Rache ist Dickmilch
Aug. 23rd, 2013 12:04 amChallenge: Situative Tropes - Rachefeldzug (für mich)
Fandom: Original (Echte Helden hätten so was nicht nötig)
Charaktere: Billi, Elin, Paul
Anmerkung: Die supernatürliche WG vom letzten Sommer. Billi hatte hier schon einmal einen längeren Auftritt, Elin dort und Paul auch und außerdem noch hier und hier. (Eine feste Chronologie gibt es da nicht, auch wenn die Geschichten alle nach dieser hier spielen.)
Wörter: 760
In den ersten Tagen, die Billi in der neuen Wohnung verbrachte, hatte sie noch nicht gewusst, dass hinter Elins elfenhafter Erscheinung tatsächlich halbelfische Gene lagen. Da hatte sie sich nicht einmal Ansatzweise vorstellen können, dass Elin, neben ihrer überirdischen Schönheit auch über übernatürliche Kräfte verfügte. Alles was sie sah war ein – auf ganz menschlich-unmagische Art und Weise – bezauberndes Lächeln, in dem Billi alles zu sehen glaubte, was sie sich in einer Mitbewohnerin erhoffen konnte.
Dass Sanftmut möglicherweise das einzige war, das sich nicht hinter diesem Lächeln versteckte musste sie allerdings bald lernen. Nämlich nach dem sie eines Morgens (und nicht einmal mit böser Absicht) den letzten Rest Milch in ihre Kaffeetasse schüttete.
Zunächst war da nicht mehr als ein zornige Funkeln in Elins Augen, ein durch die Zähne gemurmelter Fluch auf die Abscheulichkeit schwarzen Kaffees. Billi machte in Gedanken ein Kreuz bei der Eigenschaft „passiv-aggressiv“, sie wohnte ja erst seit einer Woche hier und musste die Macken und Eigenarten ihrer neuen Mitbewohner erst kennenlernen. Sie ging sogar so weit, Elin die eigene Tasse anzubieten, aber weil sie deren Inhalt bereits gesüßt hatte, wurde das Angebot ausgeschlagen.
Billi wunderte sich wohl, dass Elin ihr beim Verlassen der Küche kurz eine Hand auf die Schulter legte, und irgend etwas unverständliches murmelte, aber sie dachte sich nichts weiter dabei.
Als sie am nächsten Morgen die Milch in ihren Frühstückskaffee schütten wollte schwappte die mit solchem Schwung aus der Öffnung des Tetrapacks, dass kein Tropfen in ihrer Tasse aber dafür um so mehr auf der Anrichte, dem Fußboden und ihren Kleidern landete. Als sie damit fertig war, die verschüttete Milch aufzuwischen war ihr Kaffee nur noch lauwarm.
Sie trank ihn trotzdem.
Am nächsten Morgen geronn die Milch zu fetten Flocken. Billi überprüfte drei mal das Haltbarkeitsdatum, das ganz sicher noch in annehmbarer Ferne lag. Sie schüttete die Milch trotzdem weg und trank ihren Kaffee mit mürricher Miene schwarz.
Am darauf folgenden Tag geschah dasselbe, und Billi begann sich ernsthaft Gedanken zu machen, ob sie zu der Sorte Mensch gehören wolle, die Supermärkten ihre Beschwerden vorbringen. Sie entschied, dass sie dazu wirklich keinen Nerv hatte. Nachdem sie ihren Kaffee am vierten Tag erneut weg schütten musste, beschloss sie am nächsten Morgen, sich eben einen to-go Becher in der Bäckerei zu holen, auch wenn die Preise dort für einen stinknormalen Filterkaffee mit etwas Milch unverschämt waren. So muss sich ein Kettenraucher fühlen, wenn er nach fünf Stunden Fahrt endlich aus dem Zug steigen und das gelbe Quadrat auf der Plattform betreten darf, dachte sie, und nahm einen großzügigen Schluck. Die anderen Menschen an der Straßenbahnhaltestelle sahen sie verstöt an, als sie diesen Schluck sofort wieder ausspuckte. Die Milch im Kaffee war geronnen.
Am sechsten Morgen traf sie Paul in der Küche an, während der sich seinen Kaffee machte, sie hatte schon fast vergessen, was für ein köstlicher Anblick es war, wenn die Milch sich so flüssig-wolkig in dem Schwarz auflöst und freute sich, dass das Problem mit den falsch gedruckten Haltbarkeitsdaten, oder was auch immer es gewesen war, sich anscheinend in Luft aufgelöst hatte. Doch als Paul ihr das Tetrapack in die Hand drückte und sie die Milch in ihre eigene Tasse schüttete, flockte es wieder und klumpte und Billi wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen.
Paul, der das ganze beobachtete, schien kaum überrascht.
„Hast du Elin ihre Milch weggetrunken?“, fragte er nur und Billi musste einen Moment überlegen, denn natürlich hatte sie diesen Zwischenfall nicht als sonderlich merkwürdiges Ereignis abgespeichert.
„Keine Sorge“, fügte Paul hinzu, nachdem Billi genickt hatte.
„Ich red' mit ihr.“
Und tatsächlich, Billi hatte keinen Schimmer wie oder warum, aber danach konnte sie wieder Kaffee trinken, mit Milch und Zucker und genau so wie sie ihn am liebsten mochte.