[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Tardis
Fandom: Original
Challenge: Orte: Klippenrand (Für mich)
Warnung: very dark
Wörter: ~400

In meinem Kopf ist eine Klippe.
Sie trennt die Wirklichkeit und den Wahnsinn.
Bist du ein Zynist? Würdest du sagen, beides unterscheidet sich nicht voneinander?
Die Wirklichkeit, das ist die Welt, in der wir leben. Das sind Hausputz und Ölwechsel in Autowerkstätten, Steuererklärungen, Wochenendeinkäufe, Bausparverträge, Zeugnisse, gestrichene Gartenzäune und geleerte Briefkästen. In der Wirklichkeit funktionieren wir. In der Wirklichkeit können wir uns orientieren.

Den Wahnsinn hingegen muss ich wohl niemandem erklären.

Der Wahnsinn liegt tagsüber in den Schatten des Bürostuhls. Er kriecht das Genick hinauf und verbirgt sich dort, wo der Haaransatz liegt, versteckt unter langen Haaren oder offen an dieser frisch ausrasierten Stelle einer Kurzhaarfrisur. Nachts versteckt er sich unter der Matratze, in der Spalte des angeklappten Fensters, unter den Flügeln einer vorbeiflatternden Fledermaus. Es spielt keine Rolle – Nahenden Wahnsinn kann man nicht sehen, nur spüren.

In meinem Kopf ist diese Klippe.
Der Wahnsinn schläft in allen von uns. Er ist eine äußere und innere Anwendung, bereit, uns dazu zu treiben, uns die Haare ausreißen zu wollen, schreien zu wollen bis unsere Stimme versagt, unsere Ohren und Augen zu täuschen, Farben und Formen lügen zu lassen.

Jede Nacht stehe ich an diesem Klippenrand und schaue hinein in das schreiende Schwarz. Jede Nacht bist du da und machst diese Handbewegung, die Handfläche abwehrend erhoben, als wolltest du mich wegschieben.
„Warte noch“, sagt dein Blick.
„Noch nicht. Es ist noch nicht soweit.“

Und ich, mit zerzausten Gedanken und wirren, wortlosen Gedanken, starre verloren zurück. Es hilft, weil du da bist und sagst, was ich tun soll. Weil mir sonst niemand sagt, was ich tun soll, kann, will.
Ich sage mir, dass es deine Barmherzigkeit ist, die mich rettet.
Bist du ein Zynist? Wartest du vielleicht nur auf den richtigen Moment?
Nie sagst du „Nein, tu's nicht! Tu's nie!“

Wenn ich irgendwann springe, folgst du mir?
Nein, nein, wohl nicht.

Tief in meinem Inneren weiß ich, wer du bist. Meine Vernunft. Mein Verstand. Mein Selbsterhaltungstrieb mit leuchtenden Augen und einer Form, die mir Träume zusammengewebt haben.
Das ist womöglich das Hoffnungsloseste in der ganzen Wirklichkeit.

Jede Nacht stehe ich am Klippenrand.
Von unten brüllt der Wahnsinn herauf wie ein schwarzer Strudel. Er gurgelt und lacht.
Jede Nacht stehst du neben mir mit dieser Geste.

„Noch nicht. Es ist noch nicht soweit.“

Ich frage mich, wie lange ich noch auf dich hören werde.

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