Wadlichtung
Jul. 14th, 2013 09:42 pmChallenge: Orte - Waldlichtung (für mich)
Fandom: Original
Anmerkung: Es ist kein Duell - nicht wirklich, ganz ehrlich bin ich mir selbst nicht so ganz sicher was es ist.
Wörter: 400
Es ist ein ganz spezielles Licht: Die ersten Sonnenstrahlen, die im Osten über den Horizont klettern, in nebelschweren Wiesen zu ersticken drohen ehe sie auch nur den Waldrand gefunden haben, die sich durchs Unterholz schlagen und endlich, müde, erschöpft und zugleich hellwach die Lichtung erreichen. Müde, erschöpft und zugleich hellwach, wie man nur sein kann, wenn man den Sonnenaufgang von der falschen Seite, das heißt am Ende einer durchwachten Nacht, ansieht. Wenn man sich mit trockener Zunge über die spröden Lippen fährt und weiß, dass es vorbei ist, geschafft, und weiß, dass jetzt noch der Tag kommt, der Tag durchgestanden werden muss.
Mit ihrem rechten Zeigefinger betastet sie die Blasen an ihrem rechten Handballen. Pustet probeweise etwas Luft darauf – das hilft natürlich nicht, brennt nur noch mehr auf der aufgescheuert Haut.Mit trocken-tränenden Augen starrt sie den Griff des Spaten an, als könnte sie ihn mit ihren Blicken dazu bewegen, seine Arbeit von selbst zu Ende zu bringen.
Da liegt immer noch ein ganzer Haufen feuchte Erde neben ihr, klafft immer noch ein Loch zwischen Moos und Laub, die Erde genügt nur gerade eben um zu verschleiern – nicht einmal ganz zu bedecken, was sich da unten verbirgt.
Nur nicht hinsehen.
Ein Geräusch in der Ferne lässt sie aufschrecken, einen leisen Schrei ausstoßen, der die Vögel in den nahegelegenen Bäumen aufflattern lässt.
Es war nur ein Tier, murmelt sie, packt – von der Angst getrieben – doch nach dem Spaten, schaufelt weiter Erde, erinnert sie sich an den Ring. Den Ring.
Verflucht.
Jeden Ekel, jede Scheu vergessend, klettert sie zu ihm hinunter, wühlt mit bloßen Fingern im Dreck – dass es bloß nicht schon zu spät ist – wühlt nach seiner Hand, findet sie, zieht und zerrt an dem Schmuckstück herum. Es will sich nicht lösen, will nicht von dem Finger gleiten, dabei ist der so dünn, so knochig. Zitternd greift sie an ihren Gürtel, greift nach dem Dolch, der dort baumelt.
Aber es ist zu spät. Die Hand, die sie eben aus der Erde gezogen hatte, die gerade noch ganz starr und steif, ganz leichenkalt gewesen war, bewegt sich, unter ihr bewegt es sich, während sich mit unmenschlichen Kräften aus seinem Grab erhebt, aufsetzt, die Finger schon um ihre Kehle schließt.
„Du hast noch einiges zu lernen“, säuselt er, ist ihr ganz nah, seine Augen zwei schwarze Nadelstiche in unendlichem Weiß. Wie die Unendlichkeit. Ein einziger Punkt. Und dann ist auch der verschwunden.