[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Sirius
Challenge: Situative Tropes - am Ende der Kräfte (für mich)
Fandom: Original
Wörter: 650

Sie hasst es, wenn ihre Eltern sie zur Großmutter schicken, hasst den lang gewundenen Weg zwischen Tannen und Kiefern hindurch – da muss niemand sie warnen, als ob sie sich freiwillig durch diese Nadeln schlagen würde. Als Kind hatte sie sich manchmal selbst mutproben gestellt. Da hatte ihr Vater sie noch begleitet, und sie hatte sich gezwungen seine Hand los zu lassen und dann die Sekunden gezählt, die sie so alleine laufen konnte. Schon bei zwei begann ihr Herz zu rasen, bei vier perlte der Schweiß auf ihrer Haut, bei sechs klammerte sie sich schon wieder fest an die Finger ihres Vaters.
Inzwischen ist sie alt genug um den Weg alleine zu gehen. Aber die Angst ist immer noch die selbe, fühlt sich genau so an wie damals, und wie damals zählt sie auch jetzt noch jede Sekunde, versucht stolz auf jede Sekunde zu sein, auf jeden Schritt mit dem sie nicht umkehrt, jeden Schritt mit dem sie dem Bedürfnis zu rennen widersteht.

In dieser Nacht rennt sie. In dieser Nacht zählt sie keinen Schritt. An Umkehren ist gar nicht zu denken.
Ihr Tshirt ist Schweißgetränkt, war es schon, als sie die Terrassenstufen ihres Elternhauses hinunter hastete. Wummernde Töne verfolgen sie, ein der gigantischer Herzschag eines Monsters, mit Händen an Tentakeln, die nach ihr greifen und Münder haben, die ihren Namen sagen.
Sie reißt sich los.
Sie rennt.
Jeder Atemzug schmerzt, ihre Knie schreien förmlich, dass diese Schuhe an ihren Füßen nie zum Rennen gedacht waren. Wenn sie die Zunge an ihren Gaumen presst meint sie Blut schmecken zu können, aber sie läuft weiter – läuft geradeaus, wo der Weg eine Biegung macht, um ein Stück abkürzen zu können.
In dem Wald gab es früherWölfe, sagt eine Stimme in ihrem Hinterkopf, vielleicht gibt es sie wieder. In diesem Wald gibt es Wesen, die magst du dir gar nicht vorstellen, sagt eine andere. Die gibt es auch in deinem Haus, sagt eine dritte und übertönt jede Angst vor allem was noch hier draußen sein könnte. Eine tannennadelglatte Büschung schliddert sie hinunter, vertritt sich, stolpert, fällt fast, findet halt an einem Baumstamm – der harzige Geruch bleibt klebrig an den aufgerissenen Handinnenfläche hängen. Einen Moment, nur einen kurzen Augenblick erlaubt sie sich stehen zu bleiben, hinter sich zu blicken, jeder Windhauch wird zu einer schattenhaften Gestalt, die sich an sie heranschleichen möchte. Der durchdringende Jagdruf eines Raubvogels reißt ihren Kopf nach hinter, lässt sie zum Himmel hinauf blicken, suchen – hangaufwärts knackt es im Gebüsch, rascheln die Nadeln aneinander – nur noch ein Stück; mit letzter Kraft stößt sie sich ihrem Baumstamm los, will weiter, da graben sich Krallen in ihre Schulter, reißen an dem Stoff ihrer Jacke, hinterlassen brennende Spuren auf ihrer Haut, sie schreit, zappelt, es hat ihre Haare, zieht und zerrt an ihnen –
im Weiterrennen betastet sie die blutig-kahle stelle an ihrem Kopf, der absurd trockene Gedanke, dass es das wohl war mit ihren schönen Haaren, aber immerhin ist sie davon gekommen, immerhin haben Sie, hat Es sie nicht kriegen können.
Ihre Füße tragen sie nur unter größtem Protest durch einen kleinen Bach – dann hat sie den Spazierweg wieder erreicht, sieht schon die Lichter tanzen in den Fenstern ihrer Großmutter.
Die Großmutter steht in der Einfahrt, in ihrem Morgenmantel und leuchtet ihr mit einem Glas voller Leuchtkäfer und für einen Moment wundert sie sich noch, woher die Großmutter wußte, dass sie kommen wird, und dann entdeckt sie die Tentakeln, mit ihren Händen und Mündern, die bei der Großmutter stehen.
„Lauf!“, will sie ihr zu rufen, will sich auf die Tentakeln stürzen, die Großmutter retten. Aber sie kann nicht mehr. Ihre Beine geben nach, und ehe sie sich versieht, schnellt eine der Tentakeln vor, fängt sie auf.
„Was machst du denn für Sachen“, sagen die Münder und klingen sonderbar vertraut dabei. Dann wird alles Dunkel um sie herum, bleiben nur wirre Stimmen und das ferne Heulen eines Martinshorns.

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