt sagt er: „Lass dich ja nie wieder hier in der Gegend blicken, Bürschchen! Wenn ich dich noch einmal in meinem Laden erwische, dann Gnade dir Gott!“ Damit verschwindet er aus der Gasse.
Auch ich will endlich den Rest des Weges zu meiner Wohnung hinter mich bringen. Allerdings muss ich feststellen, dass ich es nicht vermag. Ich schaffe es nicht, mich einfach umzudrehen, und den Jungen seinem Schicksal zu überlassen. Mit einem erneuten Seufzen und dem Vorsatz, dass es das letzte Mal ist, dass ich mich altruistisch verhalte, ziehe ich den Jungen am Schlafittchen seiner Jacke hoch.
„Kannst du aufstehen?”, frage ich überflüssigerweise. Der Junge wimmert leise auf und klammert sich an meinen Arm, um sich halbwegs aufrecht zu halten. Erst jetzt sehe ich sein Gesicht im Schein der Straßenlaterne; und trotz der blutigen Nase und diverser blauer Flecken erkenne ich das Gesicht. „Scheiße”, fluche ich murmelnd und wenig mitfühlend, als ich den Jungen mit mir ziehe. Sal Dean, so der Name des Jungen, hat keine andere Wahl als mir zu folgen.
„Wolltest du nicht bis Ende des Jahres von der Straße weg sein?” Sals Antwort ist so leise, dass ich sie nicht verstehe. Aber das ist auch nicht nötig, denn ich weiß auch so, was er gesagt hat; schließlich ist es ja nicht das erste Mal, dass ich ihn auflese. Und auch dieses Mal hoffe ich, dass es das letzte Mal ist – natürlich nur um meinetwillen. „Wie du meinst.”
Ohne weiteren Zwischenfall erreichen wir mein Apartment. Ohne viele oder gar überflüssige Worte zu wechseln, verfrachte ich den durchgefrorenen und ziemlich mitgenommen aussehenden Neunzehnjährigen unter die Dusche. Ich stutze ein wenig, als ich aus der untersten Schublade meiner Schlafzimmerkommode den Jogginganzug nehme, den ich inzwischen als seinen Jogginanzug betrachte. „Unsinn!”, schelte ich mich selbst. 'Schluss mit der Gefühlsduselei! Der Anzug hat mir nie gepasst, und als ich Sal vor sechs Monaten interviewt habe, wollte ich ihm das Ding eh geben, aber er hat abgelehnt.'
Während Sal – sauber und aufgewärmt – eine kleine warme Mahlzeit zu sich nimmt, richte ich das Schlafsofa her. Zuvor habe ich Sal meinen Erste-Hilfe-Koffer zur Verfügung gestellt, und ich weiß, dass er inzwischen Übung darin hat, seine Blessuren zu verarzten; Hilfe will er nicht – und Hilfe bekommt er nicht – nicht von mir.
Sal ist ist nicht dumm, das muss ich ihm lassen, und deshalb versucht er nicht, ein Gespräch mit mir anzufangen. Guter Junge.
In den frühen Morgenstunden höre ich, wie sich jemand im Apartment bewegt. Ja, Sal hat definitiv dazu gelernt seit unserem ersten Treffen. Er weiß, dass er nicht auf ein Frühstück hoffen darf.
Als ich einige Stunden später aufstehe, bin ich alleine. Gott sei Dank. Noch bevor ich ins Badezimmer gehe, um meiner üblichen Routine nach zu gehen, tapse ich barfuß und nur in Shorts in die Diele. Mein Blick fällt auf das kleine Tischchen, auf dem normalerweise meine Post liegt.
Bevor ich gestern ins Bett gegangen bin, habe ich etwas anderes auf das Tischchen gelegt. Die beiden Gegenstände – der Zweitschlüssel zu meinem Apartment und eine Zehn-Dollarnote – sind nun fort.
Ich seufze resigniert. Es sieht so aus als würde es sich nicht vermeiden lassen, dass sich Sals und mein Weg erneut kreuzen. Mir bleibt aber auch gar nichts erspart...