Die Welt gerät aus den Fugen II
Jul. 14th, 2013 12:48 pmChallenge: Die Welt gerät aus den Fugen (
Fandom: Original
Wörter: 900
Anmerkung: 1 2 3
Die Mädchen wuchsen heran, ohne von all dem zu wissen. Sie kannten nichts als ihre dunkle Burg und ihren lichten Garten, als ihre beiden Mütter – die eine so warm und liebevoll wie ein nährreicher Sommerregen und die andere weit weg und eiskalt, wie die Sonne im Winter.
Keine der beiden erzählte den Mädchen etwas und weil alle Diener und Ritter um sie herum stumm waren, konnte auch niemand ein unbedachtes Wort fallen lassen um die Neugierde in der jungen Prinzessin oder ihrer Freundin zu wecken.
So vergingen zwei mal sieben Jahr, bis zum vierzehnten Geburtstag der Prinzessin. An diesem Tag sollte sie, nach alter Tradition, den Thron besteigen, doch während das ganze Reich sich an den Vorbereitungen erfreuten, Flaggen und Wimpel von Häusern und Fahnenstangen flatterten, Knöpfe und Rüstungen, Schuhe und Haarspangen poliert, Straßen gefegt und Fenster geputzt wurden, wollte die Königin nichts wissen von alle dem, verweigert stoisch jedem Ritter, jedem Fürsten, jedem Dienstboten, der an den Pforten der Burg Schattenfels klopfte, seine Audienz, gewährte ihm nicht einmal Unterkunft für die Nacht.
„Ihr könnt sie nicht ewig hier behalten“, sagte die treue Ingen, als sie am Abend Fett und Puder aus den Haaren der Königin kämmte. Im Spiegel trafen sich ihre Blicke.
„Und wieso nicht?“, fragte die Königin, nachdem sie lange überlegt hatte.
„Sie kann doch das Reich ebenso gut von hier aus regieren.“
„Die Leute mögen es nicht, wenn man sie aus weiter Ferne regiert. Sie werden sich einen anderen Herrscher suchen“, entgegnete Ingen sehr ruhig.
Die Königin wusste natürlich, dass das die Wahrheit war, so ungern sie es haben wollte.
Am nächsten Morgen rief sie daher die kleine Ingen zu sich.
„Du liebst deine Prinzessin, wie eine Schwester, nicht wahr?“, sprach sie zu ihr und die kleine Ingen nickte.
„Und du würdest alles für sie tun?“
Wieder nickte die kleine Ingen. Da wandte die Königin sich an deren Mutter.
„Am Tag der Krönung kleidest du sie in die feinsten Gewänder und Roben, du schmückst ihr Haar mit Malven und wenn wir in die Hauptstadt ziehen, wird sie an Malves Stelle auf dem Wagen sitzen.“
Der vierzehnte Geburstag der Prinzessin kam, und man zog in die Hauptstadt. Kein Bürger, kein Fürst und kein Ritter merkte, dass es nicht die Prinzessin war, der sie zujubelten, schließlich hatte sie, seit ihrer Taufe, keiner von ihnen mehr zu Gesicht bekommen. Aber es waren nicht alleine die Untertanen, die an diesem Tag getäuscht wurden.
Während die Königin still neben der kleinen Ingen saß, ein sanftes, längst vergessenes Lächeln auf den Lippen, und ihre Tochter sicher und geborgen in deren Kammer zu wissen glaubte, hatte die kleine Malve sich nicht einsperren lassen wollen. Übrigens war sie nicht neidisch auf ihre Ziehschwester, viel mehr gönnte sie ihr all den Prunk und die Aufmerksamkeit von ganzem Herzen. Nur wollte sie selbst dabei sein, wollte selbst sehen, wie man ihr zuwinken und zujubeln würde.
Als man sich für den Weg bereit machte, schlüpfte Malve aus ihren Prinzessinnenkleidern hinaus und in ein paar Lumpen, die die kleine Ingen ihr besorgt hatte, hinein. So geschickt wie nur ein Kind sein kann, das nie einen anderen Spielplatz hatte als eine dunkle, verwitterte Burg, war sie aus ihren Fenster geklettert, und hatte sich unter die stummen Diener gemischt, die dem Prachtzug folgten.
Staunend wandelte sie zwischen ihnen, stolperte immer wieder, blieb stehen, wurde vorwärts getreten. Sie hatte nie gedacht, dass die Welt so groß, so weit, so hell sein konnte. Dass es Straßen gab durch die das Sonnenlicht in breiten Flüssen strömen durfte, und Häuser mit leuchtend weißen Wänden.
Der Anblick des Palastes ihres Vaters verschlug ihr vollkommen den Atem, fast hätte sie vor Entzücken aufgeschrien, aber dann erinnerte sie sich, dass sie ja stumm sein musste, wollte sie sich nicht verraten.
In die Goldene Halle musste Malve sich alleine schleichen, dorthin durfte das einfache Volk nicht folgen. Aber es gelang ihr, zwischen ausladenden Röcken und reich bestickten Wandvorhängen unbehelligt ihren Weg zu finden. Gleich hinter dem Thron stand sie, im Schatten einer Säule, und sah zu wie ihre Ingen vor dem Hohen Priester auf die Knie fiel, den Kopf senkte.
„Die letzte, der des Vaters Blut in ihren Adern schlägt“, hieß es, unter dem feierlichen Singsang eines Chors. Doch plötzlich verstummte die Musik, geschah etwas, das ganz und sicher nicht geschehen sollte. Säbelrasselnd traten die versammelten Fürsten vor die Stummen Ritter ihrer Mutter, einer von ihnen packte die Königin – aus dem Ärmel seiner Robe zog der Hohe Priester ein Messer.
Ehe Malve sich versah war sie aus ihrem Versteck gestürzt, schubste den Priester mit aller Kraft zur Seite, ehe der kleinen Ingen etwas zustoßen konnte, verlor selbst augenblicklich das Gleichgewicht, rot verschwommener Marmor.
„Ratte!“, schimpfte der Hohe Priester als er sich wieder aufrappelte, die beiden Mädchen in seine greisen Augen fasste.
In ihrem Rücken hörten sie schwere Schritte, vor ihnen holte der Hohe Priester erneut mit seinem Dolch aus, da fiel Malves Blick auf den silberenen Schlüssel, das Zepter ihrer Familie. Ehe sie darüber nachdenken konnte, hatte sie Ingen gefasst und mit sich gezogen. Ihre freie Hand schloss sich um den Griff des Zepters, ganz fremd und doch so warm und vertraut, wie nichts das sie jemals zuvor gespürt hatte. Und auf einmal wusste sie, dass sie sich und Ingen in Sicherheit bringen konnte.