Verwandlung
Jul. 17th, 2013 10:08 pmChallenge: Situationen - Verwandlung (für mich)
Fandom: Original
Wörter: 500
Sie fischt mit zitternden Händen nach dem Haustürschlüssel, die irgendwo in den tiefen der Tasche zu finden sein muss, irgendwo – ein frustriertes Zischen entweicht ihr, die Tasche fällt zu Boden. Wer so etwas unsinniges überhaupt erfunden hat! Alles hat man bei sich – alles was man braucht – weil man halt ständig irgend etwas braucht, irgendwelche Hilfsmittel, irgendwelche Dinge – aber nichts findet man, wenn es dann einmal wirklich nötig ist.
Kalter Schweiß läuft ihr den Nacken hinunter, perlt auf ihrer Oberlippe und graue Bienen mauern ihr Sichtfeld mit grauen Honigwaben zu. Der Boden schwankt und sie schnappt nach Luft. Autoreifen auf Asphalt rauschen an ihr vorbei, Passanten, ihre Beine geben nach aber ihre Knie spüren den Aufprall schon gar nicht mehr. Was die wohl denken, was die wohl zu sehen meinen. Irgend ein Junky? Bestimmt. In dieser Gegend erst recht. Nicht einmal stehen bleiben sie um zu fragen, was los ist - „Fehlt Ihnen was? Kann man Ihnen helfen? Soll ich einen Krankenwagen rufen?“ - keiner fragt. Zum Glück. Zum Glück fragt keiner, kommt keiner in ihre Nähe.
„Fehlt Ihnen was?“
Verflucht.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Nein, bloß nicht. Bloß nicht!
„Soll ich einen Krankenwagen rufen?“
„Nicht“, bringt sie durch fest verschlossene Lippen hervor.
„Wohnen sie hier?“
Sie nickt.
„Allein?“
„Gehen Sie! Bitte...“
Jemand packt sie, zieht sie zurück auf ihre Beine.
„Sind das Ihre Schlüssel?“
Etwas silbernglitzerndes baumelt vor ihren Augen. Sie nickt, ehe sie sich daran hindern kann und der Fremde sperrt die Haustür auf, bringt sie hinauf in den zweiten Stock, in ihre Wohnung.
Hier bleibt er stehen, wie angewurzelt, versteinert, vergisst, dass sie nur seinetwegen noch auf den Beinen ist und lässt sie los. Wie ein Stein fällt sie zu Boden, rührt sich nicht mehr. Er starrt noch immer.
„Was zum Teufel ist das hier?“, fragt er, tastet sich an Wänden entlang, Wände aus Plastik oder Metall oder aus beidem, er weiß es nicht genau. Er hört die Wohnungstür hinter sich ins Schloss fallen, doch als er sich umdreht ist da nichts mehr, ist da nur Wand, weiße, glatte Wand. Er sieht sich nach anderen Türen um, aber findet keine, jedenfalls keine Türen so wie er welche kennt. Nur runde Öffnungen, die in andere Räume führen, selbst dort, wo eigentlich schon die Nachbarwohnung, das Nachbarhaus sein müssten sind Räume, keine Zimmer, Räume, runde Räume, wie Blasen, alle aus dem selben, seltsamen Material, wie gegossen.
„Das ist ein Scherz oder so“, entscheidet er, kopfschüttelnd, ein Streich, versteckte Kamera oder so. Er dreht sich wieder zu dem Mädchen um, das er auf der Straße aufgesammelt hat. Der Lockvogel.
Aber da ist kein Mädchen mehr. Keine junge Frau. Ihre Kleider liegen am Boden, ihre Handtasche, aber von ihr selbst, von ihrem Körper ist keine Spur.
„Was zur...“, murmelt er noch. Da hört er die Stimme in seinem Kopf.
„Es tut mir sehr Leid“, flüstert sie.
„Es tut mir sehr Leid, dass du da hier miterleben musstest.“
Er greift sich ans Ohr, wedelt wie blöd mit den Händen in der Luft. Aber die Stimme bleibt, bohrt sich einen Weg seine Wirbelsäule hinunter und vibriert in seinem ganzen Körper.
„Du wirst hoffentlich verstehen, dass ich dich jetzt nicht mehr gehen lassen kann.“