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Team: Sirius
Challenge: Orte - Gefängniszelle (für mich)
Fandom: Original (Uhrwerkträume)
Charaktere: Luidan, Ennart
Anmerkung: Ein weiterer Text aus dem Universum der Uhrwerkträume. Spielt etwa 4 Jahre vor Handlungsbeginn, hat nichts mit Uhren zu tun und erfordert keinerlei Vorkenntnisse.
Wörter: 900


Es führen siebzehn Stufen zur Bibliothek hinauf, acht Schritte, wenn man sie doppelt nimmt, auf dem letzten Stück zwei Stufen überspringt. Treppauf geht das ganz wunderbar, treppab läuft es sich angenehmer mit siebzehn Schritten. Luidan ist gerade bei Schritt dreizehn, als jemand seinen Namen ruft.
Vom Vorplatz her läuft im Hans Stötter entgegen, winkt mit einer Zeitung.
„Weißt du noch, der Kerl mit dem Gedicht, letzte Woche?“, ruft er, drückt Luidan das vom rennen zerfledderte Tagesblatt in die Hände.
Luidan nickt. Selbstverständlich weiß er noch. Das Gedicht hängt ordentlich gerahmt über seinem Schreibtisch, jetzt. Denkt er – sagt er nicht.
„Was ist mit ihm?“
Es beschleicht ihn die leise Hoffnung in der Zeitung einen weiteren Text dieses Autors zu finden, auch wenn er weiß, dass Stötter darüber nicht in solche Aufregung geraten würde.
„Sie haben ihn festgenommen“, Stötter deutet auf eine kurzen Artikel am untersten Rand der Lokalseite. Sofort hat Luidan ihm die Zeitung aus den Fingern gerissen, liest, muss zwei mal lesen um sich zu vergewissern, dass die Festnahme wirklich, allen Ernstes wegen des Gedichts statt fand.
„Und wo ist er jetzt?“
Stötter blinzelt etwas verwundert.
„Wo er jetzt ist? Er wird ja wohl noch auf irgend einer Polizeiwache verwahrt werden.“
Aber Stötter kann nur mit den Schultern zucken, woher soll er das wissen. Überhaupt, auch wenn er es selbst bemerkenswert fand, ist es ihm doch nicht ganz geheuer wie sehr Luidan sich über diese Festnahme aufregt, wie der Flucht. Und da sollte nochmal jemand behaupten, es gäbe so etwas wie eine Meinungsfreiheit.
Das könne er doch so nicht sagen, versucht Stötter einzulenken, zu beschwichtigen, es gäbe eben schon Meinungen, die seien die seien jenseits des Duldbaren.
„Letzte Woche hat dir das Gedicht noch gefallen“, entfährt es Luidan.
Stötter senkt verlegen den Blick. Gefallen sei vielleicht etwas viel gesagt, murmelt er. Luidan hört ihm gar nicht mehr zu. Luidan steht schon gar nicht mehr neben ihm. Mit eiligen Schritten überquert er den Platz, hastet die Treppen des Universitätsgässchen hinunter, merkt erst als er an der Straßenbahnstation zum stehen kommt, dass er Stötters Zeitung noch in der Hand hält. Noch einmal liest er den Artikel, der es kaum verdient hat als solcher bezeichnet zu werden.
„...wurde in Neundorf“, fällt es ihm dann ins Auge. Neundorf.
Er steigt also in die nächste fünf, und lässt sich von ihr zum Neundorfer-Rathaus und damit auch zur dortigen Polizeiwache bringen.

Der Beamte am Empfangsschalter blickt nur flüchtig zu dem Studenten, der sich da vor ihm hinstellt, auf, fragt in schwerem Blenstetterisch, was er für ihn tun könne.
Luidan hält ihm den Zeitungsartikel unter die Nase.
„Ist der Herr bei Ihnen?“, fragt er. Der Beamte muss einen Zwicker hervor holen, ehe er lesen kann. Dann nickt er.
„Und wer hat seine Festnahme veranlasst?“
Zur Antwort erhält Luidan einen sehr ratlosen Blick.
„Na, die Neundorferpolizei zieht doch nicht los um wahllos irgendwelche Dichter festzunehmen“, noch während er das sagt, wird Luidan bewusst, dass es vielleicht für die Situation nicht sonderlich förderlich ist, sich so offensichtlich über die Angelegenheit aufzuregen.
„Das sollte sie aber durchaus“, sagt da eine Stimme in seinem Rücken.
„Haben Sie mal gesehen, was hier für Kroppzeug herum läuft?“
Der Herr der sich zu ihnen gesellt hat ist älter, die Abzeichen an seiner Uniform verraten eine hohen Dienstrang – aber Luidan war nie sonderlich gut darin, sich die Bedeutungen irgendwelcher Schulterstücke zu merken. Viel bemerkenswerter als seine Abzeichen ist überhaupt sein Backenbart. Die imposante Erscheinung einer Autorität.
Luidan muss sich auf die Zunge beißen um nicht laut zu lachen.
„Sie haben den Herrn festnehmen lassen?“, fragt er so ruhig er kann.
„Ja wohl“, antwortet der hochrangige Polizeibeamte.
„Und auf welcher Basis?“
„Haben sie sein Gedicht gelesen?“, erwidert der und klingt dabei annähernd so empört wie Luidan sich selbst fühlt.
„Es ist meine Pflicht, die Bürger des Fandländischen Reiches zu schützen, und wenn einer, einer der so – so etwas schreibt, ruft ja förmlich dazu auf gegen das Gesetz...“
Luidan lässt ihn reden. Nickt sogar ein paar mal, als könne ihn er ihn verstehen.
„Ich muss Sie trotzdem bitten, den Herrn gehen zu lassen“, sagt er dann.
Da lacht der hochrangige Polizeibeamte.
„Und wer sind Sie, dass sie meinen mir solche Anweisungen geben zu können?“, fragt er.
Luidan wünschte, er hätte das nicht getan. Es ist ihm immer etwas unangenehm seinen Namen in solchen Situationen zu benutzen. Aber, der Beamte hat ihn gefragt und wer fragt soll eine Antwort haben, und die gibt Luidan dem Herren, nennt ihm seinen vollen Namen und beobachtet, gleichsam belustigt wie genervt, die Veränderung die plötzlich in den beiden Uniformen von Statten geht. Da wird plötzlich stramm gestanden und salutiert. Nicht, dass irgendjemand wirklich für Luidan stramm stehen und salutieren müsste. Für seine Brüder, vielleicht, aber für ihn speziell gibt es wirklich keinen Grund, außer eben diesen, seinen Namen. Aber das wissen Polizeibeamte in Blenstett-Neundorf anscheinend nicht.
Da zeigt man sich plötzlich sehr kooperativ, nimmt ihn mit in den Keller, wo man den Dichter zur Verwahrung hin gesteckt hatte, öffnet dessen Verwahrungszelle und teilt ihm mit er könne dann seine Sachen oben entgegen nehmen.
Luidan bleibt an der Treppe stehen. Sein Herz klopft. Nicht genug damit, dass er gerade einen wildfremden Menschen mehr oder weniger aus einer Laune heraus aus dem Gefängnis geholt hat – dass das überhaupt möglich ist, möglich sein darf – es sind nur noch Sekunden, bis der Verfasser dieses Gedichtes, dieses Gedichts, das jetzt gerahmt über Luidans Schreibtich hängt, aus dem schummrigen Zwielicht des Kellers so wie Luidans Imagination treten wird.

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