Notaufnahme
Jul. 13th, 2013 08:55 pmChallenge: Orte - Notaufnahme (für mich)
Fandom: Original
Wörter: 700
„Sie sind also die Neue?“, fragt eine dunkle Frauenstimme über den Rand eines Klemmbrettes hinweg. Ihre Augen mustern mich, nachtschwarz durch rote gerahmte.
„Gut, dann kommen sie mal mit“, sagt sie, und deutet auf eine Tür, stöckelt auf ihren unmöglichen Absätzen, die Eins mit der Naht ihrer Strumpfhose zu sein scheinen so dünn sind sie, voran, einen langen Gang hinunter, Fensterlos, links und rechts sind Türen, die meisten verschlossen, eine angelehnt, Stimmen dahinter lachen, unterhalten sich kichernd.
„Das werden sie in ihrer Abteilung nicht zu hören kriegen“, sagt sie. Wir erreichen einen Aufzug, der uns unter beängstigend flackerndem Neonlicht hinab in den Keller bringt. Es folgen mehr Gänge, hier hängen die Heizungsrohre an den Decken, tropfen ein wenig. Ich hätte nicht gedacht, dass sie hier überhaupt Heizungsrohre haben.
„Wie sind Sie denn eigentlich bei uns gelandet?“, fragt die dunkle Frauenstimme mit der unmöglichen, roten Brille.
„Ich... weiß nicht“, antworte ich.
„Hat man Sie zugeteilt, oder haben Sie sich beworben?“
„Zugeteilt“, wenn ich ehrlich sein soll, kann ich mich so genau gar nicht mehr an die Umstände erinnern.
„Gut“, sie klingt ehrlich erleichtert.
„Gut. Wenn Sie sich für die Stelle freiwillig beworben hätten, würde ich mir Sorgen um sie machen.“
„Ja, wegen der Stelle...“, trotz ihrer Absätze fällt es mir schwer, mit ihren langen Beinen Schritt zu halten.
„Worum genau geht es denn dort? Ihr Kollege hat mir das nicht so wirklich erklärt.“
„Das sehen Sie ja gleich“, winkt sie ab, bleibt fast im selben Augenblick vor einer grau lackierten Brandschutztür stehen und so abrupt, dass ich beinah in sie hinein stolpere. Neben der Tür hängt ein Schild, auf dem in schwarzer Blockschrift „NOTAUFNAHME“ zu lesen ist.
Die dunkle Stimme hebt eine Hand und trommelt mit Nägeln, die ebenso unmöglich spitz und unmöglich rot sind wie das Gestell ihrer Brille, gegen den grauen Lack. Kurz darauf öffnet sich die Tür, ein schlacksiger Kerl blickt hektisch mit seinen kleinen Augen zwischen uns beiden hin und her.
„I-ist wa-was p-passiert?“, fragt er und wischt dabei seine Hände an seiner schwarzen Jeans ab.
„Bei uns nicht“, antwortet die tiefe Stimme ihm, legt ganz selbstverständlich eine Hand auf seine Schulter, bekommt nahezu mütterliche Züge, als sie weiter spricht.
„Das hier ist deine neue Kollegin“, sagt sie.
Die kleinen Augen wandern zurück zu mir, wandern an mir auf und ab, geweitet aber darum nicht wirklich größer, nicht klarer als ihre trübe Farbe erlaubt. Ein Lächeln zuckt über das Gesicht dieser Augen, unkontrolliert, verschwindet gleich wieder.
„Dann bin ich nicht mehr allein hier?“, fragt er, schmiegt sich wie ein Kind an die Hand der dunklen Stimme.
„Nein“, sagt sie, streicht ihm dabei sogar über das Haar.
„Dann bist du nicht mehr allein hier.“
Es gibt eine Stimme in meinem Kopf, die schon seit einer ganzen Weile „Wegrennen!“ ruft, die jetzt noch lauter wird, schreit, kreischt, ohrenbetäubend. Aber ich kann mich nicht bewegen. Ich wüsste auch gar nicht, wo ich lang rennen müsste um hier wieder raus zu kommen.
Statt dessen werde ich in den Kellerraum geschoben.
„Das ist Alois“, stellt die dunkle Stimme mir meinen künftigen Kollegen vor.
Er reicht mir die Hand, die immer noch feucht ist, obwohl er sie seit unserer Ankunft fast durchgehend an irgend einem Kleidungsstück abzutrocknen versucht hat. Ich kann mich nicht mehr daran stören. Meine Aufmerksamkeit gehört ganz und gar der Wand aus Bildschirmen, die hinter ihm in die Höhe ragt.
Auf jedem von ihnen, und es sind unzählige, der Raum ist viel größer, als die kleine Tür und der niedrige Kellergang hätten vermuten lasen; Auf jedem von ihnen flackern Bilder, scheußliche Bilder, fließen Blut und Tränen, winden sich Verwundete, schreien Menschen um Hilfe.
„Ja...“, sagt die dunkle Stimme, versucht sich an einem kirschroten Lächeln, das meine Entgeisterung aufzufangen sucht.
„Das ist ab jetzt Ihr Arbeitsplatz“, sie deutet mit ihrem Klemmbrett in die Runde.
„Auf den Bildschirmen können sie alle Notsituationen, die sich derzeit auf diesem Planeten abspielen, beobachten. Es ist ihre Aufgabe besonders merkwürdige oder außergewöhnliche Fälle aufzuzeichnen, damit wir sie für spätere Auswertungen verwenden können.“
„Aber...“, mein Mund ist trocken, meine Augen auch, meine Lider wollen sich nicht zu einem einzigen Blinzeln bewegen.
„Kann man – wir sehen ja – kann man nichts – tun?“
„Nein. Sie sind hier einzig für die Aufnahme von Not und Elend in der Welt zuständig. Sie können natürlich jeder Zeit einen Antrag bei der Intervention einreichen. Das kann Alois Ihnen allerdings sicherlich besser erklären als ich.“
Alois schüttelt nur den Kopf. Nicht auf eine „Das kann ich nicht“-Art und Weise. Mehr, als wolle er sagen „Versuch es gar nicht erst. Das ist die Arbeit nicht wert.“
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Date: 2013-07-13 07:33 pm (UTC)no subject
Date: 2013-07-13 07:51 pm (UTC)no subject
Date: 2013-07-15 05:28 pm (UTC)Und auf die Idee, "Notaufnahme" wörtlich zu interpretieren, muß man auch erst mal kommen ;)
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Date: 2013-07-15 06:25 pm (UTC)Immer wenn ich Lems Namen höre kriege ich ein schlechtes Gewissen. Seit Jahren sagen mir Freunde ich müsse ihn unbedingt lesen und seit Jahren komme ich nicht dazu..
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Date: 2013-07-16 08:45 pm (UTC)Oh, keine Sorge, das war als Kompliment gemeint ;)
Es ist allerdings ewig her, daß ich was von Lem gelesen habe, vielleicht liege ich mit dem Vergleich auch daneben.
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Date: 2013-07-16 08:53 pm (UTC)