Stadtrand

Jul. 17th, 2013 09:05 pm
[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Sirius
Challenge: Orte - Joker. Inspiriert von [livejournal.com profile] cricri_72's beschriebenem Lieblingsort
Fandom: Original (Uhrwerkträume)
Anmerkung: Fortsetzung hiervon. Wenig Plot, aber mehr Frauenfreundschaft.
Wörter: 400


Solange Mirel denken kann, wollte sie nach Blenstett, dahin wo das Leben lebt, ununterbrochen durch die Schluchten der hauptstädtschen Straßen pulsiert. Doch jetzt, wo sie es hier her geschafft hat, kriegt sie von alle dem kaum etwas zu sehen. Sie hatte sich wohl, von ihrer Mutter vorgewarnt, darauf eingestellt einen Großteil ihres Lebens der Oper zu opfern. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie in der gesamten Spielzeit nur zwei freie Tage haben sollte. Den ersten zum Tag der Reichsgründung, den sie als Elevin dann doch singenderweise auf irgendeinem Rathausplatz in irgend einem Stadtteil verbrachte, und den zweiten zum Winterfesttag – zu einem Winterfesttag, dem Tag der Sonnenwende. An den übrigen sechs musste sie wahlweise in der Oper stehen und Gläubige – die nicht gläubig genug waren um in die Kirche zu gehen – mit ihrer Stimme in ihrem Glauben bestärken,

In zehn Monaten hatte sie kaum mehr von der Hauptstadt gesehen als die Wege zwischen Opernhaus, Probebühnen und ihrer eigenen Wohnung.

Elsa, mit der sie sich seit dem November eine Wohnung teilte, ging das ganz genau so. Aber anders als Mirel, die selbst ihre freien Minuten noch mit ihrem Korrepetitor zu verbringen suchte, des Singens scheinbar nie müde werdend, eiferte Elsa der Sommerpause vom ersten Frühlingstag an entgegen.

Als es endlich so weit war, der erste Morgen in einem halben Jahr an dem sie ausschlafen durften, stand sie um Punkt sechs Uhr in der Früh an Mirels Bett, schon ganz und gar eingekleidet, einen weitkrempigen Sonnenhut auf dem Kopf und einen Picknickkorb in den Händen.

Mirel versuchte sich unter ihren Kissen in Sicherheit zu bringen, aber Elsa ließ sich davon nicht abschrecken, schwirrte in ihrem Schlafzimmer herum, öffnete Vorhänge und Fenster, säuselte mit ihrem Mezzosopran von taufrischen Wiesen und Stauseen außerhalb der Stadt, von Radwegen die noch ganz neu, erst diesen Frühling angelegt waren, an Kanälen entlang. So lange bis ihre Worte tatsächlich verlockender klangen als jedes noch so weiche Federbett.

Bald saßen die beiden jungen Frauen auf ihren Fahrrädern und folgten dem Fluss nach Osten, ließen das Strandbad am Nordufer unbeachtet vorbei ziehen. Die freien Flächen zwischen den Häuserblocks wurden größer und größer, wurden Wiesen, wurden Felder.

„Du kommst gar nicht von hier?“, rief Elsa über den Fahrtwind.

Mirel schüttelte den Kopf. Als sie ganz klein war habe sie wohl mit ihrer Mutter hier gelebt, aber daran könne sie sich selbst nicht erinnern.

Dann sei es allerdings höchste Zeit für eine Führung, erwiderte Elsa darauf lachend und ließ ganz bewusst das Blenstetterisch durch ihre ordentlich geschulte Aussprache klingen.

Das schönste an der Hauptstadt seien nämlich nicht ihre Prachtstraßen, ihre Statuen und wichtigen Gebäude. Das schönste an der Hauptstadt sei die Landschaft darum herum.


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