[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Sirius
Challenge: Personen - Joker. Inspiration war diese wundervolle Geschichte von [livejournal.com profile] keksdiebin (Personen-Trope wäre wohl "Frauenfreundschaften" oder so...)
Fandom: Original
Anmerkung: Mirel Firn gehört in die Uhrwerkträume, diese Geschichte spielt allerdings gute vier Jahre vor Handlungsbeginn und hat rein gar nichts mit Uhrmachern oder Uhrwerken oder sonst irgend etwas derartigem zu tun.
Wörter: 700




Mirel Firn hatte sich die Blenstetter Oper immer wie einen Palast vorgestellt, ein Tempel aus Marmor und Granit, mit goldenen Kronleuchtern und roten Teppichen. Wäre sie dem Gebäude bei ihrem ersten Besuch von der Vorderseite genaht, hätte sie dieses Bild – zumindest für eine kurze Weile – durchaus behalten können. Aber weil ihre Mutter eine Frau war, die unnötige Umwege wo es ging zu vermeiden suchte, hatte sie Mirel auf direktem Weg vom Bahnhof zum Bühneneingang geschickt. Hier gab es keine Zier um die steilen, fensterlosen Wände zu verstecken, hier gab es keine Säulen und keine Vordächer. Hier gab es nur eine große Tür, und vor dieser Tür stand eine Reihe junger Frauen. Die meisten von ihnen waren älter als Mirel, und Mirel war mit ihren fünfzehn Jahren noch nicht alt genug um darin einen größeren Vorteil als eine Verunsicherung sehen zu können. Fast wünschte sie, ihre Mutter hätte sie nicht nur in die Stadt sondern auch hier her begleitet. Aber wie sähe das aus?

Schon an ihr alleine blieben die Blicke der anderen Sängerinnen hängen, abschätzend, missbilligend, wurde getuschelt, der Name ihrer Mutter genannt, nicht vorstellbar, dass die Tochter deren Brillanz gerecht werden könnte.

„Sie kann gar nicht singen, habe ich gehört“, flüsterte eine Dame und „Sie hat die Stimme von ihrem Vater geerbt“, flüsterte eine Andere.

Mirel blieb stehen, ehe sie die Gruppe erreicht hatte, musterte die Kleider und Hüte, die sich dort versammelt hatten, die Locken die bedacht gelöst über den Rücken fallend anständigen Leichtsinn vermuten ließen, Fächer, die die Julihitze vertreiben sollten und dabei ein Geruchsgemisch aus Duftwassern, Schweiß und Puder durch die Luft wirbelten.

„Das ist also die Konkurrenz“, dachte sie sich. Oder aber –

„Ich versuche sie mir als Kolleginnen und Freundinnen vorzustellen“, piepste eine Stimme dicht neben Mirel. So beschäftigt war sie mit den Paradisvögeln vor sich gewesen, dass sie das Mädchen gar nicht bemerkt hatte, das da plötzlich neben ihr stand.

Sie war genau so jung und noch kleiner als Mirel selbst, aber schmaler, viel schmaler. Große, runde Reh-Augen blickten aus einem Püppchengesicht, und Mirel hätte all diese zierliche Feinheit gerne direkt die nächste Treppe hinunter gestoßen. Aber dann formten die herzförmigen Lippen ein Lächeln, das noch unter ihrem Hut weitergehen musste und mit großen Schneidezähnen, bis aufs Zahnfleisch sichtbar, jede Anmut verscheuchte.

„Ich bin Elsa“, stellte sich das Mädchen vor und streckt Mirel ihre Hand entgegen.

Mirel antwortete wie von selbst mit dem eigenen Namen, wurde sich dessen erst bewusst als die gewohnte Reaktion, die Fragen oder Anmerkungen nach oder über ihre Mutter ausblieben.

„Singst du auch für den Chor vor?“, erkundigte Elsa sich dann, griff – ohne darüber nachzudenken, nach Mirels Schulter um sich weiter auf die Zehenspitzen schieben zu können und nach dem Eingang zu sehen, wo man sie abholen sollte, wollte, würde.

„Bitte sag, dass du auch für den Chor vorsingst“, wiederholte sie.

Mirel nickte, völlig erstaunt über die Offenheit mit der das Mädchen, Elsa, ihre Erleichterung, vielleicht sogar so etwas wie Freude, zum Ausdruck brachte.

„Aber das ist ja ganz wunderbar!“, strahlte sie.

„Oh, sie müssen uns nehmen!“, erklärte sie.

„Dich und mich!“

Mirel blieb verständnislos.

„Ach, du bist die einzige, bei der ich mich nicht anstrengen muss, um sie mir gern als Kollegin und Freundin vorzustellen.“

Es musste ein Trick sein, oder vielleicht Elsas persönlicher Aberglaube? Womöglich sollte sie, Mirel, als Glücksbringer für dieses Mädchen herhalten. Da hatte die sich aber geschnitten.

Mirel hatte ihren eigenen Aberglauben, und so blieb sie freundlich, aber versuchte doch eine Distanz zwischen sich und dem Mädchen Elsa zu halten, bis der Assistent des Intendanten zu ihnen kam und zu jenem Probenraum im Keller führte, wo das Vorsingen abgehalten wurde.

An das Singen selbst konnte Mirel sich später nicht erinnern, nicht einmal mit welchen Liedern sie es in das Ensemble dieses, im ganzen Reich bekannten, Hauseses gebracht hatte. Das einzige, was ihr von diesem Tag in Erinnerung blieb war Elsa, und wie die ihr um den Hals fiel, als ihre beiden Namen genannt worden waren, und wie sie sie mit in irgend ein Kaffeehaus in der Nähe der Oper schleppte um ihren gemeinsamen Erfolg zu feiern. Als hätte sie nie von dem ungeschriebenen Gesetz gehört, dass zwei Sängerinnen niemals etwas anderes als Konkurrentinnen sein könnten.

Date: 2013-07-13 07:48 pm (UTC)
From: [identity profile] keksdiebin.livejournal.com
Wow, Mirel kann einem wirklich leid tun mit so einer berühmten Mutter und Elsa ist durch und durch entzückend. Es gibt eindeutig viel zu wenige Frauenfreundschaften!! Die Beschreibung der Konkurrenz hat mir aber auch sehr gut gefallen. Ich freue mich insgesamt sehr, dass ich diese Geschichte inspiriert habe <3
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