Frühstücksmüsli
Jul. 19th, 2013 01:32 amChallenge: Situationen - Neben jemand (Unerwartetem) aufwachen (für mich)
Fandom: Original
Wörter: 1000
Es ist das Eine, morgens die Augen zu öffnen, und ein fremdes – nüchtern betrachtet, ein fremdes – Gesicht neben sich zu finden. Oder Haare. Haare, die so über das Gesicht fließen, und über das Kissen, Haare die sich ganz bestimmt schon überall in der Wohnung verteilt haben, wie Haare das eben so machen. Wir sind da kein Stück besser als Katzen oder Hunde oder was man sonst noch so in seiner Wohnung halten will. Bloß partiell langhaariger. Manchmal. Manchmal auch nicht. Also, langhaarig. Oder partiell. Oder, manchmal, vielleicht auch, ist jemand auch weder das eine noch das andere.
Jedenfalls ist das das Eine. Über das fremde Gesicht greifen und das Handy vom Nachttisch angeln, Uhrzeit, vielleicht Fotos von der letzten Nacht, womöglich sogar schon mit Namen versehen, ein Glück leben wir in der Zukunft, dann weiter über das Gesicht, oder besser gesagt, das was eben so an dem Gesicht dran hängt, das was man am Abend vorher (was ein Unsinn – es war doch höchstens vor ein paar Stunden, und die Sonne war auch schon aufgegangen) mit nach Hause genommen hatte, weil die Augen ohnehin schon nicht mehr geradeaus genug gucken konnten um Gesichter zu erkennen. (Ich habe den Faden verloren.) Genau, sich über das Gesicht und das was da so dran hängt lehnen, weil vor dem Bett eine Wasserflasche steht. Und denken, vielleicht wäre es ganz nett, wenn das Gesicht (oder wenigstens das was da so dran hängt) jetzt aufwachen würde, so für eine Weile, und dann könnte man es fort schicken – auf der anderen Seite sind da die Kopfschmerzen, die wie fette, schwarze Spinnen hinter den Schläfen sitzen und ihre sechzehn (es sind ja zwei – zwei Spinnen), ihre sechzehn Beine die Wirbelsäule hinunter zu schieben versuchen. Das muss man sich vorstellen! Zwei fette, schwarze Spinnen. Noch viel größer als die, die in Kellern sitzen und nur darauf warten, dass einer da her kommt, dem sie auf die Schulter fallen können. Neulich sprach mich ein Mädchen im Supermarkt an „Ich hoffe du bist nicht arachnophob, da ist nämlich eine Spinne auf deiner Jacke“ – unwichtig. Jetzt.
Zwei Spinnen im Kopf, größer als die im Keller, mit Millimeter dicken Beinen, an denen Millimeter dicke Borsten wachsen, und so Haken an den Enden, ich glaube, das ist was Spinnen „Füße“ nennen, jedenfalls behaupten sie das in solchen Naturdokumenation, wer zum Teufel kommt überhaupt auf die Idee solche Wesen unter die Lupe zu nehmen, bis sie so groß wie Häuser aussehen? Jedenfalls, diese Beine, sechzehnmal, ins Rückenmark hinein – so viel Platz ist da gar nicht, in der Wirbelsäule, und wahrscheinlich kriegt man nur ein allerhöchstens höfliches „Frühstück?“, über die Lippen, wenn das Gesicht tatsächlich aufwacht, und wenn das Gesicht halbwegs vernünftig ist, schüttelt es den Kopf und fragt höchstens, vielleicht, ob es die Dusche benutzen kann, und man versucht ihm den Weg zum Bad zu erklären, denn plötzlich scheint die Option, dass das Gesicht verschwindet, und alles was da so dran hängt, abgesehen von den Haaren, die immer irgendwo noch übrig bleiben, und wenn nur im Ausguss der Dusche, alles außer den paar gelassenen Haaren wieder mit nimmt.
Das ist auch nie wirklich schön. Wenn das Gesicht zum Beispiel meint, die Frage nach Frühstück mit einem Ja beantworten zu müssen, und einen dann in die Verlegenheit bringt, dass man außer Kaffee und vielleicht irgend einem Müsli, das aber nicht einmal das eigene, sondern von irgend wem anders, der halt tatsächlich ab und an mal hier frühstückt, der aber kein Gesicht ist an dem noch irgendwas dran hängt, das je nach Umständen von Interesse sein könnte, sondern mehr ein so was wie ein Freund. Also, dessen Müsli könnte man dem Gesicht anbieten, und er würde bestimmt nicht einmal etwas dagegen einwenden, würde es niemals ansprechen, es wäre nur so ein kurzes zusammenziehen der Brauen, wenn er das nächste Mal die Müslipackung in die Hand nimmt und feststellt, dass sie irgendwie leichter ist, als er sie in Erinnerung hatte.
Das ist das Eine, nicht grundsätzlich schön – Liza Minelli sagt als Sally Bowles in Cabaret mal so was, das ist noch ganz am Anfang des Films, als sie sich vorstellt, sie würde sich lieber mit nach Hause nehmen lassen, dann würde es nicht so den Anschein machen, als habe man es darauf abgesehen. Hat die eine Ahnung. Die Umstände, die es zuweilen macht so einen Herrn wieder aus der eigenen Wohnung hinaus zu kriegen sind tausend mal Schlimmer, als jeden Anschein den man doch überhaupt, sowieso macht – aber es ist irgendwie erträglich. Wie ein Kater. Man weiß ja vorher schon, auf was man sich da einlässt und selbst die, die nach Frühstück fragen, ganz offensichtlich noch keine Spielregeln kennen, folgen da gewissen Mustern. Mit ein wenig Übung kann man so einen Morgen abwickeln, ohne dabei richtig wach werden zu müssen.
Etwas ganz Anderes ist es da, wenn das Gesicht neben einem nur noch ein Abdruck auf dem Kissen ist, und ein Rest Wärme in Decke und Matratze und ein angenehm vertrauter Geruch, und kurz wird aufgeatmet, weil man sich also vielleicht das ganze Prozedere der peinlichen Verabschiedung ersparen kann. Aber dann hört man den Kaffee in der Küche fauchend sprudeln und denkt, oh Gott, nein, bitte nicht eins von den Gesichtern, die sich auf anhieb so Zuhause fühlen in einer fremden Wohnung, dass man ihnen nur schwerlich keine vorangegangene Spionage unterstellen kann.Und man hört das Müsli in eine Schüssel rieseln, und es klingt ganz vertraut, und irgendwie sollte man vielleicht doch einmal nachsehen, weil, wenn man dem Müslibesitzer schon erklären muss, dass jemand fremdes sich an seinem Müsli vergriffen hat, sollte man diesen Fremden zumindest einmal bewusst angeguckt haben.
Aber kaum ist man in der Küche stellt man fest, dass eine solche Erklärung überhaupt nicht nötig ist, und dass überhaupt niemand anderes das Müsli unter starr gesenktem Blick mit Milch überflutet, als nämlich sein, also des Müslis, rechtmäßiger Besitzer.