Fehl am Platz
Jul. 12th, 2013 10:08 pmChallenge: Orte : Elternschlafzimmer (für mich)
Fandom: Original
Wörter: 700
Das erste Mal wirklich und vollkommen fehl am Platz fühlte er sich bei der Hochzeit seines Vaters. Es war die zweite Hochzeit, aber da er zum Zeitpunkt der ersten Hochzeit noch nicht geboren war, konnte er sich an die nicht erinnern. Die zweite Hochzeit seines Vaters bedurfte für ihn also keine weitere Bezeichnung, nichts um sie von der ersten zu differenzieren. Selbstverständlich war ihm das so nicht bewusst – auch ein noch so schlauer, wachsamer Vierjähriger ist und bleibt vier Jahre alt und damit nicht fähig alle Zusammenhänge um sich herum zu begreifen.
Was er begriff war das Verhalten der anderen Erwachsenen. Die wussten sehr wohl von der ersten Hochzeit seines Vaters, aber sie taten ganz entschieden so, als habe es die nie gegeben, als habe es seine erste Frau nie gegeben, und die meisten taten, wenn sie dem Erzeugnis dieser ersten Ehe begegneten, so als gäbe es das auch nicht.
Wie unsichtbar konnte er zwischen den Tischen und Bänken, die im Garten aufgestellt worden waren, umher wandern. Es war eine kleine Gesellschaft, sein Vater hatte jeden Wunsch seiner neuen Frau und deren Familie – eine große Festlichkeit aus der Sache zu machen – abgewiesen, sie darauf hingewiesen, dass es überhaupt viel zu früh wäre für ihn, um erneut zu heiraten, und wenn er dem schon nicht entgehen könne, so wollte er zumindest von einem Fest auf seinem Grundstück nichts wissen.
In den Augen eines Vierjährigen der von fast allen Anwesenden ignoriert wird schien die kleine Gruppe wie eine Wand, eine Menschenmasse, ein undurchdringliches Getümmel. So lange er konnte hatte er sich an der Hand, an den Röcken seiner Tante festgekrallt, aber irgendwo zwischen der Eheschließung im Ratshaus und der, gegen alle Wünsche seines Vaters fortschreitenden, Feierlichkeit im Garten hatte er sie verloren. Irgendwo war sie ihm verloren gegangen. Er hatte irgendetwas gesehen, irgendetwas beobachtet, die Katze im Kirschbaum oder vielleicht wie einer seiner neuen Verwandten umher ging um die Fackeln zu entzünden. Als er sich wieder umdrehte, war sie weg, hing seine Hand nutzlos und leer in der Luft. Es war ihm davor gar nicht so kalt vorgekommen, auch nicht so dunkel, so voll. Überall wo er hin blickte waren Tische und Beine und Röcke, aber keiner davon hatte das dunkle, fast schwarze grau, das seine Tante für diesen Tag gewählt hatte.
Bis irgendjemand fast über ihn stolperte blieb er stehen, wo er war, drehte sich nur um die eigene Achse, blickte in diese und jene Richtung. Sie musste zurück kommen, sie würde zurück kommen. Aber sie kam nicht. Mehr. Sie würde nie mehr wieder zu ihm kommen, kam es ihm in den Sinn.
Wenn diese vermeintliche Einsicht ihm die Tränen in die Augen trieb, ihm das Gesicht rot verzerrte und die Beine unter dem Körper weg riss – merkte es keiner der Anwesenden. In seiner Erinnerung geschah es gar nicht. In seiner Erinnerung fand er sich direkt, kaum dass seine Tante verschwunden war, im ersten Stock, vor der Schlafzimmertür seiner Eltern, nach der Klinke über seinem Kopf angelnd.
Die Tür war nur angelehnt, merkte er dann, die letzten Strahlen der Abendsonne fielen durch das unverhangene Fenster. Falsch, ganz falsch – vor das Fenster gehörte ein Vorhang. Es war nicht das richtige Fenster, ohne diesen Vorhang, war ganz nackt. Aber das war nicht nur das Fenster. Das ganze Zimmer war nackt, entblößt, mit hellen Flecken an den Wänden, riesigen Umrissen von Möbeln die hier gestanden hatten.
„Ich werde nicht in dem Zimmer schlafen, in dem eine andere gestorben ist“, hallen die Worte, aus der ferne gehörte, durch das Treppenhaus verhallte Worte, der neuen Frau seines Vaters, von den kahlen Wänden.
Das einzige, das noch da ist, ist der Geruch, ganz schwach nur noch, kaum merklich hängt er in den Tapeten, hängt er im Teppich. Aber man muss schon den Kopf an die Wand, oder auf den Boden lehnen, man muss den Staub ignorieren, den man zwangsläufig miteinatmet, das Husten mit aller Kraft unterdrücken. Aber dann ist er immer noch da, riecht es immer noch nach seiner Mutter.