Folterkammer
Jul. 14th, 2013 12:06 amChallenge: Orte: Folterkammer (für mich)
Fandom: Original
Anmerkung: Direkte Fortsetzung Hiervon
Wörter: 600
In ein paar Tagen würde ich das alles ganz normal finden, versucht Alois mir auf stotternde Weise und über die Schreie, die Schüsse, das millionenfache Stöhnen und Wehklagen hinweg weiszumachen. Es gibt übrigens keine Tonübertragung, das ergänzt meine Vorstellungskraft ganz von selbst.
„Wie lange sind Sie denn schon hier?“, frage ich. Selbst in meinem Rücken spüre ich da Flimmern noch.
Alois schüttelt ein wenig den Kopf, zählt an den Fingern, verzählt sich, beginnt wieder von Neuem und Neuem.
„Es ist nicht so wichtig“, lenke ich ein, und über sein blasses Gesicht huscht so etwas wie Dankbarkeit. So ein Gesicht, mit zeitlosen Augenringen und nichtssagenden Bartstoppeln, so hell, dass sie nahezu unsichtbar sind. Es ist völlig unmöglich zu erkennen wie alt er ist. Wenigstens in dem schummrigen Zwielicht, das hier unten herrscht – als wäre die Atmosphäre nicht so schon unbehaglich genug. Er schlurft in einen Winkel des Raums, wo neben einem verkalkten Waschbecken eine Kaffeemaschine steht, fingert an der herum. Wie eine Schildkröte sieht er aus, eine sehr schmale Schildkröte, mit seinem geduckten Gang, seinen langsamen, weltfernen Bewegungen.
„Ihre Schicht dauert fünfzehn Stunden, Schlafräume sind an Ihren Arbeitsplatz angebunden.“
Noch vor ein paar Stunden hatte der Satz wohl angsteinflößend, aber lange nicht wie ein Todesurteil für den Verstand geklungen.
„T-trinken S-sie-“
„Ja, bitte.“
Ich bekomme einen Becher in die Hand gedrückt, randvoll mit Kaffee der so bitter riecht, dass ich eine Grimasse nicht verhindern kann. Alois deutet wortlos auf eine Zuckerdose neben der Spüle.
Er erklärt mir wie die Computer funktionieren, wie Aufnahme gestartet und gestoppt werden, erklärt das System nach dem die Katastrophen katalogisiert werden. Es ist alles nicht so kompliziert, eigentlich sehr durchschaubar, trotzdem dauert die Einführung ewig. Alleine bis er das Wort „Katastrophenkatalogisierungssystem“ über die Lippen gebracht hat – in jedem anderen Umfeld wäre es komisch.
Ich höre ihm zu und nicke und denke während all dem krampfhaft darüber nach, wie ich denen da Oben klar machen kann, dass sie mir eine andere Stelle zuweisen müssen. Es muss andere Stellen geben, für die ich qualifiziert genug bin. Alles, alles wäre ich bereit zu tun, wenn ich nur nicht hier bleiben, nicht enden muss wie Alois. (Oder vielleicht war er immer schon so? Der Gedanke könnte beruhigen sein, wenn ich es nur fertig brächte ihn zu glauben.)
Als Alois mit seinen umständlichen Erklärungen fertig ist rollt er seinen Schreibtischstuhl von den Aufnahmereglern fort zu einem Aktenschrank. Stimmt, er sollte mir ja noch erklären, wie das mit den Anträgen bei der Intervention funktioniert.
Aber das Formular das er mir reicht ist ein anderes.
„Versetzungsantrag“ steht dort.
„D-d-danach wo-ollten S-sie frag – wollten Sie fragen“, sagt Alois. Keine Anschuldigung, kein Vorwurf, keine Enttäuschung. Ich bin nicht die Erste die man hier her geschickt hat – er muss es mir nicht erklären – und ich bin nicht die Erste, die direkt am ersten Tag ihren Antrag auf Versetzung gestellt hat.
„S'ist schon gut“, murmelt er, für sich, den Blick zu den Bildschirmen gewandt. Es sei eben nicht jeder gemacht für diese Arbeit, da müsse man schon für gemacht sein, müsse schon etwas abkönnen, und das könnte eben nicht jeder – er schon, zum Glück, einen müsse es geben, sonst hätten sie Oben ja keine Notaufnahmen zum auswerten. Aber die meisten könnten das halt nicht. Nur zusehen, immer nur zu sehen, sehen, zu sehen, beobachten.
Das sei schon, sei schon in Ordnung.
„Ich nehme Ihnen – nehme Ihnen das nicht übel“, bringt er erstaunlich zusammenhängend hervor, hat schon einen Kugelschreiber gefunden und hält ihn mir hin. Seine Hand Zittert. Meine auch – ich gebe dem abscheulichen Kaffee die Schuld. Nur nicht so enden wie er.
Bevor mich so etwas wie Mitgefühl für ihn beschleichen kann greife ich nach dem Stift.